Palmöl: Greenpeace vs. Nestlé

Da waren sie wieder meine drei Probleme: Konsum, Aufklärung, Kommunikation (KAK). Was war passiert? Nestlé hatte beobachtet, wie Greenpeace andere Großkonzerne (Unilever oder Kraft) an den Pranger stellte wegen deren lascher Einkaufspolitik in Bezug auf Palmöl. Beide haben reagiert. Denn die letzten Regenwaldreste in Indonesien werden aktuell von einem Konzern namens Sinar Mas gerodet, um dort Palmölplantagen für den unstillbaren westlichen Hunger zu stillen (Biodiesel, Kosmetika, Seifen, Margarine, Süßigkeiten etc.). Und dass dort mitnichten mit lokal verantwortlichen, nachhaltigen und biologisch wertvollen Bandagen gearbeitet wird, haben einige von uns schon in dem einen oder anderen Bericht im TV gesehen. Was ist also anders im neuen Fall?


Im vorliegenden Aufreger, wird der Schweizer Nahrungsmittelriese per vimeo– und youtube-video auf eine perfide Art zum Mörder von Orang-Utans gestempelt. Das perfide daran: Es wird mit klassischen topoi gearbeitet. Kleine unschuldige Waldwesen werden von kleinen unschuldigen Schokoladenriegeln entbeint. Man könnte nun denken, dass sich daran nur diejenigen stören, die dieses Videos zu Gesicht bekommen – also die bereits Bekehrten. Das sind bei den Greenpeace-Videos selten viele Zuschauer. Denn wir als aufgeklärte und vollkommen reinrassige Intelligenzbestien wissen doch schon längst, dass ein großer Teil unseres Wohlstandes auf den Schultern der Natur, armer Leute im Weit-weit-weg-Land bzw. im sweatshop um die Ecke basiert.
Aber der Schokoriegel hat eine Fanpage bei Facebook. Und dort wird ein wenig Stunk gemacht, was den Nestlé-Leuten nun gar nicht schmeckt. Man möchte eine Stellungnahme. Denn auf der eignen Produkt-Fanpage darf man nicht hinweisen auf so ein tendenzielles Schundvideo, das Erholungspausen-Assoziationen mit abgetrennten Affenfingern konnotieren will. Vorher versuchte man einen Stop der Verbreitung des Videos zu erwirken mit Verweis auf das Urheberecht wegen des Logos. Ersatzweise wird am 19. März die größte KitKat Page in Facebook mit mehr als 700.000 Fans geschlossen. Und genau an dieser Stelle kommt das Web ins Spiel: denn mit dem aufgeklärten Reflex, dass alles, was verboten ist, die Freiheit und das Wohlergehen des Menschen stört, stürzen sich die netizens auf den Videoverbieter. Dadurch wurde die Verbreitung des Video natürlich in unvorstellbare Höhen katapultiert. Leute, die es sonst nie gesehen hätten, erfuhren, dass ein großer Konzern ein aufrüttelndes Video über seine unverantwortliche Einkaufspolitik (mit dem geringsten Einsatz den maximalen Gewinn erzielen) verbieten wollte bzw. dessen Verbreitung behindern. Es existiert auch noch eine zweite Version, die nun mit Nestlés Presseveröffentlichung im Nacken entstand, dass man zukünftig nur noch Palmöl aus seriösen Quellen kaufen würde.

Das Greenpeace seinerseits mit dem geringsten Aufwand einen maximalen Bekanntheitsgrad erreichen wollte, nennt man campaigning. Das Nestlé mit billigen Rohstoffen mehr Gewinn erzielen kann (Palmöl aus nachhaltigen Quellen ist selten und teuer) nennt man das Wirtschaftlichkeits- oder Minimalprinzip. Beide Organisationen nutzen also bei der Durchsetzung ihrer Zielvorgaben dieselben Methoden. Bei den Einen ist das verwerflich und bei den anderen ist es eine gute Sache. In der Kommunikationswelt wurde lange über das Video, den Einsatz des Social Web (Facebook) und die reale Krisenkommunikation von Nestlé diskutiert. Wer die vielen Fälle studiert hat, die Greenpeace angeprangerte, der könnte wissen, wie man sinnvoll mit diesen selten haltlosen Vorwürfen umzugehen hat. Denn kritischer Konsum kann viele Probleme dieser aus den Fugen geratenen Welt in harmonische Bahnen lenken. Ich befürchte nur, dass es bei den Konsumenten nicht ankommt. Der allergrößte Teil der bösen Terroristen, hemdsärmeligen Weltverbesserer, fanatischen Fundamentalisten und brutalen Schläger kommt aus einer Welt des Mangels. Zumeist liegt das daran, dass deren Eltern Probleme hatten, zu geben: Zuneigung, Nahrung, Gemeinschaftsgefühl, In-der-Welt-willkommen-sein…Anerkennung.

Wenn diese Leute nun von diversen Organisationen lernen, dass man mit minimalem Einsatz maximale Aufmerksamkeit bekommt, dann greifen sie zu Mitteln wie Amoklauf, Terror, Gewalt. Denn die Täter erhalten immer mehr Aufmerksamkeit als die Opfer. Insofern ist das Video von Greenpeace eine zulässige Wahl der Waffen, indem die unsichtbaren Opfer unseres Konsums gezeigt werden. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, weiterhin auf dem Wirtschaftlichkeitsprinzip ein Gesellschaftssystem aufzubauen. Denn die Folgen sind vielfältig. Und der Fokus auf Teilaspekte der menschlichen Existenz wie Konsum oder Religion gebärt eine Krankheit, die man im Rahmen der Arbeitsteilung erst in den letzten Jahren als Pferdefuß der seriellen Produktion erkannte: Wenn man Experte in einem Gebiet ist, wird man in demselben Maße wie die Expertise dort zunimmt zum mentalen Pflegefall in allen anderen Wissensgebieten. Der Blick für das Ganze in dabei nur wieder der vermeintliche Rückschritt, indem man in Theorien wie der Systemtheorie oder dem Konstruktivismus versucht, eine aufgeklärte Form der monolithischen Einheitstheorie zu postulieren. Der Lumannsche Dreischritt aus Informationswahl, Kommunikationsangebot und Verständnis (interne Verarbeitung) basiert nur wieder auf dem dummen Mißverständins von Descartes „cogito ergo sum„, dass wir in einem Dualismus aus Innen- und Außenwelt gefangen sind. Diese uralte Theorie, die auch den buchbesitzenden Religionen als Gott-Mensch-Dualismus innewohnt ist Ursache und Lösung des Problems Minimalprinzip.

Wir sind nicht geteilt in Leib und Seele oder in äußere Wahrnehmung und innere Verarbeitung. Die Begriffe, die wir uns von der Welt machen umfassen nur Einzelaspekte. Wenn wir diese Teile der Lebenswelt als Begriffe analytisch abstrakt getrennt haben, um sie anderen mitzuteilen, dann werden sie zu eigenständigen Botschaftern für einzelne Teile unserer Lebenswelt. Wer glaubt, dass sie auch Teil des Seienden sind, der verkennt, dass wir Begriffe wie Äpfel, Affen, Mehl, Büsche, Wasser und Symmetrie nie in einen Topf tun dürfen. Symmetrie ist Teil eines abstrakten Gedankens, der auf die Lebenswelt angewandt wird. Symmetrie kommt nicht aus derselben Kategorie wie Äpfel, Affe, Mehl und Wasser. Es ist ein synthetischer Begriff, der auf Ideen von der Welt beruht. Ideen kann man viele haben. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, erklärte einst ein Bundeskanzler unter dem die Verschuldung des Staates erstmals atemberaubende Ausmaße annahm. Es ist genau andersherum richtig. Wir brauchen Visionen, um das Minimalprinzip aus der Gedankenwelt der Ideen mit dem uns unbekannten Lebensprinzip auf dieser Welt in Einklang zu bringen. Mit so einer Vision hat sich bisher noch keine Ideenschmiede bekleckert. Das mag vor allem daran liegen, dass wichtige Gedanken selten geschrien werden. Es kann auch daran liegen, dass die 7 Milliarden für die Protonenschießanlage nahe Genf der lebenden Menschheit fehlen beim Bewältigen 200 wichtigeren Probleme. Eines davon ist die mangelhafte Vereinbarkeit des Minimalprinzips der Wirtschaft mit der Biosphäre, die wir Natur nennen. Und ich glaube auch nicht, dass die anderen 7 Milliarden für die Raumfahrtprogramme da besser helfen.

Aber für viele Menschen ist einfacher vorstellbar, 7 Milliarden und Hunderte Physiker zu bezahlen, um die Idee der Zukunft mit Leben zu füllen, als heute auf einen Teil der Gewohnheiten zu verzichten. Wie sollte Mangel Teil der Zukunft werden. Das hatten wir in der Kindheit. Da sind sich fast alle einig, dass sie in der Kindheit zu kurz kamen. Das will man als Erwachsener ausgleichen mit mehr Fahrten nach Kitzbühel, zum Fitness und zum Lieblings-Italiener. Dort wird übrigens auch überall Palmöl verbraucht.

Bildnachweis: mzacha

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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4 comments

  1. Einer wurde in dieser Kampagne nicht gesagt: es gibt Leute, Bauern, die dank Palmöl ihre Familien ernähren. Sie werden nur selten in Anspruch genommen und in z.B. RSPO-Kriterien werden sie zum Beispiel gar nicht in Anspruch genommen. Jede Schmutzkampagne bedroht ihren Lebensunterhalt.

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