Rezension: Interview – das neue Hochglanz-Magazin

Es gibt diese seltsamen Zeitschriften, bei denen man zwischen 5 und 10 Euro bezahlt und auf den ersten Seiten mit nichts als Werbung empfangen wird. Man muss sie durchblättern, um überhaupt auf den ersten redaktionellen Text zu stoßen. Das Faszinierende daran ist, dass diese Hochglanz-Anzeigen anders als sonst nicht stören. Vielmehr sind sie so schön, dass man sie sich herausreißen und an die Wand pinnen möchte.

Am letzten Freitag ist die erste Ausgabe eines neuen Hochglanz-Magazins an die Kioske gekommen. Nachdem man 26 Seiten Anzeigen durchblättert hat, begrüßt einen das Editorial. Dann folgen wieder Anzeigenstrecken, Impressum, Inhaltsverzeichnis, die Autorenübersicht und Anzeigen. Erst auf Seite 57 beginnt das Heft richtig…

„Interview“ greift ein legendäres Heft-Konzept von Andy Warhol auf. Statt klassisch jouurnalistischer Interviews sollte es von Zufällen geprägte Gespräche geben, zwischen Kollegen und Freunden auf Augenhöhe. Dieses Konzept begegnet uns auch hier. Ein Schauspieler interviewt eine Schauspielerin, ein Philosoph einen Regisseur und umgekehrt. Was dabei herauskommt ist manchmal mitreißend, manchmal banal. Zwischen diesen beiden Polen – Offenbarung und Belanglosigkeit – bewegen sich auch die Interviews, die den Kern des 265 Seiten starken Hefts ausmachen.

Klar zur ersten Kategorie zählt ein langes Gespräch zwischen dem Autoren Wladimir Kaminer und der Fernseh-Moderatorin Palina Rojinski über Russen in Deutschland. Es nimmt den Leser mit, die beiden Interviewpartner kommen sympathisch, ehrlich und klug rüber. Ebenso aufschlussreich ist ein Gespräch zwischen dem Regisseur René Pollesch und dem Kulturwissenschaftler Thomas Macho, die auf hohem Niveau und dazu noch unterhaltsam über Lügen, Liebe, Prominenz und Moral philosophieren. Beide Texten fühlen sich an, als ob man als Leser mit im Raum sitzt. Kein Journalist schafft störende Distanz. Er wird schlicht nicht gebraucht.

Der Reiz dieser Gespräche liegt darin, dass man den Prominenten bei einer unverkrampften, ehrlichen Konversation zuhören kann, was bei klassischen Interviews nur selten gelingt. Den sonst so fernen Stars (oder auch Sternchen) ist man auf einmal ganz nah. Das Fatale ist, dass man das auch schnell bereuen kann. Manche Prominente haben entweder nicht viel zu sagen, oder es stellt sich die Ehrlichkeit produzierende Unverkampftheit doch nicht wie gewünscht ein. So ist es bei einem Gespräch zwischen Clint Eastwood und Angelina Jolie über Jolies Regiedebüt, das aus der US-Ausgabe übernommen wurde. Es besteht aus gegenseitigen Komplimenten, die Fremdscham auslösen, ist pseudointellektuell und pseudolocker.

Um den Interview-Kern herum ist vor allem produktnahe Berichterstattung gestrickt: Kurz-Rezensionen und Ankündigungen zu CDs, Filmen, Büchern und Ausstellungen sowie Tests von Kosmetik-Produkten. Die auf den ersten 50 Seiten beworbenen, hochpreisigen Mode-Marken finden sich auf den aufwändig produzierten Fotos, die die Interviews illustrieren, wieder. Obwohl man es eigentlich gar nicht wissen will, erfährt man, dass Kaminer Prada-Schuhe trägt, Lana Del Reys Lippenstift aus dem Hause Tom Ford stammt und Scarlett Johannsson Plastik-Rock von Marc Jabobs designt wurde. Auf der visuellen Ebene gehen redaktioneller Inhalt und Produkt-Präsentation eine Verbindung ein, bei der allerdings der irritierende Eindruck entsteht, dass es genau so perfekt ist.

Es bleibt die Frage, ob das Heft 6 Euro wert ist. Ich würde sagen: ja. Die eigens für die deutsche Ausgabe geführten Interviews sind ausnahmslos gut, die Freakshow-Gespräche zwischen US-Prominenten haben zumindest einen gewissen Unterhaltungswert. Und auf der visuellen Ebene begegnen einem immer wieder Bilder, in die man versinken möchte.

Stefan Mey

hat Publizistik und Soziologie studiert und lebt als freier Journalist in Berlin.


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