All posts under Schallplatten

Fliegende Schallplatten für das Wohnzimmer

Wenn jemand auf einen zukommt und das Gespräch mit den Worten „möchtest du mal meinen schwebenden Plattenspieler sehen?“ beginnt, wäre ich sicher unter den ersten Leuten, die ganz hastig die Flucht antreten würden. Doch so absurd das auch klingen mag, und so sehr man ein Gespräch mit jemanden Fremden auf keinen Fall so anfangen sollte, so erstaunlich ist es, dass es nun tatsächlich den ersten schwebenden Plattenspieler gibt. Und die Technik dahinter ist so simpel wie genial.

Kickstarter-Fundstück der besonderen Art

Angefangen hatte dieses Projekt in 2016, als die slowenische Firma MAG-LEV Audio eine Kickstarter-Kampagne startete, um ihre neue Idee zu einem schwebenden Plattenspieler zu finanzieren. Ihr Ziel von 250.000 Euro war schnell erreicht und letztendlich sammelten sie über 500.000 Euro über Kickstarter zusammen, bevor sie mit der Entwicklung des ML1 begannen.

Doch wie funktioniert das Ganze? Die Drehscheibe, auf der sich die Schallplatte am Ende befindet, wird durch eine magnetische Kraft zum „schweben“ gebracht. Der Plattenspieler selbst besitzt darüber hinaus keinen Motor, sondern arbeitet nur mit der Magnetkraft und Elektrizität. Außerdem ist der ML1 mit einer speziellen Software ausgestattet, welche die Rotationen reguliert. Die Software liest die Bewegungen anhand der Spiegel ab, die sich unter der schwebenden Platte des Geräts befinden. Wie bei jedem herkömmlichen Plattenspieler kann auch hier die Umdrehungszahl pro Minute auf entweder 33,3 oder 45 gesetzt werden. Der Mitbegründer des Unternehmens, Klemen Smrtnik, sagte in einem Interview mit The Vinyl Factory, die Schwebe-Technik habe zwar keinen direkten Einfluss auf die Klangqualität, aber dadurch, dass kein traditioneller Motor verbaut ist, sei der ML1 langlebiger als andere Geräte.

Wo sich futuristisch und minimalistisch begegnen

Es mag sich dem ein oder anderen an dieser Stelle die Frage aufdrängen: Wozu dann das Ganze? Wozu brauche ich einen schwebenden Plattenspieler, dessen Klangqualität die von herkömmlichen Geräten nicht übertrifft? Zugegeben, der ML1 ist ein Gerät, das wohl eher Vinyl-Liebhaber begeistern wird, als den Casual-Platten-Hörer. Das Design des schwebenden Plattenspielers ist unglaublich futuristisch und gleichzeitig minimalistisch. So sorgen zum Beispiel die verbauten LEDs für einen Aha-Effekt und runden das moderne Design ab. Für den Herren oder die Dame von Welt eignet er sich gewiss als tolle Ergänzung für die Wohnungseinrichtung. Aber der ML1 ist nun mal ein Nischenprodukt, das den Markt voraussichtlich nicht revolutionieren wird. Man muss allerdings schon zugeben: Nicht nur ist es irgendwie cool, dass so ein Gerät überhaupt existiert, sondern es sieht auch einfach unglaublich fancy aus.

Hier könnt ihr den ML1 in seiner vollen Pracht erleben:


Image by Sergeska /adobestock.com

Weiterlesen »

Packt den Walkman aus – die Kassette ist wieder da

Ich gebe es zu. Ich habe dem derzeitigen Kassetten-Hype niemals besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt. Als Schallplatten-Jüngerin war und bin ich fest davon überzeugt, dass auf Vinyl beinahe jedes Lied besser klingt. (Vorausgesetzt die Aufnahme im Studio war ordentlich und derjenige, der den Song auf Vinyl gepresst hat wusste, was er tut.) Trotzdem erwischte ich mich dabei, wie mich ein wohliges Gefühl der Nostalgie überkam, als ich mir das neue Album meiner Lieblingsband kaufte und dem „Exclusive Vinyl Bundle“ ebenfalls eine Kassette beigelegt war. Ich habe keinen Kassettenspieler mehr. Trotz dessen war es ein merkwürdig schönes Gefühl, diesen etwas in die Jahre gekommenen Tonträger wieder in den Fingern zu halten. Rückblenden in meine Kindheit zu alten Spongebob-Hörspielen und Bibi und Tina-Folgen inklusive.

Doch ich bin nicht die Einzige, die die Besonderheit der Kassette wiederentdeckt hat. Egal ob in Serien, in Filmen oder bei Neuerscheinungen in der Musik-Branche. Der Retro-Hype schreitet voran und mit ihm erwacht auch die Kassette zu neuem Leben.

Warum Kassette?

Darauf gibt es wohl keine rein rationale Antwort. Technisch gesehen steht die Kassette modernen CDs und vor allem Streaming Diensten in einiges nach. Maximal 90 Minuten Musik passen auf eine Seite der Kassette. Nach Benutzung muss man das Band manuell zurückspulen, es sei denn das Wiedergabegerät kann das selbst. Und das Wechseln von Songs, oder das Überspringen, ist deutlich komplizierter als bei anderen Tonträgern. Auch wenn die CD insgesamt nur 80 Minuten Musik speichern kann, rauscht und springt sie im Vergleich mit der Kassette nicht. Des Weiteren kann man hier Songs deutlich einfacher überspringen. Wenn es um die reine Praktikabilität geht, macht aber den heutigen Streaming Diensten keiner etwas vor. Millionen von Songs, von überall abspielbar, inklusive der Möglichkeit hunderte individuelle Playlists zu erstellen und diese mit Freunden zu teilen.

Aber um den „praktischen“ Nutzen geht es bei der Kassette auch eher weniger. Viel mehr hat der auflebende Hype etwas mit Nostalgie zu tun.

Totgesagte Technologien leben länger

Einige machen die Streaming-Plattform Netflix für das Wiederkehren der Kassette verantwortlich. In Serien wie „Stranger Things“ oder dem Film „Guardians of the Galaxy” wird die Kassette zum Kult-Objekt erhoben. Indirekt wird der Kassette also vorgeworfen, sie sei nur ein Mittel zum Zweck, um noch mehr Hype zu erschaffen und noch mehr Merchandise zu verkaufen. Aber das wäre zu kurz gedacht. So lässt sich zum Beispiel in Berlin beobachten, dass immer mehr Musikläden Kassetten wieder zunehmend in das Sortiment aufnehmen. Die Kassette sei auch nie ganz weg gewesen, wird hier argumentiert, sie lebe nur neu auf. Gleichzeitig beobachten die Betreiber der Musikgeschäfte das, was die Kassette auch auf längerfristige Sicht wieder stärker in den Mainstream holen könnte: Im digitalen Zeitalter gibt es immer mehr Menschen, die Musik wieder bewusster erleben wollen. Und dazu gehört eben auch, Tonträger wieder in der Hand zu haben. Ähnlich wie bei der Schallplatte sucht man nicht zwangsweise nach rauschfreier Perfektion, sondern nach dem individuellen Charakter der Musik. Somit ist die Kassette nicht einfach ein aufgewärmter „Werbegag“ großer Firmen, sondern sie hat ihren festen Platz in der Retro-Bewegung der Postmoderne gefunden.


Image by Tobias Tullius / unsplash.com

Weiterlesen »