"Mentalitäten sind Gefängnisse von langer Dauer" F. Braudel
Sehr gutes Video-Interview von Alexander Kluge mit Wolfgang Wippermann, dem Autor von "Agenten des Bösen: Verschwörungstheorien von Luther bis heute".

"Mein" letzter Beitrag zur Sarrazin-Debatte nach dem Klick...

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Wer über Facebook Hunderte Freunde hat, der oder die hat seine liebe Not. Manchen schreibt man zweimal im Jahr, was so los ist. Andere schreibt man immer dann an, wenn man mal in der Gegend der Welt vorbeikommt, wo sie wohnen. Und nicht wenige wollen immer mitmischen. Als gäb es kein Morgen mehr. Wie wird man die am besten los? So ganz stressfrei geht es offenbar auch via facebook nicht. Einfach "entfolgen" ist gar nicht so ohne, wie eine amerikanische Wissenschaftlerin herausgefunden hat.

Irene Levine von der New York School of Medicine, ist der Meinung, dass das Beenden von virtuellen Freundschaften unter Umständen sogar reale Emotionen verursachen kann. Ach. Na sowas. Dafür braucht man heutzutage ein Medizinstudium? Eine Folge sei beispielsweise emotionaler Stress. Gibt es auch rationalen Stress?

Vergleichen lässt sich dies laut der Wissenschaftlerin mit dem Gefühl, verlassen zu werden. Primär habe dies Gefühl etwas mit der Einseitigkeit zu tun, sagte Levine. Während eine Seite schon länger darüber nachdenkt, den virtuellen Kontakt abbrechen zu wollen, so kommt es hingegen für die andere Seite völlig überraschend. Fast wie im richtigen Leben könnte man denken. Es ahnt also der Eine oder die Andere, dass das Web nur ein Abbild der physikalischen Menschenwelt ist und nicht eine Parallelwelt. Schon komisch, wenn man einfach den Brief mit dem Laptop ersetzt und trotzdem glaubt, es wäre eine andere Welt. Vielleicht sollte mal einer die Wissenschaftler untersuchen.

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Canetti"Lieber eine sichere Kirche voll von Gläubigen als die unsichere ganze Welt.“ Elias Canetti

Wer die letzten Tage eine Zeitung aufgeschlagen hat oder den Fernseher abends einschaltete kam nicht umhin, an das Stockholmsyndrom zu denken. Da war ein Mann zu sehen oder zu lesen, der kostenlos mit aufwendig abgezirkelten Stammtischparolen für ein Machwerk werben konnte, das weder inhaltlich noch methodisch Innovatives zur gesellschaftlichen Diskussion beitragen kann. Und die Geiseln hatten ein wirkliches Interesse an den unlauteren Motiven des Geiselnehmers - sie waren fast versucht, etwas zutiefst Menschliches in ihm zu finden. Fast wie der schwarze Ring, der brandneue Verein der philantropischen Täterschützer.

Man könnte an die alten Interessensgruppen denken, die Ressentiments schüren wollen, um von ihren Geschäften abzulenken, man könnte auch an die hochnotpeinliche Bewegung der heiligen Inquisition denken, die im Gewand des ewigen Bürgerlichen auf der Suche nach der Mitte den Einen oder Anderen auf den Scheiterhaufen der traditionellen Presseerzeugnisse stellt. Alles was im Wandel begriffen ist, muss ja dort sowieso schon seit Jahrzehnten immer wieder mit mental fragwürdigen Brandbeschleunigern zum Lodern gebracht werden...

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Schon in der Antike wurden die Überbringer schlechter Nachrichten geköpft. Im Falle Thilo Sarrazins, das derzeitige enfant terible der politisch-kulturellen Szene, ist das Schafott schon poliert und strammgezogen, die sterile Plane schon ausgelegt, damit der schön polierte Boden auch keinen unansehlichen Spritzer abbekommt, wenn er rollt, der Kopf des Bundesbank-Vorstandes.

Ein SPD-Politiker. Auch das noch. Und so ganz nebenbei auch Autor des in Deutschland wahrscheinlich (un)populärsten Sachbuchs: „Deutschland
schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen
“.

Im Angesicht der geschliffenen Klinge spricht Sarrazin inzwischen auch mal von beachtlichem psychischem Druck. Fest steht, dass ihm, dem zähen Sysiphos der
politischen Provokation, der Kopf abgeschlagen wird.
Ja, Provokateur Sarrazin ist die derzeit nachhaltigste Störfrequenz in unserer korrektsauren Diskurskultur. Da kann sogar der frisch gebackene Bundespräsident Wulff gleich mal mächtig mitmischen und das internationale Ansehen Deutschlands in der aktuellen Diskussion gleich auch noch mit auf die Bühne heben.
Denn Schwester Thilo ist im Fetisch-Fummel in unser Integrationskloster gelaufen und hat die Nietenpeitsche knallen lassen. Dass er mit dieser Aktion tatsächlich schwerwiegende Verfehlungen begeht, steht ausser Frage und soll hier nicht entschieden werden. Ist es doch viel interessanter zu beobachten, wie die Hinrichtung des Besessenen arrangiert und
exekutiert wird...

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Am Donnerstag letzter Woche beschäftigte sich das TV-Magazin “Monitor” mit dem Thema Vergewaltigung. Anlass gab die Äußerung des Staatsanwaltes Hansjürgen Karge bei Anne Will, der selbst seiner eigenen Tochter davon abraten würde, im Fall einer Vergewaltigung Anzeige zu erstatten (wir berichteten). “Monitor” ging der Frage nach, was es Opfern in Deutschland erschwere, eine Tat vor Gericht zu bringen beziehungsweise Anzeige zu erstatten. Die Fakten, die das Magazin vorbringt, sind nicht neu und dennoch ernüchternd. Auf etwa 100.000 Deutsche gäbe es nur neun Anzeigen wegen Vergewaltigung. Die nicht gemeldeten Vorfälle dürften allerdings um ein Vielfaches höher liegen, legt man lediglich die Statistiken zu Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen zu Grunde... [MEHR]
Anläßlich des neuen Buches über die Zukunft desselben treten die beiden ausgewiesenen bibliophilen 80jährigen Druckerschwärzesüchtigen Umberto Eco und der Drehbuchautor Jean-Claude Carrière an, um dem Journalisten de Tonnac alles über Vergangenheit, Wirkung und Zukunft des Buches zu erklären. Ähnlich wie die positiven Stimmen der vier Energieweisen aus dem Abendland zur Atomkraft, finden auch die beiden Bücherwürmer nur lobende und preisende Worte zu zukünftigen Entwicklung des Buches. Mit Grausen berichtet Carrière über das Verdikt vom Weltwirtschaftsforum 2008, dass in 15 Jahren alle Bücher verschwunden sind. Ja, liebe Leute, genauso wie die Langspielplatte. Vinyl ist in. Oh, eine tote Technologie erlebt seit 5 Jahren ihren phönixartigen Aufstieg

Und so wird nach dem Siegeszug der U-Literatur auf e-ink in den nächsten Jahren auch bald wieder ein Umschwenken auf das gute alte Buch kommen. Warum sind die alten Autos ohne ABS, Steuergeräte und Sicherhheitsgurte nochmal eine Geldanlage? Richtig, weil sie selten sind. Weil sie begehrt sind und weil Menschen in die Objekte ihre Projektionen ungestört hineinlegen können. Manche holen sie da wieder raus und müssen deshalb Unsummen zahlen für "technisch überholte" Maschinen. Natürlich erzählen sich die beiden älteren Herren auch die Geschichte, dass das Gedächtnis seit dem Computersiegeszug seine Funktion geändert hat. Achja, erinnert mich an die seelige Uroma meiner Ex-Frau, die erzählte auch allen und jedem, das seit ein paar Jahren die Bäume deutlich höher wachsen würden als früher. "Ob das mit dem Atom und so" zusammenhing, wollte sie wissen. Ich hätte ihr damals erzähle sollen, dass unser Auge seit der Erfindung des Fernsehers einfach ganz anders sieht... [MEHR]
The problem of our age is the proper administration of wealth, that the ties of brotherhood may still bind together the rich and the poor in harmonious relationship.“

Es ist das Jahr 1889, als Stahl-Magnat Andrew Carnegie dies im ersten Kapitel seines vielzitierten Essays „The Gospel of Wealth“ („Das Evangelium des Reichtums“) niederschreibt und fortan in der Ahnengalerie bedeutender Philantropen hängen darf.
Und nun, im Jahr 2010, erklären sich einige der reichsten Menschen der USA bereit, die Hälfte ihrer Milliardenvermögen für wohltätige Zwecke zu spenden.

Rockefeller, Hilton, Turner, Bloomberg, Pickens, Lucas. Sie alle folgen dem Aufruf von Microsoft-König Bill Gates und Investor Warren Buffet. Denn die Nummern 2 und 3 der surrealen „Forbes-Liste“ wollen eine neue karitative Dimension erschließen.

Ihre Vision: The Giving Pledge. Das Ziel: die Superreichen ihres Landes davon zu überzeugen, einen nicht unerheblichen Teil ihres Vermögens zu Lebzeiten oder nach ihrem Tod zu spenden und dies via öffentlicher Absichtserklärung auch kundzutun. Die Zusage zur Abgabe von mindestens 50 Prozent ihres Vermögens ist dabei kein juristisches Vertragszugeständnis, sondern eine Frage der Moral: „to commit to giving the majority of their wealth to philantrophy.“ Ein kategorischer Spenden-Imperativ für einen guten, dem Gemeinwesen dienenden Zweck...

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Sherry Turkle (Wikipedia)Im Rausch der zumeist halbgebildeten Web-Experten dieser Tage, die von einem Kongress zum anderen gereicht und bewundert werden, ist leider eine "frühe" Denkerin rund um das Verhältnis Computer/Mensch in Vergessenheit geraten: die Soziologin Sherry Turkle. Dabei hat sie schon in dem im Jahr 1995 in Deutschland erschienenen Werk "Leben im Netz" sehr viel von dem vorweggenommen, was heute in Trivialform immer wieder diskutiert wird:
Aber ist es wirklich vernünftig anzunehmen, wir könnten den Gemeinschaftsgedanken dadurch neues Leben einhauchen, dass wir allein in unseren Zimmern sitzen, Botschaften in unsere vernetzten Computer eingeben und unser Leben mit virtuellen Freunden füllen?

Das Internet ist zu einem wichtigen Soziallabor für Experimente mit jenen Ich-Konstruktionen und -Rekonstruktionen geworden, die für das postmoderne Leben charakteristisch sind.

Von Anfang an war der Begriff der wissenschaftlichen Objektivität nicht zu trennen von der Vorstellung einer aggressiven Beziehung des Forschers zur Natur. Und von Anfang an war das Streben nach wissenschaftlicher Objektivität mit der Metaphorik männlicher Herrschaft und weiblicher Unterwerfung verknüpft. Francis Bacon benutzte das Bild vom männlichen Wissenschaftler, der die weibliche Natur auf die Folter spannt.

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Ka|ta|stro|phe, die: unerwartet eintretendes, viele Menschen betreffendes, verhängnisvolles Geschehen. gaffen: mit weit geöffneten Augen und offenem Mund in als aufdringlich empfundener Weise auf jmdn., etwas blicken. Nein – richtige Gaffer im herkömmlichen Sinne sind wir wirklich nicht mehr. Dank Apple, Blackberry & Co. tragen wir unser handliches Gaffer-Monokel nun griffbereit in der Hosentasche. Einfach draufhalten, aufnehmen, hochladen. Mit unseren mobilen Kameras können auch wir bei diversen Katastophen eine Live-Schaltung starten. Denn von einer Katastrophe erwartet man auch katastrophale Bilder. Und zwar pronto... [MEHR]
Wenn es nach Rolf Zuckowski geht, gibt es den einen Tag im Jahr, an dem selbst ein Tsunami uns nicht davon abhalten könnte, zu strahlen wie der Sonnenschein: der Geburtstag – unsere ganz persönliche Neujahrsfeier.

Die Tage vor dem grossen Ereignis verbringen wir je nach Gusto mit der Decke über dem Kopf oder dem fröhlichen Bilanzieren des verstrichenen Lebensjahres. Wir sichten unseren aktuellen Standpunkt im Vergleich zu den Koordinaten des Vorjahres und dann geht’s ab die Post in die nächste Lebensrunde. Man feiert rein, raus, oder nach, schmeisst wilde Parties oder geht in beschaulicher Runde ein Steak essen.
Und jedes Jahr der gleiche Stress: Wen lädt man ein und wozu überhaupt, wer hat sich nicht oder verspätet gemeldet, welche der zwei Wunschlisten-Versionen (bescheiden vs. tatsächlich) soll man nun durch den Verteiler scheuchen und muss man an seinem Geburtstag eigentlich irgendwen zurückrufen? [MEHR]