Den „richtigen Weg“ in den Journalismus gibt es nicht

Viele Wege führen in den Journalismus. Welcher der richtige ist, kann niemand mit Sicherheit sagen. Ein Gespräch mit Tobias Schweigmann vom Institut für Journalistik der TU Dortmund. Theorie und Praxis in einem Studiengang: das zeichnet journalistische Studienangebote aus. So auch das Angebot des Institutes für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund. Welche Vorteile hat der Journalistik-Student gegenüber dem Volontär, der sich in seinem Studium vorher fachlich spezialisiert hat – sei es in Politikwissenschaft oder Biologie? Was müssen junge Journalisten heutzutage alles können? Ob Volontariat nach dem Soziologiestudium, ob Journalistikstudium mit Schwerpunkt Wirtschaft, Politik oder Kultur – das wichtigste sei laut Schweigmann Talent, Neugierde und Ausdauer.

Anna Maria Landgraf: Erzählen Sie bitte kurz etwas über sich. Wer sind Sie und welche Funktionen haben Sie am Institut?

Tobias Schweigmann: Ich bin seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund. Neben meiner Funktion als Assistent der Geschäftsführung leite ich die Lehrredaktion Online. Zu meinen Aufgaben gehört die Studienberatung.

Wie viele Studienanfänger hatten Sie dieses Semester?

Im Bachelor-Studiengang Journalistik haben wir zum Wintersemester 2014/2015 insgesamt 41 Studienanfänger, im Bachelor-Studiengang Wirtschaftspolitischer Journalismus 20 Studienanfänger, im Bachelor-Studiengang Wissenschaftsjournalismus (B.A.) 12 Studienanfänger und im Bachelor-Studiengang Musikjournalismus insgesamt 9 Studienanfänger.

Erzählen Sie kurz etwas über den neuen Studiengang „Wirtschaftspolitischer Journalismus“. Welche Vorteile bringt er den Studierenden?

Unser Ziel ist es, die Absolventen des Bachelor-Studiengangs „Wirtschaftspolitischer Journalismus“ für einen aufklärenden und verständlichen Journalismus über die großen wirtschaftspolitischen Themen unserer Zeit zu qualifizieren. Neben einem Studium der Volkswirtschaftslehre, das ein fundiertes Grundwissen über komplexe wirtschaftspolitische Sachverhalte gibt, lernen die Studierenden – eingebettet in das renommierte Dortmunder Modell mit integriertem Volontariat – die journalistische Praxis kennen. Der Studiengang entspricht einem steigenden Bedarf an wirtschaftlich-politisch spezialisierten Journalisten auf dem Arbeitsmarkt. Das ergaben nicht nur eine aktuelle Studie, sondern auch Befragungen unserer Medienpartner (WDR, HR, DIE ZEIT, dpa, n-tv uvm.).

Wie hoch ist das Interesse an journalistischen Studiengängen an ihrem Institut?

Das Interesse an den Studiengängen am Institut für Journalistik ist konstant auf hohem Niveau. Durchschnittlich erhalten wir weit mehr als 2000 Bewerbungen auf alle Studienplätze pro Jahr. Dadurch hat sich zum Beispiel der Numerus Clausus für Journalistik in den vergangenen Jahren zwischen 1,1 und 1,3 und die Wartezeit bei sieben bis neun Semestern eingependelt. Selbstverständlich verzeichnen wir teils außerordentliche Effekte, wie doppelte Abiturjahrgänge oder komplexere Vergaberunden.

Was lernen die Studierenden bei Ihnen, was sie nicht auch in der Praxis lernen können?

Eine Journalistenausbildung funktioniert nur mit praktischen Anteilen. Deshalb sind praktische Lehrveranstaltungen, wie die Lehrredaktionen und das integrierte Volontariat, elementare Bestandteile in allen Studiengängen am Institut für Journalistik.

Der größte Unterschied zwischen einer akademischen Journalistenausbildung und der praktischen Ausbildung liegt vor allen darin, dass im Studium neben der Verbindung von Theorie und Praxis immer die Reflexion des Journalismus und des eigenen Handelns stattfindet. In der Praxis lernen Journalisten, wie z.B. eine Nachricht geschrieben wird. Im Journalistikstudium lernen Studierende dasselbe. Aber darüber hinaus erfahren und erforschen sie, z.B. welche messbaren Qualitätskriterien es für Nachrichten gibt, warum manche Nachrichten eben nicht geschrieben oder verschwiegen werden, warum Nachrichten in verschiedenen Kulturkreisen verschieden geschrieben werden und wie Journalisten sich auf traumatische Situationen vorbereiten können, über die sie eventuell Nachrichten schreiben müssen.

Wäre ein fachlich fixiertes Studium mit einem anschließenden Volontariat nicht sinnvoller?

Es gibt Tätigkeitsbereiche im Berufsfeld Journalismus, bei denen fundierte Fachkenntnisse in einer wissenschaftlichen Disziplin zwingend erforderlich sind. Aus diesem Grund bieten wir am Institut für Journalistik spezialisierte Studiengänge (Wirtschaftspolitischer Journalismus, Wissenschaftsjournalismus, Musikjournalismus, Datenjournalismus und Economics und Journalismus) an, bei denen der Anteil des Komplementfachs/der Komplementfächer mindestens die Hälfte bis zwei Drittel des Curriculums ausmacht.

Im Studiengang Journalistik liegt der Schwerpunkt hingegen auf der Erforschung und Innovation des Journalismus sowie der Entwicklung einer professionellen Vermittlungskompetenz in mehreren Medien. Dieses ist durch vier Semester in den Lehrredaktionen und das integrierte Volontariat gewährleistet.

Im Umkehrschluss ließe sich die Frage stellen, wie viele Journalisten mittlerweile in Bereichen arbeiten, die nicht ihrem absolvierten, fachlich fixierten Studium entsprechen. Zudem steckt in dieser Frage immer ein erheblicher Denkfehler, da nicht bekannt ist, wie viele Absolventen eines Fachstudiums mit dem Berufswunsch Journalismus eben kein Volontariat erhalten und letztlich einen anderen Berufe ergriffen haben.

Welchen Stellenwert hat Multimedialität in der Ausbildung? Wie hat sich das in den letzten Jahren gewandelt?

Fachwissen und praktische Kenntnisse in mehreren Medien sind Schlüsselkompetenzen für angehende Journalisten. Jedoch ist es meiner Meinung nach ein Trugschluss, dass Journalisten alle Medien gleichermaßen beherrschen sollten. Es ist erforderlich, sich zu spezialisieren. Jedoch ist es genau so wichtig, eben über Mediengrenzen hinweg denken, planen und (mit)arbeiten zu können. Dieses ist in vielen Redaktionen bzw. für viele freie Journalisten längst Alltag.

Alle Studierende am Institut für Journalistik lernen mindestens zwei Medien kennen, da wir der festen Überzeugung sind, dass eine monomediale Ausbildung nicht mehr zeitgemäß ist. Diese Rückmeldung erhalten wir ebenfalls von unseren Medienpartnern, bei denen unsere Studierenden ihr Volontariat absolvieren. In den Lehrredaktionen wählt deshalb jeder Teilnehmer seinen Schwerpunkt aus den Bereichen Fernsehen, Radio, Print oder Online.  Zusätzlich erhält jeder eine multimediale Ausbildung in der Onlineredaktion.

Die ersten Absolventen am Institut für Journalistik wurden noch mit dem Ziel ausgebildet, ausschließlich für lokale Tageszeitungen zu arbeiten. Dieses hat sich bis heute grundlegend verändert.

Wie sieht ihre Perspektive nach dem Journalistik-Studium aus? Welche Erfahrung haben Sie diesbezüglich mit Vorgängern gemacht?

Durch unsere Alumni-Vereinigung haben wir einen guten Überblick über den weiteren Werdegang unserer Absolventen. Der weitaus größte Teil unserer Absolventen schafft über die geknüpften Kontakte im Volontariat oder durch freie Mitarbeit während des Studiums den nahtlosen Berufseinstieg. Selbstverständlich gibt es auch Absolventen, die in andere Branchen wechseln.

Welche Rat würden Sie jungen Journalisten und Journalistinnen mit auf den Weg geben?

Mein Rat an junge Journalisten und Journalistinnen: Glauben Sie niemandem, der Ihnen weismachen möchte, er habe die Antwort auf die Frage, welcher der beste Weg für Sie in den Journalismus sei! Mit Talent, Neugierde und Ausdauer werden Sie Ihren eigenen Weg finden und meistern. Es gibt viele exzellente Angebote der Journalistenausbildung in Deutschland – an Universitäten, an Journalistenschulen und in Medienunternehmen selbst. Alle bieten unterschiedliche Lösungen, führen jedoch zu ähnlichen Zielen. Welches für Sie das erstrebenswerte ist, können nur Sie selbst für sich herausfinden.


Image (adapted) „NRC Chairman Anser Reporter Questions“ by Nuclear Regulatory Commission (CC BY 2.0)


Anna-Maria Landgraf

studiert Philosophie und Politikwissenschaft im Master und hat während ihres Journalistik-Bachelors Erfahrungen im Print-, Online- und TV-Bereich gesammelt. Seit Juni 2014 schreibt sie für die Netzpiloten vor allem über Medien und Gesellschaft.


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4 comments

  1. Es wird oft abschätzig über Diplom-Journalisten geredet. Jedoch nur von Leuten, die nicht studiert oder den Abschluss nicht geschafft haben. Beobachtet von: einem Diplom-Journalisten.

    Schön zu lesen, dass nur wenige in Dortmund angenommen werden!

  2. Zu dem Thema empfehle ich viele Artikel zu den Gründungen von Uni- UND FH-Studiengängen in Journalistik von vor 10 bis 14 Jahren. Haargenau die gleichen Antworten auf die gleichen Fragen… Ich frage mich, ob Frau Landgraf komplett abgeschrieben hat, oder ob sich in der Weiterentwicklung des Studienganges Journalistik einschließlich der Spezifikationen wirklich nichts getan hat?

  3. @ Torben Obermayr: Mir ist nicht klar, auf welche Artikel Sie sich beziehen. Können Sie mir eine Quelle nennen?

    Das Institut für Journalistik in Dortmund bildet seit 1976 Journalistinnen und Journalisten aus. Die größten strukturellen Änderungen seitdem sind durch den Bologna-Prozess vorgegeben. Informationen zum Studienverlauf und zu Modulen finden Sie auf http://www.journalistik-dortmund.de/fileadmin/content/Lehrveranstaltungen/Studienverlaufsplan_Journalistik_BA.pdf

    Pro Semester bieten wir rund 30 Lehrveranstaltungen und 25 Blockveranstaltungen an. Mir ist deshalb ebenfalls unklar, was Sie mit Spezifikationen meinen.

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