Wer ist der Souverän?

Dies ist ein Land, in dem Menschen, die das Geld ihrer Vorväter und ihrer Kunden verwalten als Leistungsträger gelten. Und diejenigen, die mit ihren Händen acht Stunden lang an den Maschinen Mehrwert erwirtschaften, werden als Kostenfaktor degradiert, der nachhaltig und medienwirksam als Störenfried profiliert wird. Dieser zweiwertige Umgang mit Menschen schlägt sich darin nieder, dass Erstere teilweise das 200fache Letzterer verdienen. Einige politische Lager wollen daraus Kapital schlagen und versuchen, den arbeitenden Teil der Bevölkerung aufzuhetzen. Andere freuen sich übe diese Hetze und versuchen „Sicherheit“ zu konstruieren vor diesen Hetzkampagnen mittels ideeller Diskussionen über Bürger, die Mitte, die Familie und uralte Traditionen, die vor allem deswegen so erstrebenswert sind, weil früher alles besser war. Das Bessere ist in diesem Fall das fast schon Abwesende.

Aber beide Lager akzeptieren stillschweigende die ungerechte Bewertung der Lebensleistung zweier am Wirtschaftsleben teilnehmender Brötchenverdiener. Wer aber hat entschieden, dass es nur diese beiden Lager zu geben hat? War es dieselbe Klasse, die auch bestimmt, welche Religion ein „ordentlicher Deutscher“ ausüben sollte? …

Wir alle haben früher oder später erfahren, dass die Träume und Ängste unserer Kindheit zum Teil voll zutreffen. Wir haben aber auch erfahren, dass wir selbst nicht selten viel dazu beitragen, dass die Ängste und Träume anderer manifest werden: Durch Wegschauen, durch Gehorsam, durch Mitmachen oder einfach durch eine tiefe Arroganz des Satten und Zufriedenen. Wenn nun in anderen Ländern die Menschen für Werte auf die Straße gehen, die wir eigentlich an jedem Sonntag Morgen im sakralen Singsang großer Hallen andächtig eingebläut bekommen, dann können wir beim Wurstbrot und einem frischen Pils bei der Tagesschau frohlocken. Aber wenn diese Krakeeler und Armen, die eben noch mutige Freidenker waren, nun bei uns sehen und erleben wollen, wie dieses freie und traditionell gute Leben nun ist, dann ist Schluß mit lustig.

Denn dann wird wieder geteilt: In diejenigen die die Freiheit und Denokratie ihrer Vorväter verwalten als Leistungsträger der politischen Freiheit. Und diejenigen, die mit dem Blut und dem Schweiß ihre Freiheit erwirtschaftet haben, die sollen gefälligst da bleiben wo sie hingehören: In die sweat shops dieser Welt. Denn nur ihretwegen können wir uns alle drei Wochen neue Socken für 1,99EUR das3er-Pack kaufen. Wir wollen nicht unser 200fach höheres Gehalt mit denen teilen, weil wir Raten zahlen müssen für das Haus, die Küche, das Auto, den letzten Urlaub, den nächsten Urlaub, das Studium der Kinder, die Angst vor dem Tad, die Angst vor dem Leben, die Furcht vor Gott….

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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