Digitale Klassenzimmer in Deutschland im Jahr 2026?

Lernplattformen, Smartboards und Tablets – digitale Klassenzimmer klingen modern, effizient und zukunftsgerichtet. Doch wie sieht die Wirklichkeit im Schulalltag wirklich aus? Wie viele Schulen entsprechen dieser Norm? Im Jahr 2026 steht Deutschland an einem Wendepunkt. Nach dem Schub durch die Corona-Pandemie und einer Investition von 6,5 Mrd. Euro durch den Digitalpakt sind digitale Endgeräte in vielen Klassenzimmern angekommen. Trotzdem fehlt es oft noch an funktionierender Infrastruktur, IT-Support und pädagogischer Einbettung.

Während manche Schulen große Fortschritte gemacht haben, kämpfen andere noch mit instabilem WLAN oder ungenutzten Tablets im Schrank. Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt: Länder wie Japan, Südkorea oder Estland sind uns in Sachen digitaler Bildung oft mehrere Schritte voraus. Dort wurde Digitalisierung frühzeitig als strategisches Ziel verankert – mit klaren Konzepten, besserer Ausstattung und einem breiten gesellschaftlichen Konsens. In Deutschland dagegen verlaufen viele Prozesse schleppend, föderale Strukturen und Datenschutzbedenken bremsen den Fortschritt.

Was gehört in das digitale Klassenzimmer?

Ein digitales Klassenzimmer ist mehr als ein Raum mit WLAN und ein paar Tablets. Es lebt von funktionierender Ausstattung und von Menschen, die sie sinnvoll nutzen. Smartboards, Beamer und Lernplattformen sind nur der Anfang. Ohne stabiles Internet, regelmäßige Wartung und technische Unterstützung bleibt die teuerste Technik ein Staubfänger. Lehrkräfte brauchen nicht nur Geräte, sondern auch Zeit und Schulungen, um digitale Medien gewinnbringend einzusetzen. Erst wenn Ausstattung, Infrastruktur, Wartung und Fortbildung zusammenkommen – und eine klare Idee dahintersteht – wird daraus ein Ort, an dem digitales Lernen gelingt.

Darüber diskutierten wir auch in unserer Podcast-Ausgabe Bildschirm statt Bildung – Wie digital sollte Schule sein? Einig waren sich alle darin, dass digitale Klassenzimmer mehr benötigen, als einen Schrank voller iPads.

Deutschland – Zwischen Ambitionen und Realität

Während Länder wie Estland und Japan konsequent auf digitale Bildung setzen, wirkt Deutschland im internationalen Vergleich oft zögerlich. Zwar gibt es politische Willensbekundungen und Fördergelder – doch der digitale Wandel an Schulen verläuft vielerorts schleppend. Das wirft eine zentrale Frage auf: Warum tut sich Deutschland so schwer mit digitaler Bildung?

Ein Kernproblem ist die Komplexität des Bildungssystems. Bildung ist Ländersache – und damit in 16 Bundesländern unterschiedlich organisiert. Was an einer Schule funktioniert, scheitert an anderer Stelle an Zuständigkeiten, Technik oder Personal. Der 2019 beschlossene Digitalpakt „Schule“ stellte zwar 6 Milliarden Euro bereit, um WLAN, Endgeräte und digitale Tafeln bereitzustellen, doch bürokratische Hürden, langsame Ausschreibungen und fehlende IT-Strukturen führten dazu, dass viele Mittel bis heute nicht vollständig abgerufen wurden. Mittlerweile geht der Digitalpakt in die zweite Runde und noch immer gibt es keine Hürden, um an die Förderung zu kommen.

Hinzu kommt technologische Vorsicht. Datenschutz, IT-Sicherheit und Skepsis gegenüber neuen Tools prägen die Diskussion oft stärker als die Chancen. In vielen Fällen fehlt eine klare Strategie, wie digitale Medien sinnvoll in den Unterricht integriert werden können – und wie Lehrkräfte dabei Unterstützung bekommen.

Modellprojekte und Pionierschulen

Es gibt sie bereits: Schulen, die vorangehen. Sie arbeiten mit bekannten Lernplattformen wie itslearning oder Moodle oder nutzen eigens entwickelte wie die Plattform „Logineo NRW“, die Messenger-, Cloud- und Lernmanagementfunktionen enthält. Erste Tests mit KI-gestützten Lernhilfen oder adaptiven Lernsystemen zeigen, was möglich wäre. Doch was funktioniert, bleibt oft Ausnahme – nicht die Regel.

Die Corona-Pandemie wirkte zwar als Beschleuniger, machte aber auch Unterschiede sichtbar: Einige Schulen setzten Fernunterricht schnell um, andere scheiterten an WLAN. Der Wille zur Veränderung ist da – aber Zuständigkeiten, Verlässlichkeit und eine gemeinsame Vision fehlen oft.

Was machen andere Länder anders?

Japans Weg zur digitalen Schule

Während Deutschland noch über stabiles WLAN diskutiert, ist Japan schon weiter. Dort sind digitale Schulbücher, Tablets im Grundschulunterricht und KI-gestützte Lernhilfen längst Standard. Schon in den 1990er-Jahren starteten erste Projekte wie das „100 Schools Project“ und später das „CoNETS“-Konsortium. Was als Pilot begann, wurde Grundlage einer Bildungsreform.

Das GIGA School Programm

Ein Meilenstein war 2019 der Start des GIGA School Programms. Ziel: Jedes Kind bekommt ein digitales Endgerät. Zusammen mit schnellem Internet sollte so die Basis für modernes Lernen geschaffen werden. Durch Corona beschleunigte sich der Ausbau. Schon 2021 war die technische Ausstattung fast flächendeckend. In Tokio nutzen Kinder Tablets, um Animationen zu zeichnen, Sportübungen per Videoanalyse zu korrigieren oder digitale Notizbücher zu führen. Lernen ist dort digital und individuell.

Der nächste Schritt – KI im Unterricht

Japan geht weiter. Seit 2024 setzt das Land stärker auf KI. Erste Schulen nutzen ChatGPT-ähnliche Systeme, um Texte zu analysieren oder Fragen zu beantworten. Bis Ende 2025 sollen 50.000 Lehrkräfte für den Umgang mit KI-Werkzeugen geschult werden. Auch die Lehrpläne beinhalten KI. Wer mehr wissen möchte, sollte unseren Artikel lesen: Wie KI-Tools wie ChatGPT heute schon in Schulen und Unis eingesetzt werden – und welche Chancen und Probleme das bringt.

Estland – Digitales Lernen von Anfang an

Ein Schlüsseljahr für Estland war 1996: Mit dem Tigris-Hüppe-Programm legte das Land den Grundstein für die Digitalisierung der Schulen. Ziel: Computer und Internet in jede Schule bringen. Schon in den 2000ern nutzten estnische Schulen Plattformen wie eKool, über die Eltern, Lehrkräfte und Schüler Hausaufgaben und Noten einsehen konnten. Programme wie ProgeTiiger verankerten Programmieren und Medienkompetenz schon ab der Grundschule.

Corona-Pandemie – Estlands System im Test

In der Pandemie bewährte sich Estlands digitales Schulsystem. Der Umstieg auf Fernunterricht gelang problemlos, weil die Infrastruktur vorhanden war. Seit 2025 läuft das Projekt „AI Leap“, das alle weiterführenden Schulen mit KI-Tools ausstattet. Schon jetzt arbeiten 20.000 Schüler*innen und 3.000 Lehrkräfte mit KI. Bis 2026 folgen 38.000 weitere. Ziel: Lehrkräfte entlasten und Lernen individueller machen.

Interview mit Englischlehrer Peter K.

Was ist Ihre Meinung zur Nutzung von digitalen Geräten im Unterricht?

Digitale Medien sind Teil des Alltags, deshalb sollten wir sie auch in der Schule nutzen und den Schülern den Umgang beibringen. Sie sind kein Allheilmittel, sondern nur ein Teil unserer Möglichkeiten.

Wie würden Sie den aktuellen Stand der Digitalisierung an Ihrer Schule beschreiben?

Den Stand kann ich nicht abschließend beurteilen, bin aber zufrieden. Das digitale Klassenbuch und die Möglichkeiten, die es eröffnet, sollten mehr genutzt und ausgebaut werden. In jedem Saal gibt es digitale Projektoren, wir können viel zeigen und nutzen.

Welche digitalen Geräte nutzen Sie im Unterricht – und warum gerade diese?

Ich nutze Tablets mit Projektoren. Außerdem Computer und Tablets, um Schüler Informationen suchen oder Aufgaben bearbeiten zu lassen. Manchmal dürfen Schüler auch ihr Handy verwenden.

Wie oft erleben Sie technische Probleme im Unterricht?

Leider oft. Geräte verbinden sich nicht, sind nicht geladen oder ohne Internet. Diese Probleme gibt es privat auch, im Unterricht fallen sie stärker ins Gewicht.

Gab es für Sie eine Vorbereitung oder Schulung?

Ja, es gibt Fortbildungen. Manche helfen wenig. Ich wünsche mir verpflichtende Fortbildungen für alle Lehrer. Einheitliche Systeme wären wichtig, aber daran scheitert das System. Jede Schule kocht ihr eigenes Süppchen – eine Verschwendung.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wieder ohne digitale Geräte zu unterrichten?

Ja. In Englisch ist das sogar unerlässlich. Eine Sprache muss gesprochen werden, das geht oft besser ohne Technik. Digitale Medien sind gut für individuelle Förderung, aber nicht immer im Unterricht. Auch in der Küche schreibe ich Rezepte ab, statt das Tablet zu nutzen.

Also zusammengefasst:

Ja, es muss auch ohne digitale Medien gehen. Ja, sie sollten auch weggelassen werden können. Aber sie komplett zu verbannen, wäre falsch. Sie sind Teil unserer Materialien – wie vieles andere auch.

Wo sehen Sie die Schulen in zehn Jahren?

Schulen entwickeln sich weiter, wie sie es immer taten. Sie spiegeln Gesellschaft und Fortschritt. Manche Länder testen rein digitale Schulen, andere kehren zurück. Veränderungen wird es immer geben – und das macht den Beruf spannend.

Fazit

Deutschland hängt hinterher. Aber digitale Schulen sind möglich – siehe Japan und Estland. Dafür müssen wir mehr tun. Die Probleme, die Peter K. beschreibt, wie fehlender Fokus bei Schülern, entstehen durch fehlendes Training im Umgang mit digitalen Geräten. Wird nicht vermittelt, wie man digitale Klassenzimmer sinnvoll nutzt, frustriert das Lehrer und verschlechtert Leistungen. Manche Schulen kehren bereits zurück zu Büchern. Die Frage ist: Was genau brauchen wir, um Schulen in Deutschland digital zu machen?

Wenn wir das nicht schaffen, werden wir wieder zu Büchern, Stift und Papier zurückkehren – zum Wohl von Lehrern und Schülern.


Image by: Pixabay via Pexels.


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