Wissen kann dumm machen

Gestern ist das DeutschlandRadio Wissen gestartet. Ich habe große Erwartungen, denn es gibt immer weniger Versuche der journalistischen Zunft, dem Diktat der Reichweite und der Einschaltquoten etwas entgegenzusetzen. Das mag weniger an den Journalisten als viel mehr an einigen Geschäftsführern liegen, die glauben, Verlage und Sender wie Maschinenbaufirmen oder Speditionsunternehmen oder Lackfabriken zu führen. Dort wird gern die Wahrheit knapp und die literarische Ausschmückung ausschweifend gepflegt. Leider beginnen wir auch unsere Schulen und unser Zusammenleben nach dem Vorbild der Knappheitsreligion namens Wirtschaftslehre zu gestalten. Man führt objektive Gründe für dieses Verhalten an. Was aber ist Objektivität? Der berühmte Philosoph John Searle erklärt dem deutschlandradio Wissen zumindest wie man objektive Wahrheit herstellt. Hergeschaut und Mitgebaut.




In der westlichen Welt hat man aus der Ohnmacht gegenüber den Naturbeobachtungen wie den Gestirnen oder Blitz und Donner eine Macht abgeleitet, die über dem Beobachter steht. Als die Religion etwas weniger mächtig wurde, hat man dieses dem Menschen gegenüber Stehende als Objekt bezeichnet, um die übermenschliche Schöpfung mit einem möglichst neutralen Begriff zu beschreiben. Besonders schlaue Denker haben diesem Begriff ein Gefäß beigeordnet, in dem sich das Objekt sozusagen aus der unförmigen Masse des gesamten Daseins herauslöst und zu einem Einzelnen wird. Dieses Gefäß nennen wir Subjekt. In der Moderne haben sich die Menschen dazu verstiegen, eine Spaltung zwischen Objekt und Subjekt herbeizureden. Das erscheint sinnlos, denn wenn der Urmensch nicht Zeuge besonderer bestaunenswerter Ereignisse wie Erdbeben, wilder Tiere oder Gewitter gewesen wäre, hätte er sich auch nicht als ihnen ausgeliefert empfunden.


Nun sind Philosophen stets bemüht gewesen, über dieses besondere in der Welt nachzudenken. Da jeder anders darüber dachte, kam man zu dem Schluß, dass es ja relativ sei, was jeder über diese Dinge denke, da ja auch jeder die Erlebnisse anders empfinden und erleben würde. Es gäbe folglich keine Objektivität, weil jeder dieses Etwas für sich entdecken würde. Die Anhänger dieser Idee nannte man Relativisten. Die anderen Menschen glaubten aber an etwas, dass ganz außerhalb unserer persönlichen Wahrnehmung existieren musste. Sie sprachen vom Wesen der Dinge. Wenn man es genau betrachtet, dann sind Dinge aber etwas ganz anderes als das, was Objektivität meint. Denn Menschen können ja auch Gegenstand eines Erlebnisses sein, aber gelten nicht als Dinge.


Um die Verwirrung perfekt zu machen hat nun John Searle, der Begründer der Sprechakttheorie gegenüber einer Autorin vom Deutschlandradio Wissen ein Interview gegeben und den Streit zwischen Relativisten und Objektivisten zu einer Frage der Angst vor einer bestimmten Form der Wahrheit erklärt, nämliche die objektive Wahrheit. Was aber ist Wahrheit? Sie ist seit den Griechen der Begriff für das Unverborgene. Also muss es auch etwas Verbergendes geben. Durch mathematische oder physikalische Verfahren oder Logik versuchen moderne Wissenschaftler das Verbergende von den Dingen abzustreifen. Ob so Objektivität entsteht oder nur zum Vorschein kommt ist strittig.


Auf diesem dünnen Eis nun diskutiert Searle die Furcht der Menschen vor objektiver Wahrheit, die sie zu Relativisten mache. Und dann erklärt er die Motive (übersetzt vom Deutschlandradio Wissen):

Na ja, wenn Sie sich die Leute anschauen, die eine solche Angst empfinden – sie nennen sich selbst Relativisten – dann gibt es zwei Motivationen: die eine ist ein Gefühl von Gleichheit. Wir sollten aus dieser Sicht nicht behaupten, dass unsere westliche wissenschaftliche Weltsicht die anderen bevormundet. Da spielt also Demut eine Rolle, eine Art politischer Korrektheit.


Gleichzeitig spielt dabei Arroganz eine Rolle, eine Art Wille zur Macht. Du magst vielleicht deine Wahrheit haben, aber ich habe meine Wahrheit, über die ich ganz allein entscheide. Demut im Bezug auf konkurrierende Anspüche und Arroganz im Bezug auf die Definitionsmacht über die eigene Wahrheit, beides zusammen führt zu einer Ablehung der Objektivität und zu einer Unterstützung des Relativismus.

John Searle erklärt also eine kaum begründbare Theorie, die als Gegenentwurf des noch weniger begründbaren Objektivismus eher reflexartig entstand, als ein psychologisches Verhalten angesichts bestimmter Traditionsmuster. Und dann kommt Searle mit einer beeindruckenden Argumentation für die Objektivität:


Wenn man z.B. in einem Raum ist, wie ich gerade, und man ist der Ansicht, es regnet und stellt dann draußen fest, dass es gar nicht regnet, dann haben sie objektiv überprüft, dass es nicht regnet. Das ist ein sehr einfacher Fall.


Er sagt also, dass das persönliche Nachprüfen einer Aussage ein objektives Prüfen sei. Damit erklärt er schlicht, dass diejenigen, die sich auf ihre eigene Wahrnehmung verlassen, damit Objektivität erkennen oder gar nutzen. Jeder normale Mensch würde denken, dass es eben eine sehr subjektive Herangehensweise wäre, die Aussage “ Es regnet“, durch Rausgehen und Nachschauen zu überprüfen. Man könnte glauben, Searle ist entweder dumm oder möchte uns nicht ganz ernst nehmen. Und weiter erklärt er:

Es gibt keinen Rechenbefehl mit dem man die Wahrheit finden könnte, es gibt aber verschiedene rationale Verfahren für verschiedene Arten von Wahrheit. Der allgemeine Ausdruck dafür ist Wissenschaft, obwohl der Begriff irreführend ist, weil er eine einheitliche Rechenweise suggeriert, die es so nicht gibt. Es gibt nur Vernunft und Intelligenz, das sind die maßgeblichen Voraussetzungen für objektive Wahrheit.

Aha. Und nun heißen die ehemaligen höheren Wesen, die Blitz und Donner verursacht haben, nicht mehr Götter, sondern sie heißen Vernunft und Intelligenz. Leider weiß Searle offenbar nicht, dass der Begriff Intelligenz in der Wissenschaft eine ähnliche Karriere erfahren hat wie Energie. Man weiß eigentlich nicht genau, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt, aber „Intelligenz“ und „Energie“ deuten ein besonderes Etwas an. Ich empfehle jedem die (inter)disziplinären Diskussionen rund um diese beiden Begriffe. Man könnte meinen, man säße an einem Lagerfeuer und die Urmenschen diskutierten über die seltsamen Erscheinungen am Himmel, die nachts als helle Punkte erscheinen und über lange Zeiträume weiterzuziehen scheinen. Es hat den Eindruck, als ob die ganz gescheiten Denker dieser Zeit sich immer näher an das Wissen des Cro-Magnon-Menschen heranpirschen. Searle ist da schon recht weit… Man könnte auch denken, dass sein Plädoyer für die eine objektive Wahrheit ein wenig monotheistisch erscheint. Aber das wäre sicher ein Schelm, der den großen Philosophen völlig falsch und total einseitig mißverstanden hätte. Festzuhalten bleibt, dass das Spätwerk von großen Leuten nicht immer an Qualität gewinnt.
Irgendwie habe ich dieses Gedankengut früher schon einmal gehört und habe keine gute Erinnerung daran.

Bildnachweis: Wikimedia

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


Artikel per E-Mail verschicken

2 comments

  1. Vielen Dank für den Tipp. Höre gerade einen interessanten Beitrag über Comics. Ein interessanter Aspekt: Comics für den Schulunterricht (etwa durch den Einsatz eines Geschichtscomics)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.