Rezension: Wired auf deutsch

Wild, wilder, Wired

Die deutsche Zeitschriften-Landschaft ist im internationalen Vergleich außerordentlich beweglich. Neue Objekte werden gegründet, andere gehen ein, und meistens geschieht das außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Doch dann gibt es ab und zu Magazin-Projekte, auf die alle schauen, so als würde sich hier die Zukunft einer ganzen Branche entscheiden. Das Neon war eines und die in Deutschland glücklose Vanity Fair. Jetzt ist es wieder so weit. Eine deutsche Ausgabe des Wired-Magazins wurde aus dem Boden gestampft…

Seit gestern liegt sie, als Test-Pilot, dem Herren-Magazin GQ bei. Sie erscheint im Condé-Nast-Verlag, der sich erfolgreich auf Hochglanz-Magazine spezialisiert hat, Neben Vanity Fair, erscheint hier auch die einflussreiche Mode-Gazette Vogue. Der Chefredakteur der neuen Verlags-Tochter ist ein alter Bekannter der Blogosphäre: Thomas Knüwer war einmal Handelsblatt-Redakteur und betrieb dort den erfolgreichen Blog „Indiskretion Ehrensache“. Dann hat er gekündigt, um sich als freiberuflicher Blogger und vor allem als Berater selbständig zu machen.

Das Heft ist spannend – und respektabel: 130 Seiten, die einen klaren thematischen Fokus haben (das Web, das Web, und nochmals das Web). Innerhalb dieses Kosmos wird aber eine Vielfalt geboten, für die im klassischen Print-Journalismus der Platz und vor allem das Gespür fehlt. Die bunte und breite Online-Welt wird gespiegelt durch soliden und sorgfältig recherchierten Journalismus. Und daran fehlt es vielen Blogs. Hier schließt sich der Kreis. Neon meets Netzwertig.

Im Heft trifft man viele der üblichen Verdächtigen: die bloggenden Journalisten Richard Gutjahr und Mario Sixtus sowie der IBM-Wunderknabe Gunter Dueck schreiben als Kolumnisten. Über Markus Beckedahl wird berichtet, der unausweichliche Jeff Jarvis sinniert über Johannes Gutenberg und das Silicon Valley.

Es sind einige richtig gute Sachen dabei. Freche und sinnvoll konzipierte Grafiken informieren über die Globalisierung des Verbrechens, die Demontage vom Atom-Kraftwerken und das Oktoberfest.

Das Highlight ist ein Bericht über Dark Nets, den finsteren, illegalen Underground des Netzes. Doch leider ist der Artikel mit zwei großzügig gelayouteten Seiten viel zu kurz. Einen längeren Text hätte man dem Leser schon zumuten können.

Das Heft ist in Ressorts unterteils, die ganz den aktuellen Magazin-Gepflogenheiten folgen, das heißt hip und lebendig klingen: „View“, „Think“, „Fetisch“, „Play“ … Allerdings tragen die Ressort-Namen nicht unbedingt zur Klarheit bei, weswegen das (noch dazu visuell überfrachtete) Inhaltsverzeichnis mehr verwirrt als erhellt. Vom Neon-Magazin mit seinen intuitiven Ressort-Namen könnte da noch einiges gelernt werden.

Zukunftsaussichten

Definitiv füllt das deutsche Wired eine Lücke. Es gibt das t3n-Magazin, doch das ist sehr, sehr technisch, die zwei-wöchentlich erscheinende Internet World Busines hat hingegen einen reinen Wirtschafts-Fokus, und das „Business-Lifestyle“-Magazin Business Punk hat einen interessanten Ansatz, die Umsetzung ist aber einfach nur albern.

Die große Frage ist, ob sich die Wired in Deutschland halten kann. Zumindest dafür, dass sich Werbekunden hier wohl fühlen, wird gesorgt: eine Produktstrecke mit Gadgets im Hochpreis-Segment sorgt für die richtige Stimmung bei der Leserschaft. Wenn das nicht reicht, gibt es ein Advertorial-Format, mit dem Anzeigen den Look eines regulären Artikels verpasst bekommen. In Heft 1 etwa wird der BMW i, ein Canon-Drucker und das Bezahlfernsehen Sky Go im Rahmen einer jeweils mehrseitigen „Wired Promotion“ vorgestellt. Im BMWi-Artikel heißt es zum Beispiel.: „Noch nie waren sich pure Fahrfreude und verantwortungsvolle Mobilität so nahe.“

Wie der Lesermarkt reagiert, lässt sich schwer voraussagen. Das Scheitern der mit viel Talent und einem riesigen Marketing-Budget gestarteten Vanity Fair hängt als Damoklesschwert über jedem ambitionierten Zeitschriften-Projekt. Ich wünsche viel Glück und hoffe, dass ich die deutsche Wired No. 2, No. 3, No. 4 bald in den Händen halten kann.

Stefan Mey

hat Publizistik und Soziologie studiert und lebt als freier Journalist in Berlin.


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