Wenn Konzerne Startups kaufen (und ruinieren) …

Manch einer wird sich in den letzten Wochen schadenfroh die Hände gerieben haben. Rupert Murdoch, der einflussreichste Medien-Inhaber der Welt, hat eine phänomenale Schlappe hinnehmen müssen. Im Jahr 2005 hatte er das Soziale Netzwerk Myspace für 580 Mio. US-$ gekauft – sechs Jahre später hat er es für in Relation geradezu lächerlich anmutende 35 Mio. wieder verkauft. Wie konnte das passieren?

Myspace war einmal die viel erfolgversprechendste Community im Netz. Es war ein soziales Netzwerk, das Menschen auf der Grundlage von Musik zusammen brachte. Bands richteten Profile ein und stellten Hörproben sowie Downloads zur Verfügung, die Fans konnten sich ihren Stars nahe fühlen und sich selbst exzessiv darstellen. Im Jahr 2006 hatte Myspace mehr als 100 Mio. Accounts, zum Höhepunkt im Herbst 2009 270 Mio. Irgendwann kam Facebook und überholte Myspace.

In den letzten Jahren hat Myspace immer mehr an Bedeutung verloren. Hunderte Mitarbeiter wurden entlassen und die deutsche Repräsentanz geschlossen, viele Accounts wurden zu Karteileichen oder gleich gelöscht.

Medien-Konzerne können keine Startups führen

Meine These ist, dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig war und nicht nur auf die Existenz von Facebook zurückzuführen ist. Dass Myspace-Konzept war stimmig. Die gemeinsame Basis Musik hatte das Zeug, Nutzer global zusammen zu führen. Das Problem war vielmehr, dass Myspace überhaupt von einem klassischen Medien-Giganten wie Murdoch’s News Corporation gekauft wurde. Es gibt einen Mechanismus, der, wenn er zu Ende gedacht wird, die Logik hinter dem Aufbau und der Finanzierung von Startups infrage stellt.

Wenn klassische Medien-Konzerne aufstrebende Startups kaufen, geht das meistens schief. Startups sind auf ständige Innovationen angewiesen, auf Experimente und die schnelle Umsetzung von Ideen. Dem steht die etablierte und hierarchische Management-Kultur eines Großkonzerns diametral entgegen. Wichtige Entscheidungen müssen dann plötzlich von klassischen Medienmanagern abgenickt werden, die ihr Handwerk im Print- oder im besten Fall im Fernseh-Geschäft gelernt haben.

StudiVZ ist das deutsche Myspace

Ähnlich war und ist es bei StudiVZ. Es war ein gut gemachter, beinahe schon kreativer, Klon von Facebook, der innerhalb kurzer Zeit einen schnellen Aufstieg erlebte. Es gab vier Sprach-Versionen für die größten europäischen Länder und mit SchülerVZ und MeinVZ auch Varianten für nicht-studentische Zielgruppen. StudiVZ war damit die deutsche Internet-Hoffnung schlechthin. Der deutsche Medienkonzern Holtzbrinck hat das Startup im Jahr 2007 für insgesamt 85 Mio. übernommen. Ab 2009 ging die Nutzung rapide und verlässlich zurück. Für die einzige Hauptzielgruppe Studenten ist es mittlerweile verpönt, noch auf StudiVZ zu sein.

Auch Holtzbrinck hat versucht, einen Käufer für das Netzwerk zu verkaufen, doch mangels geeigneter Angebote den Versuch gerade eingestellt.

Der Fehler im System der Startup-Finanzierung

Die Logik der Startup-Verwertungskette sieht so aus: Studenten oder Absolventen mit guten Ideen, aber ohne eigenes Geld, gründen ein Startup. Wenn sie glaubhaft machen können, dass die Idee tragfähig ist, finden sie Investoren. In der ersten Stufe sind das Business-Angels mit kleineren Summen, in der zweiten Stufe Venture-Capital-Firmen, die mit Millionen-Beträgen einsteigen. Die Investoren treibt die Hoffnung an, dass das Startup mit ihren Anteilen inein paar Jahre für sehr viel mehr Geld verkauft wird.

Um so größer das Startup vor dem „Exit“ schon ist, um so schwieriger wird es, einen Käufer zu finden. In der Regel kommt entweder ein größerer (US-amerikanischer) Wettbewerber infrage oder einer der verzweifelten deutschen Medien-Konzerne. Diese wissen, dass es mit Print bergab geht, die Zukunft im Internet liegt und sie etwas tun müssen. Sie haben zwar keine eigenen Konzepte, wollen aber dennoch im Netz mitmischen. Deswegen kaufen sie Startups.

Das Ziel der Gründer ist erreicht. Doch wenn dieser Exit mithilfe eines großen Medienkonzerns gelingt, ist das oft der Anfang vom Ende. Das ist die eingebaute Paradoxie bei der Startup-Finanzierung. Vermutlich werden wir noch viele Myspace- und StudiVZ-Geschichten erleben.

Stefan Mey

hat Publizistik und Soziologie studiert und lebt als freier Journalist in Berlin.


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