SM-Recruiting im Web – der Status Quo aus Sicht von Experten (2/4)

Im aktuellen Netzpiloten Boarding Call fragen wir Personaler und Branchenprofis nach dem Status Quo zum Social-Media-Recruiting im Web.

Soziale Medien haben Karrierepotenzial. Das haben viele Personalmanager in den letzten drei Jahren mehr und mehr erkannt. Doch wie stellen sich Unternehmen inzwischen an, wenn es um die Talentsuche im Netz geht? Welche Probleme haben sie und welche Chancen ergeben sich, wenn sie diese überwunden haben? Welche Kampagnen haben besonders beeindruckt? Diese Fragen beantworten uns heute die beiden HR-Profis Jochen Mai und Jan Kirchner.


 

Jochen Mai – Karrierebibel

Es gibt aus meiner Sicht zwei klassische Fehler, die Personaler beim Social-Media-Recruiting immer wieder machen. Der erste ist: Wenn du es baust, werden sie kommen. Zahlreiche Unternehmen missverstehen Social Media als reines Werkzeug, das man benutzt. Es geht dabei aber um Beziehungen – daher auch „Social“ Media und nicht Media „Tools“. Solche Beziehungen müssen aufgebaut und gepflegt werden. Und da die Zielgruppe ständig wechselt, investieren die Personalabteilungen erfahrungsgemäß wenig in die einzelne Beziehung, sondern umso mehr in gepimpte Imagevideos, seelenlose Traineeblogs und cooles Bling-Bling. Fatal. Denn ich bin davon überzeugt, dass selbst noch ganz naive Bewerber unbewusst Rückschlüsse auf das Unternehmen ziehen. Und die können nur lauten: Schein ist hier wichtiger als Sein; und an Beziehungen ist man hier nicht wirklich interessiert, nur an Zielvorgaben.

Der zweite Fehler ist, nicht wirklich ehrlich zu sein. Social Media bietet einem doch die Chance, tatsächlich zu erfahren, wie man draußen wahrgenommen wird (nicht so, wie es die Vorstände auf irgendwelchen Kongressen in bunten Slides propagieren) – und durch dieses Feedback einen Wandel in der Kultur einzuleiten. Zum hoffentlich Besseren. Wer dagegen nur die rosigen Ausschnitte wählt (Motto: Die anderen machen das doch auch), vergibt sich diese Chance – und vergrößert obendrein das Misstrauen. Ganz ehrlich: Ich sehe da einen großen (Vertrauens-)Bruch in der Kommunikation, wenn man einerseits behauptet, man wollte die besten, klügsten und engagiertesten Mitarbeiter einstellen – dieselben Leute aber in seinen Social Media Kanälen für blöd verkauft, indem man dort gefilterte Superduperwahrheiten publiziert, die sicher kein klügstes, bestes Talent glaubt. Oder in kurz: Willst du kluge Leute einstellen, dann behandle sie auch so.

Leider habe ich bislang noch keine so richtige „Kampagne“ in dieser Art in Deutschland gesehen. Vermutlich weil es überall am Mut und entsprechender Experimentierfreudigkeit fehlt. Ich kann mich mal an ein selbstgedrehtes Siemens-Video erinnern. Den Ansatz fand ich super: Der Chef filmt den künftigen und ausgeschriebenen Arbeitsplatz samt Kollegen. Klasse! Leider blieb der Großteil der Kollegen lieber unsichtbar hinter der Kamera versteckt und als der Chef im Off von „Wir haben hier viel Spaß miteinander“ sprach sah man im Bild nur leere Schreibtische und erwartete, dass von links gleich Strohballen durchs Set wehen… Das war eine klassische Bild-Text-Schere. Aber die Idee war richtig: Zeig den Leuten ihren echten Arbeitsplatz, die echten Kollegen und den echten Chef im Alltag. Wenn das Unternehmen wirklich so gut ist, wie es sein möchte, sprechen die Bilder mehr als 1000 Worte.


Jochen Mai, Jahrgang 1968, ist Diplom-Volkswirt sozialwissenschaftlicher Richtung, Social Media Manager sowie Gründer und Herausgeber der Karrierebibel. Von 2000 bis 2011 leitete er das Ressort „Management + Erfolg“ bei der WirtschaftsWoche und war dort zuletzt zusätzlich als Social Media Manager verantwortlich für den Auftritt des Magazins in den Sozialen Netzwerken. Zurzeit ist er als Social Media Manager von Yello Strom verantwortlich für den Community-Aufbau sowie sämtliche Aktivitäten in den Sozialen Netzwerken. Anfang 2008 erschien sein erster Bestseller „Die Karriere-Bibel“ im Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv). Das Buch wurde binnen weniger Wochen zum Bestseller und in zahlreiche Sprachen übersetzt.


 

Jan Kirchner – atenta

Stimmt, Social Recruiting hat sich in den letzten Jahren langsam aber stetig zu einem festen Bestandteil im Personalmarketing Mainstream entwickelt. Die Professionalität der Auftritte variiert aktuell aber immer noch sehr stark. Von verkrampft-ratlosem Dauerschweigen bis zu professionellem, aber humorvollem Community-Management ist alles dabei.

Die große Herausforderung für Unternehmen und Personalmanager liegt meiner Ansicht darin, das Social Recruiting viel höhere Anforderungen an die Aktualität und Flexibilität der HR-Kommunikation stellt, als das in den letzten Jahrzehnten der Fall war. Anders ausgedrückt: Der Nutzerwunsch nach spontaner und transparenter Echtzeitkommunikation auf Augenhöhe kollidiert mit hierarchiebestimmten Abstimmungsprozessen und Kontrolldenken. Chancen ergeben sich dabei automatisch für die Unternehmen, die den „Command & Control“ Ansatz durch eine interne Vertrauenskultur ersetzen und Ihre Mitarbeiter als Unternehmensbotschafter für sich gewinnen. Denn nur dann kann im Netz eine vielstimmige und glaubwürdige Arbeitgebermarke etabliert werden, die nicht nach Hochglanz-PR-Sprech klingt.

Ein tolles Beispiel für Community Management bietet die Deutsche Flugsicherung bei Facebook und ein überzeugendes Beispiel für Transparenz und Glaubwürdigkeit bietet das Mitarbeiterblog „Das Geheimnis von GEA“, in dem die neue Konzern-Personalleiterin Cornelia Hulla seit ihrem Amtsantritt über Ihre Eindrücke bei dem Maschinenbau-Konzern bloggt. [Disclaimer: atenta begleitet das Projekt]


Jan Kirchner ist Mitgründer und kaufmännischer Geschäftsführer der Hamburger Digitalagentur atenta. In dieser Funktion ist er für die Geschäftsentwicklung sowie Beratung und Kundenbetreung zuständig. atenta veranstaltet zudem regelmäßig die Social Media Recruiting Conference (SMRC), die vor drei Wochen zuletzt in Hamburg stattfand. Vor zwei Wochen hat er zudem mit seinem Team eine Studie herausgebracht, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, 281 Facebook-Karriere-Pages auf ihre Recruiting-Funktion zu analysieren.


 

Bildquelle:

Andreas Weck

schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter: , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.