Switched-On Tron

Von Beate Stender und Philipp Noltensmeier

Daft Punk sind zurück: mit einem Soundtrack für den Disneyblockbuster „Tron Legacy“, der ihre Fans überraschen dürfte! Denn sowenig „Tron Legacy“, der kurz vor Weihnachten in den USA startet, ein bloßes ‚Remake‘ des fast dreißig Jahre alten Kultfilms darstellt, sowenig steht der Soundtrack von Daft Punk in direkter musikalischer Folge zu ihren bisherigen Alben. Anstelle von clubbiger Housemusik sind 22 großformatige, orchestral und elektronisch arrangierte Tracks entstanden, die eines deutlich machen: niemand anders als Daft Punk wäre geeigneter für diese Arbeit gewesen!

Man muss kein Sound-Erneuerer zu sein, um Neues zu erschaffen. Zur experimentier-freudigen Clicks & Cuts-Generation gehörten Daft Punk sicherlich nicht, als sie mit ihrem 1997 erschienenen Debütalbum “Homework“ eine kleine Revolution in der Housemusik anzettelten. Neu an Daft Punk war zu dem Zeitpunkt, Funk- und Discomusik zusammen mit Housebeats so auf einem Ghettoblaster abzumischen, wie es bis dahin nur Rockmusiker taten: krachend laut und verzerrt! Mit ihrem zweiten Album ‚Discovery‘ präsentierte sich die Band zusätzlich als Roboter maskiert, die seitdem als ihre Alter Egos die Regler drehen und den digitalen Rhythmen tanzbare Lebendigkeit einhauchen – inspiriert durch den groovenden „menschlichen“ Sound von Curtis Mayfield oder den Brothers Johnson. Daft Punk handelten nie von Details, „es geht uns eher um Ganzheit. Es ist sehr physisch, es geht nicht um Subtilitäten, sondern um Offensichtliches“, stellte Thomas Bangalter, einer der beiden Köpfe von Daft Punk, schon 1997 fest. Harder, Better, Faster Stronger – ihr Gesamtkonzept von schwer rockender Housemusik, die von ´digital humans´ erzeugt wird, kann als Kunst der funktionalen Reduktion verstanden werden, welche Daft Punk musikalisch und visuell auf den Punkt gebracht haben – und die für den Regisseur Joseph Kosinski mit Sicherheit ein Grund gewesen sein dürfte, die Franzosen für den Soundtrack von „Tron Legacy“ zu beauftragen.

 

Bild: Das Basteln von Daft-Punk-Helmen ist ein beliebtes Hobby unter den Fans – wie dieser Herr zeigt (Foto: „1/2 of Daft Punk“ von William Brawley, CC BY).

Dabei ist „Tron“ nicht die erste Filmmusik von Daft Punk. Bereits seit 2002 arbeitete zumindest Thomas Bangalter mit dem Regisseur Gaspar Noé zusammen und komponierte die Musik für dessen Filme “Irreversible“ (2002) und “Enter the Void“ (2010). Beide Soundtracks überraschen mit atmosphärischer Fragilität und klassischen Arrangements von Beethovens siebter und Mahlers neunter Symphonie.

Gaspar Noé hingegen ist ein ausgewiesener Kubrick-Fan: über fünfzig Mal hat er sich den Klassiker ‚2001‘ angesehen, so dass er auch von seinen musikalischen Vorstellungen her stark von der Regielegende beeinflusst worden sein dürfte. Kubrick wiederum spielt eine große Rolle für die Tron-Filmmusik, da seine „Hauskomponistin“ Wendy Carlos nach ‚Clockwork Orange‘ und ‚Shining‘ 1982 auch die Filmmusik für ´Tron´ komponiert hat. Kein leichtes Erbe für Daft Punk, denn Wendy Carlos schrieb sowohl Film- als auch Musikgeschichte: als eine der ersten Komponistinnen elektronischer Musik wagte sie das Experiment, klassische Werke auf dem gerade erst entwickelten Moog-Synthesizer neu zu interpretieren; ihre Einspielung von Bachwerken auf „Switched-On Bach“ oder Beethovens Neunter in „Clockwork Orange“ verschafften ihr Kultstatus. Und auch bei „Tron“ experimentierte sie mit ihren kühl-naiven Synthesizerklängen, allerdings weniger wild als bei Kubrick. Denn während Kubrick die Musik in seinen Filmen oft als eigenständige Bedeutungsebene einsetzte, sollte in den im Hause Disney produzierten „Tron“-Filmen eher das familienorientierte Erlebnis und damit der eingängige, stimmungsbegleitende Soundtrack im Vordergrund stehen. Wendy Carlos wußte dies geschickt zu meistern, indem sie mit der in der Tron-Welt vorgestellten Mischung aus ‚Humans‘ und ‚Digital Humans‘ spielte: zusätzlich zum Synthesizer griff sie auch auf orchestrale „menschlich erzeugte” Klänge zurück, die sie sozusagen mit einer Patina von Synthesizern überzog. So erschuf sie einen Soundtrack, der sich die Digitalisierung des Menschen primär als seine digitale Ummantelung vorstellte.

Bild: Regler, Knöpfe, Buchsen – Grundstoff so manchen Soundtracks(Foto: „Synthesizer Filter Module B&W“ von Maschinenraum, CC BY ND).

Daft Punk haben es geschickt vermieden, ein bloßes musikalisches Remake der Musik von Wendy Carlos zu produzieren. Denn der Cyberspace klingt 2010 natürlich anders: 3-D-Effekte, höhere Bildauflösung und technisch hoch entwickelte Bildeffekte schinden heute mehr Eindruck als die ersten Computereffekte aus dem Jahr 1982. Und so künden bei Daft Punk in der ”Overture“ pompöse Trompetenfanfaren die Erhabenheit des Cyberspace 2.0 an, wird die spannungsvolle und großkinoformatige Erklärung zu ”The Grid“ – dem „Netz“ – von unruhigen Streichern und einem nervösen Beat untermalt. Spätestens in ”Arena“ dürfte das militante Getrommel schließlich auch dem letzten Hörer klar machen: Nein, „Tron Legacy“ ist im Jahr 2010 kein digitaler Spaß mehr, sondern kriegerischer Ernst! Dass der Soundtrack trotzdem nicht in fulminanter Blockbuster Dolby Surround-Ästhetik versumpft, verdanken wir den beiden Franzosen: gewohnt raffinierte Over-the-Top-Pop-Momente wie die typischen Vocodersounds in ”Rinzler“ und ”The Game has changed“ lockern die orchestralen Klanggewalten auf und Housebeats bringen (endlich!) in “End of line“ und “Derezzed“ die Musik auf tanzbaren Trab – im Film sogar zusammen mit Daft Punk als Roboter-DJs! Und auch Wendy Carlos bleibt nicht unerwähnt: mit dem im Bachstil komponierten schmerzvollen “Adagio for Tron” haben Daft Punk eine Antwort auf ihr “Tron Scherzo” aus der 1982er Fassung formuliert und im “Finale” sogar eins zu eins auf das von ihr komponierte Thema aus Kubricks “Shining” zurückgegriffen.

Daft Punk haben dem Soundtrack also hier und da ihren Disco-Stempel verpasst, sich aber zugleich nicht von den orchestralen Soundtrack-Konventionen der Traumfabrik abgewendet und sogar Wendy Carlos einen Gruß geschickt. Keine selbstgefällige Auftragsarbeit also, sondern ein handwerklich versierter, emotionaler und euphorisierender Soundtrack, der ihren Weg der Optimierung vorhandenen Materials konsequent fortsetzt. Denn so wie das Duo einst ‚House-Music´ optimierte, so haben sie jetzt einen Soundtrack produziert, der das Beste aus Hollywood-Konventionen mit einer Portion Daft Punk verbindet: nicht unbedingt voller Überraschungen, aber dafür Harder, Better, Faster Stronger: pompös, effekthaschend, berauschend, pathetisch, zwanghaft! Wir dürfen gespannt sein auf das Kino-Ergebnis, wenn der Film hierzulande im Januar startet!

 

Über den Autor

Philipp Noltensmeier ist freier Autor und Sounddesigner in Berlin. Er interessiert sich vor allem für Musik und Filme.

Beate Stender

ist als Musikredakteurin beim Radio und als Freie Autorin in Berlin unterwegs. Sie interessiert sich für alles, was klingt und experimentierfreudig ist. Neben den netzpiloten schreibt sie auch für kulturprozess.com. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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