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„Wie wäre es, wenn…“: Über den Möglichkeitswissenschaftler Reinhard Pfriem

Im Oktober 2016 starteten Lutz Becker und ich den Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland. Drei Fragen werden von unseren Gästen in jeder Folge beantwortet: Was bewegt Dich? Welche Zukunft siehst Du? Was würdest Du machen, wenn Du König oder Königin von Deutschland wärst? So ein wenig folgen wir den Spuren von Friedrich Nietzsche, die er in seiner fröhlichen Wissenschaft zu Papier gebracht hat und die sich vom Nihilismus des großen Denkers deutlich unterscheiden: Es geht in dieser Schrift um die Freiheit des Neuanfangs. Wer vorausblickt, hat das Mögliche als solches vor sich und ist nicht in die Wirklichkeit bestimmter Erwartungen verstrickt. Es geht darum, die Freiheit im Denken zu erschließen – die Freiheit des Blicks und der Transparenz der Gedanken. Nietzsche fordert zu einem Gedankenexperiment auf. Überlegungen nach dem Muster: „Wie wäre es, wenn…“

Die Frage provoziert ein ausdrückliches Verhalten zum eigenen Leben allein dadurch, dass sie gestellt wird. Und wer die Frage beantwortet, ändert damit auch schon ein Stückchen die Realität.

Keine Reform-Ideen

Was wir bei vielen Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft erleben, ist eher die Geisteshaltung, wie wir den Status quo bewahren können. „Der übergreifende Sinn von Reformen wird weder gesehen noch verstanden. Reform-Politik erscheint entweder als überkomplex oder man hat den Eindruck, dass die verschiedenen Reformstränge nicht zusammenlaufen. Oft wird die Notwendigkeit einer übergreifenden Reform-Idee oder gesellschaftlichen Vision verneint oder ad absurdum geführt: ‚Vision – Illusion – Desillusion!’ Die Visions-Negierung erschwert es, sich für politische Reformen zu begeistern und sie zu eigenen Anliegen zu machen”, so Stephan Grünewald, Geschäftsführer des Rheingold-Instituts in Köln.

Lindner und die kümmerliche Verweigerung von Visionen

Diese kümmerliche Visionsverweigerung, für die Figuren wie FDP-Chef Christian Lindner stehen, ist einer der Gründe, warum ich beim Utopie-Podcast mitmache und mit großer Freude festgestellt habe, dass es noch viele Persönlichkeiten gibt, die die Zukunft gestalten und nicht verwalten wollen. Zu ihnen zählt der Ökonom Reinhard Pfriem, der am Wochenende in Essen Kettwig mit einer Festschrift zu seinem 70. Geburtstag gefeiert wurde.

Pfriem ist ein Wissenschaftler, der sich nicht einem konformistischen und karrieristischen Denkstil hingibt, der leider zu Beginn des 21. Jahrhunderts in bedenklichem Maße fachübergreifend in den Wissenschaften Platz greift. Man braucht sich nur die FDP-Rhetorik des Vereins für Socialpolitik (VfS) anschauen, die das Ganze sogar noch als wertneutrale wissenschaftliche Arbeit verkaufen. Das sei ideologisch windschief und praktisch tendenziös, schreiben die Herausgeber der Pfriem-Festschrift. „Denn eine widerspruchsvolle Welt zum Zwecke der Maximierung mutmaßlich eindeutig zu machen, bedeutet, ihr Gewalt anzutun, letztlich: sie abzutöten. Unabhängig davon, in wessen Namen es geschieht: Wer Universalgeschichte schreiben möchte, muss Vielfalt und Verschiedenheit vernichten, muss normieren, standardisieren, gleichschalten. Das ist nicht nur überheblich und zwangsläufig übergriffig, es ist auch ein Versuch, das Politische, letztlich unsere Würde, unser Menschsein zu untergraben.“

Pfriem und die transformative Wirtschaftswissenschaft

Ausgeflaggt als „Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“ haben sich vor wenigen Jahren eine Reihe von Ökonominnen und Ökonomen auf den Weg begeben, mit vereinten Kräften an einer pluralen Wirtschaftswissenschaft zu arbeiten, die in befähigender statt entmündigender Absicht das Interesse an der wirklichen Welt zurückgewinnen möchte.

Die Festschrift zu den Möglichkeitswissenschaften. Unter anderem von Lars Hochmann und Silja Graupe verfasst. Image by Gunnar Sohn.

Marx und der Kubikinhalt von Büchern

In der Festschrift haben sich die Herausgeber an einer Empfehlung von Karl Marx orientiert, der in einem Brief vom 18. Juni 1862 über das Manuskript zu „Das Kapital“ an Friedrich Engels notierte: „Ich dehne diesen Band mehr aus, da die deutschen Hunde den Wert der Bücher nach dem Kubikinhalt schätzen.“ Den damit angezeigten Zuspruch und die erfreuliche Vielzahl an verschiedenen Perspektiven und Beiträgen in der Pfriem-Festschrift deuten die Herausgeber als vielversprechendes Indiz, mit dem Begriff der Möglichkeitswissenschaften auf eine hoffnungsvolle Kandidatin für das gestoßen zu sein, was Laclau und Mouffe als Äquivalenzkette bezeichnet haben: einen Nexus, in dem sich ein kollektiver Wille artikuliert und der verschiedene Bewegungen, die das Hegemoniale aufzubrechen versuchen, in der jeweiligen Verschiedenheit wahrt und dennoch verbindet, ihre Kräfte vereint.

Kneipe statt Konferenzsaal

„Es kommt anders, wenn man denkt.“ So hat Lars Hochmann seine Rede betitelt bei der Übergabe der Festschrift „Möglichkeitswissenschaften“ an Reinhard Pfriem: „Kneipe statt Konferenzsaal – das ist eine akademische Programmatik, die endlich Ernst macht mit dem Raum, in dem sie stattfindet: nämlich im Leben selbst. Mit Stammtisch-Geschwafel hat das jedoch ungefähr gar nichts zu tun. So ganz verkneifen kann und will ich mir deswegen an dieser Stelle nicht, darauf hinzuweisen, dass Reinhard Pfriem nicht nur den leiblichen Genüssen zugeneigt ist, sondern auf seine streitbare, aber herzliche Art auch ein bemerkenswert kluger Kopf ist, wie man ihn in den Wirtschaftswissenschaften heute – da erzähle ich Ihnen und Euch gewiss nichts Neues – allzu oft mit der Laterne suchen muss.“ Schon die Dissertation von Pfriem eröffnet mit dem fulminanten Satz: „Denken ist, wie Adorno formuliert hat, an sich schon, vor allem besonderen Inhalt Negieren, Resistenz gegen das Aufgedrängte. Der Verfasser bekundet hiermit Resistenz gegen das ihm aufgedrängte betriebswirtschaftliche Lehrgebäude.“

Festschrift als Wälzer

Übergeben wurde in Essen Kettwig keine Festschrift im traditionellen Sinne. Es ist eher ein Wälzer, der wohl ins Guiness Buch der Rekorde eingehen wird, in der bestimmt noch nicht vorhandenen Rubrik für wissenschaftliche Festschriften: Ein Wälzer mit 787 Seiten, die von Denkwürdigem triefen. 44 gegenwärtige und kommende Größen aus Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Philosophie und benachbarter Disziplinen wagen den Versuch, den programmatischen Pfriem-Vorschlag von Wirtschaftswissenschaften als Möglichkeitswissenschaften einmal näher auszubuchstabieren: „Das Ergebnis ist ein – ich sage es in aller Bescheidenheit – ein fulminantes Werk. Inhaltlich übervoll – und auch sonst etwa zum Trocknen von Blättern bestens geeignet oder als Achslast im Kofferraum bei Glatteis für all jene, die im Winter mit Heckantrieb unterwegs sind“, so Hochmann. In dieser Achslast kann man auch das Utopie-Gespräch mit Pfriem nachlesen unter dem Titel „Neue Ökonomie mit mehr demokratischer Beteiligung“: Pfriem begreift die Utopie positiv, indem die Belebung und Wiederbelebung und auch die Wiederwertschätzung des Begriffs der konkreten Utopie bedeutet, dass wir sehr viel Fantasie aufwenden sollten dafür, wie zukünftige Gestaltungen aussehen und was wir heute schon praktisch tun können, um die einzuleiten und auf den Weg zu bringen.

Wo es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben

„Es geht um Möglichkeiten, ich selbst spreche von Möglichkeitswissenschaft, also der Aufgabe der Wissenschaft, Möglichkeiten aufzutun, Akteuren zu ermöglichen, diese Veränderungen durchzuführen. Ich würde nicht kurzschlüssig vom Begriff der utopischen Wissenschaft sprechen, aber trotzdem ist ja nichts anderes damit gemeint. Der Begriff, den ich da verwende, geht zurück auf den wunderbaren Roman von Robert Musil ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘, wo wörtlich nachzulesen ist: Wo es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben. Von daher habe ich das, und im Gegensatz zu der vermeintlich reinen Wissenschaft nicht nur in den Naturwissenschaften, alles nur beschreiben und erklären zu wollen und nur ja keine Gestaltungsempfehlung zu machen und schon gar keine normativen Orientierungen mit auf den Weg zu geben, geht es genau darum: Den Menschen zu helfen, den individuellen und kollektiven Akteuren, unter anderem gerade auch Unternehmen und unternehmerischen Initiativen, neue Wege aufzutun und insofern konkrete Utopien auf den Weg zu bringen“, erläutert Pfriem.  

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Von der Bullshit-Ökonomik zur narrativen Netzökonomie

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Birger P. Priddat, Professor für Wirtschaft und Philosophie, hat einen genialen Weg gefunden, das Lehrgebäude der Ökonomik in seinen Grundfesten zu zerlegen. Die Wirtschaftswissenschaftler betrachten ihre akademische Disziplin bekanntlich wie eine soziale Physik, weil sie so genau, präzise und logisch sei. Problem: Dieser Glaube existiert nur in den Köpfen der Ökonomen. „Nichtökonomen können das nicht prüfen, da sie die Sprache der Ökonomie, insbesondere ihre Algebra, weder kennen noch verstehen“, so Priddat in einem Beitrag für die Zeitschrift „Kursbuch“ mit dem Schwerpunkt Bullshit.Sprech.

Nun ist das mit dem Nichtverstehen nicht so dramatisch. Von Quantenphysik haben die meisten Menschen auch keinen blassen Schimmer. Dennoch gilt die Wirkmächtigkeit dieser Forschungsrichtung. Beim wirtschaftlichen Handeln sieht das aber anders aus. Hier geht es um eine soziale und politische Ökonomie. Die meisten Akteure der Wirtschaft können mit der Sprache der Ökonomen nichts anfangen.

Die Sprache der Ökonomik hat mit dem Wirtschaftsgeschehen nichts zu tun

Sie nehmen sie nicht zur Kenntnis oder ignorieren sie in ihrem täglichen Schaffen. Das Verhalten der Wirtschaftsakteure ist irrationaler, emotionaler, moralischer, amoralischer, stimmungsabhängiger, kultureller geprägt, sozialer, konventionaler, als es der Normenkatalog der Rationalitäten der Ökonomik zulässt. „Die Wirtschaft funktioniert wunderbar, ohne dass die Akteure etwas von Ökonomie verstehen – jedenfalls nicht so, wie Ökonomen Ökonomie verstehen“, erläutert Priddat. Wenn das so ist, was leistet dann die Ökonomik überhaupt für die Analyse der Wirtschaft? Wenn viele nicht verstehen, was Ökonomen sagen: „Mit wem reden Ökonomen dann – außer mit sich selber? Wem erklären sie was? Und – wie funktioniert Wirtschaft dann tatsächlich?“, fragt sich der Wissenschaftler der Universität Witten-Herdecke. Vieles passt einfach nicht rein in die simplen mathematischen Modellwelten. Was algebraisch nicht abgebildet werden kann, bleibt links liegen. Oder man flüchtet sich in kleine Experimente mit völlig irrelevanten Forschungsfragen.

Es zählen hoch gerankte Journals und Berufungen

Was die Ökonomen in Ekstase versetzt, sind nicht wirkmächtige Erklärungen des Wirtschaftsgeschehens, sondern Veröffentlichungen in hoch gerankten Fachpublikationen. Ökonometrie und das experimentelle Design gelten als Ausdruck hoher Wissenschaftlichkeit, führen zu Berufungen an die universitären Lehrstühle, öffnen die Kassen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und bringen Steuergelder in die Drittfinanzierung – etwa über die Blaue Liste des Bundesfinanzministers. Ohne diese 40 bis 50 Millionen Euro, die jedes Jahr im Bundeshaushalt eingestellt werden, könnten die Wirtschaftsforschungsinstitute wohl nicht überleben.

Es fehlen mittlerweile Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihrer Form der Wissenschaft relevante gesellschaftliche und politische Debatten anstoßen, moniert Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts, in einem Beitrag für den Sammelband „Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“.

Dem Vorbild Kittler folgen

Für neue Forschungsansätze sind das doch ideale Bedingungen. Wir erschaffen eine neue Wissenschaft und verabschieden uns von BWL und VWL. Wie das geht, hat Friedrich Kittler mit der Erfindung der Medientheorie unter Beweis gestellt – in einem antiakademischen Gestus übrigens.

Auf Basis der Untersuchungen von Priddat könnten wir das auch mit einer neuen Theorie für das Ökonomische versuchen. Nennen wir das Ganze einfach „Netzökonomie“ – da sind wir doch in der Next Economy Open-Community schon Trendsetter. Letztlich geht es im wirtschaftlichen Kontext um Kommunikation – also um Netzwerke: Familie, Verwandte, Freunde, Kollegen, Bekannte, Vereinsmitglieder, Stammtische, Nachbarn. „Kommunizieren ist gemeinsames Interpretieren“, schreibt Priddat. „Vertraut man bestimmten Netzwerken, kann diese Kommunikation entscheiden, welche Informationen informativ sind und welche nicht.“ Dabei spielen nach Ansicht von Priddat andere Dinge eine Rolle als rein ökonomische: Information, Kommunikation, Netzwerke, Vertrauen – hier befinden wir uns vollständig in der sprachlichen Dimension.

Der unterschätzte narrative Faktor

Die meisten ökonomischen Aktivitäten bestehen aus Überzeugungsarbeit. Realitäten werden über Dynamiken in Netzwerken erzeugt. Das kann man in tradierten Modellen nicht präzise abbilden und vorhersagen. Die Berechnungen der Ökonomik sind systematisch ungenau, weil die Methoden den narrativen Faktor mehr oder weniger ignorieren. Auf dieser Grundlage könne man ermessen, welchen Bullshit die Ökonomik erzählt, wenn sie uns suggerieren möchte, dass in die Zukunft hineingerechnet werden kann. Einbildungen – also Imaginationen – werden für die Entwicklung der Wirtschaft unterschätzt. „Die Wirkung der Imagination beruht auf der Plausibilität ihrer Erzählung, so dass der Rezipient guten Glaubens werden kann, fortan die Welt aus der Perspektive der Erzählung neu zu betrachten“, so Priddat. Das Wirkliche sei letztlich nichts anderes als das, was verwirklicht wird. Die Poesie der Ökonomie sei eine Produktion von Bedeutungen. Das kann positive und auch negative Wirkungen erzielen.

Meinungen über Tatsachen bestimmen das Handeln

So zählte der Ökonom Wilhelm Röpke zu den Ursachen für die Verschärfung der Weltwirtschaftskrise von 1929 psychologische Faktoren: Selbst bei einigermaßen feststehenden Tatsachen würde das Wort eines griechischen Philosophen gelten, dass nicht die Tatsachen die Handlungen der Menschen bestimmen, sondern die Meinungen über die Tatsachen.

Im digitalen Kontext geht das noch schneller als in den 1920er und 1930er Jahren. Wir brauchen dafür neue Beschreibungen und Erklärungen, wir brauchen andere Bilder und Konzepte der Ökonomie. Der methodologische Bullshit der Mainstream-Ökonomik läuft da ins Leere. Der Ausschluss von Ereignissen und Relationen, die Ignoranz kommunikativer Welten und die selbstbezüglichen Modellwelten demontieren die Wirtschaftswissenschaft. Wir brauchen etwas Neues: Narrative Netzökonomie. Die neu gegründete Kölner #Gruppe17 – sie ist in Anlehnung an die legendäre Gruppe 47 noch im Dezember 2017 aus der Taufe gehoben worden – arbeitet an einer neuen Denkschule. Das Notiz-Amt wird das medial begleiten.


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