Eine Woche News per Snapchat: Ein journalistisches Experiment

Snapchat will eine Nachrichtenquelle sein, und deshalb habe ich die letzte Woche ausschließlich auf Snapchat verbracht. Ich habe mein tägliches Frühstücksritual, bestehend aus der Lektüre der New York Times, der Washington Post und Politico Playbook aufgegeben und stattdessen versucht, auf Basis der leichten Snacks zu überleben, die der Discover-Dienst der App bietet. In den Worten der klischeeliebenden Journalisten, die für Snapchats Kooperationspartner schreiben: das Ergebnis könnte Sie überraschen! Obwohl ich als Professor für Journalistische Studien bereits mittleren Alters und damit definitiv kein Teil von Snapchats demografischer Zielgruppe bin, habe ich eine gute Mischung aus Nachrichten und Reportagen über die Kanäle des Wall Street Journal und der CNN erhalten. Am besten gefiel mir ESPN, die ihre Videos und Artikel clever an die einzigartige Plattform angepasst haben. Andere Snapchat Discover-Anbieter hingegen boten Streams an, die vorwiegend aus Listen und Klickködern an, die oft mit einer nervigen Hintergrundmusik kombiniert waren und die rasch wieder aus dem Gedächtnis verschwunden waren. Die Werbeeinblendungen fand ich erstaunlich cool. Es handelt sich um knackig bearbeitete Videos, die für kleine Bildschirme maßgeschneidert wurden. Selbst wenn sie etwas bewarben, das mich nicht sonderlich interessierte (so wie beispielsweise „Warcraft- der Film“), waren sie dennoch spannend anzusehen. Ein großes Manko waren allerdings veraltete Inhalte, die nicht oft genug aktualisiert wurden. Zudem fiel mir negativ auf, dass die Snapchat-Anbieter sich nicht über das hinaustrauten, was die Manager der Nachrichtenagenturen als interessant für die Millennials einstuften. BuzzFeed hat eine ganz passable Nachrichtenberichterstattung im Netz, doch ihr Snapchat-Kanal bietet wiederholt nur leichte Kost an, wie beispielsweise „16 Golden Retriever-Welpen, die totale Streber sind“ oder „Wie sieht deine Vagina aus?“ Es gibt einen Cartoon im New Yorker, der einen toten Mann zeigt, der zusammengesunken in einem Stuhl sitzt. Der Mann hält noch sein Smartphone mit der Snapchat-App in der Hand, sein Kopf ist explodiert und hinterlässt nur noch eine Rußwolke. Neben seinem toten Körper steht ein Mann in einem weißen Laborkittel, der einem Polizisten erklärt, was passiert ist: „Sieht aus wie ein weiterer Fall eines Nutzers über Vierzig, der versucht hat, Snapchat zu verstehen.“ Der Cartoon klingt für mich glaubhaft. Meine Kinder und meine Studenten lieben Snapchat, mich jedoch macht der Dienst etwas ratlos. Ein Grund dafür ist die sparsam gestaltete Benutzeroberfläche, bekannte Eigenschaften wie beispielsweise eine Navigationsleiste fehlen. Die App geht davon aus, dass die User von selbst etwas herumprobieren, um herauszufinden, wie sie funktioniert. Als ich die App gestartet hatte und nach den Nachrichten suchte, dauerte es tatsächlich nicht lange, bis ich herausfand, dass die zwei hauptsächlichen Quellen die Discover-Kanäle und die Live Stories sind. Für diesen Erfahrungsbericht konzentriere ich mich nur auf den Discover-Kanal. Ich begann mit CNN, da ich davon ausging, dort tatsächlich echte Nachrichten zu finden. Letzten Montag war die Top-Story die des Jungen, der im Zpp von Cincinnati in ein Gorillagehege fiel, was die Zoowärter dazu veranlasste, den Gorilla zu töten. Die Story trug den Titel „Das war kein schöner Anblick“. Die Gorilla-Geschichte bot ein interessantes Destillat aus Video, Text und Foto, jedoch litt sie, wie viele der Snapchat Artikel, unter einem schwachen Schreibstil, der das Niveau des Inhalts deutlich herunterschraubte. Der Artikel hatte einen reißerischen Aufhänger („Der Zoo von Cincinnati beklagt den Verlust einer der Ihren“), und anstatt zu berichten, was vorgefallen war, war der Artikel in eine gekünstelte Frage-und-Antwort-Struktur aufgeteilt: Was ist passiert? Was war die Reaktion des Zoos? Wie ist die Resonanz? (Kurzer Hinweis an alle Medien-Manager, die Dinge für die Millennial-Generation produzieren – also eigentlich an alle Medien-Manager: Millennials sind schlau, sie sind an Nachrichten interessiert, man braucht also nicht herablassend zu sein, um sie zu erreichen.) Die CNN-App wies außerdem eine nervtötende Musikschleife hinter der ersten Anzeigeseite jedes Artikels auf: ein düsteres Klagelied für den toten Gorilla und eine Uptempo-Nummer für den 12-Jährigen, der an einem College angenommen wurde. (Ich frage mich, was sie spielen werden, wenn der Staat die Zinssätze anhebt.) Die Musik ist ein weiteres Anzeichen dafür, wie weit CNN von seinem Publikum entfernt zu sein scheint. Nein, es braucht wirklich nicht jede Story einen Soundtrack. Alles in allem jedoch hatte der CNN-Kanal einen guten Mix aus interessanten und wichtigen Nachrichten, wie beispielsweise die Überschriften im Vollbildmodus zu Gary Johnson, der als Präsidentschaftskandidat der Libertären Partei nominiert wurde, sowie eine kurze Reportage (na gut, eigentlich ist alles auf Discover kurz) über Einkommensungleichheit. Ich fand auch den Kanal des Wall Street Journals gut, denn er überzeugte mit einer soliden Auswahl von Artikeln, die sowohl Mittzwanziger als auch Mittfünfziger wie mich ansprechen. Die Angebote des Journals umfassten eine verkürzte Version der „What’s News“-Spalte und eine verdichtete Version der Leitartikel. Anstelle von Musik besteht der nervige Versuch des Journals, sich bei den Millennials beliebt zu machen, darin, in jedem Artikel Wörter fett zu schreiben. Der Verfasser des Journals scheint zu denken, dass die Millennials dann eher gewillt sind, den Artikel zu lesen. Jedoch ist so viel Fettgedrucktes vorhanden, dass es tatsächlich sogar schwieriger wird, dem Artikel zu folgen. Der Kanal von ESPN fühlte sich von allen Snapchat-Anbietern am natürlichsten an. Er bot prägnante Highlights, frische Nachrichten und lebendige Reportagen. Es fühlte sich an, als würde man SportsCenter auf dem Smartphone konsumieren, nur eben ohne herumflachsende Moderatoren. Der ESPN-Kanal eröffnete jeden Tag mit einem aufschlussreichen Clip der größten Story des Tages (für den Großteil der vergangenen Woche waren das die NBA-Playoffs). Der Hauptartikel war eine Mischung aus Video-Clips, Text und Fotos. Die Leitartikel waren frisch und up-to-date, so wie beispielsweise der über den Trainer der Golden State Warriors, der im Auftaktspiel so frustriert war, dass er mit einem Karate-Trick sein Clipboard in zwei Hälften zerlegte. Ich habe mir ebenfalls die anderen Discover-Kanäle auf Snapchat angeschaut, darunter Cosmopolitan, MTV, Sweet, Daily Mail, Vice, National Geographic und iHeart Radio. Sie alle waren tendentiell ohne Nachrichten aufgebaut. Daily Mail beschäftigte sich mit einer Menge Prominenter, von denen ich noch nie gehört hatte. Die anderen Kanäle boten allesamt so ziemlich dieselbe Mischung aus Listen und Promifotos. Habe ich „Warum diese Nachricht einer Mutter an 3 Teenager in einem lokalen Starbucks um die Welt gehen wird“ bei BuzzFeed oder Cosmo gelesen? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Und wenn die weniger nachrichtenaffinen Kanäle etwas Substantielles mitzuteilen hatten, dann wurde dies oft in eine schwache Überschrift verpackt. Ein Angebot von NatGeo war „Wer baute die mysteriösen Steinkreise? Die Antwort könnte sie überraschen!“ (Spoiler: Es waren die Neandertaler. Ich war nicht überrascht.) Eine Sache, die mich an Snapchat Discover tatsächlich überrascht hat: die Werbung. Es handelt sich um 10- bis 15-sekündige Videos, die sich gut in die leichteren, Millennials-angepassten Inhalte integrierten: Film-Trailer, Werbung für Lippenstift, die Sportveranstaltung X Games oder für Burberry-Parfum. Manchmal waren die Werbeeinblendungen tatsächlich interessanter als die Artikel. Nach einer Woche nur mit Snapchat kehrte ich zurück zur Times und zur Post, um zu schauen, was ich verpasst hatte. Wie ich entdeckte, hatten die Discover-Dienste die meisten Nachrichten, die von den großen Blättern prominent gedruckt worden waren, abgedeckt. Die Snapchat-Kanäle boten sogar einige gute Unternehmensgeschichten, die politische und geschäftliche Neuigkeiten tiefergehend präsentierten. Doch aufgrund der täglich geringen Zahl an Artikeln von seriösen Nachrichtenorganisationen, wurden viele bedeutende Themen (eine leichte Erhöhung in der nationalen Sterberate zum Beispiel) kaum oder gar nicht abgedeckt. Das größte Problem von Snapcht Discover ist die Aktualität. Selbst mit Inhalten, die von großen Unternehmen wie CNN und dem Journal 24 Stunden bespielt werden, geboten wurden, konnte ich mich meiner Meinung nach nicht darauf verlassen, dass ich durch Discover immer auf dem neuesten Stand sein würde, denn es schien, dass die Inhalte nur einmal am Tag aktualisiert wurden. Früh am Samstag kam die Nachricht von Muhammad Alis Tod, doch sieben Stunden später brachte der Snapchat-Kanal von CNN immer noch nur eine einzige Meldung, dass dieser ins Krankenhaus gekommen sei. Aktuelle Berichte lassen verlauten, dass Snapchat die Veröffentlichung eines neuen Designs für Discover plane, möglicherweise noch in dieser Woche. Eine Pew-Studie besagte vor einigen Tagen, dass nur 17 Prozent der Snapchat-User die Nachrichten der App konsumieren. Das bedeutet, da gibt es noch Luft nach oben. Es könnte auch darauf hindeuten, dass für viele Benutzer die App als Nachrichtenquelle nicht relevant ist. Meine Woche mit Snapchat Discover hat gezeigt, dass, wenn die Manager des Unternehmens diese Nachrichtenplattform ausbauen und überarbeiten würden, sie ihr Publikum durch eine große Reichweite der dargebotenen Inhalte und durch mehr substanzielle Nachrichten vergrößern könnten. Sie sollten dem Drang nach einer Niveausenkung aber dringend widerstehen. Wenn sie sich daran halten, dann könnten die Ergebnisse mich überraschen! Dieser Artikel erschien zuerst auf „Nieman Journalism Lab“ unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Snapchat“ by AdamPrzezdziek (CC BY-SA 2.0)


Bill Adair

ist Professor der Journalistik und der Politikwissenschaften an der Duke Universität in Durham, North Carolina. Er hat das Magazin „PolitiFact“, das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.


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