SXSW: zwischen Massenmarketing und Margaritas

SXSW 2011

Einmal im Jahr versammelt sich die Web-Szene im sonnigen Austin, Texas. SXSW, kurz für „South by South-West“, heißt dieses Klassentreffen dann, und auch wenn der Name in Deutschland nicht übermäßig bekannt ist, ist es mit gut 15.000 Besuchern doch das vermutlich größte Meet-Up weltweit. Und dieses Jahr war das Treffen wahrhaftig global, auch aus Deutschland war eine ganze Reihe bekannter Gesichter zu sehen. Das Besondere an SXSW: Es ist eigentlich ein Musikfestival, aus dem vor einiger Zeit auch ein „interaktiv“-Segment erwachsen ist.

SXSW, häufig liebevoll als „Southby“ bezeichnet, gilt als der zuverlässigste Trendindikator. Das nächste große Ding wird häufig hier entdeckt – 2006 war das Twitter, 2008 Foursquare. Wer ein heißes Internet-Startup hat, versucht hier als erstes aufzutreten und hier – zwischen Massenmarketing und Margaritas – einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Eine solche Killer-App hat sich dieses Jahr noch nicht herauskristallisiert. Es gibt aber freilich ein paar vielversprechende Dienste:

Group.me zum Beispiel ist eine smart weiterentwickelte Chat-Applikation, die Gruppenkommunikation geschickt mit einer Mischung aus SMS und Textchat vereinfacht (derzeit nur in den USA, internationaler Launch ist geplant).

Der eigentliche Gewinner ist aber – bereits zum zweiten Mal – Foursquare. Der „location-based Service„, ein Spiel, bei dem Punkte bekommt, wer sich per Handy in einer Bar oder einem Restaurant eincheckt, hat gerade rechtzeitig zum diesjährigen SXSW eine neue Version seiner mobilen App herausgebracht, die das Entdecken neuer Coffeeshops, Bars und Restaurants noch spielerischer und interessanter gestaltet. Und das ist in Wirklichkeit suchterzeugender als es theoretisch klingt.

Besonders spannend ist, welche Rolle Social Media hier spielen: Seit Jahren dreht sich alles um „social“, nicht nur auf der Southby, sondern in der gesamten Internetbranche. Hier auf der SXSW zeigt sich: Social wird erwachsen. Die große Mehrheit des Programms dreht sich in der einen oder anderen Form um die Nutzung sozialer Netzwerke für die verschiedensten Zwecke. Die Themen sind aber deutlich weniger verspielt als noch vor wenigen Jahren. Statt dessen sitzen die großen Player mit am Tisch, es geht um Return On Investment, um die große Strategie, um Geschäftsmodelle.

Dazwischen kristallisieren sich schon jetzt die nächsten Nischen heraus, von denen wir in den nächsten Jahren deutlich mehr hören werden. Manche dieser Nischen sind durchaus schon etwas größer, wie location-based Services und „Gamification„, das Beimischen von Spielmechanismen zur Steigerung der Motivation. Aber auch wirklich engen Nischen wie dem Thema Urban Computing sind gleich eine handvoll Sessions gewidmet. Auffällig ist auch: die hier versammelten Geeks sind sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst. So widmete sich Clay Shirky in seiner Keynote dem Onlineaktivismus und nur zwei Tage nach Beginn der Southby war mit SXSW4Japan eine Spendenplattform für das katastrophale Erdbeben in Japan gelauncht.

Eines jedenfalls ist klar: Während weltweit immer wieder Startups zu teilweise absurden Summen aufgekauft werden, fühlt sich die Szene nicht wirklich wie eine Blase wie in den frühen 2000er Jahren an – von Champagner-Parties keine Spur. Statt dessen wird getüftelt und genetzwerkt, was das Zeug hält – die Stimmung ist prächtig. Die einzige Sorge, die die Jungunternehmer auf der Southby umzutreiben scheint ist, dass es noch immer nicht genug Programmierer gibt, um all die Ideen auch tatsächlich umzusetzen.

Peter Bihr

war Netzpiloten-Projektleiter von 2007-2010. Heute hilft er als freier Berater Unternehmen, ihre Strategien erfolgreich ins Netz zu übertragen. Über Social Media und digitale Kultur schreibt und twittert Peter auch privat unter TheWavingCat.com. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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