Silicon-Überall: Wie und wo um die Start-up-Szene gekämpft wird

Tel AvivImage by iLuv2Bthe4N1 (Some rights reserved)

Silicon Valley, London, Berlin. Denkt man an Start-ups und ihre Standorte, dann denkt man automatisch an diese drei Regionen. Doch der Markt wächst immer weiter und auch andere Staaten wollen die Szene bündeln und mitmischen im glorreichen Informationszeitalter. Mit geradezu riesigen Investitionssummen von Inkubatoren und innovativen Ideen junger Entrepreneure, sind es zunehmend Regionen in Nah- und Fernost, aber auch in Russland, die sich einen Namen machen wollen in der hochgehaltenen Start-up-Szene.

Israel – alles andere als ausgetrocknet

Das Internet-Mekka im Nahen Osten befindet sich in Tel Aviv. Von Analysten gerne als Silicon Wadi bezeichnet, entstehen hier die meisten Start-ups weltweit. Wenn man bedenkt, dass Wadi das arabische Wort für ein ausgetrocknetes Flussbett ist, dann wirkt der Vergleich jedoch geradezu beschämend. Die offensichtliche Gründungslust der Israelis hat mehrere Ursachen. Zum einen profitiert die Szene durch die anhaltende Zuwanderungslust junger jüdischer Einwanderer, die viel Wissen und Erfahrungen von anderen Orten der Welt mitbringen. Zum anderen ist aber auch die digitale Infrastruktur in und um Tel Aviv ein geradezu perfekter Nährboden für jeglichen Ansporn ein Start-up zu gründen.

Das Wired-Magazin schrieb vor ein paar Monaten: „Der Unternehmergeist geht einher mit einer hohen Verpflichtung zu Forschung und Entwicklung – das Land investiert 4,5% seiner Gewinne in die Forschung und stellt damit die Nummer eins weltweit in Sachen Forschung und Entwicklung relativ gesehen zum Bruttosozialprodukt dar“. Dass Investitionen der Art sich eben lohnen, sieht man an einigen der erfolgreichsten Hightech-Produkte die in Israel geboren worden. Angefangen vom Instant-Messenger aus dem Hause ICQ über die WLAN-Technologie bis hin zum USB-Stick kamen viele wichtige Innovationen aus dem Heiligen Land.

Erkannt haben das natürlich auch die Großen des Business und so haben sich neben kleineren Unternehmen wie SoulBounds, das Applikationen für Facebook entwickelt, auch Giganten wie Microsoft und Google hier her verirrt, um deren Abteilungen für Forschung und Entwicklungen an der Quelle zu positionieren.
Israel boomt mehr als jedes andere Land in Sachen Internet. In etwa 40% aller Patentanmeldungen gehen in den IT-Sektor. Mehr als zwei Milliarden Euro werden durch Exporte der Softwareindustrie erwirtschaftet und in Relation zur Bevölkerungsanzahl gemessen, fließt nach Israel 30 mal so viel Risikokapital als nach Europa. Nicht zuletzt ebenfalls in die High-Tech-Industrie.

Russland – die Suche nach der alten Größe

Wer an Mütterchen Russland denkt, würde nicht vermuten, dass einige Teile der stark korrumpierten Wirtschaft sich nach einem neuen Zeitalter sehnen. Russland gilt als verstaubt. Wenig weltoffen. Und von politischen Skandalen durchzogen. Von einem Land in dem selbst freie, nicht-manipulierte Wahlen eine Utopie darstellen, kann man nicht erwarten, dass eine kreative und zukunftsorientierte Start-up-Szene überhaupt fußfassen könnte. Doch wie das immer so ist mit Vorurteilen, gibt es auch hier zwei Seiten der Medaille.

Denn das Land ist durstig nach dem Web und all seinen Vorteilen. So hat auch Markus Hündgen vor kurzem im ZDF Hyperland-Blog festgestellt: „GetTaxi.ru, die russische Variante des deutschen Taxizentralen-Schrecks myTaxi, bietet auf Wunsch dem Fahrgast freies WiFi. Wer lieber die Metro nutzt, erhält auch dort Internet für lau. Selbst an die Reisenden wird gedacht: Freies Internet im Hotel fast überall – und das unabhängig von der Preisklasse. Alles Dinge, auf die das europäische Möchtegern-Start-Up-Mekka Berlin nur beschämt dreinblicken kann.“ Ergänzt sei gesagt, obwohl Russland laut dem Networked Readiness Index 2012 des World Economic Forums, einen der schlechtesten Digitalisierungsgrade der Welt besitzt und nur Platz 56 einnimmt (zum Vergleich, Deutschland liegt auf Platz 16), ist der von Hündgen beschriebene Umstand, umso beeindruckender.

Im gleichen gleichen Artikel beschreibt er weiter, wie vor den Toren Moskaus an der Skolkovo Innovation City gearbeitet wird. Das Projekt, dass Russland für den Markt der Zukunft rüsten und es so zu alter Größe bringen soll, wird milliardenschwer gefördert durch die Medvedev-Putin-Regierung. Sehr zur Freude der dort ansässigen Unternehmen. Bereits 427 Start-ups u.a. aus den Bereichen IT, Biomedizin, Weltraum- und Nukleartechnologie arbeiten hier auf 400 Hektar zusammen an der Zukunft des in die Jahre gekommenen Russlands. Und auch Branchenriesen wie SAP, Siemens, Boeing und Intel haben bereits erste Zweigstellen errichtet.

Ein Paradigmenwechsel soll nun schlussendlich herbeigeführt werden. Zwar hat das aufstrebende Projekt laut Hündgen noch Startschwierigkeiten, jedoch bemerkt er selbst, dass Innovationen nicht über Nacht eintreten. Um die Gründerlaune jedoch zu heben, wird u.a. mit einem angepassten Steuersystem für die Innovatoren und vereinfachten Visa-Bedingungen geworben. Bis 2014 ist die Skolkovo Innovation City noch eine Baustelle, dann soll sie eröffnet werden. Mit dem G8-Gipfel als Aushängeschild.

Südkorea – mehr als nur Samsung und LG

Südkorea ist die Heimat einiger der größten Hardware-Entwickler der Welt. Samsung und LG, als Herausforderer der Großen wie Apple (und einst Nokia), sind der ganze Stolz des aufstrebenden Wirtschaftslandes. Doch darauf ausruhen wollen sich die Verantwortlichen nicht. Südkorea will mehr. Es will auch im Softwarebereich mitspielen und anderen Start-ups aus der Welt der IT einen Platz bieten sowie den bereits ansässigen Unternehmen helfen, bei der Internationalisierung ihrer Geschäftsideen.

Ein erstes Anzeichen für dieses Vorhaben, das gleichermaßen als Zuruf an die weltweite Szene verstanden werden kann, ist die gerade stattfindende beLaunch-Konferenz. Vom 11. bis zum 14. Juni sollen hier gerade Start-ups angesprochen werden, die im Begriff sind zu entstehen. Südkorea möchte die Ideen von morgen bündeln und weniger die Erfolgreichen aus der Gegenwart hofieren. Einem Abbruch gegenüber den Global Playern tut dies jedoch nicht und so haben auch Sponsoren wie Microsoft, Google, Amazon und Samsung die Konferenz für sich entdeckt.

Der Gründer dieser Konferenz und CEO des südkoreanischen Techblogs „beSuccess“ unterstreicht auf Gigaom diese Ambitionen mit folgenden Worten: „The vision for the conference is to help catalyze the startup community, providing tools and lessons that can help local companies go global. Koreans have traditionally shied away from startups, but thanks to more government prodding, corporate support and local success stories such as daily deals provider TicketMonster, which sold to LivingSocial last year, entrepreneurs are getting a taste for startup life.”

Südkorea auf einer Ebene mit dem Silicon Valley, London, Berlin oder Tel Aviv ist also das ambitionierte Ziel, welches es zu erreichen gilt. Hier darf man zu Recht gespannt bleiben.

Andreas Weck

schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter: , , , , , , , , ,

1 comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.