Was nicht an flattr liegt, aber trotzdem schlimm ist

Ich habe einen Artikel von Sascha Lobo gelesen und nicht nach wenige Sätzen weiter geklickt. Mindestens einer von beiden muss sich verändert haben. Es geht um das Thema flattr, das mich seit einigen Monaten umkreist. Zugegeben, spätestens seit der FOCAS-Konferenz im Sommer letzten Jahres, wo Frau Typaldos ihr Kachingle vorgestellt hat und dem seltsamen Siegeszug von Huffington Post, hat die öffentliche paidcontent-Debatte das embryonale Stadium verlassen. Ich weiß wohl, dass das Leistungsschutzrecht, also die öffentliche Unterstützung darbender Milliardäre ein Gegengewicht gegen Muttis Präsentkorb für Anleger und Banker darstellen soll.

Mit flattr konnte ich mich bisher nicht wirklich anfreunden. Es mag an dem Xten like-Button liegen, der zusätzlich zu den twitter, digg, MisterWong und sonstwas Icons dazugekommen ist. Ich glaube, dass das Bekleben von Kofferraumhauben, Laptops und anderen Gegenständen des täglichen Gebrauchs noch nie zu meinen bevorzugten Anischten der Welt gehörte. Die unzähligen Buttons im Web machen es mir nicht leichter. Sicher, sie lassen sich rückstandsfrei entfernen ohne Cilit Bang oder einen Heißluftfön. Aber unter dem Lobo-Artikel, in dem er erklärt, warum er flattr nicht so feitert, stand ein unscheinbarer Kommentar, der es in sich hatte:

Was mich auch wundert und skeptisch macht: Dass gerade bei den mittelgroßen bis großen Blogs auch “fremde” Inhalte geflattert werden. Wer sind diese Menschen, die ein Fettes-Brot-Video auf Spreeblick flattern? […]

Ja, genau das ist es, was mir schon öfter aufgefallen war. Nicht unbedingt die Tatsache, dass kleine Blogger die großen Blogger „reich“ machen, ist bedenklich. Jeder ist ja frei, zu tun, was ihm oder ihr beliebt mit dem erarbeiteten oder ererbten Geld. Aber das Entlohnen fremder Leistungen geht doch dann wirklich und entschieden zu weit, oder? Da wäre es gut, eine ethische Komponente einzubauen. Vielleicht sollte man Mißbrauch per „flag setzen“ melden. Ob Sunde allerdings derjenige ist, der sich einer Ethik öffnen würde, kann bezweifelt werden.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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8 comments

  1. Was heißt Bloggen? Ist es nur das Verfassen von Artikeln? Oder auch das Aufspüren guter Inhalte im Netz?

    Wenn ich ein Video finde, es poste und die Quelle linke, dann ist das für mich auch Bloggen. Und dann finde ich es absolut legitim, diese Leistung zu honorieren – ob über flattr, einen Like-Button oder wie auch immer.

    Warum alles totdiskutieren? Warum nicht einfach mal treiben lassen?

  2. Ich denke auch, dass wir erst am Anfang stehen und die derzeitigen Plattformen nur erste Versuche sind. Ich denke aber auch, dass ein guter Filter eine Leistung erbringt, die belohnenswert ist – wie auch immer. Google verdient ja auch Geld mit fremden Inhalten, indem es mir hilft, relevante Inhalte leichter zu finden. Das kann dann auch ein Fettes-Brot-Video sein.

    Ich habe mir zu Lobos Beitrag auch ein paar wirre Gedanken geamcht:
    http://leanderwattig.de/index.php/2010/07/05/ein-paar-gedanken-zur-geschenkokonomie/

  3. Ich sehe es ähnlich wie Sachar. Wenn der Spreeblick mich auf das neue FB-Video hinweist, kann mir allein dieses aufmerksam machen schon ein flattrn wert sein. Anstatt des 08/15-thanksforsharing-Kommentars.

    Darüber hinaus finde ich das doch allzu proprietär gedacht. Zumal es de facto ja nicht so ist, dass nur FB an ihrer Musik verdienen. Wenn MTV das Video spielt (spielen die noch Videos?), geht ja auch nur ein Teil der rundherum generierten Einnahmen an FB selbst, da verdient der Fernsehsender selbst und die Plattenfirma usw. usf. mit.

    Ganz schlimm fände ich es, wenn man den Gedanken mal weiterspinnt, dass irgendwann die GEMA auf der Matte steht und Anteile an flattr-Beträgen haben will, wenn ein Video-Post geflattrt wird. Völlig undenkbar? Wohl leider nicht …

  4. @Sachar

    Findest Du wirklich, dass das Thema flattrn von Inhalten Dritter schon tot diskutiert ist? Wo fand das statt? Bin ich von gestern, dass diese Großdiskussion an mir vorbei lief?

    Ich dacht, wir fangen gerade an, damit Erfahrungen zu sammeln.

    @ Leander

    Curation ist doch etwas anderes als Filtern. Trotzdem ist es für mich nur unter bestimmten Aspekten eine Leistung, die ich flattrnswert finde. Aber möglicherweise muss das jeder selbst entscheiden mit seinem Klick.

    Eine grundlegende Diskusion darüber fände ich aber nichtsdestrotz angebracht.

  5. Wenn jemand für ein empfohlenen Textbeitrag oder ein Video flattrt, wieso nicht? Er spart dem Leser damit Zeit, sich selbst auf die Suche zu begeben oder gibt einen guten Hinweis. Da steckt schlussendlich auch Arbeit drinnen.

    Und für Blogger gilt: Wer für einzelne Beiträge nicht belohnt werden möchte, der kann den Button für ausgewählte Artikel auch schnell ausblenden.

    An sich eine faire Geschichte. Vor allem, weil niemand gezwungen wird mitzumachen. Als Blogger oder Klicker.

  6. @Wittkewitz: Ich finde, dass wir grundsätzlich zu viel diskutieren und zu wenig machen. flattr ist noch immer in der geschlossenen Beta, und wir reden über Grundsätzliches. Manchmal können solche Dinge warten. Meine Meinung.

  7. In Deutschland wird doch über Modelle wie Flattr zum einen viel diskutiert und zudem wird auch viel gemacht damit. Kachingle hat ob des hiesigen Interesses Dt. sogar als Kernmarkt eingeordnet. Es sollte natürlich noch mehr diskutiert und gemacht/probiert werden. Aber wir sind doch auf einem guten Weg, finde ich.

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