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Kann Donald Trump den Journalismus zum Besseren verändern?

Donald Trump (adapted) (Image by Gage Skidmore [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Es überrascht wohl niemanden: wohin auch immer Donald Trump sich bewegt, die Schlagzeilen folgen ihm auf dem Fuße. Was aber tatsächlich interessant ist, ist, wie viele dieser Schlagzeilen den Journalismus oder die Autoren selbst zum Thema haben. Trump forderte die „Öffnung“ der Gesetze zur üblen Nachrede. Er verspottete die Behinderung des New York Times-Reporters Serge Kovaleski. Er stritt mit der Fox News-Moderatorin Megyn Kelly über Fragen, die sie ihm während einer Präsidentschaftsdebatte der Republikaner stellte. Und dann sind da noch die Gewaltvorwürfe gegen Journalisten bei Trumps Kundgebungen. Trump fordert die Normen und Konventionen der Politik heraus und so äußern Einige ihre Angst vor einer „Zerstörung der demokratischen Kultur“ als eine Folge des Schadens, den er hinterlässt. Die Journalisten als Chronisten des politischen Systems sehen sich einem Dilemma konfrontiert. Wie sollen sie über Trumps Kandidatur berichten? Können sie – und sollten sie – objektiv sein? Objektivität ist ein oft missverstandenes Konzept und wird zu oft unkritisch mythologisiert als ein zentrales Element der amerikanischen journalistischen Praxis. Mich interessiert, wie der Druck, objektiv sein zu müssen – und in dem Fall losgelöst von den sehr realen Auswirkungen, die Trump auf den demokratischen Prozess hat – die wichtige Rolle der Journalisten als Diener der Demokratie behindern kann.

Der Cokie Roberts-Fall

Im vergangenen März wurde die langjährige NPR-Kommentatorin Cokie Roberts mit Schimpftiraden von Journalisten bedacht, darunter einige ihrer eigenen NPR-Kollegen, weil sie eine Kolumne mitverfasst hatte.

Laut ihr sei Trump „einer der am wenigsten qualifizierten Kandidaten, die jemals ernsthaft die Präsidentschaft angestrebt haben. Sollte er von einer großen Partei nominiert – geschweige denn gewählt – werden, dann würde der Ruf der Vereinigten Staaten in der ganzen Welt einen vernichtenden Schlag erhalten.“

Roberts wurde von ihren Kollegen und den Verantwortlichen bei NRP ordentlich gescholten für ihr Unvermögen, einer objektiven Norm zu folgen – und das, obwohl sie Kommentatorin ist. David Greene, Moderator der „Morning Edition“, drückte seine Enttäuschung über Roberts sogar live in der Sendung aus, indem er sagte, dass „Objektivität fundamental für das, was wir als Journalisten tun“ sei und fragte, ob sie es ihm verübeln könne, dass „Leute wie ich etwas enttäuscht sind, zu hören, dass Sie einfach daherkommen und in einer Wahlkampfsituation wie dieser eine persönliche Position einnehmen?“ Roberts verteidigte ihre Kolumne, indem sie sich selbst als jemanden beschrieb, der unparteiisch, aber „interessiert an der Arbeit der Regierung“ sei. Ihr Statement war im Grunde genommen ein Bezug auf die grundlegenden demokratischen Werte und die Art und Weise, wie Trump diese herausfordert. Im Gegensatz dazu – und als eine meisterhafte Darstellung der Spannung zwischen den journalistischen und den geschäftlichen Werten – erklärte die CBS-Verantwortliche Leslie Moonves einer Gruppe von Investoren, dass Trump zwar „vielleicht nicht gut für Amerika“ sei, aber dafür „verdammt gut für CBS… Der Rubel rollt!“

Ist Ihr Analyst mein Kommentator?

Das NPR-Dilemma indiziert größere Veränderungen im Medien-Ökosystem. Eine Studie, die ich zusammen mit Elizabeth Blanks Hindman durchgeführt habe, untersuchte die Reaktionen von Journalisten auf die Entscheidung von NPR, ihren Analysten Juan Williams für seine Aussage, die er 2010 bei Fox News äußerte – er fühle sich „unwohl“, wenn er mit Muslimen ein Flugzeug teile – zu feuern. Die Reaktionen deuteten auf viel Verwirrung um die Rolle von Williams hin, inklusive des Sinnierens darüber, was es eigentlich genau bedeutet, ein „Analyst“ anstelle eines, sagen wir, „Reporters“ oder „Kommentators“ zu sein. Andere kritisierten Williams dafür, sich nicht an die Norm der Objektivität gehalten zu haben. Wir fanden Ähnliches in den journalistischen Reaktionen auf den Rücktritt der langjährigen Korrespondentin des Weißen Hauses, Helen Thomas, als Folge einer Reihe von kontroversen Äußerungen ihrerseits, dass Israel „Palästina schnellstmöglich verlassen“ sollte. Der Großteil der Reaktionen bestand aus Kritik an der Korrespondentin dafür, dass sie unfähig war, objektiv über den Konflikt zwischen Israel und Palästina zu berichten. Dabei war ihre Rolle zu der Zeit doch die einer Kolumnistin. Wir interpretieren diese Ergebnisse als Hinweise auf eine größere Unsicherheit in Bezug auf die Rolle des Journalismus im 21. Jahrhundert. Die Frage nach der Objektivität zu stellen, führt zu der größeren Frage, was genau wir eigentlich vom Journalismus des 21. Jahrhunderts erwarten. Ist „Objektivität“, zumindest so, wie sie aktuell verstanden wird, überhaupt zweckdienlich? Es ist eine Tatsache, dass Cokie Roberts nicht die einzige ist, die ihr Unbehagen über Trumps Kandidatur äußert. Die Huffington Post hat begonnen, zu jedem Artikel über Trump eine Notiz der Redaktion hinzuzufügen, die die Leser informiert, dass Trump „ein notorischer Lügner, wütender Fremdenhasser, Rassist, Frauenfeind, Birther (=Anhänger einer Verschwörungstheorie, derzufolge Barack Obama außerhalb der USA geboren wurde) und Tyrann“ sei. Der Boston Globe erregte Aufmerksamkeit mit dem Cover einer seiner Sonntags-Ausgaben, auf dem skizziert wurde, wie die Welt unter Trump als Präsident aussehen würde, mit Massendeportationen und Handelskriegen an der Tagesordnung. Wie also sollen Journalisten auf einen autoritären Kandidaten reagieren, der zu Gewalt anstachelt, rassistische Spannungen provoziert und droht, das Sozialgefüge zu zerbrechen, indem er in den schlimmsten Exzessen der amerikanischen Bigotterie schwelgt?

‚Journalisten sind der Demokratie zur Loyalität verpflichtet‘

Die erste Verteidigung von Roberts Kolumne besteht darin, hervorzuheben, dass es sich um eine Kolumne handelt, die von einer Kommentatorin verfasst wurde. Roberts tat also tatsächlich, wofür sie auch bezahlt wurde: sie vertrat eine Meinung. Dies macht Kritik an ihrer Kolumne umso bizarrer. Die zweite, fundamentalere Verteidigung besteht darin, auf einem tieferen Level zu ergründen, wie Journalisten in einer liberalen Demokratie auf Phänomene reagieren, die die grundlegenden Gebote einer liberalen Demokratie infrage stellen. Es handelt sich dabei um eine längst fällige Diskussion. Eine, die lange erstickt wurde durch eine enge Konzeption von Objektivität. Zu häufig betont Objektivität, wie sie praktiziert wird, Neutralität und Balance um jeden Preis. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, wie der menschliche Einfluss auf den Klimawandel noch immer diskutiert wird, obwohl eine überwältigende Anzahl an Wissenschaftlern sagt, dass es unanfechtbare Beweise dafür gibt, dass der Klimawandel und der menschliche Einfluss darauf eine Tatsache ist, die öffentlich thematisiert werden muss. Diese Art der Objektivität positioniert den Journalisten als einen „moralisch losgelösten“ Kommunikator, der, wie der Ethiker Ted Glasser argumentiert, „weder den Bedarf noch die Möglichkeit besitzt, eine kritische Perspektive zu entwickeln, von der aus er/sie die Ereignisse, Angelegenheiten und Personalien, über die er oder sie berichten soll, erfassen kann.“ In „Die Grenzen der objektiven Berichterstattung“ argumentiert der Philosoph Raphael Cohen-Almagor, dass „die Subjektivität der Objektivität vorzuziehen ist, wenn die Medien über illiberale und nicht-demokratische Phänomene berichten.“ Cohen-Almagor sagt – und ich stimme dem zu – dass Journalisten ihre moralische Neutralität ablegen sollten, wenn sie mit Angelegenheiten konfrontiert werden, die die Grundwerte der liberalen Demokratie herausfordern. Aus dieser Perspektive sollte Journalismus unabhängig in Bezug auf Parteien sein, aber zu 100 Prozent auf der Seite der Demokratie, der verantwortungsbewussten Regierungsführung, dem Schutz der Bürgerrechte und der bürgerlichen Freiheit stehen. Wie Cohen-Almagor sagt, leben Journalisten „innerhalb einer demokratischen Sphäre und sind der Demokratie zur Loyalität verpflichtet. Freie Meinungsäußerung und freier Journalismus existieren, weil die Demokratie dies möglich macht.“ Diese Idee ist gar nicht so unüblich und braucht nicht kontrovers zu sein. Tatsächlich müssen wir in der Geschichte des Journalismus gar nicht so weit zurückgehen, um Beispiele dafür zu finden. Einer der Gründe, warum Edward R. Murrow als einer der besten amerikanischen Journalisten angesehen wird, ist seine Opposition zur Demagogie von Joseph McCarthy, indem er eine Episode von „See It Now“ der methodischen Darlegung von McCarthys Verleumdungen und Täuschungen widmet. Murrow erkannte die Bedrohung des amerikanischen, demokratischen Sozialgefüges, die von McCarthy (und vom McCarthyismus) ausging und ging zur Gegenwehr über. Wo ist der Edward R. Murrow von heute? Trump strapaziert die Grenzen des politischen Systems. Seine Plattform und Proklamationen, und die Art und Weise, wie er sich artikuliert, stellen eine solche Herausforderung für die bestehende Ordnung dar, dass es nötig wird zu fragen, ob die Regeln im Bereich der politischen Berichterstattung nicht neu überdacht werden sollten. Vielleicht ist ein neues journalistisches Vokabular vonnöten. Trumps Kandidatur könnte die Gelegenheit für solche Neuüberlegungen sein. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Donald Trump“ by Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0)


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Donald Trump und das Irren der Medien

Donald Trump speaking at CPAC in Washington D.C. (image by Gage Skidmore (CC BY-SA 3.0) via Wikimedia Commons)new

Beinahe jeder geht inzwischen davon aus: Der Name Donald Trump wird auf den Wahlzetteln am 8. November in den USA zu lesen sein. Als der Immobilienunternehmer aus Manhattan letztes Jahr davon sprach, er werde sich um das Präsidentenamt bewerben, gab es vor allem Hohn und zahlreiche Kommentare, die erklärten, warum Trumps Ambitionen mal wieder im Sand verlaufen werden.

Donald Trump hat in den Vorwahlen der Republikaner bislang 953 von 1237 Delegierten gesammelt, die er braucht, um sicher als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden. Das einzige Szenario, das einen anderen Kandidaten als Trump vorsieht, beinhaltet einen die Republikaner vermutlich zerfleischenden Schachzug auf dem Nominierungsparteitag. Und selbst dann würde Trump ziemlich sicher als unabhängiger dritter Kandidat ins Rennen um das Weiße Haus gehen.

Immer wieder wurde das Ende seiner Kampagne heraufbeschworen, seit Trump im Juni letzten Jahres verkündete, beim Wahlkampf mitmischen zu wollen. Nachdem der New Yorker seinen Hut bereits bei anderen Präsidentschaftswahlen in den Ring geworfen hatte, schrieb die Vanity Fair nur: „Reality-TV-Moderator gibt wieder vor, sich um das Präsidentenamt zu bewerben.“ 
In einem Kommentar der New York Post
hieß es: „Sollte Trump wirklich in das Rennen einsteigen und sich wie gewohnt als riesiger Publicity-Wirbelsturm aufführen, würde er seriösen Kandidaten damit nur die Möglichkeit nehmen, ihre Meinungen zu verbreiten, bevor er unweigerlich aus dem Rennen ausscheidet.“ 

Als Trump sagte, die Mexikaner, die illegal in die USA einreisten, seien Vergewaltiger, schrieb das Time Magazine: „Die Republikaner können nur noch ihre Köpfe schütteln.“ Als Trump eine Fox-Moderatorin erst beleidigte und den ganzen Vorgang dann auch noch sexistisch kommentierte, fragte die FAZ: „Ist er jetzt endgültig zu weit gegangen?“ Im Oktober titelte die NZZ: „Trumps Stern sinkt.

So viele Menschen lagen falsch. Haben sie Trump falsch eingeschätzt oder nur die Auswirkung seiner Taten? Wohl eher letzteres. Er verhält sich genau wie der Grobian, der er schon immer war. Der Tölpel, der den 11. September mit dem Namen einer Supermarktkette verwechselt, benimmt sich so rüpelhaft, rücksichtslos und unwissend, wie es fast alle erwartet haben.
Der große Unterschied ist, dass es ihm in keinerlei Weise zu schaden scheint. Im Gegenteil: Je mehr er austeilt, desto lauter jubeln seine Anhänger. Dass dabei aus Trumps Mund nicht viel mehr kommt als das Versprechen, dass er ein „großartiger Präsident“ sein will und er alles so gut, wenn nicht gar besser machen will als jeder seiner Vorgänger, stört seine Fans nicht. Eine politische Strategie wird nicht einmal erwartet.

Wer in den letzten Wochen und Monaten die Berichterstattung zum Vorwahlkampf der Amerikaner verfolgt hat, bekam mittlerweile vor allem ernsthafte Analysen der Politik Trumps zu lesen und sehen. Darin kommt immer wieder der Tenor durch: Trump wird zwar Kandidat der Republikaner, eine realistische Chance auf das Präsidentenamt hat er trotzdem nicht. Jeder, der sich vor einer Welt fürchtet, in der ein ganz offensichtlich ahnungsloser Politiker die globale Politik der USA in Händen hält, kann also beruhigt sein: Das Theater ist im November vorbei, keine Sorge.

Aber: Wie falsch Vorhersagen möglicherweise sind und wie weit man mit Analysen und Aussagen daneben liegen kann, beweist der Blick in das vergangene Jahr. Diejenigen, die zuvor behauptet haben, der Immobilienmilliardär habe keine Chance auf eine Präsidentschaftskandidatur, haben seit Trumps Einstieg in den Wahlzirkus wohl auch schon etliche Male verkündet, dass der Spuk nun wirklich recht bald ein Ende hat. Man sollte also vorsichtig sein – Trump und seine Erfolge sind nicht vorhersehbar.


Image „Donald Trump speaking at CPAC in Washington D.C.“ by Gage Skidmore (CC BY-SA 3.0)


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Die Trumpifizierung der US-Medien

Trump (adapted) (Image by MIH83 [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Gibt es in den USA auch Nachrichtenthemen aus der Politik, die nicht von Trump und seiner Person dominiert werden?Außerhalb der USA wird die Aussicht, dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt werden könnte, typischerweise mit eine Mischung aus Belustigung und Beunruhigung aufgenommen. Wie kann letzten Endes ein Milliardär und Reality-TV-Star der mächtigste Mann der Welt werden? Vor allem bei Vorschlägen wie dem Bau einer riesigen Mauer, um mexikanische Immigranten daran zu hindern, in die USA zu kommen oder allen Muslimen zu verbieten das Land zu betreten?

Aber in den vergangene zwei Wochen, als ich als Gastgelehrter an der Universität von Texas in Austin arbeitete, hatte ich viel zu viel Zeit damit vergeudet, die Fernsehberichterstattung über die Wahlkampagne zu verfolgen. Sobald man den Fernseher einschaltete, war es schwierig, Trump zu vermeiden oder persönlich von ihm zu hören. Andere Kandidaten tun ihre Meinung über Trump kund oder es werden Politikthemen angesprochen, die durch den Spiegel von Trumps Politik betrachtet werden. In der Tat gibt es neben der Wahlberichterstattung – mit Trump als Hauptfigur – beim Umschalten zwischen den Nachrichtensendern nur wenig Angebot.

Es stimmt, wir sind im Dickicht der ersten Wahlperiode, wo das Hauptaugenmerk auf einer Berichterstattung liegt, die einem Pferderennen gleicht und genau das wohl einfach erwartet wird. Aber meine eindrücklichen Beobachtungen von Trumps Dominanz gelten für weit länger als zwei Wochen.

Wie The Economist berichtet, hat Trump zwischen Anfang 2015 und dem 26. Februar 2016 mehr als 400 Minuten Sendezeit in den Abendnachrichten von ABC, NBC und CBS erhalten, im Vergleich zu weniger als 100 Minuten für seine beiden republikanischen Hauptkontrahenten Ted Cruz und Marco Rubio. Über Hillary Clinton und Bernie Sanders zusammen wurde weniger als halb so viel Berichterstattung geführt wie Trump.

Da Trump der klare Spitzenreiter im republikanischen Rennen ist, so sei es nur richtig – so mögen manche Journalisten argumentieren – dass er die Berichterstattung dominiert und die Richtung vorgibt. Aber es sind wohl die verlässlichen Nachrichtenwerte, die bei der Planung der Wahlkampagnenagenda die Trumpifizierung der Wahlberichterstattung bestimmten.

Außer Kontrolle

Im Gegensatz dazu müssen Fernsehsender in Großbritannien strenge Vorgaben für Unparteilichkeit bei der politischen Berichterstattung befolgen. Wenn auch oftmals falsch interpretiert, hat dies nicht zur Folge, dass die Hauptparteien und –kandidaten eine gleiche Sendezeit erhalten. Auf Grund der strengen unparteilichen Richtlinien des Journalismus. Aber wenigstens fördert es eine höhere redaktionelle Sensibilität bei der Ausübung von journalistischen Urteilen, bezüglich der Erreichung von einem “Gleichgewicht” und der Bewahrung von öffentlichem Vertrauen in die Unparteilichkeit von Fernsehsendern.

Da US-Fernsehsender keinen solchen regulatorischen Verpflichtungen genügen müssen, können kommerzielle Nachrichtenwerte jedes Gebot der Unparteilichkeit beim Berichten über Spitzenkandidaten und Parteien ersetzen (oder übertrump(f)en!). Dies verzerrt die Berichterstattung zugunsten von Politikern, die die Kunst beherrschen, die Frank Essner als “Selbstmediatisierung” bezeichnet: die Fähigkeit die Medienrichtung vorzugeben, indem sie die Nachrichtenwerte von Mainstream-Journalisten beeinflussen.

Dies ist wohl Trumps erfolgreichste Kampagnenstrategie. Von provokanten Reden in Wahlkampfveranstaltungen bis hin zu billigen persönlichen Angriffen auf seine Gegner in TV-Debatten: die Trumpifizierung der Politik passt perfekt zu den kommerziellen Zielen der US-Fernsehsender. Bei der jüngsten TV-Debatte der republikanischen Spitzenkandidaten auf Fox News schalteten 17 Mio. Zuschauer ein – die höchste Zuschauerquote, die für eine der Spitzendebatten erzielt wurde. Aber anstatt die politischen Positionen der übrigen vier Kandidaten zu untersuchen, gingen die meisten Fragen an Trump oder betrafen seine Person.

Viele republikanische Wähler scheinen einen Geschäftsmann, anstatt eines Washington Insiders, als bevorzugten Kandidaten auszuwählen. Hier liegt eine wirklich große Geschichte: der demokratische Rebell Bernie Sanders verlässt sich auf die Spenden von Privatleuten, statt auf die Gelder von großen Firmen. Trumps Fähigkeit hingegen, sich selbst zu finanzieren und so dem Parteien-Establishment die Stirn zu bieten, ist eine wesentliche Anfechtung dessen, wie sich Kampagnen typischerweise finanzieren und wie sie geführt werden. Aber während dies eine erfrischende Veränderung im Vergleich zu früheren Wahlzyklen darstellen könnte, geht die Medienaufmerksamkeit auf Kosten einer Diskussion dessen, was wirklich auf dem Spiel steht.

Post-Wahrheit

Natürlich ist das Spektakel von Kandidaten, die Politikthemen ausweichen oder Wähler täuschen, nichts Neues in der modernen Politik. Der US-Wahlkampf von 2012 zeichnete sich als Vorbote einer Ära von Post-Wahrheit-Politik aus. Aber wenn ein Kandidat wie Trump aufsteigt, verwandelt sich diese sogenannte Ära der Post-Wahrheit-Politik in einen alles in allem gefährlicheren Vorschlag als das, was wir in den letzten Jahren gesehen haben.

Offensichtlich ist Trumps wütende Rhetorik mit der Angst vieler Leute vor Immigration und nationaler Sicherheit verbunden. Aber die impraktikablen Lösungen, die er vorschlägt, müssen von Journalisten gründlicher hinterfragt, geprüft und öffentlich angezweifelt werden, anstatt implizit akzeptiert und legitimiert zu werden.

Die Politik der reaktionären populistischen Angst ist kaum einzigartig für die USA. Viele europäische Demokratien sind im Zuge der sich verschärfenden Flüchtlingskrise drastisch nach rechts gerückt – zuletzt die Slowakei, wo eine offen neonazistische Partei in das Parlament eingezogen ist.

Aber worin sich die USA von den meisten anderen fortschrittlichen westlichen Demokratien unterscheidet, sind die formalen Regeln, die die Fernsehberichterstattung kontrollieren, die für viele amerikanische Wähler die Hauptinformationsquelle über die Wahl ist. Der amerikanische Ansatz der Wahlberichterstattung ist fast ausschließlich durch Verfolgung von kommerziellen Nachrichtenwerten geprägt, anstatt durch einen journalistischen Versuch, die Blickwinkel der Parteien und die Ansichten der konkurrierenden Kandidaten auszubalancieren.

Das heißt nicht, dass die Medien ganz alleine für das Phänomen Trump verantwortlich sind, das in einer angespannten Zeit und in einer stets komplizierten politischen Kultur aufgetaucht ist. Jedoch hatte das vorherrschende US-Mediensystem auch nur wenig Einfluss auf die Verringerung der Möglichkeiten, die einem Politiker wie Trump geboten werden. Wenig Einfluss darauf, dass ein Politiker mit einer solchen Missachtung für Politik die Chance hat, sich als glaubhafter Präsidentschaftskandidat zu etablieren.

Sich allein auf Nachrichtenwerte zu verlassen, scheint eine vernünftige und professionelle Strategie zu sein, um Wahlberichte in einer Branche mit starker Konkurrenz auszuwählen, aber sie ist alles andere als politisch neutral. Redaktionelle Prioritäten können die Gestaltung der Wahlkampfagenda direkt beeinflussen und die Auswahl an Themen, die diskutiert und erörtert werden, einschränken. Niemand möchte überregulierte oder unterdrückte Rundfunkmedien, aber unabhängig von der politischen Gesinnung, kann die Ausübung eines gewissen Grades an Gleichgewicht in der Wahlberichterstattung sicherlich nur gut für die Bewahrung eines demokratischen Diskurses sein – ob in den USA oder andernorts.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


 Image (adapted) „Trump“ by MIH83 (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Wie sollten Medien auf einen Demagogen wie Donald Trump reagieren?

Donald Trump (adapted) (Image by Gage Skidmore [CC BY-SA 2.0] via flickr)

So schön es auch wäre, jemanden wie Donald Trump sollte man nicht ignorieren! Das Netz beratschlagt, wie man mit Demagogen umgehen soll. Dabei ist Nüchternheit zielbringender als Häme oder Ignoranz.

Am 1. Februar 2016 wird alles vorbei sein. Dann bitten die Republikaner von Iowa ihre AnhängerInnen zum landesweit ersten Primary. Mit solchen Vorwahlen ermitteln die beiden größten Parteien der USA ihre Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2016. Und spätestens am 2. Februar sollte dann eine derzeit bestimmende Frage beantwortet sein: Ist die Kandidatur von Donald Trump nur ein großes Spektakel oder doch ein ernstzunehmendes politisches Phänomen?

Bis dahin bleibt aber noch Zeit für ein grundsätzlicheres Problem. Nämlich, wie man mit derart populistischen, mit Fehlinformationen und Diffamierungen arbeitenden Politikern umgehen sollte. Mit jemandem wie Trump also, den der britische Guardian nicht ohne Grund – und nicht als einziger – einen “Demagogen” nennt.

Vielfach war zuletzt zu lesen, man sollte solche Provokateure einfach ignorieren, totschweigen. Ja, man würde ihnen sogar helfen, wenn man sich mit ihnen öffentlich auseinandersetzt. Doch das ist falsch. Vielmehr ist das Wie der Auseinandersetzung entscheidend.

Wer kritisiert, der unterstützt – unfreiwillig. Tatsächlich?

Die Problematik ist auch von deutscher Relevanz – angesichts von Figuren wie Erika Steinbach, Akif Pirinçci oder Björn Höcke. Über die (und Donald Trump) war kürzlich im Weblog “Der Lampiongarten” von Sebastian Baumer zu lesen:

Diejenigen, die sich öffentlich über sie aufregen, um in der rollenden Empörungswelle auch ein bisschen auf sich und ihre moralische Überlegenheit hinzuweisen, sind ihre wichtigsten Helfer. Es gibt fast niemanden im ernstzunehmenden Diskurs, der diese Leute unterstützt. Trotzdem tauchen sie dort permanent auf und können sich damit in die Köpfe einer breiten Masse von Personen schleichen, unter denen sie neue Unterstützer finden.

Durch jeden Tweet, jeden Artikel – so die Argumentation – verschafft man seinem Gegner eine Bekanntheit bzw. Reichweite in den sozialen Medien, die dieser alleine gar nicht erzielen könnte. Menschen, die für die fragwürdigen Botschaften empfänglich sind, werden so überhaupt erst erreicht. Oder anders: Von einem Shitstorm bleibt eben noch genug Mist hängen.

Allerdings verkennt diese Sichtweise eben gleich mehrfach die Realitäten.

Medienereignis trifft auf Medienereignis

Die Medien schenken Donald Trump immer mehr Aufmerksamkeit (Tabelle: Thomas Vorreyer)
Die Medien schenken Donald Trump immer mehr Aufmerksamkeit (Tabelle: Thomas Vorreyer)

Zunächst einmal: Es ist unbestritten, dass Donald Trump seit der Verkündung seiner Kandidatur am 11. Juni eine Welle der Aufmerksamkeit surft. Stichproben zeigen, dass Trump anno 2015 auf wichtigen Webseiten wie BuzzFeed, Politico oder des konservativen TV-Senders Fox News nahezu doppelt so oft erwähnt wurde wie ihm Vorjahr. Und selbst Medien wie die New York Times, die aufgrund ihrer lokalen Bezüge ohnehin nicht um den New Yorker Blondschopf herumkommen, haben ihre Berichterstattung nochmals aufgestockt. Einen richtigen Trump-Hype findet man allerdings online bei CNN: Die Zahl der Erwähnungen pro Jahr hat sich hier mehr als vervierfacht. Selbst für eine derart polarisierende Medienfigur wie es der Fernseh-Promi, Selbstvermarkter und Immobilienunternehmer Trump schon immer war, markiert das einen beachtlichen Hype.

Jedoch überlagert sich hier schlichtweg das über Jahre aufgebaute Medienereignis “Trump” mit dem genuinen Medienereignis einer Präsidentschaftskanditatur. Zumal Trump sich seit Jahren auch auf politischem Terrain bewegt. Bereits im Vorwahlkampf für die Wahlen 2012 hatte er mit einer Kandidatur kokettiert, sich bei der “Tea Party”-Bewegung angebiedert und sich an die Spitze der sogenannten “Birther”-Bewegung gesetzt, die Barack Obamas Herkunft in Frage stellt.

Trump kennt das Rampenlicht so gut wie die fortwährenden Anfeindungen. Seit jeher bietet er dafür genug Angriffsfläche – ästhetisch wie inhaltlich. Kaum verwunderlich ist es da, dass der Kandidat, der einst noch als schadenfroh als “meme to end all memes” betitelt wurde, auch bei den Memes Klassen-Clown und -Krösus zugleich. Eine Studie von Techcrunch belegt, dass zur Person Trump nicht nur die meisten Memes aller derzeit populärsten Kandidaten beider Lager erstellt und geteilt werden: Bei Trump ist auch der Prozentsatz negativer Memes am höchsten.

Aggressionen einerseits, Häme andererseits

Dabei sind manche seiner Forderungen so absurd, dass sie kaum noch parodiert werden können. Für große Lacher sorgte Trumps Idee, zur Terrorismusbekämpfung das Internet in “certain areas” abzuschließen – mit Hilfe von “Bill Gates and a lot of different people who really understand what’s happening.” Eine dankbare Vorlage, gerade für Medien hierzulande. Interessanterweise fand dieser Vorschlag in konservativen US-Medien keinerlei Echo. Er wurde schlichtweg als Randbemerkung ignoriert, während sich liberale und europäische Stimmen hämisch, genüsslich über Trumps #Neuland-Moment hermachten.

Ganz anders verhält es sich mit Trumps Aussagen gegenüber mexikanischen Migrantinnen und Muslimen. Diese waren sehr wohl Aufmacherthemen auf beiden Seiten des Meinungsspektrums. Der große Mauerbau und ein konfessionelles Einreiseverbot mögen nicht weniger irrwitzige Ansätze sein als Bill Gates als Geheimchef des Netzes, jedoch treffen sie in Ton und Inhalt den Nerv eines stetig wachsenden Teils der Bevölkerung. Dieser fühlt sich entweder in seinem Besitzstand bedroht oder ist von jeher aggressiv-rechts eingestellt.

Doland Trump, der digigene Kandidat

“In a world where politics feel so fake and prepared, this verbal violence feels real”, schreibt Douglas Rushkoff auf DigitalTrends folgerichtig über den „Politik-Charlie-Sheen” Donald Trump. Nicht nur dass der Kandidat die nostalgischen Gefühle der Überforderten anspricht (Sein Kampagnen-Slogan lautet: “Make America great again!”), er füttert auch beständig eine Heimsofa-Fußballtrainer-Mentalität, nach der alle anderen, ja, ganz besonders die Politiker in Washington, eh Idioten sind.

Rushkoff geht sogar noch weiter: Donald Trump sei nicht weniger als “the ultimate Internet candidate”. Nicht weil er besonders ausgefeilte Partizipationsmöglichkeiten biete, sondern weil er eben genau die Kommunikation derer reproduziert, die das Internet mit kurzatmiger Paranoia, Copy-Paste-Meinungen, Verschwörungstheorien, Beleidigungen und Fehlinformationen fluten. Oder, wie zahlreiche Twitter-Nutzerinnen anmerken: Trump ist eine menschgewordene Kommentarspalte.

Digigen nennt ihn Rushkoff deswegen. Und genau hier liegt der Punkt, warum eine Verschwiegenheit oder Ignoranz der Medien und von Privatpersonen Trumps Erfolg keinesfalls schmälern würden. Seine polarisierenden, rassistischen, sexistischen, chauvinistischen, verkürzten Wortmeldungen sind zu mitreißend (für seine Anhänger), das digitale rechte Lager mit Blogs wie Infowars.com, Tea-Party-Seiten und Kommentatoren von Glenn Beck bis Rush Limbaugh einfach zu groß, um nicht eigenständig Trends zu kreieren. 

Die Auseinandersetzung ist nötig, muss aber nüchterner geführt werden

Wer dem als Journalistin entgegenwirken möchte, dem bleibt nur, auf Aufklärung, statt auf Häme zu setzen und die zentralen Botschaften und Behauptungen Donald Trumps anzugehen (wie beispielsweise Jennifer Mercieca auf Netzpiloten.de). Dass es schlichtweg falsch sei, dass in den USA 81 Prozent aller weißen Mordopfer von Schwarzen getötet würden, und dass tausende Muslime in den USA die 9/11-Anschläge bejubelt hätten – wie von Trump deklariert –, musste sich dieser neulich sogar bei Fox News von Bill O’Reilly vorhalten lassen.

Auch der sorgfältige Umgang mit Statistiken gehört dazu. Ein Gros von Trumps derzeitigem Nimbus beruht auf seiner Führerschaft in aktuellen Meinungsumfragen. Dabei ist noch gar nicht einmal sicher, ob er wirklich die republikanischen Vorwahlen derart dominieren wird, wie es jetzt überall heißt.

Da wäre zum einen einen spezifischere Umfragen, wie etwa jene der Washington Post. Sie ließ in Iowa, wo eben die Vorwahlen beginnen werden, jene Menschen befragen, die bereits in den letzten Jahren an einem Primary teilgenommen hatten – und dies deshalb sehr wahrscheinlich auch wiederholen werden. Hier landete der blonde Lautsprecher nur auf dem dritten Rang. Da wäre zum anderen ein möglicher Polarisationseffekt, der alle anderen, jetzt noch gespaltetenen republikanischen Lager hinter einem zweiten Kandidaten wie Ted Cruz versammelt, sollte Trump die ersten Wahlen gewinnen.

Über so etwas lohnt es sich, zu reden und zu schreiben. Zumal ein Kandidat, der für das Amt des US-Präsidenten kandidiert und allein schon deshalb an allen großen TV-Debatten teilnimmt, eine nicht zu ignorierende Relevanz genießt. Man muss sich mit ihm auseinandersetzen. Aber eben auf nüchterne Art und Weise.


Image (adapted) “Donald Trump” by Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0)


 

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Die rhetorische Brillanz des Demagogen Trump

Donald Trump (Image by Gage Skidmore [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Mit welchen Mitteln stellt sich Donald Trump immer wieder als rhetorisches Genie mit jeder Menge Zündstoff dar? Eine Analyse.

Die Forderung Donald Trumps vom 7. Dezember, die Einwanderung von Muslimen zu verhindern, wurde weltweit verurteilt. Fast 500.000 Briten unterschrieben eine Petition, die ihre Regierung anwies, Trump keinen Zutritt zu ihrem Land zu gewähren. In den USA wurden Trumps Kommentare sowohl von den Demokraten, den Republikanern, den Medien als auch von religiösen Gruppen angeprangert.

Jedoch stimmten laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage 37 Prozent der designierten Wähler aus dem gesamten politischen Spektrum einem zeitlich begrenzten” Einreiseverbot für Muslime in die Vereinigten Staaten zu. Trump besitzt eine Arroganz und eine Sprunghaftigkeit, die die meisten Wähler aufschrecken lässt. Wie konnte er nun seinen Zugriff auf einen Teil der Basis der Republikanischen Partei erhalten, welcher – zumindest im Moment – unerschüttert scheint.

Wie konnte auch seine Unterstützung bestehen bleiben, obwohl er von einigen als Demagoge und Faschist bezeichnet wurde oder obwohl politische Beobachter Parallelen zwischen ihm und polarisierenden Figuren wie George Wallace, Joseph McCarthy, Father Coughlin – und selbst Hitler – zogen?

Als Wissenschaftler im Bereich der US-amerikanischen politischen Rhetorik halte ich Kurse ab und schreibe über Nutzen und Missbrauch rhetorischer Strategien in der öffentlichen Debatte. Die eingehende Prüfung von Trumps rhetorischen Fähigkeiten kann teilweise seinen profunden und beständigen Reiz erklären.

Die Rhetorik der Demagogie

Das griechische Worte Demagoge” (demos = Volk + ag?gos = Führer) meint wortwörtlich einen Führer des Volkes. Jedoch wird es heutzutage dafür benutzt, einen Anführer zu beschreiben, der populäre Vorurteile bedient, falsche Behauptungen und Versprechen macht und seine Argumentation nach dem Gefühl und nicht nach der Vernunft wählt.

Donald Trump bezieht sich hierbei auf die Ängste der Wähler, indem er eine Nation in der Krise zeichnet und sich gleichzeitig als Held der Nation feiert – der einzige Held, der sich unseren Gegner entgegenstellt, unsere Grenzen sichert und Amerika wieder zu etwas Großartigem macht”.

Sein Mangel an Details, wie er diese Ziele erreichen möchte, ist dabei weniger erheblich als seine selbstbewusste, überzeugende Rhetorik. Er mahnt sein Publikum an, ihm zu vertrauen, verspricht sehr schlau zu sein und lässt, bildlich gesprochen, seine prophetischen Muskeln spielen (wie in dem Fall als er behauptete, die 9/11 Anschläge vorausgesagt zu haben).

Trumps selbst beweihräuchernde Rhetorik lässt ihn als Inbegriff von Überheblichkeit scheinen, die laut Forschungsergebnissen oft die am wenigsten zugkräftigste Qualität eines möglichen Anführers ist. Jedoch ist Trump so beständig in seiner Überheblichkeit, so dass dies authentisch scheint: Seine Großartigkeit ist Amerikas Großartigkeit.

Deshalb können wir Trump mit Sicherheit einen Demagogen nennen. Aber die Furcht, wenn Demagogen wirkliche Macht bekommen, bleibt bestehen. Nämlich, dass sie das Gesetz oder die Verfassung außer Kraft setzen. Hitler ist dabei natürlich das Beispiel für einen Worst Case.

Erstaunlicherweise ist eines von Trumps eigenen Argumenten jenes, dass er sich nicht kontrollieren lassen wird. Im Wahlkampf machte er sich seine Rolle als Machogeschäftsmann zu Nutzen – welche er sich durch seinen Auftritt in den sozialen Medien und in den Jahren als Fernsehpersönlichkeit (bei der er meist die mächtigste Person im Studio war) schuf – um sich für die Präsidentschaft zu bewerben. Dies ist eine Rolle, die Einschränkungen zurückweist: Er lässt sich nicht durch die Partei, die Medien, andere Kandidaten, Politische Korrektheit, Fakten – eigentlich alles – einschränken. Auf eine Weise zeigt er sich als unkontrollierbarer Anführer.

Mit rhetorischen Mitteln Kritiker zerstören

Jedoch möchten die meisten Wähler keinen unkontrollierbaren Präsidenten. Warum bleiben trotzdem so viele felsenfest bei ihrer Unterstützung?

Zuerst bezieht Trump sich auf den Mythos des Amerikanischen Exzeptionalismus. Er beschreibt die Vereinigten Staaten als die beste Hoffnung für die Welt: Es gibt nur eine auserwählte Nation und als Präsident arbeiten alle seine Entscheidungen auf das Ziel hinaus, Amerika großartig zu machen. Dadurch, dass er sich selbst mit dem Amerikanischen Exzeptionalismus verknüpft, während er Gegner als schwach” oder Dummköpfe” beschreibt, kann Trump seine Kritiker als Leute, die nicht an die Großartigkeit” der Nation glauben oder nicht an dieser mitarbeiten, darstellen.

Trump benutzt zudem trügerische und spaltende rhetorische Techniken, die ihn vor Ausfragungen schützen und ihn nicht in die Enge treiben. Er benutzt Ad populum”-Argumente. Dies sind Argumente, die an die Klugheit des Publikums appellieren (Umfragen zeigen, Wir gewinnen überall).

Wenn Gegner seine Ideen oder Haltung hinterfragen, benutzt er Ad hominem” -Attacken oder Kritiken, die stets die Person und nicht ihre Argumentation treffen (er weist seine Kritiker als Dummköpfe”, schwach” oder langweilig” zurück).

Die wahrscheinlich berühmteste Instanz davon war, dass er sich über Carly Fiorinas Aussehen lustig machte, als die Zustimmung für sie in den Umfragen nach der ersten republikanischen Debatte stieg (Schaut auf dieses Gesicht!”, rief er, Wer würde dieses Gesicht wählen? Kannst du dir dieses Gesicht als Gesicht des nächsten Präsidenten vorstellen?”).

Schließlich sind seine Reden auch oft mit Ad baculum”-Argumenten gespickt, die Androhungen von Machtdemonstrationen sind (Wenn Leute mir hinterher spionieren, gehen sie den Bach runter.”). Da Demagogen oft ihre Argumentation auf falschen Behauptungen und der Berufung auf das Gefühl anstelle der Vernunft basieren, greifen sie oft auf diese (rhetorischen) Hilfsmittel zurück.

Beispielsweise erklärte George Wallace während des Präsidentschaftswahlkampfes im Jahre 1968, dass wenn sich irgendein Demonstrant jemals vor sein Auto liegen würde, wäre dies das letzte Auto vor dem er oder sie sich jemals hingelegt hätte (Ad baculum). Joseph McCarthy griff zudem auf eine Ad hominem Attacke zurück, als er den ehemaligen Außenminister Dean Acheson als pompösen Diplomat in gestreiften Hosen mit einen gefälschten britischen Akzent” bezeichnete.

Trump benutzt auch ein rhetorisches Mittel, das sich Paralipse nennt. Damit stellt er Behauptungen auf, für die er nicht verantwortlich gemacht werden kann. Bei der Paralipse stellt der Redner ein Thema oder Argument vor, indem er sagt, dass er nicht darüber sprechen möchte. In Wahrheit möchte er oder sie jedoch genau diese Sache betonen.

Zum Beispiel sagte er in New Hampshiream 1. Dezember:

Aber alle (anderen Kandidaten) sind schwach und nur schwach – Ich glaube, dass sie allgemein schwach sind, wenn sie die Wahrheit hören möchten. Aber ich möchte dies nicht sagen, weil ich es nicht möchte… Ich möchte nicht irgendwelche Kontroversen, gar keine Kontroversen haben, ist dies in Ordnung? Deshalb weigere ich mich zu sagen, dass sie generell schwach sind, okay?

Trumps letztendlicher Trugschluss

Gehen wir zu Trumps Rede über Muslime vom 7. Dezember 2015 zurück, um die dort benutzten rhetorischen Mittel zu analysieren:

Ohne auf die unterschiedlichen Umfrageergebnisse zu schauen, ist es für jeden klar, dass der Hass unbegreiflich ist. Woher dieser Hass kommt und warum gehasst wird, müssen wir herausfinden. Bis wir das Problem und die Bedrohung, die es besitzt, ermitteln und verstehen können, kann unser Land kein Opfer der abscheulichen Angriffe von Menschen werden, die nur an den Dschihad glauben und keinen Sinn für die Vernunft oder den Respekt vor menschlichen Leben haben. Wenn ich die Präsidentenwahl gewinne, werden wir Amerika wieder großartig machen.

In dieser Erklärung macht Trump bereits zwei Dinge unumstößlich (oder unbestreitbar): Amerikanischer Exzeptionalismus und der Hass der Muslime auf Amerika. Laut Trump werden diese Grundsätze von der Klugheit des Publikums (Ad populum) unterstützt; sie sind für jeden klar”.

Er beschreibt Muslime in wesentlichen Worten als ein Volk, dass nur an den Dschihad glaubt, voller Hass ist und keinen Respekt vor menschlichem Leben hat. Trump benutzt die Verdinglichung, – die Betrachtung von Objekten als Menschen und Menschen als Objekt – um seine Grundsätze miteinander zu verbinden und seine Aussage zu unterfüttern: Unser Land kann nicht das Opfer von abscheulichen Angriffen von Leuten, die nur an den Dschihad glauben, werden”.

Hierbei personifiziert er “unser Land”, indem er die Nation als Person darstellt. Währenddessen benutzt er im englischsprachigen Originalzitat that anstatt who, um zu zeigen, dass Muslime keine Menschen, sondern Objekte sind. Seine tiefere Logik hierbei ist, dass unsere Nation ein Opfer dieser Objekte” ist. Objekte müssen nicht mit der gleichen Sorgfalt wie Menschen behandelt werden. Deshalb sind wir berechtigt, Muslime den Eintritt in das Land zu verwehren.

Schließlich muss noch gesagt werden, dass Trumps Beweisführung unvollständig ist und sich an seinem eigenen Blickwinkel orientiert. Seine Erklärung zitierte eine Umfrage unter US-amerikanischen Muslimen, die zeigt, dass 25 Prozent der Befragten dem Punkt zustimmen, dass Gewalt gegen Amerikaner hier in den Vereinigten Staaten gerechtfertigt ist” .

Die Daten der Umfrage kamen vom Zentrum für Sicherheitspolitik (CSP – Center for Security Policy), welches das Southern Poverty Law Center als anti-muslimische” Denkfabrik bezeichnet. Darüber hinaus sagt Trump nicht, dass in der gleichen Umfrage 61 Prozent der US-amerikanischen Muslime dem Punkt zustimmen, dass Gewalt gegen jene, die den Prophet Mohammed, den Koran oder den islamischen Glauben beleidigen” , nicht annehmbar ist. Noch erwähnt er, dass 64 Prozent nicht glauben, dass Gewalt gegen US-Amerikaner hier in den USA als Teil des globalen Dschihad gerechtfertigt ist” .

Unglücklicherweise lässt sich Trump, wie ein wahrer Demagoge nicht zu sehr von den Fakten aufhalten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) Donald Trump” by Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0)


 

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