Occupy Society

Die Massenmedien sind erstaunt. Es gibt Individuen. Mitten unter uns. Manche machen sogar von ihrem Recht Gebrauch, öffentlich ihren Unmut zu äußern. In den Ländern mit einer lebendigen sozialen Kultur kommt es zu koordinierten und gemeinsamen Aktionen. In New York, wo der Gebrauch der Mikrofone untersagt wurde, wiederholen alle Zuhörer die Sätze der selbst ernannten Redner als „human microphone“. In einigen europäischen Ländern, die eine aktive Demonstrationskultur kennen, gibt es richtige Aufmärsche. Da es weder um Tierversuche noch um Atomkraft geht, sind die Demonstrationszüge in Deutschland noch etwas verhalten. Auffällig ist jedoch, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Darauf haben sich viele Jahrzehnte lang viele Politiker verlassen können. Denn es werden viele Haltungen mit einer einzigen Handlung verknüpft: Dem Marschieren vor und um Institutionen. Noch immer glauben, viel Bürger, dass dort die Macht herrscht. Die Vertreter dieser scheinbar einflussreichen Körperschaften zucken jedoch schon länger mit den Schultern. Genauso wie die Medien.

Das Zeitalter der Verschwörungstheorien ist vorbei. Es ist offenbar geworden, dass Politiker nichts anderes tun, als alle paar Jahre genau das in die Medien abzusondern, was die Umfragen besonders honorieren. Dann jedoch nehmen sie die Beine in die Hand und schauen, wer den größten Einfluß verspricht. Das ist der Sektor banking & finance, also Banken und Versicherungen und zusätzlich einige große DAX-Unternehmen. Neu ist diese Erkenntnis nicht. Neu ist die Tatsache, dass offenbar wird, dass es keiner Parteien mehr Bedarf, um zwischen der Macht in den DAX-Firmen und dem Souverän zu verhandeln. Neu ist auch, dass es noch keinen modus operandi dafür gibt. Der Motor der Demokratie stottert, aber er läuft noch, nur die Reifen (Parteien) haben kein Profil mehr. Angesichts des Morasts, den die letzten Dekaden der Alleinherrschaft der Eliten um uns aufgehäuft haben, brauchen wir tiefe Rillen in den Profilen. Die überall monstranzartig beschworene Partizipation (gerne auch im Kontext mit dem Internet) hat dabei mindestens einen Haken: ihre Legitimation.

Was sollte eine Familie, die gemeinsam über 12 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln und diversen Firmenanteilen verfügt, dazu veranlassen, auf eine Kakophonie von 40 Millionen Stimmen zu hören. Oft genug haben sie intern ausreichend Disharmonie. Das Problem ist nicht die Finanzkrise, das Problem ist auch nicht der Protest. Das Problem ist die Führungsschwäche der politischen Kaste.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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4 comments

    1. Die Herrchen der Politiker bezahlen sich selbst sehr gut. Denen geht es ja schon lange nicht mehr nur ums Geld. Es wird gespielt. Das, was wir als Wirtschaft oder Gesellschaft bezeichnen sind deren Brettspiele. Politiker sind dabei nichts Anderes als Figuren. Wenn sie rausfliegen, muss man halt so lange würflen, bis man wieder eien Sechs hat und dann geht es weiter…

  1. Pingback: dach

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