Prokrastination

Gastbeitrag von Frank Lachmann

Dieser Text hätte schon vor über zwei Wochen veröffentlicht werden sollen. Wurde er natürlich vor allem deswegen nicht, weil ich ein faules Stück bin, das Aufgaben gern vor sich her schiebt anstatt sie sofort zu erledigen. Das war, was mich angeht, schon immer so und wird sich wahrscheinlich auch nicht mehr ändern, solang ich damit nicht in nennenswerter Weise auf die Nase falle. Aber zum Glück gibt’s ja mittlerweile ein Fremdwort dafür.

Das tolle an solchen Modebegriffen ist ja, daß man sie zum Distinktionsgewinn einsetzen kann. Früher war ich faul, dann irgendwann Aufschieber, aber seit mindestens 2007 schon kann ich stolz sagen, ich sei Prokrastinierer. Und bei Unwissenheit des Gesprächspartners gleich noch eine Erklärung hinterherschieben und dabei so tun, als würde ich mich mit medizinisch-psychologischen Fachbegriffen auskennen.

Prokrastination jedenfalls hat einen Eintrag bei Wikipedia, ist vor allem in der Freiberufler-Ecke (erstes OG, hinten bei den Steckdosen, Latte Macchiato 2.60 EUR) schon fast wieder „out“ bei den T-Shirt-Sprüchen, aber generell doch offenbar noch irgendwie „in“ in der Massenwahrnehmung, so wie es vor gerade mal drei Jahren noch die freizeitsurfenden Webdesigner (oder 1997 animierte Baustellen-GIFs auf Homepage) waren.

Abgesehen davon aber ist an Aufschieberitis nichts neu. Weder die Tatsache des Aufschiebens noch die des Schönredens währenddessen (eine lustige Variante der kognitiven Dissonanz wahrscheinlich, also eine Art präkognitiver Dissonanz). Auch, daß bestimmte Menschen „nur mit Deadline“ gut funktionieren, oder zumindest besser als ohne. Oder daß sich das Potential, das in einer prokrastinativen.. prokrastinierenden.. also, in einer aufschiebenden Handlung liegt, daß sich dieses Potential perfekt nutzen läßt, um andere gern mal liegenbleibende Dinge erledigt zu bekommen. Hätte ich keine Deadlines, wegen derer ich das Schreiben eines Textes vor mir herschiebe, wäre meine Wohnung nie so sauber wie sie gerade ist. Ganz zu schweigen von den Einkäufen und dem vielen Papierkram, den man so zu erledigen hat: mir ist alles recht, wenn es nur mein Gewissen beruhigt, wieso ich nicht an meiner eigentlichen Arbeit weitermachen kann. Und plant man dann noch ein wenig an seiner ToDo-Logistik, so läßt sich mit prokrastinativem Verhalten (zugegeben, so klingt das nun eher nach einer Krankheit) glatt soviel gebacken bekommen, daß man Bücher damit füllen könnte.

Gut, irgendwann steht man vor dem naheliegenden Problem, daß einem die „echten“ Aufgaben ausgehen. Daß all das eben nur so lang funktioniert, wie man Dinge mit Aufschiebepotential hat. Daß auch so ein Gewissen ja nun nicht dauerhaft dämlich ist und irgendwann bemerkt, daß es ausgetrickst wird. Oder daß man alles andere, vom Relaunch der Website bis zum Entwanzen der Abstellkammer alles, aber auch wirklich alles erledigt hat, womit man sich nochmal aus der Schlinge ziehen konnte um das lähmende Voranschreiten der eigentlichen Aufgabenlösung vor sich zu rechtfertigen. Spätestens dann wird man sich wahrscheinlich eine neue Taktik einfallen lassen müssen, beispielsweise einen Personal Trainer. Oder die Schuld auf andere, beispielsweise Planeten und Sternbilder oder das Wetter, zu schieben.

Aber eigentlich muß man sich deswegen ja nicht sofort wieder ein neues Fremdwort aus den Fingern saugen, finde ich.

Björn Rohles

ist Medienwissenschaftler und beobachtet als Autor („Grundkurs Gutes Webdesign“) und Berater den digitalen Wandel. Seine Themenschwerpunkte sind User Experience, anwenderfreundliches Design und digitale Strategien. Er schreibt regelmäßig für Fachmedien wie das t3n Magazin, die Netzpiloten oder Screenguide. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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