All posts under Automobil

Seitenwechsler verändern die PR

Konferenzraum (adapted) (Image by Unsplash [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Nicht nur die Netzszene reagierte hellhörig als die Meldung durchsickerte, dass Sascha Pallenberg, einer der prominentesten Tech-Blogger und Gründer der national und international bedeutsamen Plattform „Mobile Geeks“, von der Daimler AG rekrutiert wurde. Pallenberg steht als Head of Digital Content des Stuttgarter Konzerns in einer Reihe von weiteren spektakulären Seitenwechseln, die eine neue Phase in der PR einleiten. Ausführlich nachzulesen in der April-Ausgabe des prmagazins.

„Die klassische Unternehmenskommunikation lief über den Gatekeeper Journalist, dann über den Gatekeeper Blogger oder Influencer und jetzt erleben wir den dritten Schritt. Unternehmen werden selbst zu Medien“, erläutert Karsten Lohmeyer, Chief Content Officer der Agentur The Digitale, die 2014 von der Deutschen Telekom als Content-Marketing-Startup aus der Taufe gehoben wurde. Was wir jetzt erleben, sei die nächste und richtige Stufe.

„Warum soll ich als guter Kommunikator nur mit zehn oder 20 Journalisten sprechen, wenn ich direkt mit allen Stakeholdern in Verbindung treten kann. Also mit Kunden, potenziellen Kunden, Lieferanten, Aktionären und allen weiteren relevanten Zielgruppen eines Unternehmens. Was bei Daimler passiert, war auch der Beweggrund unseres Mutterkonzerns. Also der Gedanke des Telekom-PR-Chefs Philipp Schindera, eine Content Factory nicht nur zu formulieren, sondern auch umzusetzen. Es gibt rund 130 Kolleginnen und Kollegen, die alle gut ausgebildet und unglaublich gut in ihren Themen sind. Sie sind auch in der Lage, die Themen eines solchen Konzerns direkt in einer massenmedialen Kommunikation auf die Straße zu bringen“, so Lohmeyer.

Gleiches vollziehe sich bei der Allianz über Storytelling-Konzepte.

Schlauer Schritt von Daimler

Er findet es faszinierend, wie viele neue Konzepte in deutschen Unternehmen entstehen. „Es ist ein sehr schlauer Schritt von Daimler, Sascha Pallenberg an Bord zu holen. Das ist ein unglaublich spannendes Experiment“, betont Lohmeyer, der mit dem Blogprojekt LousyPennies.de bekannt wurde. Erste Akzente konnte man beim Musik- und Internetfestivals South by Southwest (SXSW) in Austin erkennen, bei dem sich Daimler-Chef Dieter Zetsche mit der Silicon Valley-Ikone Guy Kawasaki ins Getümmel stürzte und in neuen Western-Boots die lockere Atmosphäre der Netzszene aufsaugte.

Ganz im Gegensatz zu vielen Protagonisten der deutschen Wirtschaft, die offene Formate als esoterischen Quatsch abstempeln und einen großen Bogen um Netzaktivisten machen. Unter dem Hashtag #KölnerBarcampKontroverse ist das gut dokumentiert. Zetsche ist der erste Vorstandschef eines DAX-Konzerns, der die SXSW in seiner 31. Auflage besuchte. „Es war ein Event zum Lernen. Für den Konzern Daimler und für Mercedes Benz war das sehr wichtig“, so Pallenberg im Gespräch mit dem prmagazin.

Der nahbare Konzernchef

Zetsche sei für alle ansprechbar gewesen. „Jeder hatte die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder spontan Interviews zu machen – wie die Zeitschrift Wired. Das ist mehr oder weniger aus der Hüfte entstanden und belegt, dass wir in Austin eine progressive und gute Kommunikation gemacht haben, die sich von anderen Firmen abhebt. Man kam locker an Zetsche ran“, bemerkt Pallenberg. Es sei alles durchgespielt worden. „Wie positioniert sich ein Unternehmen wie Daimler auf so einem Festival? Wie diskutieren wir über Technologie-Themen? Welche Anregungen nehmen wir auf? Dazu zählen auch emotional gedrehte Videos und andere Darstellungsformen, die über Selfie-Videos hinausgehen.“

Man konnte deutlich erkennen, an welchen Punkten Zetsche lockerer wurde und es ihm persönlich auch Spaß gemacht hat. Es sei aber noch mehr erreicht worden. Mit der me Convention, die Daimler gemeinsam mit der SXSW parallel zur IAA im September in Frankfurt organisiert , werde der erste Ableger des Internet-Festivals außerhalb von Austin etabliert. Die me Convention findet vom 15. bis 17. September in der Frankfurter Festhalle statt, der traditionellen Bühne des Mercedes-Benz IAA Messeauftritts. Das Programm wird ergänzt um Konzerte und andere Veranstaltungen im Stadtzentrum.

Neuer Geist auf der IAA

„Das zeigt deutlich, wie sich Daimler positioniert. In der Vergangenheit war es ja eher so, dass Automobilfirmen zu Tech-Messen gekommen sind. Auf einmal erleben wir eine Entwicklung in die andere Richtung. Und das ist sehr wichtig. Die klassische Automobil-Messe hat sich in den vergangenen 50 Jahren nicht großartig verändert. Wir leben aber in einer Zeit, wo wir vor fundamentalen Veränderungen dieser Branche stehen. Deshalb ist es essentiell, dass man das auf den klassischen Formaten auch abbildet. Was im September passiert, ist ein riesengroßes Ausrufezeichen“, sagt Pallenberg.

Der Konzern habe begriffen, sich zu öffnen und nicht mehr in der eigenen Blase vor sich hinzuköcheln.

Owned Media anders denken

Änderungsbedarf sieht Pallenberg auch bei den Netzaktivitäten. Auf Online-Marketing-Kongressen hört man nach seiner Ansicht wenig zu neuen Kommunikationsformen und Inhalten. Besonders, wenn es um „Owned Media“ geht.

„Schließlich begeben sich Firmen und Werbetreibende in ein starkes Abhängigkeitsverhältnis zu den Plattformanbietern. Genau das will ich ein wenig ändern mit unseren Inhalten.“

„Wir haben in den vergangenen Jahren durch die Dynamik der sozialen Netzwerke zu sehr darauf gesetzt, wirklich jeden Trend mitzumachen. Es ging immer darum, direkt herauszufinden, wie wir jede neue Plattform bespielen können. Mittlerweile sind wir umgeben von über sechs sozialen Netzwerken, die von den Unternehmen beackert werden – von Snapchat bis YouTube. Wir geben damit eine ganze Menge unserer Content-Hoheit ab und vertrauen darauf, was uns diese Plattformen in Reportings zurückgeben. Aber was sind diese Zahlen wirklich wert?“, fragt sich Pallenberg.

Ob das alles so stimmt, sollte zumindest kritisch hinterfragt werden.

„Wir sehen schon wahnsinnige Unterschiede bei einem recht einfachen Indikator: Den Views bei Online-Videos. Bei Snapchat wird ein View schon in der ersten Sekunde gezählt. Bei einem Facebook-Video nach drei Sekunden und bei einem YouTube-Video aber erst nach 30 Sekunden. Dann weiß ich aber immer noch nicht so genau, ob das stimmt. Ich halte es daher für unverzichtbar, auch seine eigenen Plattformen nicht zu vernachlässigen und eine Back-to-the-Roots-Strategie zu fahren.“

„Man muss die Nutzer auf die eigenen Plattformen zurückholen, weil ich dort die Möglichkeit habe, den Erfolg der Kommunikation zu messen, die Nutzer auf der Seite zu führen und sie besser kennenzulernen. Im Moment lernen nur die Betreiber der sozialen Netzwerke über die Internet-Nutzer. Das ist viel mehr als wir nur ansatzweise an Daten sammeln können. Bei Facebook ist fast das gesamte Leben hinterlegt“, führt Pallenberg gegenüber dem prmagazin aus.

Ein wenig mehr Autarkie könnte nicht schaden, denn man wisse nie, ob ein Snapchat trotz Börsengang in fünf Jahren noch existiert. Gleiches gelte für Facebook. „Was ist denn, wenn die von heute auf morgen ihre Algorithmen ändern oder für Werbung einfach mal das Doppelte verlangen? Je mehr man auf diese Plattformen auslagert, desto mehr Abhängigkeiten entstehen.“

Neuer Kommunikationshabitus vonnöten

Ob die vielen Seitenwechsler, die jetzt in den Unternehmen neue Content-Einheiten etablieren, zu einem Niedergang des Journalismus führen, gehe nach seiner Meinung an den Tatsachen vorbei. Das sei eher ein Beleg für zu wenig Selbstbewusstsein auf der journalistischen Seite. Die Herausforderung liege doch bei den klassischen Medien, Premium-Inhalte herauszubringen. „Gute Unternehmenskommunikation lebt von der Transparenz. Es muss klar sein, von wem die Botschaften stammen.“

Die Content Factorys lösen in der klassischen PR einen enormen Veränderungsdruck aus. Wer ohne Vermittlungsinstanzen mit der (Netz-)Öffentlichkeit sprechen will, braucht einen anderen Kommunikationshabitus. Wer weiterhin Botschaften über tindereskes Reichweitenmarketing (Wortkreation von Falk Hedemann) rausballert, sich Kunden gegenüber rambohaft wie die Fluggesellschaft United in Szene setzt, kritische Diskussionen über unethisches Verhalten ins Hinterzimmer verbannen will oder weiterhin Service-Probleme mit Hotline-Idiotie lösen möchte, sollte über Content Factory-Gründungen noch nicht einmal nachdenken. Das Notiz-Amt empfiehlt diesen Unternehmen weiterhin Schweinebauch-Anzeigen, die mit Nichtwahrnehmung bestraft werden können.


Image (adapted) „Konferenzraum“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Augmented Reality: Woher weiß ein Computer, wo wir hinschauen?

view-ar-butlers-screenshot-image-by-mximex-via-wikimedia-commons

Man stelle sich folgendes Szenario einmal vor: Sie fahren ein Auto und benutzen eine Head-up-Display-Projektion auf der Windschutzscheibe, um sich durch eine Ihnen unbekannte Stadt navigieren zu lassen. Es handelt sich um ‚Erweiterte Realität‘ (Augmented Reality). Die Informationen werden nicht nur verwendet, um Sie entlang einer Route zu führen, sondern auch, um Sie auf hervorstechende Informationen in Ihrer Umgebung aufmerksam zu machen, wie beispielsweise Fahrradfahrer oder Fußgänger. Die korrekte Platzierung der virtuellen Inhalte ist nicht nur äußerst wichtig, sondern vielleicht eine Frage von Leben und Tod.

Die Information sollte keine anderen Materialien verdecken und lange genug angezeigt werden, so dass Sie verstehen, worum es geht, aber nicht sehr viel länger als das. Computersysteme müssen diese Entschlüsse in Echtzeit treffen, ohne von der Informationen abgelenkt oder gestört zu werden. Auf keinen Fall soll eine Warnung vor einem kreuzenden Fahrradfahrer den Fahrradfahrer selbst verdecken.

Als Forscher im AR-Bereich verbringe ich eine Menge Zeit damit, herauszufinden, wie man die richtige Information am richtigen Platz und im richtigen Moment auf den Bildschirm des Nutzers bekommt. Ich habe gelernt, dass das Anzeigen zu vieler Information den Nutzer verwirren kann, doch zu wenig anzuzeigen, kann die Applikation unnütz machen. Wir müssen die goldene Mitte finden.

Dabei ist es wichtig, zu wissen, wo die Benutzer hinschauen. Erst dann können wir die Informationen, die benötigt werden, an eine Stelle positioniert werden, an dem sie verarbeitet werden können. Ein Teil unserer Forschung beinhaltet also, zu messen, wohin der Benutzer in der Echtzeitszene schaut. Dies hilft uns dabei, zu entscheiden, wo wir den virtuellen Inhalt platzieren. Im Hinblick auf die Tatsache, dass AR bereit ist viele Bereiche unseres Lebens zu infiltrieren – von der Fahrt zur Arbeit bis hin zur Freizeitbeschäftigung – müssen wir dieses Problem lösen, bevor wir uns drauf verlassen können, dass die AR uns in schwierigen oder kritischen Situationen Hilfe bietet.

Die Positionierung der Informationen

Dabei ist es sinnvoll, Informationen dort anzeigen zu lassen, wo der Nutzer hinschaut. Beim Fahren könnte der Benutzer ein Gebäude, eine Straße oder bestimmte Objekte anschauen, um die entsprechenden virtuellen Informationen abzurufen. Das System verbirgt an dieser Stelle alle anderen Anzeigen, um die Szene nicht zu verdecken.

Doch wie wissen wir, wo jemand hinschaut? Es zeigte sich, dass die Nuancen menschlicher Sicht uns erlauben, die Augen einer Person zu untersuchen und zu berechnen, wo sie hinschaut. Indem wir diese Daten mit Kameras kombinieren, die das Sichtfeld einer Person anzeigen, können wir bestimmen, was die Person sieht und wo er oder sie hinschaut.

Eye-Tracking-Systeme entstanden im 19. Jahrhundert. Ursprünglich wurden sie hauptsächlich zur Untersuchung von Leseverhalten eingesetzt und einige konnten für den Leser ziemlich störend sein. In der jüngeren Vergangenheit hat das Echtzeit-Eye-Tracking sich aber weiterentwickelt und ist nun erschwinglicher, einfacher auszuführen und kleiner.

the-spectacles-for-eye-tracking-image-by-anatolich1-cc-by-sa-3-0-via-wikimedia
Eye-Tracking Spectacles; Image by Anatolich1 (CC BY-SA 3.0)

Eye-Tracker können an einen Bildschirm angebracht oder in eine Brille oder in ein auf dem Kopf getragenes, visuelles Ausgabegerät integriert werden. Die Augenbewegung wird verfolgt, indem eine Kombination aus Kameras, Projektionen und Bilderkennungsalgorithmen eingesetzt wird, um die Position der Augen und den Blickpunkt auf dem Monitor zu kalkulieren.

Wenn wir Eye-Tracking-Daten untersuchen, schauen wir generell auf zwei Messgrößen. Die erste ist die Fixierung und beschreibt das Innehalten unseres Blicks, häufig an einer interessanten Stelle, die unsere Aufmerksamkeit erregt. Die zweite ist eine Sakkade, eine schnelle Augenbewegung, um unseren Blick zu positionieren. Grundsätzlich bewegen sich unsere Augen schnell vom einen Punkt zum anderen und nehmen Informationen über Teile der Szene auf. Unsere Gehirne bringen die Informationen der einzelnen Fixationen anschließend zusammen, um vor unserem geistigen Auge ein Bild zu formen.

Eye-Tracking und AR kombinieren

Oft sind AR-Inhalte mit einem Objekt oder Ort in der realen Welt verankert. Zum Beispiel sollte ein virtuelles Schild mit einem Straßennahmen auf der entsprechenden Straße angezeigt werden. Ideal wäre es, wenn das AR-Schild direkt bei dem Objekt angezeigt wird, mit dem es assoziiert ist. Doch wir müssen auch darauf achten, dass nicht eine Vielzahl von AR-Schildern sich überlappen und so unleserlich werden. Es gibt viele Herangehensweisen, um das Platzieren von Schildern zu managen. Wir befassen uns mit einer Möglichkeit: man berechnet, wo die Person in der realen Szene hinschaut, und zeigt die AR-Schilder nur an dieser Stelle an.

Nehmen wir beispielsweise an, dass ein Benutzer mit einer mobilen Applikation interagiert, die ihm hilft, ein Müsli mit wenig Kalorien im Supermarkt zu finden. In der AR-Applikation ist jedes Müsli mit Kalorien-Informationen verbunden. Statt nun physisch jede Müslischachtel hochheben und die Nährwertangaben lesen zu müssen, kann der Benutzer sein mobiles Endgerät hochhalten und es auf eine bestimmte Müslischachtel richten, um die relevanten Informationen abzurufen.

Doch denken Sie einmal daran, wie vollgestopft mit unterschiedlichen Sorten das Müsliregal eines Supermarkts häufig ist. Ohne eine Möglichkeit, die Anzeige der AR-Etiketten irgendwie zu managen, würden die Kalorieninformationen für sämtliche Müslisorten angezeigt werden. Es wäre für den Benutzer unmöglich, die Kalorienangabe für das Müsli zu identifizieren, für das er sich interessiert.

Indem wir der Bewegung seiner Augen folgen, können wir genau bestimmen, welche Schachtel der Benutzer ansieht. Dann zeigen wir die Kalorieninformationen für dieses bestimmte Produkt an. Wenn er seinen Blick auf eine andere Schachtel richtet, dann zeigen wir die Angaben für die nächste Schachtel an. Sein Bildschirm ist übersichtlich, die Information, die er benötigt, ist direkt verfügbar und wenn er Zusatzinformationen benötigt, können wir auch diese anzeigen.

Diese Entwicklungen machen die jetzige Zeit für die AR-Forschung besonders spannend. Unsere Möglichkeiten, Szenen aus der realen Welt mit Computergrafiken auf mobilen Displays zu integrieren, machen Fortschritte. Dies befeuert die Aussicht darauf, fantastische neue Applikationen zu entwickeln, die unsere Möglichkeit, mit der Welt um uns herum zu interagieren, von ihr zu lernen und von ihr unterhalten zu werden, erweitern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „View AR BUTLERS Screenshot““ by Meximex (CC BY 3.0)


The Conversation

Weiterlesen »