Die soziale Abhängigkeit von Social-Media-Plattformen

Bei vielen von uns geht morgens der erste Griff direkt zum Handy. Noch vorm Zähneputzen oder dem ersten Kaffee wartet schon der Social-Media-Feed. Und auch sonst ist das Smartphone meist den ganzen Tag über griffbereit in der Hosentasche.

Ein großer Teil unseres Lebens findet auf Social Media statt. Mit Freunden chatten, Fotos austauschen oder sich unterhalten lassen – all das geht mit nur einer App. Und immer mehr scheint sich unser Alltag auf Apps zu verlagern. Entertainment, Kontakte, Einkaufslisten, Wunschzettel und oftmals sogar der eigene Beruf sind digitalisiert und mit wenigen Klicks abrufbar. Und es fällt immer schwerer, mal einen Tag komplett ohne zu verbringen.

Nur etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung ist nicht auf den sozialen Netzwerken vertreten. Wie wichtig, aber auch problematisch, Social Media besonders für Heranwachsende im Alltag bereits ist, und welche Alternativen es zu den großen Plattformen gibt, erfahrt ihr hier.

Soziale Abhängigkeit

Wer nicht auf Social Media existiert, fehlt somit in einem gravierenden Teil des Lebens des eigenen sozialen Umfelds. Fast die Hälfte der deutschen Social Media-Nutzer*innen geben an, die Apps vorwiegend zu nutzen, um mit Freunden und Familie im Kontakt zu bleiben.
Vor allem Freundschaften finden heutzutage zunehmend online statt. Es werden sich lustige Videos geschickt, die neusten Nachrichten geteilt oder sogar komplett neue Verbindungen geknüpft – ohne sich vorher jemals gesehen zu haben.

Trotz dieser ständigen Kontaktmöglichkeiten fühlt sich beinahe die Hälfte aller Heranwachsenden in Deutschland einsam. Der Austausch über die sozialen Medien scheint letztlich wohl doch keinen realen, menschlichen Kontakt ersetzen zu können.

Er bietet allerdings eine Alternative, gerade für Personen die in ihrem eigenen Umfeld kein Verständnis oder Akzeptanz erfahren. Bei 272 Millionen Instagram Nutzer*innen weltweit ist die Chance, Anklang zu finden deutlich höher als in der analogen Welt. Internetbekanntschaften, und sogar –freundschaften, sind ein Phänomen des digitalen Zeitalters. Unabhängig von der räumlichen Distanz, können sich dank des World Wide Webs Personen vernetzen, die sich sonst wahrscheinlich nie begegnet wären.

Angst, Stress, Krankheit

Nichtsdestotrotz ist der Besuch von Instagram, Facebook und Co. auch mit negativen Gefühlen, wie Neid, Stress und Schuld verbunden. Etwa ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland stresst der Blick in den Feed.

Dazu kommt die Angst vor negativen Auswirkungen im sozialen Umfeld. Denn obwohl mehr als die Hälfte der Jugendlichen gerne weniger Zeit auf den sozialen Medien verbringen würden, finden ebenfalls die Hälfte andere Personen in ihrem Alter ohne Social Media uncool. Die Angst, Wichtiges zu verpassen und vom Umfeld verschmäht zu werden, ist ständiger Begleiter in den Köpfen der Jugend.

Diese Ängste führen, laut einer Studie der DAK, bei mindestens jedem vierten Kind von 10 bis 17 Jahren zu einer problematischen Mediennutzung. Das sind über 1,5 Millionen betroffene Minderjährige. Hunderttausende Jugendliche sind dabei sogar pathologisch – also krankhaft – in den sozialen Medien unterwegs. Sie vernachlässigen durch ihre Social-Media-Sucht andere Lebensbereiche wie die Schule, oder leiden unter Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und anhaltender Reizbarkeit.

Sucht nach System

Das kommt nicht von ungefähr, denn die großen sozialen Netzwerke sind darauf designt ihre User*innen abhängig zu machen. Schier endlos können diese durch Unmengen von Bildern und Videos swipen, und mit jedem neuen, unbekannten Inhalt wartet ein neuer Dopamin-Kick. Es gibt, anders als bei beispielsweise einem Spielfilm, keinen Endpunkt. Die Nutzer*innen müssen selbst den Schlussstrich ziehen – und diese Selbstregulation fällt besonders Heranwachsenden sehr schwer: Minderjährige verbringen in Deutschland knapp vier Stunden am Tag vor ihrem Smartphone. 

Die Inhalte sind zudem daran angepasst, Nutzer*innen möglichst lange auf der entsprechenden App zu halten und zu Interaktionen zu verleiten. Aus diesem Grund sind die Videos schnell, emotionalisierend und polarisierend. 
Durch Interaktionen mit bestimmten Inhalten lernen die Social-Media-Algorithmen die Nutzer*innen-Interessen kennen und spülen daraufhin umso mehr individuell angepassten Content in ihre Feeds. Der Algorithmus stellt Engagement über Qualität und präferiert daher kontroverse Inhalte, die schneller viral gehen und der Nährboden für viele Likes, Shares, Klicks und Kommentare sind. Konfrontation wird also belohnt.

Die andere Seite der Medaille sind sogenannte Filterblasen. Sie erschaffen einen persönlichen Wohlfühlort im Netz. Filterblasen können Echokammern bedingen: Ein digitaler Raum, in dem Nutzer*innen immer weniger mit anderen Meinungen konfrontiert werden und die eigene Meinung immer mehr bestätigt wird. Das kann, gerade wenn das eigene Umfeld nicht die persönliche Meinung teilt, zu sozialer Isolation führen. 

Private Interessen im öffentlichen Raum 

Bezahlt wird für diesen Wohlfühlort nicht mit Geld, sondern mit Daten. Besonders begehrt sind diese Daten bei Unternehmen, die sie gezielt für Werbezwecke einsetzen. Ein Paradebeispiel ist Mark Zuckerbergs Meta-Konzern, zu dem WhatsApp, Facebook und Instagram gehören.

Das ist besonders problematisch, da die großen Monopolplattformen und –konzerne, wie eben Meta, aber auch Google und Amazon, darüber bestimmen, wie wir unsere Informationen zum Weltgeschehen erhalten. Sie bestimmen unsere digitale Öffentlichkeit, und damit zwangsläufig auch unsere Lebensrealität.

Gerade deshalb ist es wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wichtig Datenschutz ist und das auch Alternativen zu den bekannten Plattformen existieren. Dezentrale Netzwerke helfen Nutzer*innen,  aus dem Algorithmus-Gefängnis auszubrechen und zeigen uns eine ganz andere Art von Social Media. 

Dezentrale Netzwerke 

Bei dezentralen Netzwerken sind die einzelnen Plattformen für sich unabhängig, durch das offene Protokoll ActivityPub jedoch trotzdem unter- und miteinander verbunden. Nutzer*innen brauchen somit nur ein Konto auf einer dezentralen Plattform. Sie funktionieren ähnlich wie E-Mail Dienste, bei denen die Vernetzung auch unabhängig vom Anbieter möglich ist. Anders als Instagram, TikTok und YouTube, sehen sich dezentrale Netzwerke weniger als Konkurrenten, als ein Teil eines gemeinsamen Plattformökosystems. 

Die Daten und Kontrolle über das System sind auf mehrere unabhängige Server verteilt, es gibt also keinen zentralen Hauptserver, wie etwa bei Metas Instagram. Nicht ein einzelnes Unternehmen speichert die Nutzerdaten, vielmehr sollen sie lokal und transparent verwaltet werden. 

Die dezentralen Netzwerke bilden den Kern des Fediverse. Es gehört niemandem und zeichnet sich durch seine Interoperabilität, also nahtlose Kommunikation, Austausch und Vernetzung, aus.  

So wollen – und können – diese Open Source-Systeme Vielfalt und Transparenz fördern. Zugleich wirken sie außerdem gegen die Mediensucht, denn sie machen keinen Gebrauch von undurchsichtigen Algorithmen, die Nutzer*innen von den entsprechenden Plattformen abhängig machen sollen. Die Inhalte werden hier chronologisch angezeigt. 
Die Netzwerke finanzieren sich nicht durch Werbeeinnahmen, sondern durch Spenden und freiwillige Mitarbeiter*innen.  

Das wohl bekannteste dezentrale Netzwerk ist Mastodon. Von Aufbau und Nutzungsweise ähnelt es Elon Musks X, ehemals Twitter, und erlangte nach Musks Twitter-Deal Bekanntheit. Mastodon ist werbefrei und erlaubt seinen Nutzer*innen sogar 220 Zeichen mehr zu “tröten” (auf englisch “tooten”) als X. 

Herausforderungen 

Trotz der Probleme der meisten sozialen Netzwerke nutzen verhältnismäßig wenige Menschen Alternativen wie Mastodon. Der Instagram-Post mit den meisten Likes – Lionel Messis Foto mit der Weltmeisterschaftstrophäe – hat 65,4 Millionen mehr Likes als Mastodon Nutzer*innen (Stand Ende 2024).

Auf dezentralen Plattformen besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Freunde oder Lieblingspromis nicht vertreten sind. Somit lohnt sich für viele die Nutzung nicht. 
Zusätzlich müssen sich User*innen ihr digitales Umfeld und Filterblasen sozusagen selbst erschaffen, da Mastodon und Co. keine Lernalgorithmen verwenden.  

Auch der Umgang mit Hate Speech und Fake News ist hier schwieriger als bei den anderen Plattform, die ihre eigenen Regeln bei ihren Nutzern auf alleinig ihrer Plattform durchsetzen kann. Zudem lauert bei selbstverwalteten Servern die Gefahr der Zensur.

Es gibt immer Herausforderungen dabei, neue Systeme aufzubauen und zu etablieren. Trotz des gesellschaftlichen Problembewusstseins gegenüber bereits etablierten Plattformen bleibt beim Großteil der Nutzer*innen der Schritt zu den Alternativen aus. Wichtig wäre es, ein allgemeines Bewusstsein für die Wichtigkeit von Datenschutz zu schaffen und bestehende Regularien durchzusetzen, um Nutzer*innen zu schützen. 


Image by RDNE Stock project via pexels

Studiert Medien und Kommunikation in Hamburg. Interessiert sich besonders für digitale Trends und Entwicklungen und dafür, wie sie unsere Welt verändern.


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