Small World Phänomen ist eine Ente

1967 machte Sozialpsychologe Stanley Milgram ein kleines Experiment. In einem seiner Kurse wurde untersucht, ob kleine Pakete in Reisepassgröße, die an einige hundert Leute in Nebraska und Kansas verteilt wurden in zwei Zielen in der Region um die Stadt Boston erreichen würden, wenn sie nur über persönliche Bekannte übergeben würden, die man per Vornamen kennen musste und die am ehesten jemanden in der Zielregion kennen würden. Die Leute, die die Pakete erhielten, wurden per Zufall ausgesucht. Alle Zwischenstationen sollten sich aus dem Paket eine Postkarte nehmen und sie an ihn schicken, damit er nachvollziehen konnte, wo die Pakete Station machten. Es stellte sich heraus, dass im Durchschnitt sechs Stationen nötig waren, bis das Paket am Ziel ankam. Daher wird heute oft von dem Phänomen gesprochen, dass man nur sechs Leute braucht, um jeden in der Welt erreichen zu können. Das Kleine-Welt-Phänomen. Die Fehler liegen auf der Hand. Denn es erreichten nur drei Pakete das Ziel. Milgram selbst hat der Öffentlichkeit gegenüber niemals irgendeine Zeile zu der Untersuchung erwähnt oder diese Hypothese bestätigt. Judith Kleinfeld hat in einer unveröffentlichten Forschungsarbeit dargelegt, dass das ganze Phänomen eher ein Missverständis ist, das unglücklicherweise noch immer mit Milgrams Namen in Zusammenhang gebracht wird. Sie wies auch auf potentielle Hinderungsgründe für das Weiterleiten hin: soziale Herkunft, Rasse und Bildung. An der Columbia University hat man 2003 in einer großen Studie dasselbe Prinzip mithilfe der E-Mail bei 60.000 Leuten untersucht. Das Ergebnis bestätigt die Zahl von 5 bis 7 Schritten zwischen Start und Endpunkt. Allerdings hängt das sehr stark von den jeweiligen Relationen ab und welche Belohnung winkt. Das Fazit der Studie ist ernüchternd: Netzwerkstrukturen allein sind nicht alles. Bei Licht betrachtet sind sie eben nur die Strukturen, die Elemente verbinden. Das erlaubt noch keine qualitative Erkenntnis über deren Funktion und eventuelle Nutzungsmöglichkeiten. Dass die postmoderne Lehre die klassische systemtheoretischen Grundeinheiten von Element und Struktur um die Organisation erweitert, erweist sich auch hier als einzig probates Mittel: Allein die Belohnung bzw. die Motivationsstruktur ermöglicht ein gezieltes Verwenden des Netzwerks zum Zweck der Informationsverteilung. Hört sich an wie alter Wein in neuen Schläuchen. Der Grund, warum ich das hier schreibe liegt darin, dass ich immer häufiger bei den so genannten Social Media Experten den alten Schmuh rund um das Small World Phenomen in diversen Präsentationen lesen muss – seit Neuestem sogar in Diplomarbeiten und letzte Woche in einer Dissertation. Es wäre wünschenswert, wenn nicht nur das Phänomen und seine Grenzen beschrieben würden, sondern auch die aktuellen Untersuchungen (s.o.) dazu benannt wären. Die Psychologin Judith Kleinfeld, der das Privileg der Kritik des ersten Anscheins gebührt, leitet zu einem anderen Aspekt des Themas Kleine Welt über:

The results suggest again that, far from living in a small, inter-connected world, we live in a world with racial barriers.

Dazu passt ein sehr guter Vortrag, den die exzellente und berühmte Expertin für Soziale Netzwerke Danah Boyd auf dem Personal Democracy Forum neulich hielt. Dort erklärt sie, dass es einige soziale und rassentrennende Besonderheiten bei den sozialen Netzwerken erkennbar sind, die nicht ganz die triviale Idee des globalen Dorfes im Web transportieren. Ihre soziologischen Erkenntnisse rund um den Gebrauch von Facebook, MySpace und Konsorten kann ich nur all denen ans Herz legen, die sich nun Community Manager nennen sowie all denen, die mit Social Media Marketing glauben, den großen Agenturen den Rang abzulaufen. Es ist nicht ganz einfach, das Richtige an der passenden Stelle angepasst und glaubwürdig darzustellen. Wer in diesem Umfeld reüssieren will, sollte sozialwissenschaftliches Rüstzeug vor die Fähigkeiten eines Werbetexters stellen. Denn die einzige Währung die in allen sozialen Schichten und bei jedwedem Bildungsabschluß hilft, ist eine Übereinstimmung von Wort und Tat. Das erscheint altmodisch und gar nicht hip. Aber die Belohnung, von der in der Columbia-Studie die Rede ist, und das, was bei Boyd gut erkennbar ist, sind eine klare Motivation für Handeln im Web 2.0: Gewinn an Reputation und Profil. Und Boyds Beobachtung, dass digitale Migration eine ähnliche Bewegung ist wie die Flucht der Weißen aus bestimmten Regionen einer Stadt. Den Mainstream zu missachten, kann enormen Konsequenzen haben. Die politischen Kräfte verstehen solche Bewegungen noch nicht. Das Wegschauen ist dort Prinzip. Aber dass die privilegierten digitale natives den Mainstream verlassen kann unerwünschte Folgen haben. Irgendjemand sollte vielleicht den Blick für all das behalten, was dort passiert. Denn es ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, der sich online darstellt. Nicht jeder schaut überall hin. Aber es ist wichtig zu wissen, dass die Nutzer von MySpace und Facebook durch Rassen, sozialen Status und Bildung getrennt sind. Auch wenn die Studie die Verhältnisse in den USA reflektiert, sollten wir nicht glauben, das sei hier anders. Eher umgekehrt: Die sozial schwachen Gruppen haben nicht immer so einen direkten Zugang zum Netz wie in den USA. Die Medienkompetenz ist das ein Thema, die soziale und intellektuelle Spaltung ein anderes. Vielleicht sollten wir den Begriff Small World einfach auf unsere Welt hier beziehen und dort sehen, was im Umkreis von sechs Menschen an Hilfe sinnvoll und leistbar ist.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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3 comments

  1. Danke, Jörg, für diesen wirklich interessanten, anspruchsvollen und erhellenden Artikel! Arbeite gerade zur e-society, und da passt das ja auch ganz gut rein. Judith Kleinfeld und Danah Boyd werde ich mir auf jeden Fall mal näher ansehen. Weißt du, ob Kleinfeld direkt zum Online-Umfeld gearbeitet hat?

    @Blogpiloten: Ich hätte hier übrigens gerne mal einen „Beiweiterenkommentarenbenachrichtigen“-Button. ;)

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