World of Warcraft und die deutsche Gaming Szene der 2000er

Vor nicht allzu langer Zeit hat sich mein Kollege schon einmal daran gemacht, sich mit seiner persönlichen Geschichte rund um das MMORPG World of Warcraft auseinanderzusetzen. Anlass dafür ist natürlich die bevorstehende Veröffentlichung von WoW Classic, mit der sich Blizzard Entertainment die Rückkehr großer Teile der Community versprechen dürfte. Nun sind es nur noch wenige Tage, bis wir uns in Nostalgie wälzend wieder in die alten Questgebiete begeben können. Auch ich werde mir wieder ein WoW-Abo holen, welches ich erst vor vier Monaten gekündigt hatte. Dabei fängt meine persönliche Story mit WoW deutlich früher an. 

Rollenspiele, das sind doch diese gefährlichen Süchtig-Macher?

Im Nachhinein kann ich nur noch lächeln über meine eigenen Anfänge in der Welt von Azeroth. Ich war damals acht Jahre alt, mein älterer Bruder zwölf. Und er war es natürlich auch, der mich mit World of Warcraft das erste Mal in Kontakt brachte. Damals war gerade die Erweiterung „Wrath of the Lich King“ erschienen. Ich bin also streng genommen kein Kind der ersten Stunde, aber mit fünf Jahren war ich im Jahr 2005, als WoW das erste Mal in Europa erschien, vielleicht auch wirklich noch zu jung. Denn auch mein achtjähriges Ich wurde in WoW vor neue Herausforderungen gestellt.

Ich kann mich noch erstaunlich klar daran erinnern, welche Debatte damals in den Medien um das MMORPG geführt wurde. Die entsprechenden Dokumentationen mit O-Tönen wie „WoW macht abhängig und krank“ haben für mich bis heute einen unglaublich hohen Unterhaltungswert. Zu Zeiten, in denen das Wort „Killerspiel“ noch omnipräsent war, wurde World of Warcraft für Jugendliche so schlimm erachtet wie Alkohol oder Zigaretten. Es mache junge Menschen abhängig, gewaltbereit und buchstäblich asozial. Ja ne, ist klar. Aber selbst vor unserer eigenen Mutter mussten mein Bruder und ich WoW regelmäßig verstecken.

Es beginnt mit einem W

Als Kind war ich sofort begeistert von World of Warcraft. Ich hatte schon immer eine rege Fantasie, aber diese riesigen Welten überschritten alles, was sich mein kleines Gehirn ausmalen konnte. Etliche Stunden habe ich damit verbracht, meinem Bruder beim Spielen zuzusehen. Und ganz besonders toll wurde es, wenn er mir erlaubte, seinen Charakter zur nächsten Quest zu bringen. WoW-Veteranen werden sich an dieser Stelle erinnern, dass man früher bis Level 20 keine andere Möglichkeit hatte, als zu Fuß durch die endlos riesigen Questgebiete zu laufen. Heute gibt es für die meisten größeren Strecken bereits eine Fluglinie per Greif. Jedenfalls durfte ich dann, wenn meinem Bruder die Lust an repetitiven Wanderungen verging, immer W drücken, also die Taste für das Vorwärtsgehen. Immer nur W. Bis mein Bruder eines Tages unterwegs war und ich mir heimlich selbst einen Charakter erstellte.

Ich will das hier nicht schönreden. Ich war grottenschlecht. Mit den ersten Charakteren schaffte ich es nie über Level fünf oder sechs, aber ich war technisch gesehen auch noch immer zu jung, um überhaupt die ganzen Spielmechanismen zu verstehen. Über die Jahre wuchs mein Verständnis und irgendwann hatte ich dann sogar meine eigene Gilde! Über 240 Mitglieder, Millionen von Gold in der Bank, sogar ein eigener Teamspeak war am Start. In meiner Gilde unterhielten sich Menschen über ihr alltägliches Leben. Väter redeten über ihre Kinder, Programmierer über ihren Job und ich über die Schule. Mein damals 14-jähriges Ich war mächtig stolz darauf. Inzwischen hatte ich sogar einen eigenen Laptop und war damit nicht mehr auf das Wohlwollen meines Bruders, seinen PC benutzen zu dürfen, angewiesen. 

Barlow und die WoW-Szene

Doch noch lange bevor ich meine eigene Gilde gründete, kam ich über einen anderen Weg mit der deutschen WoW-Szene in Kontakt. Wer sich auch nur ansatzweise in diesem Winkel des Internets bewegt hat, der kennt auch noch Barlow. Inzwischen ist er für mich immer noch der Godfather der deutschen WoW-Szene. (Er gibt übrigens auch heute noch online seine Kommentar zu aktuellen WoW-Entwicklungen ab). Ein weiteres großes Highlight meiner Kindheit war in diesem Zuge natürlich auch Allimania. Ich habe inzwischen aufgehört zu zählen, wie oft ich dieses grandiose Hörspiel schon durchgehört habe. Es gibt wohl nichts, dass meinen Nostalgie-Zeiger mehr zum Ausschlagen bringt, als das Intro zur besagten Hörspiel-Reihe.

Eigentlich hätte meines Erachtens Allimania einen komplett eigenen Artikel verdient, aber ich versuche, mich einmal kurzzuhalten. Moderiert von Barlow ging es in Allimania um authentische, lustige Charaktere, die sich durch Azeroth schlagen und dabei auf allerlei sonderbare Dinge stoßen und absurde Abenteuer erleben. Gleichzeitig waren die Abenteuer aber absolut nachvollziehbar für alle, die selbst in Azeroth unterwegs waren beziehungsweise sind. Ähnlich verhält es sich im Übrigen mit der  Musik von Jan Hegenberg, welcher der deutschen WoW-Szene auch gleich den passenden Soundtrack verlieh. Songs wie „Die Garde der Hoffnung“ schicken mir bis heute einen angenehmen Schauer den Rücken herunter. Schon als Kind merkte ich, dass die Community hinter WoW deutlich kreativer, diverser und freundlicher ist, als die Medien behaupteten. Statt asozialen Einzelgängern erlebte ich charismatische Erwachsene, die ihrer Kreativität durch das Spiel freien Lauf ließen. Und ich wusste, zu dieser Community möchte ich auch gehören.

Die lange Reise durch Azeroth

Eigentlich hat in jedem Teil meines Lebens World of Warcraft eine Rolle gespielt. Von meinen Kindertagen über die Jahre als Teenager bis hin in mein bisheriges Erwachsenenleben. WoW war für mich immer mein Rückzugsort und ist es wohl in gewisser Weise bis heute noch. Mein Abo habe ich vor einigen Monaten gekündigt, weil ich einerseits keine Zeit mehr für das Spiel hatte und andererseits, weil ich die Kritik am aktuellen WoW verstehen konnte.

Vielen Spielern ist die heutige WoW-Welt viel zu hektisch, überstrapaziert und überfüllt geworden. Waffen, Ausrüstung, Fähigkeiten und Quests, das bekomme man heute alles hinterhergeworfen, sagen sie. Witzigerweise hat Onkel Barlow auf diese Kritik eine interessante Antwort gehabt. In einem Video erklärte er, dass zum Release von World of Warcraft in 2004 sehr viele Spieler aus anderen Rollenspielen auf den WoW-Spielern rumgehackt haben. Auch damals war die Kritik: „WoW ist viel zu einfach.“

Ich glaube, es lässt sich heute gar nicht mehr überblicken, wie viele individuelle Leben, aber auch wie viel Popkultur, wie viele Spin-Offs, Videos, Serien etc. World of Warcraft beeinflusst hat. Die Euphorie dieser riesigen Community ist mir bis heute im Kopf geblieben. Alle waren eingeschweißt in einer Gruppe und natürlich gab es auch immer wieder Zankereien, aber Klassiker wie Leeroy Jenkins brachten uns alle wieder gemeinsam zum Lachen. Es mag gut sein, dass meine eigene Nostalgie die früheren Tage von WoW glorifiziert. Doch für mich fühlt es sich inzwischen so an, als würde die einstige Begeisterung um WoW nur noch wie ein blasses Echo durch die Wälder Azeroths schallen. Meine Hoffnung ist, dass das Versprechen eines klassischen WoWs Teile der Community wieder an unsere gemeinsame Leidenschaft erinnern wird.


Screenshot by Leonie Werner

Leonie Werner

interessiert sich für alles, was mit Medien zu tun hat. Insbesondere für Themen im digitalen Bereich ist sie offen und in Sachen Gaming immer auf dem neuesten Stand.


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