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Mythos Work-Life-Balance: Wenn man beim Sex kurz die Mails vom Chef checkt

apple-macbook (adapted) ( Image by Free-Photos [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Work hard, play hard – ein beliebtes Motto, um sich heutzutage ins Arbeits- und Feierabendleben zu stürzen. Dennoch hat sich über die Jahre keine Begrifflichkeit so etabliert wie unsere geliebte Work-Life-Balance.

Dabei sehe ich den Begriff an sich schon als problematisch. Wie Liebe und Hass, stellt die Balance einen Gegensatz dar: Arbeit vs. Leben. Der gängige Ausdruck „frei“ zu haben, wenn man nicht zur Arbeit muss, macht jedoch deutlich: Der Gegensatz von Arbeit ist Freizeit. Der Begriff „Work-Life-Balance“ wird von Wissenschaftlern daher sehr kritisch gesehen.

Im alltäglichen Gebrauch versteht man unter der Work-Life-Balance jedoch ein Gleichgewicht, dass dafür sorgen soll, dass das Private und der Spaß neben der Arbeit nicht zu kurz kommen. Firmenevents, Tischtennisplatten im Keller und Ausflüge auf Kosten des Unternehmens können damit gemeint sein. Kollegen werden zu Freunden – würde nicht jeder von uns gerne mit seinen besten Kumpels im Büro sitzen und Freitagnachmittags das Bier aus dem Firmenkühlschrank plündern? Natürlich würden wir das.

Der Heiligenschein beginnt zu flackern

Doch wenn man genauer hinsieht, muss man sich eingestehen, dass der Heiligenschein der angepriesenen Work-Life-Balance zu flackern beginnt: Ein paar Überstunden zu machen, wenn die Deadline eines Projektes ansteht, ist schon okay – doch dass es bereits Studien darüber gibt, wie oft Menschen beim Sex kurz aufs Handy schauen, um ihre Mails zu checken, ist einfach nur erschreckend. In seinem Buch nennt Markus Väth dies als einen Beweis, dass der Kapitalismus keine Privatsphäre kennt.

Des Weiteren nennt Väth die Digitalisierung als schwarzes Schaf, die der Work-Life-Balance einen Strich durch die Rechnung macht. Die „immer online“- Gesellschaft zerstört die verletzliche Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, die in den 90ern durch die „nine-to-five“-Jobs existierten: Es wird zeitzonenübergreifend gearbeitet und man ist immer und überall erreichbar.

Mit der Digitalisierung wurde somit der Begriff des „Work-Life-Blendings“ geboren (aus dem Englischen von „to blend“: sich überschneiden), der beschreibt, dass Arbeit und Privatleben ineinander übergehen. Doch auch das Work-Life-Blending stellt eine ernstzunehmende Gefahr für den Einzelnen dar, denn durch die kontinuierliche Erreichbarkeit wird die arbeitsfreie Zeit verkürzt. Und auch die Firmenausflüge und das Freibier haben nur einen Zweck: Sie wollen die Verbundenheit zum Unternehmen stärken. Wenn alle Kollegen länger bei der Arbeit bleiben, dann tut man es eben auch –  die angepriesene Gleitzeit wird zur unbezahlten Arbeitszeit. All diese Faktoren treiben den Menschen nicht selten über die Grenzen seiner Belastbarkeit hinaus.

Die Arbeit steht auf dem Siegertreppchen

Bye bye, Privatleben, könnte man sagen – die Leistungsgesellschaft hat den ersten Platz an die Arbeit vergeben. In Vorstellungsrunden folgt nach dem Namen direkt der Beruf, die Arbeit wird zum Teil der Identität. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Arbeitsleben der Deutschen im Schnitt 34,5 Jahre dauert: 34,5 Jahre, fünf Tage die Woche, eine Tätigkeit. Neben täglichen Besorgungen und der Familie scheint es schon bewundernswert, dass man es schafft, privat noch einem Hobby nachzugehen.

Kritiker der Work-Life-Balance würden an dieser Stelle auch die Zukunft der Arbeit erwähnen, die im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung gewaltige Veränderung in der Arbeitswelt herbeiführen wird. Wenn die Lohnarbeit durch die Automatisierung entfallen wird oder durch die Digitalisierung immer mehr Menschen in prekären Verhältnissen arbeiten müssen, werden Prognosen einer Life-Life-Balance, oder besser: einer Work-Work-Balance gar nicht mehr so unrealistisch.

Die Work-Life-Balance ist ein individuelles Konzept

Ob es sich bei der Work-Life-Balance jedoch um einen generellen Mythos handelt, sei mal so dahingestellt. Fakt ist: Die Work-Life-Balance, also das Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Privatleben, ist ein Konzept, das weder vom Staat noch vom Unternehmen in Schutz genommen wird. Wie bei den meisten Dingen des Lebens sind wir für uns selbst verantwortlich und müssen lernen, wo wir die Grenze ziehen. Explizites Abschalten sehe ich dabei von großer Bedeutung. Zudem lehnen nach Christoph Koch moderne Konzepte eine immer gleich bleibenden Balance zwischen Arbeit und Leben ab: Das Leben sollte vielmehr in Phasen gedacht sein, in der sich Müßiggang und Vollgas abwechseln.

In der Praxis scheint meiner Ansicht nach – vor allem für junge Menschen – der Ansatz sinnvoll, sich so früh wie möglich mit einem geeigneten Beruf auseinanderzusetzen: Sucht man sich eine Arbeit, die mit den privaten Interessen einhergeht, so wird der Drang nach einem Ausgleich nach der Arbeit vermindert. Die Yogastunden zur Stressreduktion kann man sich nach der Arbeit dann vielleicht sogar komplett sparen.


Image (adapted) „apple-macbook“ by Free-Photos (CC0 Public Domain)


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Wie ist eigentlich das Leben als Gründer?

Creative Company Conference 2011 (adapted) (Image by Sebastiaan ter Burg [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Work-Life-Blending statt vermeintliche Balance – Das Leben als Gründer ist härter als es von außen wirkt, doch auch genauso lohnenswert. Sieben von zehn Startups überleben nicht. Das schreckt viele junge Europäer ab, so eine aktuelle Studie zu Arbeitsmarkt, Karriere und Digitalisierung des internationalen Vodafone Instituts. Gründer, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben, bereuen ihn nicht. Das Unbekannte sehen sie als Chance, Scheitern als Zwischenschritt zum Erfolg.

Das ist der letzte Aufruf für alle Passagiere des Fluges…„. Peter Langmar, Gründer des internationalen Tech-Startups Brickflow, kennt dies nur zu gut. Der 28-Jährige ist fast das ganze Jahr „on the road„, um Investoren zu treffen, Kontakte zu potenziellen Partnern zu knüpfen und sich über neue Technologien zu informieren. 2013 lebte er auf drei Kontinenten – in Paris, Tallin, Santiago de Chile, Budapest und New York. In seiner Heimatstadt Budapest, in der das Brickflow-Team derzeit arbeitet, verbringt er nur wenig Zeit. Nur jede dritte oder vierte Woche ist er in der ungarischen Hauptstadt. Vor allem im Herbst, wenn große internationale Startup-Festivals der IT-Branche, wie das Pioneers Festival in Wien, die Web Summit in Dublin oder Slush in Helsinki stattfinden, ist er bis zu 20 Tage pro Monat unterwegs. Arbeit und Freizeit verschmelzen dabei oft.

Was ist Arbeit, was Freizeit?

Statt Work-Life-Balance diskutiert die Branche nun Work-Life-Blending – für viele engagierte Gründer längst Lebensmotto. Auch Johann Huber, 28-jähriger Mitgründer des Startups Soma Analytics, ist wie Peter Langmar oft unterwegs. SOMA Analytics misst, managed und reduziert Stress in Firmen mit einer Smartphone-App auf wissenschaftlich validierter Basis. Mitarbeiter erhalten durch die App personalisiertes Feedback, Tipps und Übungen um besser mit Stress umgehen zu können. Das gesamte Geschäftsmodell ist auf das Work-Life-Balance-Problem ausgerichtet. Gerade auf Startup Veranstaltungen wird er daher oft mit anderen Gründern angesprochen. Mindestens einmal im Monat nimmt er an einer internationalen Veranstaltung teil. In der Londoner Startup-Szene, in der Soma Analytics beheimatet ist, netzwerkt Johann jeden zweiten Abend. Mit gesunder Ernährung, Sport und gezielter Organisation meistert er das Startup-Leben und das mit Leidenschaft.

Ich kann und will nicht wirklich zwischen Work und Life differenzieren. Ich brenne für meine Arbeit, verstehe ‚Arbeit‘ nicht unbedingt als ‚Arbeit‘ im herkömmlichen Sinn.“ ?Für sein junges Startup, das er gemeinsam mit drei Freunden vor rund 18 Monaten gegründet hat, weil ein Bekannter durch mangelnde Work-Life–Balance kurz vor dem Burnout stand, legte er sogar sein Ingenieurstudium vorübergehend auf Eis, obwohl nach dem Studienende hohe Einstiegsgehälter und ein sicherer Job in Aussicht standen. Dass es gut läuft, Johann und seine Mitgründer haben Bestätigung und Investitionen durch Wettbewerbe wie die EIT ICT Labs Idea Challenge erhalten, reduziert den Stress, nimmt den Druck aber nie ganz heraus. Das junge Team arbeitet noch immer mehr als 12 Stunden pro Tag.

Mut zur Unsicherheit

100 prozentige Erfolgsgarantien gibt es in der Gründerszene nicht. Unsicherheit ist der ständige Begleiter eines Entrepreneurs. Die IT-Branche unterscheidet sich dabei kaum von anderen Bereichen. Laut dem Startups R.I.P.-Report des Analytics- und Research-Unternehmen CB Insights straucheln mehr als die Hälfte der jungen Unternehmen noch vor der Erreichung der ersten Million. Sieben von zehn Startups überleben nicht. Diese Unsicherheit schreckt viele junge Europäer ab. Eine aktuelle Studie des Vodafone Institute belegt, dass jeder dritte 18 bis 30jährige keine Karriere in der Digitalindustrie anstrebt. Nur 13 Prozent wollen in der IT-Branche durchstarten. Jedoch nicht in Startups. 70 Prozent der deutschen Befragten sagen „Nein“ . Sie schrecken die Arbeitsmenge (46 Prozent), die schwierige Work-Life-Balance (43 Prozent) sowie die fehlende Berufserfahrung (40 Prozent), die Berufsanfänger oft mitbringen. Auf der anderen Seite der Medaille schätzen junge Gründer vor allem, dass sie sich selbst verwirklichen und eigene Ideen umsetzen können (44 Prozent), ihr eigener Chef sind (38 Prozent) und im Idealfall mehr verdienen als Angestellte (29 Prozent), so die Ergebnisse der aktuellen Vodafone Studie.

Die Unsicherheit über Zukunft, Märkte, Mitarbeiter, Geld, Beziehungen, Unsicherheit, keine Pläne machen zu können„, ist daher Johann Hubers größter Stressfaktor, aber auch sein größter Motivator. „Man muss lernen, mit Unsicherheit umzugehen und daraus eine Stärke zu machen!“ Für Peter Langmar, Johann Huber und all die mehr als 3.000 Gründer, die sich auf dem Pioneers Festival, der Web Summit und der Slush präsentiert haben, ist das Leben eines Angestellten keine Alternative. Sie leben für ihre Ideen, werden diese auch im kommenden Jahr präsentieren, um Investoren und Kunden von ihrem Produkt, dem Geschäftsmodell und dem Team zu überzeugen. „Sollte das aktuelle Produkt von Brickflow nicht funktionieren, richten wir das Unternehmen neu aus. Wir haben viele Ideen und einige sind bereits gescheitert. Das hat uns nur motiviert, mit frischen Ansätzen neu durchzustarten.


Image (adapted) „Creative Company Conference 2011“ by Sebastiaan ter Burg (CC BY-SA 2.0)


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