Qualitative Nachrichten – Wer braucht schon das Web?

Qualitative Nachrichten - Wer braucht schon das Web?

Das Internet ist tot, es lebe das Web. So könnte man denken. Wenn man den Unterschied kennt. Neuerdings aber sind die Differenzierungen grundsätzlicher: Wer kann besser Nachrichten? Das vielköpfige Web oder die klassischen Verlage, die mit ihren Hochleistungslaubbläsern Trillionen von Buchstaben durchs Land pusten. Auf den ersten Blick erscheint die Studie mit dem vielsagenden Titel „Was wissen die Deutschen über aktuelle Nachrichten und woher wissen sie es?“ irgendwie deplatziert. Nachrichten werden dort auf Qualität und Recherchetiefe hin untersucht.

Bestimmte, zumeist professionell geführte Redaktionen schneiden besser ab bei der Objektivität und Präsentation aller zugehörigen Aspekte eines Sachverhalts. Jugendliche wissen wenig über aktuelle Nachrichten. Fernsehen ist noch immer die erste Quelle für Aktuelles. Seltsam. Wie vor dreißig Jahren haben Jugendliche Besseres zu tun als vor der Glotze zu hängen und den Verlautbarungen der Politiker und den wirtschaftlichen Interessensverbänden hinter ihnen zu lauschen. Auch Erdbeben und Kriege scheinen sie nicht sonderlich zu interessieren. Und das, obwohl im Web auch tolle Inhalte herumliegen:

Während sich damit zwischen den einzelnen Medientypen im traditionellen Medienbereich sichtbare Unterschiede zeigen, spielt es für die Nachrichtenqualität kaum eine Rolle, ob professionelle Nachrichten offline oder online veröffentlicht werden. So weisen professionelle Online-Angebote ähnlich zum Querschnitt traditioneller Medien generell einen relativ hohen Grad an nachrichtenspezifischer Wissensvermittlung und Objektivität auf.

Aber das gibt es ja noch die schwarzen Schafe:

Im Gegensatz dazu liegt die Qualität nicht-professioneller Medien (Blogs) deutlich hinter der Berichterstattung professioneller und semi- professioneller Anbieter zurück. Insbesondere im Hinblick auf die nachrichtenspezifische Wissensvermittlung, die Objektivität sowie die Ausgewogenheit der Darstellung liefern Blogs von allen untersuchten Quellen die geringste Nachrichtenqualität. War es etwa auf der Grundlage der Blog-Berichterstattung in 50 Prozent der Fälle nicht möglich, auch nur eine der beiden Wissensfragen pro Nachrichtenereignis zu beantworten, ermöglichten acht von zehn professionellen und sogar fast neun von zehn semi-professionellen Angeboten die Beantwortung mindestens einer der beiden Wissensfragen.

Mit den Wissensfragen hatten die Forscher getestet, wie gut das in den Nachrichten Dargestellte im Gedächtnis geblieben ist. Sie bezeichnen so etwas als Wissen. Ich möchte nicht diskutieren, ob aus den Nachrichten im Kopf behaltene Aussagen als Wissen zu bezeichnen sind. Ob Kontexte aus anderen Sendungen und Artikeln als Hintergrundwissen zu bezeichnen sind, bezweifle ich zumindest. Der Qualitätsbegriff ist wie schon so oft das am seltensten untersuchte Artefakt in der menschlichen Kulturproduktion, obwohl es am häufigsten wiedergekäut wird.

Ich möchte, dass sich seriöse Institute mit dem Medienkonsum auseinandersetzen. Warum die Rezeption von Nachrichten in unterschiedlichen Altersgruppen sehr unterschiedlich ist, wurde schon 1.546 Mal untersucht. Auch dass Jugendliche weniger zum Boulevard neigen ist fast offenbar, abgesehen von der Tatsache, dass viele junge Leute statt der BILD einfach Facebook für Klatsch und Tratsch nutzen und ansonsten eher Style-, Fashion- und Sport/Fitness-Magazine kaufen, um sich die Zeit zu vertreiben und morgens in Bus und Bahn eben nicht die Zeitung lesen, weil das einfach uncool ist und außerdem viel zu früh für dröge Buchstaben, die kommen noch früh genug im Geschichtsunterricht.

Das Web ist eine Art, nicht einsam zu sein. Sei es weil man Bierdeckel aus dem 20 Jahrhundert sammelt, sich gegen die Regierung oder anderen Mächtige auflehnt, weil man dort alte Schulkameraden wiederfindet. Es ist ein Ort, der keiner ist, aber trotzdem gewinnt man das Gefühl, die Anonymität der postmodernen Welt global aufzulösen. Wenn man das Ganze nicht in Offline-Aktivitäten umsetzt, bleibt es hohl und leer, aber dafür kann das Web nichts. Und die Blogger sind keine Konkurrenz für Firmen, die dieselbe Agenturmeldung durch 1001 Template in die Welt jagen. Es sind keine Nachrichtenquellen. Blogs sind per Definition nicht objektiv.

Übrigens genausowenig wie die lokale Tageszeitung. Diese sind nicht selten Kommentatoren des eigenen (Verleger/Gründer)Interesses. Wenn schon Vergleiche angestellt werden müssen zwischen Generationen und Printmedien und dem Web, dann bitte in einem passenden Kontext. Nachrichten sind zunehmend das Ergebnis einer gestalteten Idee von Wirklichkeit und die Inszenierung dieser Wirklichkeit dient vor allem den Interessen derjenigen, die hinter den Kulissen die Verlage und Magazine für ihre Zwecke nutzen, seien es Politiker oder die Hochfinanz oder deren branchenspezifischen abhängigen Mündel, die Unternehmen. Dass Blogger solche „Qualitätsinhalte“ nicht vermitteln oder Jugendliche kein Interesse dafür haben ist Ausweis eines gesunden Menschenverstands. Die vorliegende Studie aus Dresden kann das nicht für sich in Anspruch nehmen.


Foto: dhannte

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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2 comments

  1. Sehr schön! Ich mag mittlerweile gar keine „Studien“ mehr lesen, die sich mit der sog. „Jugend“ befassen. Geistig alte Menschen (hat übrigens nichts mit dem tatsächlichen Alter zu tun!) betrachten Jugendliche als eine Art ausserirdische Spezies mit einem gewollt verständnislosem Blick (der vermutlich aus der Kränkung, selbst nicht verstanden worden zu sein herrührt?). So wird das aber nix: ich kann nicht von etwas schreiben, von dem ich nichts verstehe… und da sind wir wieder beim Blog: Blogger schreiben nur über einen sehr engen Teil ihrer Wirklichkeit, nämlich über das, von dem sie etwas verstehen (na ja, meistens…;-)

  2. @wiru – ich war letzte Woche mal am Ballermann. Genau aus diesem Grund. Einfach mal gucken, ob es wirklich so schlimm ist, wie es Tom Gerhardt und die einschlägigen Reality-Soaps auf RTL II usw. so zeigen. Man kann sich ja schlecht von etwas distanzieren was man nicht kennt. Aber keine Sorge.. ich über diese Bildungsreise nicht bloggen… :D

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