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Vuze XR im Test: 2-in-1-Kamera für 360 Grad und 180 Grad ausprobiert

Der Hype um 360-Grad-Kameras ist längst nicht mehr so stark wie vor drei Jahren, weil Virtual Reality als Medium noch immer im Dornröschenschlaf döst. Kamera-Hersteller Humaneyes will durch eine 2-in-1-Lösung im mittelpreisigen Bereich neue Kaufanreize setzen. Das Modell Vuze XR kombiniert einen 360-Grad-Blick in 2D mit einem 180-Grad-Panorama in stereoskopischen 3D. Zum Wechsel wird das Objektiv-Duo einfach per Knopfdruck auf- und zugeklappt. Auf diese Weise entstehen Fotos mit bis zu 18 MP und Videos in maximal 5,7K bei 30 fps. Während der Photokina 2018 und CES 2019 sorgte dieses Konzept für großes Aufsehen. Jetzt konnten wir ein fertiges Exemplar der 440 Euro teuren Kamera in der Praxis ausprobieren. So schneidet die Vuze XR im Test ab.

Design und Technik: Das bietet die Vuze XR

In puncto Design nähert sich Humaneyes dem Mainstream an. Nach der Vuze VR im sperrigen Look eines mobilen CD-Players, handelt es sich bei der Vuze XR um eine Stab-Kamera mit ausladendem Objektiv-Kopf, die gut in der Hand liegt. Das Bedienkonzept ist schlicht gehalten: Am Kameragehäuse befindet sich jeweils ein Knopf für An/Aus, WLAN-Verbindung, Klappmechanismus und fürs Auslösen. Das war‘s.

Die glatte Kunststoffoberfläche des Rumpfs wirkt massiv und hochwertig, mutet nicht so nach günstigem Plastik an wie noch bei der Vuze VR. Mit 212 Gramm wiegt das XR-Modell zum Teil erheblich mehr als vergleichbare Modelle. Das gilt zum einen für den jetzt erschienenen direkten Konkurrenten Insta360 EVO (113 Gramm), eine Kamera, die ebenfalls einen Klappmechanismus für 360- und 180-Grad-Bilder verwendet. Aber klassische Stab-Kameras von von Ricoh (Theta V: 121 Gramm, Theta Z: 182 Gramm) und Insta360 (One X: 114 Gramm) sind viel leichter. In dieser Hinsicht machen sich die robuste Bauweise und die aufwendigere Konstruktion bemerkbar.

Der Klappmechanismus des Objektiv-Duos erscheint uns so vertrauenswürdig, als könnte er lange durchhalten. Allerdings sind die nach außen gewölbten Fisheye-Linsen unbedingt zu schützen. Gut, dass eine Transporttasche zum Lieferumfang gehört.

Beim Innenleben bleibt Humaneyes konservativ. Denn hinter den zwei 210-Grad-Fischaugen mit Blende F2.4 stecken zwei kleine 12-MP-Sensoren von Sony im 1/2.3-Zoll-Format – ähnlich, wie in anderen Consumer-Kameras auch. Für das Rauschverhalten wären 1-Zoll-Sensoren wie in der neuen Ricoh Theta Z besser gewesen. Dieses Modell ist aber auch mehr als doppelt so teuer wie das von Humaneyes.

Die Vuze XR kommt ohne einen internen Speicher aus, daher ist eine Micro-SD-Karte zwingend notwendig. Sie akzeptiert schnelle Karten vom Typ UHS-II (U3). Nicht unüblich für diesen kompakten Formfaktor, fällt der Akku mit 1.200 mAh eher klein aus. Er hält laut Hersteller eine Einsatzstunde bis zum nächsten Aufladen durch, was unseren Erfahrungen nach hinkommt. Für ein längeres Shooting ist es also empfehlenswert, eine Powerbank dabei zu haben. Aufladen lässt sich der Akku mit zeitgemäßem USB-C-Kabel (USB 3.0).

Aufnahmen mit der Vuze XR im Test: App endlich mit Sichtkontrolle

Theoretisch ließe sich mit der Vuze XR im Test einfach drauflos fotografieren und filmen. Weil sie über kein Display für Aufnahmeparameter verfügt, ist aber das Fernauslösen per Smartphone-App für iOS und Android die sinnvollere Wahl. Im Gegensatz zu Modellen wie Samsung Gear 360 oder Insta360 nano arbeitet die Vuze XR nicht nur mit ausgewählten Smartphones zusammen.

Anders als bei der Vuze VR zum Start liefert die App der Vuze XR direkt eine Live-Vorschau in 360 Grad bzw. 180 Grad. Das erleichtert die Perspektivkontrolle vor der Foto-Aufnahme und während der Video-Aufnahme deutlich. Ausnahme: Ist die Standard-Auflösung von 5,7K aktiv, verweigert die App eine Live-Vorschau. Wenn wir sie auf 4K herunterschrauben, funktioniert sie aber.

Die Verbindung zwischen Kamera und Smartphone erfolgt via WLAN (2,4 Ghz und 5 Ghz). Bei iPhones ist dann kein Zugriff aufs Internet möglich, weil die mobilen Daten per LTE deaktiviert sind. Anders verhält es sich bei Android. Unterstützt ein Smartphone Wi-Fi Direct, sind simultan Verbindungen zur Kamera und zum Internet möglich. Zwar arbeitet die die Vuze XR im Test mit beiden mobilen Betriebssystemen insgesamt einwandfrei zusammen. Doch der Aufbau einer WLAN-Verbindung lässt sich bei Android einfacher einrichten als bei iOS.

Ist die Kamera aufnahmebereit, haben wir die Wahl zwischen einem 360-Grad-Blick mit üblicher zweidimensionaler Darstellung oder einem 180-Grad-Panorama, das eine 3D-Tiefenwirkung erzeugt. Die Entscheidung treffen wir mit dem Knopf für den Klappmechanismus. Drücken wir ihn, schwingen die Objektive auf und positionieren sich parallel zu einer Himmelsrichtung hin. Das ist ideal, wenn eine Szene frontal aber mit großem Blickwinkel abzubilden ist. Wer einen Ort so spannend findet, dass er ihn in Rundumsicht zeigen möchte, lässt die Objektive geschlossen.

Ob Foto, Video oder Live-Streaming – den Betriebsmodus wiederum ändern wir nicht am Kameragehäuse, sondern in der App. Die Belichtung nimmt die Software vollautomatisch vor. Vor oder während der Aufnahme ändern können wir sie nicht.

Gute Bildqualität, kaum Unterschiede zwischen 2D und 3D

Praktisch: Das Stitching erledigt die Vuze XR im Test von selbst. Sie fügt die Einzelaufnahmen beider Objektive also automatisch zu einer Datei zusammen. Daher können wir die Bilder sofort in der Smartphone-App betrachten, wahlweise auch mit geteiltem Bildschirm in der Ansicht für Virtual-Reality-Brillen.

Testaufnahmen mit der Vuze XR in 360 Grad und 180 Grad.

Gepostet von RatgeBerti am Freitag, 15. März 2019

Die Vuze XR bietet für diese Produktkategorie eine gute Bildqualität. So sind die Stitching-Übergänge nahtlos, wir können keine Schnittkanten erkennen. Überwiegend gelingt der Kamera eine korrekte Belichtung. Sie gibt das Geschehen also recht natürlich wieder und bewahrt in Schatten und hellen Partien viel Struktur. Nur bei starkem Sonnenlicht reicht der Dynamikumfang nicht, sodass die Kamera sehr helle Bildbereiche wie den Himmel teilweise überbelichtet. Das haben andere Modelle aber auch nicht perfekt im Griff. Farbsäume an starken Kontrastkanten sind kein Thema.

Welchen Unterschied macht nun eigentlich 3D bei 180 Grad im Vergleich zu 2D mit 360 Grad? Mal abgesehen von dem kleineren Bildwinkel bietet die 3D-Darstellung auf einem Smartphone-Display – mit oder ohne VR-Brille – sichtbar mehr Tiefenwirkung. Der Vordergrund hebt sich deutlich besser vom Hintergrund ab. Wunder sind allerdings nicht zu erwarten. Denn der Effekt ist keinesfalls so krass wie bei einem Hollywoodfilm mit klar abgegrenzten Schärfeebenen. So eine deutliche Staffelung der Schärfe lassen aber auch allein die ultraweitwinklige Optik und die kleinen Sensoren schon nicht zu.

Video-Testaufnahme mit der Vuze XR in 360 Grad

In den vergangenen Tagen habe ich die 360-Grad-Kamera Vuze XR ausprobiert. Hier eine kurze Testsequenz mit begrenztem Unterhaltungswert aber einer Möglichkeit, die Belichtung in einer Hochkontrastsituation zu beurteilen. Das kriegt die Kamera gut hin.

Gepostet von RatgeBerti am Freitag, 15. März 2019

Bearbeiten am Smartphone oder Computer

Weil wir die Belichtung vor und während der Aufnahme nicht verändern können, ist eine Möglichkeit zur Nachbearbeitung begrüßenswert. Das geht sowohl in der Smartphone-App als auch im Vuze VR Studio für PC und Mac. Der Funktionsumfang ist aber auf allen Plattformen gering.

In der App können wir nachträglich in Helligkeit, Kontrast und Farbtemperatur eingreifen. Weil die Aufnahmen aber nicht in RAW vorliegen, sondern schon stark komprimiert ist, besteht nur ein begrenzter Spielraum. Filter und Effekte lassen sich ebenfalls anwenden. Videos können wir außerdem trimmen, croppen und stabilisieren. Im Unterschied zur Android-Version (v1.2.3912) ermöglicht die iOS-App (v1.2.2.370) zudem die Sichtachse zur besseren Zuschauerführung individuell zu zentrieren.

Aufs Handy lassen sich übrigens von der Vuze XR im Test nur Fotos und Videos in 4K bei 30 fps zur Bearbeitung herunterladen. Hingegen bei Videos in 5,7K oder 4K bei 60 fps verweigert die App den Download. Die beiden besten Video-Qualitäten lassen sich also nicht unterwegs, sondern nur am Computer feinschleifen oder teilen. Was gar nicht geht, sind Little-Planet-Effekte oder Virtual Stickers einzufügen – obwohl Humaneyes diese Features auf der Produktseite anpreist. Hier muss der Hersteller dringend nachliefern, denn bei der Konkurrenz sind diese Möglichkeiten Standard.

Vuze VR Studio mit Vuze XR
Mit der kostenlosen Software Vuze VR Studio lassen sich Bilder der Vuze XR am PC und Mac bearbeiten. Image by Berti Kolbow-Lehradt

In der Computer-Software Vuze VR Studio können wir per Zugriff auf die Speicherkarte erwartungsgemäß alle Aufnahmeformate direkt bearbeiten. Der Look lässt sich in der von uns ausprobierten Mac-Version (v3.1.5960) etwas gezielter tunen als in der Smartphone-App. Per Regler können wir in Belichtung, Spitzlichter, Schatten, Farbtemperatur und Sättigung eingreifen. Wegen der starken Komprimierung gelingt dies aber ebenfalls nur im begrenzten Umfang. Natürlich lassen sich Videos auch hier stabilisieren und zentrieren.

Hosting von 3D-Aufnahmen erfordert kostenpflichtiges Plattform-Abo

Sind die Aufnahmen vorzeigefähig, teilen wir sie in der App über die üblichen Plattformen, zum Beispiel Facebook und YouTube. Am Computer bietet die Software keine integrierte Sharing-Funktion. Stattdessen lassen sich die Dateien dort für das jeweilige Ziel optimiert rendern und dann von Hand hochladen.

Dabei fällt auf: In 3D sind die Aufnahmen der Vuze XR im Test für keine populäre Plattform optimierbar. Als standardisierte Lösung bietet der Hersteller nur den eigenen Hosting-Service Humaneyes Zone an. Dieser ist aber nach einer 30-tägigen Testphase kostenpflichtig und schlägt mit monatlich 10 Euro für jede erstellte Website zu Buche. Das macht die 3D-Funktion als Verkaufsargument für die Vuze XR ein Stück weit unattraktiver.

Fazit: Tolle VR-Kamera mit Software, die noch reifen muss

Mit der 360-Grad-Kamera Vuze XR positioniert sich Humaneyes erneut in der Nische, gestaltet aber vieles anwenderfreundlicher als bei der Vuze VR. Nicht nur, weil das neue Modell handlicher und günstiger ist, spricht es einen größeren Käuferkreis an. Auch die App bietet endlich eine standesgemäße Live-Vorschau für eine Sichtkontrolle. Mit der 180-Grad-Funktion per Tastendruck ermöglicht die Vuze XR außerdem eine alltagstaugliche Aufnahmefunktion für Motive, die für eine Rundumansicht nicht genug zu erzählen haben, für eine sehr breite Panoramaansicht aber schon. Dabei sind die Verarbeitungs- und Bildqualität für den Preis von 440 Euro auf angemessen hohem Niveau. In diesem Sinne ist die Vuze XR ein starkes Stück VR-Kameratechnik.

Doch warum verpatzt Hersteller Humaneyes diesen guten Eindruck, indem er gängige Funktionen wie den Little-Planet-Effekt erst noch nachliefern muss, obwohl er ihn bereits bewirbt? Zudem bleibt der hervorgehobene 3D-Effekt etwas auf der Strecke, weil er sich im Web nur auf einem kostenpflichtigen Dienst von Humaneyes hosten lässt. Das macht dieses Feature für Mainstream-Käufer uninteressant.

Für „Creators“ mit gewissem Budget ist die Vuze XR hingegen eine attraktive Alternative zu bisherigen Modellen von Ricoh und Insta360. Manche von ihnen dürfte allerdings ärgern, dass sich Aufnahmen statt mit manueller Belichtungskorrektur nur per Vollautomatik erstellen lassen und keine Live-Vorschau in 4K bei 60 fps oder besser möglich ist. Immerhin hat Humaneyes die Chance, durch Software-Updates die Vuze XR noch reifen zu lassen. Für zusätzlichen Ansporn dürfte die gerade erschienene Insta360 EVO sorgen, die für einen ähnlichen Ansatz wie die Vuze XR steht, aber schon mehr Produkterfahrung des Herstellers vereint.

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Canon EOS R im Test: Premiere mit Potenzial

Canon EOS R im Test

Spiegellos! Vollformat! Endlich! Canon fügt sich dem Trend und hat eine hochwertige Kamera ohne Spiegelreflextechnik aber großem, sogenannten Vollformatsensor vorgestellt. Das verspricht ein kompaktes Paket mit hoher Bildqualität. Wir hatten das neue Modell im Praxiseinsatz. Wie schneidet die Canon EOS R im Test ab?

Das steckt in und an der Canon EOS R

Bei der Canon EOS R handelt es sich um eine Kamera im Look einer DSLR, die aber ohne das Kernmerkmal derselben auskommt: dem Schwingspiegel. Dadurch ist das Gehäuse kompakter und benötigt neue Objektive, die für den kürzeren Abstand zum 30-MP-CMOS-Sensor gerechnet sind. RF nennt Canon das neue Bajonett. Dabei gibt es die Canon EOS R im Set mit einem 24-105-mm-Objektiv dieses neuen Standards, das durchgehend mit Blende F4 öffnet. Mit einem zum Lieferumfang unseres Kits gehörenden Adapter können wir jedoch auch problemlos existierende Objektive mit EF-Bajonett montieren. Der Autofokus funktioniert trotzdem.

Das Magnesiumgehäuse fühlt sich hochwertig an und ist augenscheinlich hervorragend verarbeitet. Im Sucherbuckel sitzt statt eines optischen Suchers eine elektronische Variante, die 3,69 Millionen Pixel auflöst und das Bild 0,78-fach vergrößert. Alternativ komponieren und sichten wir Bilder auf einem 3,2-Zoll-Display, das 2,10 Millionen Bildpunkte auflöst. Weil es klapp- und schwenkbar ist, ermöglicht es kreative Einsätze und eine bequemere Bedienung in ungewöhnlichen Perspektiven. Zudem können wir Einstellungen auf einem monochromen Schulterdisplay ablesen.

Mit 660 inklusive Akku liegt das Gewicht auf dem Niveau anderer spiegelloser Vollformat-Kameras wie der Nikon Z6 oder Sony Alpha A7 III. Zusammen mit dem Kit-Objektiv handelt es sich aber alles andere als um ein leichtes Paket – über 1,3 Kilogramm bringt unser Exemplar der Canon EOS R im Test auf die Waage.

Als „Immer-dabei-Kamera“ für Reisen, Familien-Events und Street Photography ist das Canon-Modell somit nicht ideal. Stattdessen eignet es sich eher für bewusstes Fotografieren, etwa in der Landschaftsfotografie, wofür wir sie während einer Reise nach Berchtesgaden ausprobiert haben. Dennoch ist die EOS R leichter und kompakter als eine Vollformat-DSLR wie die EOS 5D Mark IV oder 6D Mark II, was für viele Umsteiger ein Plus-Punkt sein dürfte.

Bedienung: Viele es ist anders, aber nicht einfacher

Nicht nur beim Gewicht speckt Canon gegenüber seinen traditionellen DSLR ab, auch in Sachen Steuerung trennt sich der Hersteller von Bewährtem. Mit neuartigen Bedienelementen und ungewöhnlicher Platzierung geht er neue Wege. Das fängt schon mit dem Verzicht auf ein separates Rad für den Betriebsmodus an. Denn den wertvollen Platz links neben dem Sucherbuckel belegt Canon lieber mit einem großen An-/Aus-Schalter. Stattdessen rufen wir den Betriebsmodus über einen Knopf auf, der im hinteren Rändelrad versenkt ist.

Zwei Rändelräder für Blende und Verschluss sind Fixpunkte, alle weiteren Funktionen lassen sich frei belegen und sind meist erst über einen Auswahlknopf einstellbar. Wir finden den Druckpunkt der meisten frei belegbaren Tasten aber sehr schwammig, deshalb freuen wir uns über alles, was wir über die gut fühlbaren Rändelräder bedienen können.

Ein besonders gewöhnungsbedürftiges Konzept ist ferner die Touch-Bar auf der Rückseite. Über Wischen und Tippen können wir dort beispielsweise ISO oder EV-Korrektur einstellen. Doch weil die Touch-Bar kein haptisches Feedback vermittelt, erweist sich ihre Bedienung bei der Canon EOS R im Test als sehr unpräzise. Nicht nur in eiligen Situationen bereitet das keine Freude. Alternativ lässt sich ein Einstellring am Objektiv mit einer wichtigen Funktion belegen. Dieser spricht deutlich spürbarer und schneller an als die Touch-Bar. Jedes RF-Objektiv wird künftig damit ausgestattet.

Klar, man kann sich mit diesem ungewöhnlichen Bedienkonzept arrangieren. Es erfordert jedoch ein gehöriges Maß an Kompromissbereitschaft und Einarbeitung. Jedenfalls erweist sich die Canon EOS R im Test als keine Kamera, die man nach kurzer Zeit in spontanen Fotogelegenheiten sofort unter Kontrolle hat.

Im Einsatz: Erstklassige Bildqualität mit einem Aber

Wenn die Bedienung erst einmal sitzt, bereitet das Fotografieren mit der Canon EOS R im Test durchaus großen Spaß. Dank der ausgeprägten Griffwulst liegt die Kamera gut in der Hand und lässt sich selbst mit einem schweren Objektiv akkurat führen. Der Autofokus schärft äußerst schnell und präzise – auch im Schummerlicht und bei sich schnell bewegenden Motiven.

Action-Aufnahmen sind dennoch nicht die Spezialität des neuen Canon-Modells. Mehr als fünf Bilder pro Sekunde mit kontinuierlicher Nachschärfung sind nämlich nicht drin. Um heran preschende Skifahrer auf der Piste im richtigen Moment festzuhalten, sollte man sich daher lieber nicht auf eine Bilderserie verlassen.

Die Bildqualität, die Canon aus dem 30-MP-CMOS-Vollformatsensor herausholt, betrachten wir als erstklassig. Schärfe, Details und Farben begeistern. Die Abbildungsleistung des Kit-Objektivs überzeugt uns. Das überrascht aber auch nicht, weil es sich um ein hochwertiges L-Objektiv handelt.

Dagegen fällt der Dynamikumfang nicht so groß aus wie erwartet. Dass Spitzlichter in Laternen trotz Nachbearbeitung in Lightroom CC derart ausfressen, wie auf der Langzeitbelichtung in der Bildergalerie, überrascht uns. Im gleichen Bild ist ferner erstaunlich viel Luminanzrauschen in den dunklen Bereichen des Berges zu sehen. Beides ist kein Weltuntergang. Doch an ein Vollformat-Spitzenmodell sind höhere Ansprüche zu stellen. Testergebnisse der Kollegen beispielsweise von DPReview decken sich mit unseren Beobachtungen.

Nichts auszusetzen haben wir an den Möglichkeiten der Sichtkontrolle. Sowohl der elektronische Sucher als auch das rückwärtige Display sind hell und scharf. Wer nicht extra einen Blick darauf werfen möchte um Einstellungen abzulesen, kann dafür auch das monochrome Schulterdisplay verwenden.

Trotz der vielen zu beleuchteten Displays ist Energie kein Problem. Der mitgelieferte Akku vom Typ LP-E6N bringt uns mit der Canon EOS R im Test trotz kalten Wetters locker über einen Tag. Selbst aktivierte smarte Funktionen wie Wi-Fi saugen den Energiespeicher nicht aus.

Canon EOS R im Test mit Canon Camera Connect und DPP Express

Canon stattet Kameras vorbildlich umfangreich mit Konnektivitätsfunktionen aus. Daher lassen sich Bilder von der Canon EOS R im Test nicht nur per SD-UHS-II-Karte oder per USB-C-Kabel, sondern auch drahtlos auf Smartphone und Tablet übertragen. Zu diesem Zweck sind Wi-Fi und Bluetooth an Bord. Das ist insbesondere beim beruflichen Einsatz der Kamera praktisch. Beispielsweise auf Events, von denen hochwertige Fotos sofort auf Social Media erscheinen sollen.

Für den kabellosen Transfer ist die kostenlose Android– und iOS-App Canon Camera Connect nötig. Die Verbindung per WLAN herzustellen, ist anfangs fummelig, danach läuft sie stabil. Entweder laden wir die Bilder manuell herunter oder lassen sie automatisch, direkt nach dem Fotografieren, hinüber schaufeln. In beiden Fällen gelangen sie als JPG-Dateien auf dem Mobilgerät – nicht als Raw. Beim manuellen Herunterladen können wir immerhin noch auswählen, ob eine Version von 2 MB Größe oder die Original-Auflösung übertragen wird. Beides geht sehr schnell.

Wer unterwegs Raw-Dateien aus der EOS R auf größerem Screen sichten und bearbeiten möchte, kann dies nur auf einem iPad vornehmen. Dafür hat Canon die kostenlose Software DPP Express für iOS veröffentlicht, die exklusiv mit dem neuem Raw-Format der EOS R, CR3, klarkommt.

Das aus unserer Sicht beste Setup für den Transfer ist, Canon Camera Connect und DPP Express auf dem iPad im „verknüpften Modus“ zu verwenden und dann mit der EOS R zu verwenden. Dann werden die etwa 60 MB großen CR3-Dateien direkt in DPP Express importiert und gehen keinen Umweg über Apple Fotos.

Der Import geht fix, doch mehr Lob können wir für DPP Express nicht aufbringen. Denn die Zahl der Werkzeuge für Belichtung und Schärfe sind arg begrenzt. Außerdem gelingt es der Canon-Software nicht, die Verzeichnungen des Objektivs in Weitwinkelstellung anständig zu entzerren. Wir raten daher, Raw-Fotos aus der EOS R lieber in Lightroom am Computer zu bearbeiten.

Fazit: EOS R braucht noch Feinschliff

Die Canon EOS R ist ein spannender Start in den Bereich der spiegellosen Vollformat-Kameras. Allen voran bietet sie eine erstklassige Bildqualität mit leichten Abstrichen im Dynamikbereich und Rauschverhalten. Verarbeitung und Ausstattung sind außerdem vom Feinsten. Beispielsweise ein voll klapp- und schwenkbares Display ist in dieser Produktkategorie nicht selbstverständlich. Demgegenüber nervt die Canon EOS R im Test mit einer experimentellen Bedienweise, die sowohl für Canon-User als auch für Einsteiger gewöhnungsbedürftig ist. Der Mehrwert insbesondere der Touch-Bar ist nicht ersichtlich.

Problematisch ist ferner der Preis. Denn ein Gehäuse für 2.500 Euro plus Objektive spricht Profis an. Doch für die bietet die Canon EOS R etwas zu wenig, beispielsweise eine viel zu gemächliche Serienbildgeschwindigkeit. Hingegen für viele Hobbyisten dürfte die Kamera zu teuer und auch zu schwer sein.

Insofern ist die Canon EOS R die erste Generation eines Neuanfangs, der noch Feinschliff braucht. Ein paar Kritikpunkte hat der Hersteller bei der kürzlich erschienenen Canon EOS RP ja schon angegangen. Sie ist mit 1.500 Euro und 440 Gramm deutlich günstiger und leichter.

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Forza Motorola: Moto Z2 Force im Kurztest

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Bricht alle Limits, aber niemals entzwei? Das aktuelle Flaggschiff von Motorola Moto Z2 Force tritt im Innovations-Wettstreit der Smartphone-Hersteller mit zwei herausragenden Features an: einem bruchfesten Display und dem hauseigenen Moto-Mods-Interface auf der Rückseite. Über diese Schnittstelle lässt sich diverses Zubehör ergänzen. Außerdem bietet das Smartphone eine Dual-Kamera mit 12-Megapixel-Auflösung mit vielen Einstellungsmöglichkeiten. Ob das Moto Z2 Force halten kann, was es verspricht, habe ich getestet.

ShatterShield-Display: bruchfest durchs Leben

Schätzt mal, wie oft das Smartphone einer Mutter von drei Kindern täglich auf den Boden fällt oder geworfen wird? Sagen wir einfach: zu oft. Nur dem Display des Moto Z2 Force scheinen Stürze dank der sogenannten ShatterShield-Technologie tatsächlich nichts mehr anzuhaben. Das bewegliche 5,5-Zoll-OLED-Display liegt sicher in Aluminium eingebettet unter dem Touchscreen und zwei weiteren Schichten für Innen- und Außenlinse. Abschließend ist das Gerät mit einer dünne Folie versiegelt.

Durch diesen Aufbau absorbiert das Display die Aufprallkraft statt zu zerspringen. Klasse gemacht, Motorola! Der Hersteller garantiert die Bruchfestigkeit für vier Jahre. Allerdings möchten die restlichen Geräteteile nicht zu oft runterfallen: Das Moto Z2 Force ist keineswegs stoßfest und auch nicht wasserfest, aber immerhin spritzwasserabweisend. Das OLED-Display erscheint durch den Aufbau insgesamt zwar etwas dunkler, liefert aber generell scharfe und satte Bilder in Quad-HD (2.560 x 1.440 Bildpunkte).

Magic Moto Mods: Von Accessoire bis Zoomobjektiv

Wie alle anderen Modelle der Z-Reihe bietet das Moto Z2 Force auf seiner Rückseite eine Schnittstelle für mittlerweile ein Dutzend verschiedene Hardware-Erweiterungen. Diese sogenannten Moto Mods verbinden sich über magnetische Pins mit dem Smartphone. Dazu braucht es nur einen „Klack“. Das funktioniert so ähnlich wie beim MacSafe-Stromstecker und Apple MacBooks – man spürt immer ein bisschen, dass die sich gegenseitig wollen.

Ich hatte den Alexa-Lautsprecher, das Moto Gamepad und die 360-Grad-Kamera im Test. Ebenso eine schicke Smartphone-Rückabdeckung, mit der sich über ein zusätzliches Ladepad das Smartphone theoretisch kabellos aufladen ließe. Ich gehe hier nur kurz auf die Lautsprecher ein, weil Motorola sie auch im Bundle anbietet. Über die verschiedenen Moto Mods für Fotografie berichte ich bald mehr in einem folgenden Artikel. Es sei nur verraten, dass mit die 360-Grad-Kamera so gut gefallen hat, dass mich die anderen Mods jetzt auch interessieren.

Moto Smart Speaker klingen auch ohne Alexa gut

Der Lautsprecher erfüllt einen guten Zweck, hier sogar ganz ohne Alexa. Die beiden Speaker im Inneren decken den Frequenzbereich zwischen 200 und 20.000 Hertz ab und bieten auch bei voller Lautstärke von 82 Dezibel einen satten, sauberen Klang. Mit 168 Gramm würde ich sofort die Soundbox wählen, wenn ich mich entscheiden müsste, was ich zum Angrillen bei Freunden mit auf die Terrasse nähme – über die verbauten Mini-USB-Schnittstelle ließen sich ja notfalls auch ein paar Lampions betreiben.

Was die Kompatibilität mit Streaming-Apps angeht, hatte ich zwar keine grundsätzlichen Probleme, aber immer wieder kleine Bugs. Spotify hängt sich auf, wenn man zu viel skipt, Soundcloud spielt Songs weiter, obwohl die App beendet ist. Erst bei Deezer und Shazam läuft bei einem kurzen Blick dann alles, wie es soll. Die Alexa-Moto-App muss man nicht installieren, obwohl der Speaker es immer mal wieder möchte, wenn man ihn an das Moto Z2 Force anklackt.

Smarte Fotos dank Moto z2 Force Profisoftware

Mit zwölf Megapixeln bietet die rückseitige Dual-Kamera des Moto z2 Force eine niedrigere Auflösung als andere Modelle. Sie teilt diese Auflösung jedoch mit anderen Flaggschiffen wie das Galaxy S9 oder Galaxy S9+. Denn eine niedrige Auflösung ist nicht zwingend von Nachteil. Dadurch sind die Pixel mit einer Größe von 1.25 Mikrometern größer und können mehr Licht aufnehmen, was zu weniger Rauschen führt. Die f/2-Blende ist zudem relativ lichtstark. Für bessere Detailzeichnung und Schärfe verrechnen die beiden Kamerasensoren vom Typ Sony IMX386 Außerdem je ein farbiges und ein schwarz-weißes Bild zu einer Aufnahme. Auch die Frontkamera mit fünf Megapixel-Auflösung, 85-Grad-Weitwinkelobjektiv und LED-Blitz ist anspruchsvoller ausgestattet als andere Selfie-Kameras.

Das echte Highlight des Moto Z2 Force ist in meinen Augen aber nicht die Hardware, sondern die entsprechende Fotosoftware auf dem Gerät. Aus der übersichtlich gestalteten Oberfläche könnt ihr neben dem Standard-Fotomodus aus vier weiteren Modi wählen: Panorama, Tiefeneffekte, Schwarz/Weiß und Professional.

Echtzeitbearbeitung vor Kameramodul

Dieser Professional-Modus ist sehr gut ausgestattet. Denn dort lassen sich Verschlusszeit, Belichtung, Weißabgleich, ISO und Brennweite manuell einstellen. Dadurch könnt ihr längere Belichtungszeiten oder höhere ISO-Werte für Nachtaufnahmen wählen. Das klare Oberflächendesign mit Schiebereglern für die einzelnen Werte macht die Bedienung ziemlich intuitiv, sodass ihr auch ohne viel fototechnisches Wissen durch ein bisschen Ausprobieren zu schönen Fotos kommt. Das war für mich umso erfreulicher, als der Kamerasensor nicht so gut mit dem Hamburger Wetter klar kam.

In der Tiefe verborgene Features

Im Tiefenschärfe-Modus unterscheidet die Software zwischen Vorder- und Hintergrund und lässt den letzteren in künstlerischer Unschärfe verschwimmen. Auf die Simulation des sogenannten Bokeh-Effekts könnt ihr Einfluss nehmen. So könnt ihr auf einer Skala von eins bis sieben den Zerstreuungskreis um das Objekt herum variieren. So lassen sich etwa Details aus dem Hintergrund fokussieren, die ihr damit hervorhebt oder anders herum.

Drei besondere Features für diese Tiefeschärfe-Fotos verstecken sich in den Bearbeitungsmöglichkeiten. Hier lassen sich unter Selective focus, Selective b&w oder Replace Background ausgewählte Bereiche dieser Bilder nachträglich fokussieren, freistellen oder monochrom färben.

Fazit: Sehr gute Performance gibts nicht geschenkt

Nach gut zwei Wochen habe ich der Schutzfolie des bruchfesten Displays leider doch schon ein paar Kratzer zugefügt, alle Falltests hat es aber gut überstanden. Die umfangreiche Kamerasoftware und ihr praktisches Interface haben mir ebenfalls gut gefallen. Das gibt euch viel kreativen Spielraum für gelungene Bilder. Zudem gefällt die Idee der Moto Mods. Daher ist das Motorola Z2 Force insgesamt ein leistungsstarkes wie elegantes Smartphone mit zu verkraftenden Mängeln. Mit einem vom Hersteller empfohlenen Preis von 799 Euro ist es allerdings auch nicht eben günstig. Im Online-Handel ist das Gerät aber zum Teil günstiger erhältlich.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Netzpiloten Android.


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Spielzeug oder Werkzeug? Samsung Galaxy S9+ im Kamera-Test

(C) Mika Baumeister

Im Rahmen eines Launch-Events in Frankfurt konnten Journalisten das Samsung Galaxy S9 und Galaxy S9+ genauer unter die Lupe nehmen. Da die Kameras bei der neunten Generation der S-Klasse im Fokus steht, gab es viele Gelegenheiten, die Foto-Qualitäten des Samsung Galaxy S9+ und S9 auszuprobieren und zu vergleichen. Wie gut die Innovationen von Samsung funktionieren, habe ich deshalb ausführlich getestet.

Samsung Galaxy S9+: Immer gute Fotos

Keine Frage, das Samsung Galaxy S9+ besitzt zwei sehr gute Kameras. Das bestätigt auch der Kamera-Benchmark DXOMark Mobile: Dieser Test setzt sich umfangreich mit dem Sensor und den Linsen auseinander und testet Faktoren wie Schärfe, Verzerrungen, Vignettierung, Tiefenunschärfe und vieles mehr. Insgesamt erreicht die Kamera dort 99 Punkte. Damit liegt sie vor denen des iPhone X und des Google Pixel 2. Das ist vor allem ihrer guten Schärfe, der bemerkenswerten Low-Light-Performance und einem hohen Dynamikumfang geschuldet.

Auch in den zwei Stunden, die ich zum Testen hatte, überzeugte die Kamera in allerlei Szenarien. Denn sowohl im Innen- als auch Außenbereich gelangen meist sehr gute Fotos. Der Automatik-Modus beleuchtet in den allermeisten Fällen gut, der Weißabgleich stimmt genau und auch der Autofokus trifft das zu fokussierende Objekt auf fast allen Bildern.

Samsung Galaxy S9+: Die Technik der Kamera

  • Hauptkamera: Weitwinkel, zwölf Megapixel, 1/2,55 Zoll-Sensor, Blende: f/1.5 und f/2.4
  • Zweite Hauptkamera: Zweifach-Zoom, zwölf Megapixel, 1/3,6 Zoll-Sensor, Blende: f/2.4
  • Optische Bildstabilisierung für beide Kameras
  • PDAF-Autofokus (Intervallfokussierung von beiden Kameras gleichzeitig)
  • LED-Blitz mit variabler Wärme
  • 4K-Video mit 60 Bildern pro Sekunde
  • Slow-Motion mit 960 Bildern pro Sekunde (720p)

Samsung Galaxy S9+ bietet viel kreative Freiheit

Im Automatik-Modus entstehen zumeist kontrastreiche und klare Fotos. Das Samsung Galaxy S9+ ist somit eindeutig für Schnappschüsse geeignet. Es passt sich schnell an verschiedenste Lichtbedingungen an und schafft es problemlos, die besten Einstellungen zu treffen. Die Kamera bietet eine große Dynamik. Das heißt: dunkle Elemente besitzen selbst dann noch einiges an Detail, wenn die Kamera eigentlich helle Bereiche des Bildes belichtet. Solltet ihr also zum Beispiel aus dem Fenster fotografieren, ist aus diesem Grund ein Baum in der Landschaft ebenso gut sichtbar wie ein Foto, das im weniger gut beleuchteten Zimmer neben dem Fenster hängt.

Für Fotografie-Enthusiasten bietet sich der manuelle Modus an. Denn hier könnt ihr theoretisch den ISO-Wert, die Verschlusszeit und Bildprofile ändern. Beim Samsung Galaxy S9+ könnt ihr dank der verbauten Dual-Kamera aus zwei Brennweiten wählen. Neben dem Weitwinkel-Objektiv steht eine Zoom-Kamera zur Verfügung, die Objekte näher erscheinen lässt.

Absolutes Novum: Das Samsung Galaxy S9+ ist das erste Smartphone, bei dem die Blende variabel ist. Damit könnt über einen Knopfdruck die Blendenzahl zwischen 1,5 und 2,4 variieren. Bei der kleineren Blendenzahl trifft mehr Licht auf den Sensor. Die größere Zahl bedeutet, dass weniger Licht pro Zeiteinheit durchfällt. Für die gleiche Belichtung müsst ihr dann die Verschlusszeit verlängern oder den ISO-Wert.

Variable Blende: Ein Marketing-Witz?

Die neue variable Blende bestimmt, wie viel Licht auf den Sensor trifft. Außerdem hat sie Einfluss auf die sogenannte Tiefenunschärfe, die man häufig auch als Bokeh bezeichnet. Samsung verbaut die variable Blende, weil bei Tageslicht Fotos in der Tiefe schärfer werden. Allerdings ist diese neue Funktion eigentlich unnötig, denn die Tiefenschärfe ist stark abhängig von der Größe des Bildsensors.

In Smartphones sind meist sehr kleine Chips verbaut. Im Falle des Samsung Galaxy S9+ liegt die Diagonale bei sieben Millimetern. Tiefenunschärfe ist aber eher von Kameras mit viel größeren Sensoren bekannt. So haben Vollformat-Kameras einen Sensor mit 35 Millimetern Diagonale. Dadurch kommt hier die Tiefenunschärfe viel mehr zum Vorschein. Aus physikalischen Gründen können Handy-Sensoren also nur sehr begrenzt Bokeh erzeugen.

Der Unterschied zwischen der Blende f/1,5 und f/2,4 ist für das ungeübte Auge eigentlich fast nicht zu erkennen. Bei Bildern von nahen Objekten fällt der Effekt zwar noch auf. Aber in Landschaftsaufnahmen lässt sich die Blende im Blindtest quasi nicht erkennen.

Live-Fokus: Mehr Hintergrundunschärfe durch Prozessor-Power

Samsung bietet mit dem Galaxy S9 Plus aber auch eine Funktion für künstliches Bokeh. Hierfür rechnet die Software aus den Bildern beider Kameras ein gemeinsames 3D-Bild heraus. Dadurch lässt sich die Tiefe bestimmter Objekte im Raum feststellen. Mit diesen Informationen kann der Prozessor des Samsung Galaxy S9+ den hier fotografierten Blumenstrauß klar vom Hintergrund trennen. So wird der Hintergrund verschwommen, die Front bleibt jedoch gleich scharf. Schon ist der simulierte Bokeh-Effekt fertig. Die entsprechende Funktion in der Kamera-App heißt beim Samsung Galaxy S9+ Live-Fokus, während sie beim S9 Selektiver Fokus heißt.

Allerdings gibt es hier technische Schwierigkeiten: Betrachtet beim entsprechenden Foto mal das Blatt auf der rechten Seite genauer. Es wird vom Algorithmus weg gerechnet und der Hintergrund scheint durch. Richtig fertig und optimiert ist das künstliche Bokeh also noch lange nicht. Auch bei der Hand sind an den Kanten der Finger Fehler erkennbar. Die Kante scheint sehr hart zu sein und an den Spitzen hat die Kamera Probleme bei der Entscheidung, ob es sich nun um Vor- oder Hintergrund handelt.

Mit den gleichen Problemen hat übrigens auch das iPhone X, das iPhone 8 Plus und das iPhone 7 Plus zu kämpfen: Die Smartphones von Apple rechnen ebenfalls die Tiefeninformationen heraus, um Objekte im Vordergrund besser darzustellen. Subjektiv betrachtet funktioniert der Effekt bei der Konkurrenz aus Cupertino aber besser. Verschwommene Ränder sind für beide Techniken aber problematisch.

Low-Light: meist gute Performance

Einen klaren Pluspunkt gibt es für die variable Blende des Samsung Galaxy S9+ aber: Mit einer Offenblende von f/1.5 ist die Optik des Smartphones das lichtstärkste Handy-Objektiv auf dem Markt. Es übertrifft damit die bisherigen Spitzenreiter LG V30 und Huawei Mate 10 Pro (jeweils f/1.6). Das beweist sich vor allem in dunklen Bereichen. Durch das viele Licht, welches eingefangen werden kann, bleibt die Verschlusszeit vergleichsweise klein. Das resultiert in weniger verwackelten Hintergründen.

Auch Personen, die sich bewegen, verschwimmen weniger. Für eine Smartphone-Kamera sind die Ergebnisse im Automatik-Modus recht gut. Kontrast und Schärfe bleiben trotz höherer ISO-Werte bestehen. Es lässt sich bei Dämmerungsbedingungen sogar fast kein Bildrauschen feststellen. Der Autofokus benötigt jedoch deutlich länger, um Elemente zu fokussieren. Andere Hersteller sind hier schneller, unter anderem durch Laser-Technik. LG setzt diese Technik seit einiger Zeit ein.

Zeitlupe: 960 Bilder pro Sekunde

Samsung hat die Kamera des Galxy S9+ nicht nur auf Fotos optimiert. Die beiden Sensoren können 4K-Videos bei 60 Bildern pro Sekunde aufnehmen. Diese hohe Zahl an Einzelbildern ist eine Premiere bei 4K-fähigen Smartphones. Aber die Videos können nicht nur groß, sondern auch schnell: Bis zu 960 Bilder nimmt die Kamera des S9+ pro Sekunde auf. Dann allerdings nicht in 4K, sondern nur in der geringeren Auflösung des HD-Ready-Standards (720p). Beeindruckend ist das trotzdem. Damit lässt sich die Echtzeit um den Faktor 40 verlangsamen. Nur wenige Smartphones können so eine extreme Super-Zeitlupe.

Die Ergebnisse sprechen für sich. Selbst viele gute Spiegelreflexkameras sind nicht in der Lage, dermaßen viele Einzelbilder festzuhalten. Für Aufnahmen im Freibad – etwa ein Sprung vom 5-Meter-Brett – bietet sich das Slo-Mo-Feature besonders an. Bedingung ist aber eine recht helle Umgebung. Bei so vielen Einzelbildern muss die Verschlusszeit sehr schnell gewählt werden, damit weniger Licht auf den Sensor fällt. Deswegen sind Außenaufnahmen oder gut beleuchtete Umgebungen ein Muss.

Sechs Tipps für Slow-Motion-Videos

Damit die Zeitlupenaufnahmen trotz der geringen Auflösung von 1.280 x 720 Pixeln noch scharf erscheinen, solltet ihr am besten auf ein paar Sachen achten. Falls ihr eure Videos später gerne anschauen wollt, ist einiges an Vorbereitung nötig.

  1. Genügend Licht: Wenn die Umgebung zu dunkel ist, rauscht das Bild zu stark und wird matschig.
  2. Bei Kunstlicht aufpassen: Leuchtstoffröhren und günstige LEDs flackern gerne, wodurch die Aufnahmen komisch aussehen können.
  3. Nicht zu viel Slow-Motion nutzen: Irgendwann geht der Effekt verloren. Deswegen lieber etwas weniger nutzen, es dafür aber bei guten Szenen auskosten.
  4. Vorher üben: Selten klappt es gleich beim ersten Anlauf. Weil das Samsung Galaxy S9+ nicht dauerhaft mit 960 Bildern pro Sekunde aufnehmen kann, macht eine „Generalprobe“.
  5. Interne LED aktivieren: Das bringt zwar nur ein wenig Licht, doch in dunklen Szenarien genügt schon eine kleine Menge.
  6. Kamera ruhig halten: Auch wenn Wackler in Slow-Motion nicht so stören wie bei Videos mit normaler Wiedergabegeschwindigkeit, nerven sie. Also Handy abstellen, die Hand stabilisieren oder sogar ein Stativ nutzen.

AR-Emojis: Eher Spielerei als sinnvoll

Und dann sind da noch die sogenannten AR-Emojis. Als groß angelegte Attacke gegen Apples Animojis möchte Samsung die AR-Emojis als ernstzunehmende Konkurrenz platzieren. Dafür müsst ihr die Kamera-App einmal euer Gesicht einscannen lassen. Daraus rechnet das Handy dann ein 3D-Avatar, das eurem Aussehen mehr oder weniger entspricht. Optisch erinnert das vor allem an Sims-Avatare.

Viele sind vom AR-Emoji-Rendering begeistert. Allerdings gehöre ich eher zur anderen Kategorie. Zwar erkenne ich mich wieder, aber die Performance im Live-Modus ist grausig. Immerhin könnt ihr in der Kamera AR-Emojis live auf euer Gesicht rechnen lassen. Ich habe in dieser Vorschau allerdings extreme Schlitzaugen. Außerdem erinnerte ein spaßeshalber gemachtes Duckface hauptsächlich an ein schmerzverzerrtes Gesicht. Wirklich akkurat war Samsung hier nicht. Zumal ich von einem Konzern wie Samsung bei diesem Aspekt etwas mehr erwartet hätte.

Auch die anschließend erstellten animierten GIFs überzeugen gegenüber anderen Herstellern nicht besonders. Sie gehören vielmehr in die Kategorie peinlich. Ich kann mir jedenfalls beim besten Willen niemanden vorstellen, der sie im Alltag benutzen würde. Apples animierte Emojis sind bei der Betrachtung wenigstens witzig und teils ausgefallen. Samsung kann hier nicht punkten. Hier dennoch ein paar Eindrücke von mir als Comic:

Neben dem eigenen Gesicht könnt ihr auch andere Avatare wählen. Von Teufelsfratzen über Katzen und Hasen bis hin zu Franchise-Figuren ist vieles dabei. Ganz neu: Mickey Maus und Mini Maus sind im Rahmen einer Kooperation mit Disney verfügbar.

Fazit: Für eine Smartphone-Kamera sehr gut

Kurzum ist Samsung mit dem Galaxy S9+ ein sehr gutes Kamera-Smartphone gelungen, das schöne Fotos macht. Mit der Zoom-Linse der Dual-Kamera lassen sich darüber hinaus interessante Fotos erstellen und auch die Video-Funktion schneidet sehr gut ab. Dank der gelungenen Grundfunktionen, kann man Fehler bei Spielereien wie den AR-Emojis außerdem leicht verzeihen. Die Resultate sind insgesamt schön und „Instagram-Worthy“. Samsung sollte in Zukunft aber besser noch etwas am simulierten Bokeh-Effekt arbeiten. Zwar sind die Fotos kontrastreich und bunt, haben aber ihre Problemchen mit den Kanten des Gegenstands im Vordergrund, völlig egal, ob es sich um eine Pflanze, einen Menschen oder beispielsweise Milchkaffee handelt.

Wer in seiner Freizeit Fotos macht und nur ungerne eine dedizierte Knipse mitnehmen möchte, ist mit dem Samsung Galaxy S9+ folglich gut bedient. Bessere Fotos gibt es mit keinem anderen Smartphone, dennoch können das Google Pixel 2 und das iPhone X der Kamera des Galaxy S9+ das Wasser reichen. Wenn euch die Foto-Funktionen nicht so viel bedeuten, genügt aber unter dem Strich vielleicht auch das Galaxy S9 (zum Hands-On von Jonas). Denn sein Bildschirm ist etwas kleiner und die zweite Kamera auf der Rückseite fehlt. Ansonsten ähneln sich die Geräte aber sehr und ihr spart mehr als 100 Euro.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Netzpiloten Android.


Images by Mika Baumeister

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