Wir Netz-Zombies – Emanzipation des Menschen von den Maschinen

Das Leben im Internet ist eine seltsame Sache: Auf-dem-Bildschirm-Starren, digitale „Kontakte“, Kommunikationsfragmenten und eine durch Links verbundene unendliche Abfolge von Dokumenten.

Anders als Fernsehen erfordert Online-Sein Aktivität: permanente Entscheidungen und sogar soziale Interaktionen. Doch nach der Arbeit vor dem Rechner kann sich das eigene Gehirn so weich anfühlen, als hätte man sich genau so lange durch‘s private Nachmittagsprogramm gezappt…

Wenn man sich nach drei Stunden Fernseh-Konsum die Frage stellt, was man in der Zeit getan hat, lautet die die Antwort selbstverständlich: „nichts“. Seltsamerweise kann sich das Gefühl, nichts getan zu haben, auch nach drei Stunden Internetnutzung einstellen. Ach ja, da war doch was … man hat etwa 20 Blogposts überflogen, zweimal auf Facebook gepostet und bei Freunden kommentiert, mindestens 5-Mal Mails gecheckt und beantwortet, und auf Twitter war man auch noch unterwegs.

Die nicht-endende Fülle an Mini-Tasks und Mikro-Aktivitäten formt sich zum Gefühl, seine Zeit vergeudet zu haben, obwohl man doch so viel gemacht hat. Doch man hat nichts „erreicht“, denn dafür fehlt ein greifbares Ergebnis – und man hat sich nicht entspannt, denn der Kopf fühlt sich leer und gleichzeitig hoffnungslos überfüllt an.

Die Art, wie das Netz funktioniert, scheint aus dem Gehirn eine Art Brei zu machen und Menschen zu Zombies, die gleichzeitig tätig und untätig sind. Egal was wir tun, die Aufgabe wird erledigt, indem wir auf den Bildschirm starren, mit der rechten Hand die Maus steuern und auf die vor uns liegende Tastatur einhämmern. Eine der am meisten durchs Netz gereichten Bilder hat das mit wenigen Zeichen-Strichen illustriert.


Quelle: http://i.imgur.com/PUHZo.jpg (Ausschnitt)

Das Internet erzieht mich zu seinem idealen Nutzer, einem hirn- und gefühllosen Multitasker. Die Frage ist: Nutze ich das Netz, oder nutzt das Netz mich?

Wer bin ich online?

Der Journalist und Buchautor Nicholas Carr hat eine ähnliche Veränderung bei sich selbst beobachtet. Als Reaktion darauf hat in „Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn so lange?“ (Blessing-Verlag) alle verfügbaren Studien zum Thema durchgearbeitet. Sein Fazit:

– Das Netz reduziert tatsächlich erheblich die Konzentrationsfähigkeit.

– Menschen verstehen online weniger, als wenn sie gedruckt lesen.

– Multitasking führt zu weniger Kreativität und Produktivität.

– Wir lernen schnell wechselnde Signale zu verarbeiten, doch gleichzeitig verflacht unser Denken.

– Multimedial geschulte Multitasker sind weniger in der Lage, wichtiges von unwichtigen zu unterscheiden und haben weniger Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit.

– Durch die Plastizität des Gehirns verändern sich Strukturen unseres Denkapparats, so dass die kognitiven Defizite auch in der Offline-Welt bestehen bleiben.

Das bedenkliche ist, dass es nicht kleine Schönheitsfehler des Netzes sind, die unsere kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen, nein: jeder Link reduziert die Verständlichkeit gegenüber gedruckten Texten. Dabei bilden Hyperlinks so etwas wie die Blutbahn des World Wide Web. Und gerade die Instant-Kommunikation, auf der Twitter, Facebook & Co. basieren, fragmentiert unsere Aufmerksamkeit, bis nur noch Rudimente übrig bleiben.

Was tun?

Natürlich ist ein Abschied vom Internet kaum möglich. Dafür ist es zu wichtig, sei es im beruflichen oder im privaten Leben, und dafür ist es trotz allem auch zu schön und zu praktisch. Das Ziel ist es statt dessen, vom Netz-Maschinen-Zombie wieder zum souveränen Akteur im Internet zu werden.

Der US-Autor Timothy Ferriss hatte im Jahr 2008 einen Bestseller zur Optimierung des eigenen Lebens in Zeiten der Digitalität geschrieben: die 4-Stunden-Woche (Ullstein). Größtenteils geht es darum, wie man im Internet viel Geld verdienen kann, doch am Anfang des Buchs schlägt er einige Maßnahmen vor, mit denen man es schafft, trotz Bildschirmarbeit ein klar denkender und souverän Menschen zu bleiben. Bei aller berechtiger Kritik an seinem Optimierungswahn sind doch einige kluge und praktikable Überlegungen dabei. Sie haben, neben eigenen Erfahrungen als Web-Worker, die folgenden Tipps inspiriert.

Back to life

1. Der Umgang mit Emails

Ein permanent geöffneter Email-Client ist der größte Verursacher permanenter Ablenkung. Mit jeder Meldung über eine neue Mail ist man versucht, in den Posteingang zu schauen, ob sie wichtig war oder nicht und wenn möglich gleich zu antworten. Ich habe mein Mail-Programm meistens geschlossen und checke höchstens alle zwei Stunden den Posteingang. Dann lese ich alle Mails und beantworte sie sofort. Schon dieses kleine Veränderung hat das Arbeitsleben sehr viel weniger stressig gemacht.

2. Social Media ist keine Pause

Man hat zwei Stunden auf den Bildschirm gestarrt, und Körper und Geist brauchen eine Pause. In einer Mischung aus Trägheit und mangelndem Mut gönnt man sich aber nur die „kleine“ Erholungs-Variante man geht auf Facebook, überfliegt seine Pinnwand, kommentiert bei Freunden, man likt ihre Status-Mitteilungen und postet selbst etwas. Das Problem ist, dass Social Media nicht als Pause von der Bildschirmarbeit funktioniert. Die körperliche Tätigkeit ist die selbe, und wie schon zuvor reagiert der Geist auf eine Reihe von Mini-Reizen. Also: lieber aufstehen, in die Küche gehen und sich einen Tee machen, einen kurzen Smalltalk mit Kollegen führen. Dann ist der Kopf auch wieder wirklich bereit für weitere zwei Stunden produktive Bildschirmarbeit.

3. Dem Endlosen einen klaren Rahmen setzen

Netz-Recherchen haben per se keinen organischen Endpunkt. Jeder Blogpost führt zu einem nächsten, unter jedem Wikipedia-Artikel sind weitere spannende Quellen verlinkt. Es hilft, sich einen klaren zeitlichen Rahmen zu setzen. Das interessante ist, dass Tätigkeiten oft genau so viel Zeit brauchen, wie man sich dafür nimmt. Eine zeitlich begrenzte Netz-Recherche von einer halbem Stunde ist verblüffenderweise oft genau so effektiv wie ein anderthalb-stündiges Navigieren durchs Netz.

4. Mut zur Ignoranz

Nur ein kleiner Teil der im Netz verfügbaren Informationen hat irgend eine Relevanz für uns. Timothy Ferriss hat dafür folgende Analogie gefunden: so wie wir unseren Körper zu viele Kalorien zuführen und dann noch aus den falschen Quellen, konsumieren wir in unserer Gesellschaft zu viele Informationen, und oft solche, die keinerlei Bedeutung für uns haben. Bei einer „Low-Information-Diet“ widerstehen wir der Verlockung etwas nur des Wissens wegen wissen zu wollen. Die Folge ist, dass wir mehr auf Sachen fokussieren können, die uns tatsächlich konkret weiter bringen.

Lasst uns den Netz-Zombie überwinden und wieder zum Menschen werden.

Quelle oberes Bild: Quelle: http://i.imgur.com/PUHZo.jpg (Ausschnitt und eigene Montage)

Stefan Mey

hat Publizistik und Soziologie studiert und lebt als freier Journalist in Berlin.


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