Deutschland hat eine der professionellsten Synchronisierungs-Kulturen der Welt. Doch schon im vergangenen Jahr sorgte die zunehmende KI-Nutzung dafür, dass sich der Verband Deutscher Sprecher*innen (VDS) für eine KI-Ausschlussklausel in Verträgen stark macht. Nun erreicht der Kampf gegen den Einsatz von KI eine neue Stufe. Netflix schickt neue Verträge an Synchronsprecher*innen mit einer KI-Klausel, die es dem Streaming-Giganten ermöglicht, Stimmen zum Training künstlicher Intelligenz zu nutzen. Rund 80 Prozent der deutschen Synchronsprecher*innen boykottieren dieses Vorgehen.
Für Zuschauer könnte der Streit bald spürbare Folgen haben: Serien und Filme könnten verzögert oder vorübergehend nur noch im Originalton erscheinen. Die Synchronbranche befindet sich im Kampf um ihre eigene Existenz. Wir beleuchten das Streitthema, ordnen die Tragweite der KI-Klausel ein und schauen natürlich auch auf die möglichen Folgen für den Zuschauer.
Die umstrittene KI-Klausel von Netflix
Die KI-Klausel ist zentraler Punkt der AOR-Vereinbarung (Assignment of Rights Agreement), die Netflix an alle deutschsprachigen Synchronsprecher*innen geschickt hat. Die AOR regelt die Urheber-Rechte der Sprecher*innen über ihre erbrachte Arbeit. Netflix sichert sich durch die AOR dabei vertraglich zu, Sprachaufnahmen aus Synchronproduktionen auch für das Training von KI-Systemen verwenden zu dürfen. Eine zusätzliche Vergütung war dafür laut Berichten nicht vorgesehen. Die Synchronsprecher*innen müssen sämtlichen Punkten zustimmen oder auf die Netflix-Zusammenarbeit verzichten.
Für die Sprecherinnen und Sprecher bedeutet das weit mehr als eine technische Formalität. In der Praxis könnte eine solche Regelung es ermöglichen, Stimmen künftig digital zu reproduzieren und automatisiert einzusetzen – ohne erneute Studioaufnahmen oder neue Verträge. Der VDS hat ein Rechtsgutachten zur AOR-Vereinbarung (Assignment of Rights Agreement) in Auftrag gegeben, die Netflix über Synchronstudios allen deutschsprachigen Synchronsprecher*innen zur Unterzeichnung vorlegt. Laut Gutachten sind dabei zentrale Klauseln unwirksam oder sogar rechtswidrig.
Das 19-seitige Gutachten kommt zum Schluss, dass die Klausel zur Nutzung der Sprachdaten für KI-Training keine klaren Nutzungsräume absteckt und damit unwirksam ist. Netflix lässt sich diese Rechte zudem für mindestens 50 Jahre einräumen – ohne eine zusätzliche Entlohnung. Die AOR und das Gutachten lässt sich übrigens auf der Seite des VDS einsehen.
Speziell für Deutschland schneidet sich die Einwilligung zur Datenverarbeitung offenbar mit den hier geltenden Richtlinien der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Die DSGVO verlangt eine genaue Benennung des Verarbeitungszwecks. Stattdessen tritt die Unterzeichnung mehr oder weniger die kompletten Rechte an der Stimme ab. Sogar gesetzlich vorgeschriebene Auskunftsansprüche soll der Vertrag abtreten. Das Gutachten lehnt daher die Unterzeichnung der neuen Verträge ausdrücklich ab.
Wir haben zwar durchaus Passagen in der AOR entdeckt, welche die Zustimmung der Synchronsprecher*innen erfordern, können selbst nicht einordnen, in weit andere Abschnitte dies an anderer Stelle wieder aushebeln.
Wie real ist die Gefahr für Synchronsprecher, durch KI ersetzt zu werden?
Es ist schwierig abzuschätzen, in wie weit die Arbeit von Synchronsprecher*innen tatsächlich durch die KI gefährdet ist. Die Qualität künstlicher Stimmen nähert sich jedoch zunehmend professionellen Sprechern an. Sogar KI-Musik durch Programme wie Suno ist zunehmend schwer zu erkennen. Ein Problem ist, dass nicht alles an der KI schlecht sein muss und dass auch viel davon abhängt wie geschlossen sowohl internationale Sprecher, als auch Abonnenten reagieren.
Sicherlich ist die Gefahr da, dass die KI tatsächlich echte Stimmen ersetzt. Dabei könnte es auch Produzent*innen geben, welche die Möglichkeit bevorzugen, genau zu bestimmen, wie etwas am Ende von welchem Charakter gesagt wird.
Es gibt aber auch sehr praktische Seiten der KI-Nutzung. Es gibt im Nachhinein noch kleine Anpassungen? Dank KI muss dafür keine Aufnahme-Session in volle Terminkalender gequetscht werden. Ein Sprecher fällt wegen schwerer Krankheit längerfristig aus oder verstirbt vor der letzten Staffel? Die Stimme bleibt der Produktion trotzdem bis zum Schluss erhalten. KI lässt womöglich auch Schlüsselszenen mit verschiedenen Sprechern durchspielen, um sich dann für die tatsächliche Besetzung zu entscheiden, deren Stimmen gut zu harmonieren scheinen.
Eventuell muss man sich auch langsam mit dem Gedanken vertraut machen, dass Synchronarbeit eine mehr oder weniger aussterbende Kunst sein könnte. So wird es etwa zunehmend realistischer, dass die Stimmen von Originalschauspielern irgendwann durch KI selbst ihre Synchronfassungen sprechen. In der Praxis muss sich vor allem zeigen, ob die Stimmfarben in anderen Sprachen überhaupt funktionieren. Jede Sprache hat andere Tendenzen für Tonhöhe, Emotionalität und Betonung.
80 Prozent lehnen den Vertrag ab – Netflix bleibt trotzdem hart
Die deutschen Synchronsprecher*innen zeigen sich wegen der KI-Klausel von Netflix weitgehend geschlossen. Laut VDS boykottieren derzeit knapp 80 Prozent der Synchronsprecher*innen die Zusammenarbeit mit Netflix. Damit dürfte derzeit kaum eine laufende Serie ohne massive Umbesetzung synchronisiert werden können.
Das Problem der Branche ist, dass die Sprecher*innen von der Natur ihrer Tätigkeit oft weniger sichtbar sind. Zwar gilt Synchronarbeit auch als Disziplin des Schauspiels und viele Sprecher*innen sind auch vor der Kamera oder auf der Bühne aktiv, doch die große Sichtbarkeit für ihre Synchronarbeit bleibt dennoch aus. Es ist zudem schwer herauszufinden, wer überhaupt den Boykott unterstützt und auch auf Social Media wird das Problem der KI-Klausel eher von Fans publik gemacht. Das hat immerhin die Petition des VDS gegen KI in der Synchronbranche auf openPetition wieder angefeuert. Die bereits im April 2025 gestartete Petition hat sich vom 26. Januar bis zum 17 Februar von 90.000 auf 100.000 Unterzeichner gesteigert.
Netflix bleibt derweil hart. Der Streamingdienst droht dabei nicht einmal Rollen einfach umzubesetzen, sondern schlicht keine Synchronisationen anzubieten, wenn die Sprecher*innen nicht einlenken. Stattdessen gibt es die Produktionen dann nur mit deutschen Untertiteln.
Ob diese Rechnung aufgeht, ist auch abhängig davon, wie viele Abos Netflix diese Entscheidung kostet und wie lange die Synchronsprecher*innen ihren Boykott aufrecht halten können. Neben Netflix arbeitet beispielsweise auch Amazon bereits mit KI. Beim Anime Banana Fish probierte Amazon sogar eine komplette KI-Besetzung der englischen Synchronisation. Die fiel allerdings doch noch sehr robotisch aus und stieß damit auf wenig Gegenliebe.
Image via thepaxtonfront via pixabay
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