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Eine staatliche Agentur für Sprunginnovationen soll das deutsche Trauma bewältigen

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Durch eine staatliche Agentur für Sprunginnovationen will die Bundesregierung aus der exzellenten Grundlagenforschung in Deutschland Impulse für die Volkswirtschaft ableiten. „Zahlreiche Erfindungen, die völliges Neuland eröffnen und ganze Märkte umkrempeln können, sind in Deutschland entstanden, scheitern jedoch häufig noch in der Anwendung. Die staatliche Agentur zielt darauf ab, aus diesen hochinnovativen Ideen aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft auch erfolgreiche Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsplätze in Deutschland entstehen zu lassen“, so Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.

Fahndungsauftrag

Die staatliche Agentur verfolgt einen personenzentrierten Ansatz. Sie setzt auf hochkompetente und kreative Innovationsprotagonisten, die zeitlich befristet in der Agentur tätig sind und besondere Handlungsfreiräume genießen. Sie können nach Angaben der Bundesregierung Forschungs- und Entwicklungsvorhaben mit Sprunginnovationspotential von der Idee möglichst bis hin zur Anwendung auswählen, steuern und – je nach Projektverlauf – beenden oder fortsetzen. Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Unternehmen setzen die Vorhaben um. Geförderte Ideen werden über Ausgründungen, durch Unternehmen oder auch durch den Staat selbst, im Rahmen der öffentlichen Beschaffung verwertet und in den Markt eingeführt.

Die Mitarbeiter der Agentur sollen nach innovativen Ansätzen in der Wissenschaft fahnden und Erfinder ermuntern, ihre Ideen auch in der Praxis umzusetzen. Bis zum Ende der Legislaturperiode stellen Bundesforschungs- und Bundeswirtschaftsministerium dafür mindestens 151 Millionen Euro bereit. Für die gesamte Laufzeit der Agentur – zehn Jahre sind geplant – wird mit einem Mittelbedarf von rund einer Milliarde Euro gerechnet.

Das deutsche Trauma

„Dass der Bund nun eigens eine staatliche Agentur zur Förderung solcher Entwicklungsschritte gründet, hat auch mit einem deutschen Trauma zu tun, das in der Regierung seit Monaten immer wieder zitiert wird: die Geschichte des MP3-Players. Die Technik für dieses Gerät wurde schon in den achtziger Jahren in Deutschland entwickelt, von einer Gruppe von Forschern um Karlheinz Brandenburg am Fraunhofer-Institut in Erlangen und der dortigen Universität. Damit viel Geld verdient haben später allerdings nicht deutsche Unternehmen, sondern in erster Linie die asiatischen Elektronikkonzerne“, schreibt die FAZ. „Das dürfe nicht noch einmal passieren“, betont Bundesforschungsministerin Anja Karliczek.

Nur waren es nicht Firmen in Asien, die MP3 zur Entfaltung brachten, sondern Apple mit ihrem kongenialen Chef Steve Jobs. Und es waren nicht in erster Linie neue Erfindungen, die Jobs erfolgreich auf dem Markt etablierte. Es waren Kombinationen von bestehenden und neuen Technologien. Der Apple-Mitgründer entsprach dem innovativen Unternehmen, wie ihn der Ökonom Joseph Schumpeter in seinem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ beschrieben hat – vor über 100 Jahren:

„Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt.“

Kombinatoriker müssen keine Erfinder sein

Innovatives Unternehmertum unterscheidet sich dabei deutlich vom Routineunternehmer, der auf überkommenen Grundlagen arbeitet und nie Neues schafft. Aus altbekannten Techniken wie W-LAN, MP3 und Bewegungssensoren schuf Apple neue Geräte mit Kultfaktor. Und auch das benutzerfreundliche Design ist keine Kreation aus Cupertino. Steve Jobs und seine Entwickler folgten konsequent dem Less-and-More-Diktum des legendären Industriedesigners Dieter Rams, der in den 1960er und 1970er Jahren bahnbrechende Produkte für die Braun AG schuf. Und was noch wichtiger für die Erfolgsstory von Apple ist: Jobs erzeugte neue Märkte. Der dynamische Unternehmer orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern „er nötigt seine Produkte dem Markte auf“, so Schumpeter. Das ist Steve Jobs mit Produkten und Diensten für das mobile Internet und für den Tablet-Markt gelungen. Gelingt so etwas mit einer staatlich initiierten Agentur für Sprunginnovationen?

Verrückte Persönlichkeiten vonnöten

Dazu braucht man charismatische und ein wenig verrückte Persönlichkeiten, die Neues durchsetzen, intelligenter organisieren und sich vom Routinebetrieb abgrenzen. Es sind nicht nur Unternehmer, die das schaffen, sondern auch Beamte, wie der Generalpostmeister Heinrich von Stephan, der Ende des 19. Jahrhunderts unter Reichskanzler Otto von Bismarck aus Berlin ein Silicon Valley der Telekommunikation machte. Er erfand die Postkarte, gründete die Reichsdruckerei, das Postmuseum (heute: Museum für Kommunikation) sowie den Allgemeinen Postverein (1878 Weltpostverein). Dann forcierte er erst in Deutschland, und danach in der ganzen Welt den Aufbau der modernen Telegraphie. Stephan erkannte als einer der Ersten die politische und wirtschaftliche Relevanz des Telefons als Medium der Echtzeit-Kommunikation. So einen könnte die neue staatliche Agentur, die Anfang des nächsten Jahres ihre Arbeit aufnimmt, gut gebrauchen.

Propheten der Innovation brauchen wir nicht

Als Vorbild dient der Bundesregierung die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) in den USA. Als bekanntestes und erfolgreichstes Projekt kann das ARPANET angesehen werden, aus welchem das Internet hervorging. Welche Persönlichkeiten brauchen wir für Innovationen? brand eins-Autor Wolf Lotter hat auf der Kölner Fachmesse Zukunft Personal einige ins Spiel gebracht, die man möglichst meiden sollte.

Etwa Propheten, die es in Glaubensgemeinschaften, in der Dogmatik und in der Ideologie gibt. „Entweder Du machst mit oder Du landest in der Hölle. Ich bin gut und Du bist böse, hier ist mein Evangelium. Das sind die nicht sehr anschlussfähigen Damen und Herren, die in ihren Bubbles leben und den anderen die Welt erklären“, so Lotter.

innovate or die-Gelaber

Es sind Bühnenkünstler, die von Disruption und kreativer Zerstörung labern, aber Clayton M. Christensen oder Schumpeter nie im Original gelesen haben. Es sind alarmistische Lautsprecher, die vom Darwinismus schwadronieren, aber die Evolutionstheorie schlicht nicht verstehen. Als weiteren Vertreter der Innovationstypologie benennt Lotter den Eroberer. Er folgt dem Propheten auf dem Fuß und erklärt Innovationen zum Maß der Dinge. Religionskriege, ideologische Eroberungen aber auch die darwinistische Variante des „innovate or die“ sind sein Credo. „Wer sich nicht digitalisiert, ist von gestern und dessen Unternehmen wird sterben. Das sind die Sprüche, die wir kennen“, erläuterte Lotter auf der Keynote Arena der Zukunft Personal-Messe. Artificial Intelligence sofort einführen und zum Segen der Industrie erklären. Wer noch ein paar Fragen zur Sinnhaftigkeit hat, ist von vorgestern und hat nichts kapiert.

Fragen zur Intelligenz nicht erwünscht

Dass mit der Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Intelligenz noch nicht alles geklärt ist, sei dahingestellt. Auch das Rätselraten von Biologen und Neurologen bei der Erklärung von natürlicher Intelligenz darf die KI-Verkäufer nicht stören. „Alles nur Marketing-Geschwurbel“, kritisiert Lotter.

„Selbst Erfinder werden uns wohl nicht mit volkswirtschaftlich relevanten Sprunginnovationen beglücken. Sie verbohren sich in ihrem Fach“, so Lotter. Ihre Metamorphose endet im Fachidiotentum.

Ich habe Patente, also bin ich?

Das systematische und planmäßige Erfinden in Konzernen produziert nach Auffassung von Lotter zuverlässig eine Vielzahl an Patenten und Rechten. Deren Wirksamkeit ist allerdings fraglich, lieber FDP-Bundestagsabgeordneter Thomas Sattelberger. Da helfen dann auch nicht Erbsenzählereien in irgendwelchen Studien zur KI-Forschung weiter. Lotter verweist auf die amerikanische Innovationsforscherin Rosabeth Moss Kanter. Sie bringt dieses Dilemma sehr schön auf den Punkt: Meistens folgen den großartigen Innovationsankündigungen mittelmäßige Ausführungen, die anämische Resultate nach sich ziehen. Irgendwann schlägt dann das Controlling zu. Moss Kanter nennt diese Vertreter „Innovations-Ersticker“. Welche Typologien sind besser?

Lotter nennt sie Erkenner und Ermöglicher. Also Persönlichkeiten, die Ideen aufsaugen, orchestrieren und kombinieren. Sie führen keinen Krieg gegen Talente, sie belohnen nicht Opportunismus, sondern Individualismus. Das Notiz-Amt ist gespannt, ob das die neue staatliche Agentur hinbekommt. Der Präsident der Fraunhofer Gesellschaft sieht übrigens mp3 als deutsche Erfolgsgeschichte. Das sollten Altmaier und Karliczek noch einmal jenseits der Lizenzgebühren, die Fraunhofer kassiert, mit Reimund Neugebauer ausdiskutieren.

 

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Wie DAX-Vorstände ihre Gehälter festlegen und Martin Schulz zu kurz springt

Tresor (adapted) (Image by DasWortgewand [CC0_Public Domain] via Pixabay)

Im Kreisverkehr der Deutschland AG verlaufen die Karrieren auf C-Level wie geschmiert. Vorstände wechseln über Kamingespräche, Seilschaften und Verbindungen zu mächtigen Aufsichtsräten und finanzstarken Investoren, die seit Ende der neunziger Jahre immer mehr Einfluss auf das Geschehen von börsennotierten Unternehmen bekommen. Oder in den Worten des ehemaligen DAX-Vorstandes Thomas Sattelberger:

„Karrieren werden beim Pinkeln gemacht. Karrierepolitik findet in geschlossenen Räumen statt, wo nicht jeder Zutritt hat. Und sie findet in Räumen statt, wo nur Männer sind. Das ist dann wie im vatikanischen Konklave, das kann ich aus 30 Jahren Erfahrung sagen, denn ich war Opfer und Täter von Karriereentwicklung.“

Und das gilt nicht nur für die Kunst des Postenwechsels, sondern auch für die Festlegung der Vorstandsbezahlung.

Bullshit-Detektor der Volkswirtschaftslehre

Da ist es gut, dass es einen Ökonomen wie Martin Hellwig gibt. Von der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde er vor ein paar Wochen als kritisch, klug und kantig porträtiert. Er deckt immer wieder nicht nur Widersprüche in Theorien auf, sondern beschäftigt sich auch mit den zum Teil fragwürdigen Leistungen der Ökonomik in der wirtschaftspolitischen Beratung. Hellwig, der bis Ende April Direktor des Bonner Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern war, ist ein Mythenjäger – ein „Bullshit-Detektor der Volkswirtschaftslehre“, schreibt die Zeit. „Er war Vorsitzender der Monopolkommission und schrieb nach der Finanzkrise einen internationalen Bestseller über die Lügen der Bankenlobby“. Sein Fazit gegenüber der Zeit: „Bei vielen großen Themen kommt mehr zusammen, als dass eine präzise Modellierung möglich wäre.“

Mathematische Modelle versagen in der wirtschaftspolitischen Beratung

Sie würden das Problem erheblich einengen. „Und diese Einengung erfordert wiederum ein Urteil darüber, was bei einem Phänomen wichtig ist und was unwichtig. Dazu fehlt uns aber die Grundlage.“ Mit Mathematik lässt sich eben nicht alles erklären. Auch nicht die hohen Managergehälter, die sich in den vergangenen 30 Jahren immer drastischer von den Durchschnittslöhnen entfernen. Viele Ökonomen erklärten das mit der neuen Macht der Aktionäre.

„Weil die Konzerne sich am Finanzmarkt finanzieren konnten, brauchten sie die Banken nicht mehr, die bei ihnen lange mitregiert hatten. Auch Gewerkschafter oder Staatsvertreter bremsten den Anstieg der Gehälter nicht mehr, so die Theorie. Aktionäre bezahlten demnach nun aus eigenen Stücken so gut dafür, dass die CEOs den Börsenwert ihrer Unternehmen nach oben trieben. Später stellte sich allerdings heraus, dass die CEOs auch dann riesige Summen verdienten, wenn der Börsenwert sank oder die Zukunft gleich ganz verspielt wurde. Und es wurde offenbar, was Hellwig schon länger erkannt hatte: Die Explosion der Chefbezahlung war nicht die Folge von Aktionärsmacht, vielmehr hatten die Manager es wohl selbst so beschlossen“, so die Zeit. Das fing in den USA an und als Daimler den amerikanischen Automobilkonzern Chrysler übernahm, war es auch in Deutschland so weit. Man erinnert sich vielleicht noch an die Exzesse des Herrn Schrempp.

Wer hat die Macht in Großunternehmen?

Die Macht lag und liegt nicht bei den Aktionären, die auf dem Papier das Sagen haben. „Die eigentliche Macht in den Großunternehmen liegt bei den Managern“, sagt Martin Hellwig im Gespräch mit der Zeit. „Die Bedeutung von ‚Shareholder-Value‘, den Börsenkursen und den Boni, ist nicht etwa von den Anlegern erzwungen, sondern von den Managern selbst gefördert worden.“ An dieser Stelle des Zeit-Beitrages kommen dann leider nur Fragen, aber keine Lösungen. Warum? Und warum gerade in den 1990er Jahren? Und ist das nun gut oder schlecht für die Lenkung einer Volkswirtschaft? Nur ein Gedankengang wird noch zur Diskussion gestellt:

„Wenn es stimmt, dass an der Spitze der Großunternehmen gerade keine Rücksicht auf die vielen kleinen Aktionäre genommen wird, dann muss man wohl deren Macht nicht schwächen, sondern stärken, um die Spitzengehälter unter Kontrolle zu halten.“

Wenn das so ist, reicht dann die Forderung von Politikern wie Martin Schulz aus, die Managerbezüge gesetzlich zu begrenzen? Die SPD hat Pläne vorgestellt, die die steuerliche Absetzbarkeit der Managergehälter von Aktiengesellschaften und vergleichbaren Kapitalgesellschaften bei 500.000 Euro im Jahr decken. Die Union will dagegen die Festlegung der Managergehälter der Aktionärshauptversammlung eines Unternehmens übertragen. Auch das greift zu kurz. Warum haben sich denn die Vorstandsbosse von den Interessen der Aktionäre abgekoppelt? Es liegt an den fundamentalen Machtverschiebungen in den börsennotierten Konzernen.

Kein Stimmrecht für Dealmaker

Am Aktienmarkt sind immer häufiger die privaten Anleger die Verlierer. Unternehmen buhlen um Ihre Gunst, um eine stärkere Streuung der Aktien zu erzielen, dann aber werden sie wieder vernachlässigt und die großen Investoren bestimmen den Takt. Inwieweit dient die Finanzwirtschaft eigentlich noch der Realwirtschaft und welche Rolle spielen dabei die Privatanleger am Aktienmarkt? Spielen dabei überhaupt noch unternehmerische Interessen eine Rolle oder geht es nur um den schnellen Gewinn an der Börse?

Es geht um das sogenannte Principal-Agent-Problem – das heißt, die Frage, wie man als Eigentümer die im Auftrag handelnden Personen so steuert und überwacht, dass man nicht systematisch betrogen oder am Nasenring vorgeführt wird. Das Shareholder Value-Prinzip hat das Unternehmertum auf finanztechnische Kennziffern reduziert. Gewinn kann man aber nicht mit wirtschaftlich-unternehmerischer Leistung verwechseln.

Heutzutage sind Shareholder keine Aktionäre mehr im Sinne des unternehmerischen Eigentümers, sie sind Dealmaker.

Die sogenannten institutionellen Anleger halten heute fast 70 Prozent der Aktien, während sie 1950 lediglich neun Prozent besaßen. Den institutionellen Anlegern geht es in erster Linie um die Turnover-Rate, also um Aktienumschichtungen und weniger um unternehmerische Belange, sonst würden diese Manager die Papiere länger halten.

Zusammenspiel von Vorständen, mächtigen Aufsichtsräten und Investoren offenlegen

Mein erster Vorschlag: Wer an der Bestellung des Aufsichtsrates und über diesen Weg an der Corporate Governance mitwirkt, sollte einer Haltefrist unterworfen werden. Wer das nicht tut, darf in der Hauptversammlung kein Stimmrecht haben. Zweiter Vorschlag: Verbesserung der Transparenz bei den Beteiligungsverhältnissen und Offenlegung von Überschneidungen zwischen Top-Management und institutionellen Anlegern.

Institutionelle Investoren und Hedge Fonds schlüpfen auch in Deutschland in die Rolle, die ehedem den Großaktionären vorbehalten war.

„Sie tun so, als wären sie langfristig denkende Mehrheitseigentümer, aber in den meisten Fällen verschwinden sie genauso schnell wieder, wie sie gekommen sind – allerdings erst, nachdem sie das Management ausgetauscht und umfangreiche Ausschüttungen an die Aktionäre, also sich selbst, durchgesetzt haben“, so die Erfahrungen von Werner Seifert, ehemaliger Chef der Deutschen Börse.

Für alle Akteure auf den Kapitalmärkten der OECD sollten Offenlegungspflichten gelten. „Es darf nicht sein, dass Fonds, die auf den Cayman-Inseln registriert sind und so gut wie keine Informationen über ihre Eigentümer oder ihre Geschäftspraktiken herausrücken, zentralen Einfluss darauf nehmen können, wie große und größte Unternehmungen in Deutschland und in anderen Industriestaaten geführt werden“, kritisierte Seifert schon vor dem Ausbruch der Finanzkrise und fand bis heute wenig Gehör. Das Mindeste, was man von diesen Anteilseignern verlangen müsse, sei die Offenlegung ihrer Beteiligungen. Auf Facebook hab ich das ausführlicher dargelegt:

Managergehälter und Allianzen mit Dealmakern #KollaborativeRecherche

Wenn also Vorstände, einflussreiche Aufsichtsräte und institutionelle Anleger in einem Boot sitzen und ihre Geschäftchen aushandeln, gehen die Vorschläge von SPD und CDU ins Leere.


Image (adapted) „Tresor“ by DasWortgewand (CC0 Public Domain)

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Die Netzpiloten sind Partner vom newTV KONGRESS 2017

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Am 21. März 2017 ist es endlich wieder so weit: Der newTV Kongress von nextMedia.Hamburg zeigt wieder die spannendsten Einblicke in die Bewegtbild-Branche.

Ihr möchtet mehr wissen über die innovativen Strategien der erfolgreichsten Player der Bewegtbildindustrie? Ihr wollt neue Denkmuster kennenlernen und mehr über die Anwendungsbereiche von neuer Technologie wissen? Und ihr wollt vor allem erfahren, wie ihr mit Facebook-Livevideos, Virtual Reality und anderen neuen Bewegtbildmöglichkeiten Geld verdienen könnt? Dann seid ihr hier genau richtig.

Nationale Speaker wie der deutschen Journalisten und Blogger Richard Gutjahr, Daniel Budimann, der Geschäftsführer der Rocket Beans Entertainment GmbH und Ralf Klassen von The Cone erzählen euch, wie es geht und worauf es in der Branche ankommt. Aber auch internationale Speaker wie Chris Mead von Twitch, Raquel Bubar von der New York Times und Head of Digital Partnerships Cyrus Saihan von BBC geben unter dem diesjährigen Motto „Business Innovation On Screen“ Best-Cases zum Besten und sprechen unter anderem über relevante Branchenzahlen.

Zudem bietet die ganztägige Konferenz ein spannendes Programm bestehend aus einen Mix aus Panels und Workshops für das erfolgreiche Zusammenspiel von Content, Technology und Distribution. Der newTV Kongress 2017 richtet sich neben Interessierten und Einsteigern auch vor allem an Entscheidungsträger, Vermarkter, Werbetreibende und Produzenten der TV- und Digitalindustrie.

Tauscht euch aus, lernt neue innovative Ideen und Technologien kennen und seid dabei, wenn nextMedia.Hamburg und die Hamburger Handelskammer zum größten Bewegtbild-Kongress in der Hauptstadt einladen!

+++Das Gewinnspiel ist beendet+++

Gute Nachrichten, bei uns könnt 2×2 Tickets für den newTV KONGRESS am 21. März 2017 in Hamburg gewinnen. Wie? Ganz easy, einfach weiter auf unsere Verlosungs-Seite gehen und mitmachen. Zeit dafür habt ihr bis zum 02. März. Wir wünschen viel Glück!

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Deutsche Unternehmen ohne Plattformkompetenz – Über die Silo-Politik der Hidden Champions

Roboter(image by Mixabest[CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons)

Ein Produkt ohne digitale Plattform ist völlig nutzlos, oder präziser formuliert: „Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist“, so das Credo eines Google-Mitarbeiters, der die Netzstrategien seines Unternehmens in einem langen Kommentar zerstückelte und in einem kleinen Zeitfenster öffentlich lesbar war.

Google+ sei ein Musterbeispiel eines Unternehmens, das die Signifikanz von Plattformen absolut verkannt hat. „Das Nichterkennen dieser Bedeutung zieht sich von der höchsten Hierarchieebene der Geschäftsführung (hallo Larry, Sergey, Eric, Vic, wie geht´s Euch?) bis zur untersten Unternehmensebene der Mitarbeiter (hallo Ihr!). „Wir haben es alle nicht kapiert. Die goldene Regel der Plattformen lautet: ‚Eat your own dogfood‘. Die Google+ Plattform ist eine erbärmliche ‚Nachlese'“, bemerkt der Insider.

Die ‚Hundefutter-Regel‘ ist ganz einfach zu verstehen: Führungskräfte können ihren Entwicklern nicht einfaches Hundefutter vorsetzen, während sie sich selbst mit anderen Dingen beschäftigen. Das zu machen hieße, sich selbst des langfristigen Plattform-Wertes zu berauben, um einen kurzlebigen Erfolg zu erhaschen. Bei Plattformen ist eine langfristige Planung und Investition gefragt.

Falsches Kurzzeit-Denken bei Google

Bei Google+ handelte es sich um eine spontane Reflexreaktion, um eine Erforschung im Kurzzeit-Denken, orientiert an der falschen Vorstellung, dass der Siegeszug von Facebook darauf beruhe, ein geniales Produkt erfunden zu haben. Das sei nach Auffassung des zerknirschten Google-Mitarbeiters aber nicht der Grund, weshalb sie so erfolgreich sind. Facebook habe eine komplette Produktpalette aufgebaut, indem sie anderen Leuten gestatten, ihre Arbeit zu machen. Das mache den Zuckerberg-Konzern so einmalig. „Es gibt hundert oder sogar tausend unterschiedliche, zeitaufwändige Beschäftigungsformen mit hohem Qualitätsanspruch. Da ist für jeden etwas dabei.“

Google rekrutiert Leute

Das mittlerweile aufgelöste Google+Team habe den Anschlussmarkt für Dienstleistungen analysiert und dabei festgestellt: „‚Es wäre eine gute Idee, unser Angebotsspektrum um Computerspiele zu erweitern. Lasst uns jemanden rekrutieren, der diese Spiele für uns konzipiert‘. Verstehen Sie jetzt, wie unglaublich falsch dieser Gedankengang ist, vor allem aus heutiger Sicht? Das Problem ist, dass wir versuchen, zu prognostizieren, was die Leute wollen und es ihnen dann zur Verfügung stellen.“

Wer ist so gut wie Steve Jobs?

Dieser Ansatz sei unrealistisch und absolut nicht verlässlich. Es habe nur ein paare wenige, hochkarätige Menschen in der gesamten Welt der Computer-Geschichte gegeben, die in der Lage waren, eine zuverlässige Prognose zu erstellen. „Steve Jobs war einer von ihnen. Leider haben wir keinen Steve Jobs bei uns. Das können wir nun einmal nicht ändern.“

Larry Tesler mag Bezos überzeugt haben, dass er kein Steve Jobs sei. Bezos habe jedoch erkannt, dass es nicht zwingend eines Steve Jobs bedarf, um Konsumenten mit den richtigen Produkten zu versorgen: Wichtig sei es, Anwenderschnittstellen und Unternehmensabläufe als Workflows zu schaffen, mit denen die Benutzer gut und gerne arbeiten. Bezos musste nur externe Entwickler damit beauftragen.

Alles andere würde dann automatisch passieren. „Ich entschuldige mich bei all denjenigen dafür, die meine Ausführungen zu diesem Thema als ganz offensichtlich und auf der Hand liegend betrachten. Es ist in der Tat unglaublich evident. Und trotzdem unternehmen wir nichts dagegen. Wir schaffen weder Plattformen noch die richtigen Zugangsmöglichkeiten.“ Plattformen lösen das Problem des Zugangs und das bekommt man nur hin, wenn man selbst mit den digitalen Werkzeugen leidenschaftlich arbeitet.

Kirchturm statt Plattform

Das Notiz-Amt wünscht sich auch von deutschen Unternehmern und leitenden Angestellten in den Vorstandsetagen soviel kritischen Sachverstand, um die Logik der Digitalisierung und die Matching-Prinzipien des Netzes nicht nur zu verstehen, sondern auch in Geschäftsmodelle zu gießen. Den gleichen Sachverstand sollten Autoren wie Marc Beise und Ulrich Schäfer kultivieren, wenn sie in einem Buchprojekt mit dem Titel „Deutschland digital – Unsere Antwort auf das Silicon Valley“ Beispiele präsentieren, wie wir mit digitalen Fabriken, Robotern, Sensoren und Künstlicher Intelligenz wieder in den Angriffsmodus kommen.

Sie huldigen den üblichen Verdächtigen unter den Hidden Champions, singen das Lied von der verkannten Industrienation und beschäftigen sich nur wenig mit der Frage, wie die in ihrem Opus erwähnten Protagonisten persönlich in der Lage sind, das eigene digitale Hundefutter zu konsumieren. Etwa Till Reuter, der Chef des Robotik-Herstellers Kuka. Anstatt auf den Angriff von Google und Co. zu warten, will das Augsburger Unternehmen selber zum digitalen Angreifer werden und sein Geschäftsmodell radikal verändern.

Wenn die Roboter über die Computerwolke miteinander kommunizieren, könne Kuka künftig nicht bloß einzelne Roboter liefern, sondern gleich komplette Fabriken steuern. „Reuter will dazu eine flexible Lösung schaffen, eine Plattform, die für andere Anbieter offen ist, steuerbar auch über das Smartphone; mit Apps, die man nach Bedarf zusammenstellen kann“, schreiben Beise und Schäfer.

Meine Cloud, meine Maschinen, meine Marke

Reuter möchte die Prinzipien eines App-Stores auf den Maschinenbau übertragen und damit Geld verdienen. Bisher habe das Unternehmen seine schlauen Maschinen verkauft. Die Cloud ermögliche es nun, die Anzahl der Roboterbewegungen über das Internet exakt zu messen; es wird dadurch erstmals möglich, Roboter nach Leistung zu bezahlen.

Man werde die Maschinen deshalb künftig wohl nur noch vermieten und bekomme dann für jedes gefertigte Werkstück einen bestimmten Beitrag. Kling zunächst sehr smart. Den Knackpunkt benennen die Buchautoren unfreiwillig mit einem Reuter-Zitat: „Aber die Oberfläche wollen wir liefern, das look and feel soll Kuka sein.“ Die Marke, das Branding sei für die Augsburger entscheidend. Hat Reuter das Spiel der Vernetzung wirklich verstanden? Am Kuka-Wesen solle die Plattform-Welt genesen.

Mein digitaler Vorsprung, mein Stahlhandel

Und das ist kein Einzelfall im Opus der SZ-Autoren. So bringen sie Klöckner & Co.-Chef Gisbert Rühl ins Spiel, der zum Hoffnungsträger für den digitalen Wandel aufgehübscht wird. Er war einer der Ersten, die hierzulande nicht nur über Disruption sprachen, sondern diese Philosophie auch lebten.
Er reiste ins Silicon Valley und bekam die Empfehlung, Wetterdaten bei der Nachfrage nach Stahl zu berücksichtigen. Logik und Planung könnte man auf die Weise optimieren. Fein. Also mietete sich Rühl für eine Woche im Betahaus in Berlin-Kreuzberg ein, um neue Ideen für die Digitalisierung seiner Traditionsfirma aufzusagen. Schon mal nicht schlecht. Und was springt dabei raus. Silo-Denken: „Ob er eine Art Amazon für den Stahlhandel schaffen wolle, wird Rühl immer wieder gefragt. Ja warum nicht, antwortet er dann und fügt stolz hinzu, dass Klöckner & Co. bei der Digitalisierung weiter sei als alle Konkurrenten (jeder Bäckermeister lobt seine Brötchen); und zwar so weit, dass junge Programmierer den alten Stahlhändler mittlerweile als ziemlich hip empfinden: ein gewachsenes Traditionsunternehmen, das nun, der Plattform-Strategie von Airbnb oder Uber folgend, zur zentralen Plattform im modernen Stahlhandel aufsteigen will“, führen Beise und Schäfer aus. Am Klöckner-Wesen wird also wieder die Stahlwelt genesen. Mit Onlineshop-Weisheiten soll also ein offenes Ökosystem für die Stahlbranche entstehen? Was unterscheidet Alibaba von der Kirchturmpolitik des Klöckner-Chefs?

Viel Ego und wenig Eco

Wir könnten jetzt die führenden Köpfe der Hidden Champions von Trumpf bis Viessmann durchnudeln und würden erkennen, dass niemand auch nur in eine Richtung denkt, wie der offenherzige Google-Manager. Schaut Euch den Habitus dieser Top-Manager im Netz an und beurteilt dann, ob sie in ihrem persönlichen Verhalten auch nur ansatzweise eine digitale DNA mitbringen, um die Erkenntnis des Google-Insiders zu leben: „Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist.“

Ist eine firmenunabhängige Plattform wie Alibaba für das industrielle Umfeld in Europa oder Deutschland in Sicht. Noch nicht einmal in Ansätzen. Die Mein-Label-Meine Marke-Mein digitaler Vorsprung-Fraktion der Industrie ist noch nicht einmal bereit, via Alibaba ins OEM-Geschäft einzusteigen.

„Original Equipment Manufacturer“ sind Unternehmen, die die Produkte des Herstellers in ihre eigenen Produkte einbauen; für den Endkunden ist nicht ohne weiteres erkennbar; welche Komponenten ein OEM in seinen Produkten verwendet. Mit deutschen Unternehmen sind solche Deals im Plattformgeschäft fast unmöglich, betont Nils Öldörp von der Agentur Minted Sourcing. Made in Germany wird heilig gesprochen. Da wird man dann irgendwann in Schönheit sterben, wie im Industrie 4.0-Konsortium.


Image „Roboter“ by Mixabest (CC BY-SA 3.0)


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Alternativen zu den kontrollierenden Konzernen

Büro (adapted) (Image by moerschy [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Sind Alternativen zu kontrollierenden Konzernen möglich? Nur wenn sich Politik und Wirtschaft transformieren. In einem seiner ersten Auftritte nach seiner Haftentlassung äußerte sich der wegen Beihilfe zu Copyright-Verletzungen verurteilte Pirate Bay Gründer Peter Sunde desillusioniert: Das Internet sei zu einer Scheindemokratie verkommen, ohne mögliche Beteiligung des Einzelnen: Wenige Konzerne aus einem Land kontrollierten die weltweit genutzten Dienste im Netz.

Mit dieser Sichtweise scheint er ein schon lange gehegtes Unwohlsein mit der technologischen Konsolidierung und Monopolisierung Ausdruck zu verleihen, welches durch die jüngsten Äußerungen des EU-Kommissars Oettinger weiter bestätigt wurde: „Wir haben das Spiel in der IT Branche verloren„, konnte dieser mit Blick auf die übermächtige Konkurrenz aus Silicon Valley nur mehr bedauernd konsternieren. Man sollte diese bittere Erkenntnis von ihrer Dramatik her nicht unterschätzen und es verwundert, dass diese von den Medien nicht weiter groß aufgegriffen wurde: Denn, nicht nur die IT-Industrie ist betroffen. Kauft man etwa heute deutsche Autos aufgrund ihrer überlegenen Fahrqualität und Verarbeitung, so werden in der Zukunft die Software der Selbststeuerung der Fahrzeuge und über soziale Medien und GPS agierende geographische Dienstleitungen zum Einkauf während der Fahrt immer wichtiger und diese Steuerungen werden nicht mehr aus Deutschland kommen. Auch der Online-Handel – um bei diesem Beispiel zu bleiben – befindet sich schon überwiegend in der Hand von drei US-Konzernen: Apple, Amazon und ebay vereinen bereits 65% des Umsatzvolumens in Deutschland.

Was aber ist zu tun in einer solchen Situation und gibt es wirklich keinen Ausweg mehr? Möglichkeiten gibt es schon, allerdings nur um den Preis, dass wir alle in politischen oder ökonomischen Bereichen partizipieren und aktiver werden.

Der Geist der Maschine

Die Frage der Monopole und Machtkonzentration in Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch in Organisationen ist für die Wissenschaft keine neue Frage. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg und unter dem Eindruck der geplanten Kriegswirtschaft, begannen sich vor allem Wirtschaftswissenschaftler mit dieser Frage intensiv zu beschäftigen. Der polnische Ökonom Oskar Lange sah schon zu dieser Zeit, die Gefahr der Monopolisierung im Kapitalismus und schlug vor – ganz im Sinne seiner Zeit – dass diese nur durch eine staatliche Planungsinstanz verhindert werden kann. Faszinierend ist hier, dass Lange dem Marktmechanismus vorwarf, antiquiert, krisenanfällig und ineffizient, sprich: Ein Kind des vorelektronischen Zeitalter zu sein. Er antizipierte deshalb Jahrzehnte vor dem Einsatz von Computern an der Börse, dass Preise durch eine „Maschine“ effizienter auch schneller festgelegt werden könnten (er entkräftete damit Hajeks Kritik, dass die Unmengen an Gleichungen, die notwendig wären, um Preise zu berechnen, die Fähigkeiten der Planinstanz überschreiten würden). Viel wesentlicher – und oft vergessen – aber war, dass er diese zentrale Instanz durch einen transparenten und demokratischen Prozess kontrolliert sah, er also die „Maschine“ durch Demokratie regulieren wollte.

Der Kybernetiker Norbert Wiener kam nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer ähnlichen Erkenntnis, indem er etwas verklausuliert anmahnte, dass der Maschinengott ja mit seinen Schöpfungen nicht Schach spielen könne. Erstaunlich ist zudem, dass auch systemunkritische Wissenschaftler diese Regulierung durch das Individuum als einzigen Ausweg sehen, um Machtkonzentration auszugleichen. Der Nobelpreisträger und Forscher der konservativen Rand Cooperation, Kenneth Arrow, der Autorität in der Hierarchie („Nature loves hierarchy„) und im Militär in seiner reinsten Ausprägung sah, kam gegen Ende seiner Ausführungen über die „Grenzen der Organisation“ zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass deren Autorität „Reviews“ oder auch „irregulären und fluktuierenden Wellen von Ungehorsam“ ausgesetzt sein müsste. Schlussendlich – so könnte man diese und andere Sichtweisen zusammenfassen – kommt es immer wieder auf das Individuum an, welches sich gegen Monopole, Chaos und Machtkonzentration durchzusetzen habe und sich wohl dabei ziemlich allein gelassen fühlen muss, da keine Beschreibungen und Hilfen für einen derartigen Widerstand gegeben wurden.

Wir haben den Gegner gesehen und es sind wir!

Dem politischen System und seinen Organisationen scheint es hingegen nicht mehr möglich zu sein, gegen die Interessen von Monopolen einzuschreiten. Wir sind so gesehen in einer Phase der Postdemokratie (Collin Crouch). Diese Unfähigkeit des Staates liegt im konkreten Fall der digitalen Wirtschaft und ihrer „exponentiellen Unternehmen“ nicht nur daran, dass Politiker noch nicht ganz verstanden haben, welche Entwicklungen hier ablaufen bzw. keine Ideen oder Gegenmittel haben, sondern auch, dass die Politik, wenn sie gegen diese Technologiekonzerne vorgehen würde, immer auch gegen den Bürger vorgeht, der die Leistungen dieser Anbieter nutzt, weil sie das Leben einfacher und interessanter machen. Wir selbst sind „stille“ Mitproduzenten dieser Monopole: Die Inhalte der Suchmaschinen und Handelsplattformen werden von uns entwickelt bzw. bereitgestellt. Obwohl kaum einer bewusst Monopole unterstützen möchte und wir von der Politik deren Begrenzung erhoffen, sind unsere Handlungen also widersprüchlich und damit oft erfolglos.

Dabei kann individueller Widerstand durchaus erfolgreich sein. In der Tat scheint der Einfluss auf diese Anbieter eher dann am besten zu funktionieren, wenn er von uns bzw. den „stillen Produzenten“ direkt ausgeht, wie etwa Episoden zeigten, in denen Nutzer gegen gekaufte „Buchrezensionen“ und Suchplatzränge erfolgreich protestierten und mit Abwanderung drohten. Diese Erfolge lenken den Blick auf einen wichtigen Aspekt bei dieser Art des Protestes: Wie schon Niklas Luhmann aufzeigte, geht es bei diesem nicht so sehr darum, die Verantwortung anderer anzumahnen, sondern selbst Lösungen zu erarbeiten! (Wenngleich Luhmann selbst von dieser notwendigen Fähigkeit der Protestierenden nicht überzeugt war: „Das Geheimnis der Alternative ist: daß sie gar keine Alternative anzubieten habe.“)

Der einzige Ausweg scheint also zu sein, neue Wege der Aktivierung des Individuums zu finden und die Chancen dafür stehen heute vielleicht etwas besser als zu Luhmanns Zeiten: denn heute können wir alle mehr für uns aber auch gemeinsam mit anderen tun.

Der Bürger als Produzent

Diskussionen allein – so musste der Schöpfer des Konzeptes der Deliberation, Jürgen Habermas, ja feststellen – sind ja oft weit weg von der eigentlichen Entscheidung, sie sind oft zahnlos. Weiter gibt es keinerlei Konzepte, wie eine große Anzahl an Menschen, sich über komplexe Sachverhalte einigen kann: Dies war ja eine Erkenntnis von Arrows „Unmöglichkeitstheorem“ in den 1950er Jahren: Politik sollte deshalb nicht Optionen bottom-up entwickeln, sondern nur über den generellen – wie immer auch vordefinierten – „politischen Willen“ abstimmen. Der Quietismus – die politische Apathie – ist also durchaus ein Konzept, welches die politischen Systeme bewusst zur Stabilisierung einsetzen: Nicht alle sollen mitreden, sondern ihre Stimme an Fachkräfte delegieren, die in festgelegten Abläufen Lösungen finden. Das Dilemma scheint also zu sein, dass wir alle oder viele von uns auf Basis von Diskussionen aktiv werden müssten, die politischen Prozesse für eine solche Aktivierung jedoch noch nicht bvorhanden sind. Schlimmer noch, selbst in Sachen Mitwirkung erfolgreiche Länder wie Norwegen, scheint die Partizipation zu einer Fragmentierung und Schwächung des politischen Systems zu führen, da dieses die neuen Stimmen und Aktionen nicht integrieren kann und so parallele „politische Surrogate“ sprießen.

Die Unzufriedenheit mit den Medien in Demokratien scheint diese Situation wider zu spiegeln: Diese sind in ihrer elitären und selbstregulierenden Ausrichtung eher bestimmt, in quietistischen Konstellationen vordefinierte Meinungen zu verfestigen, die in Zeiten, in denen immer mehr Menschen in ihrem jeweiligen Kontext ihren eigenen Meinungsbildungsprozess unabhängig vollziehen können, immer mehr hinterfragt werden. Wie also kann der Demos wieder in der Demokratie gestärkt werden – eine Forderung des neuen griechischen Finanzministers – und der Staat damit nicht geschwächt, sondern vielmehr gestärkt werden? Die bisherigen Erfahrungen lassen vermuten, dass es hier vor allem auf der kommunalen Ebene – im unmittelbaren Umfeld des Individuums – neue Möglichkeiten zur Kollaboration und Aktion gibt. Über definierte Schnittstellen (Application Programming Interfaces) können Individuen auf öffentliche Daten (Open Government Data) zugreifen, um Ihre Probleme selbst oder gemeinsam mit anderen zu lösen: „To resist is to create“. Hilfreich ist hier, dass die Vernetzung und Einbindung über das Strukturelement der virtuellen Plattformen als eine Art virtueller Arbeitsraum sehr viel einfacher geworden ist, wie die Bertelsmann Plattform „Beteiligungskompass“ zeigt. In dem Sinne, dass das kommunale Engagement immer wichtiger wird, da global der Großteil der Menschen in urbanen Zentren wohnt, die überall auf der Welt ähnliche Probleme haben, entsteht hier ein wichtiger politischer Partizipationsweg.

Mit dieser neuen Rolle als Produzent öffentlicher Leistungen wird zugleich auch eine neue politische Position geschaffen: alles wirtschaftliche Handeln ist immer auch soziales Handeln (Luhmann) und die Art und Weise, wie ökonomisch agiert wird (selbstbestimmt, selbstgesteuert, meritokratisch), ist zugleich auch ein politisches Statement der „freien Produzenten“ (Peers), die sich nun zusammenschließen und frei verfügbare Dienstleistungen und Produkte (Allmende) entwickeln (Freie Software, Lerninhalte journalistische Arbeit, soziale Hilfsdienste etc.).

Der Staat als Investor, Partner und Plattform

Wie müssen nun beobachten, dass sich große Konzerne diese Leistungen zunutze machen: Diese monetarisieren die Plattformen der freien Produzenten (IBM verdient einen großen Teil seines Umsatzes mit Dienstleitungen zu Open Software). Die freien Produzenten könnten nun aber anfangen für Ihre Leistungen auch etwas zu verlangen. In diese Richtung geht etwa die Diskussion um die „Peer Production License“: Diese sieht vor, dass all jene, die keinen Beitrag zu einem frei verfügbaren Gut schaffen, dieses aber benutzen wollen, einen Beitrag zahlen. So würde der passive Benutzer von Open Software etwas zahlen müssen, die „freien Produzenten“ dieser Software hätten nun aber einen monetären Gegenwert für Leistungen und könnten beginnen, einen eigenen Peer-Produktions-Sektor mit eigenen egalitäreren Strukturen aufzubauen.

Dies bedeutet nicht, dass der Staat von sich aus nichts tun kann. Gerade das Beispiel von Silicon Valley zeigt ja, wie wichtig und wirksam staatliche Investitionen sind: Fast alle Bestandteile des Smartphones sind z.B. im Rahmen öffentlicher Investitionen entstanden. Und so gesehen, gibt es eigentlich keinen Grund, warum der Staat nicht auch verstärkt öffentliche Programme und Plattformen zur Förderung und Vernetzung von Start-Ups, KMUs und Freien Produzenten organisieren und unterstützen könnte. Scheinbar hat aber der Staat im Neoliberalen Zeitalter verlernt, solche Programme zu entwickeln und natürlich ist das Bauen von Straßen einfacher als die Förderung von Ideen. Wie einfach man über Plattformen neue politische Strategien lancieren und so verlorenes Terrain wettmachen könnte, zeigt ja der Bildungsbereich. Anstatt mit traditionellen Elementen wie etwa Projekten – die zumeist verpuffen – und Exzellenzinitiativen – die vor allem zur Innenbeschäftigung führen – zu arbeiten, könnte der Staat ja eine eigene Plattform für Digitale Lerninhalte aufbauen. Diese stehen jedem frei zu Verfügung und die Qualität der einzelnen Inhalte wird über Reviews der Nutzer (und nicht Akkreditierungsinstitute) ermittelt. Universitäten könnten es als Qualitätswettbewerb und breitenwirksame Marketingmaßnahme betrachten, hier Lerninhalte einzureichen. Der Aufbau einer solchen Plattform hätte auch den Vorteil, Wissen für junge Unternehmer und Freie Produzenten schnell und unkompliziert zur Verfügung zu stellen und so ihre Produktivität und Erfolgschancen zu erhöhen. Auch hier muss man wieder feststellen, dass derartige Initiativen vor allem wieder im Privatbereich (z.B. edx.com) und in den USA auftauchen. In Deutschland gibt nun allerdings die jüngste Initiative der Stadt Hamburg zu Schaffung einer digitalen Lernplattform Anlass zu Hoffnung. 

Es bleibt bei all diese neuen Möglichkeiten allerdings die Erkenntnis, dass diese Art der Partizipation einen Zeitaufwand für jeden Einzelnen bedeutet, der heute bei vielen so nicht anfällt, da wir bisher die politische Interaktion ja zumeist delegieren. Der bittere Beigeschmack ist dann, dass diese Art der Mitwirkung wohl wieder ein elitäres Projekt zu sein scheint und damit weniger effektiv werden kann. Dies ist wohl nicht ungewöhnlich, da soziale Neuerungen zumindest am Anfang immer eine gewisse Ungleichheit erzeugen. Allerdings zeigen aktuelle Umfragen in Deutschland, dass bereits 55 Prozent Männer und 44 Prozent der Frauen heute schon Online bei wirtschaftlichen und ökonomischen Projekten in der einen oder anderen Art und Weise zumindest einmal partizipiert haben. Es wäre also schon ein gewisser Start, wenn diese Ressourcen und Bereitschaft über öffentlich unterstützte Plattformen eingesammelt und zum Aufbau von neuen Lösungen abseits der Monopole und zur Ergänzung staatlicher Handlungen genutzt werden könnten.


Image (adapted) „Büro“ by moerschy (CC0 Public Domain)

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