Netz-Helfer: Web of Trust

Web of Trust (WOT) will den ganzen Seiten-Kosmos im Internet mit einer Schicht aus Nutzer-Bewertungen überziehen. Mithilfe von Brower-Erweiterungen kann man sich schnell ein Bild davon machen, welche Erfahrungen andere Nutzer zuvor mit der Webseite gemacht haben. Besonders beim Download von Software oder beim Besuch kleiner Online-Shops können diese Informationen extrem wertvoll sein…

1 Was leistet MyWot?
Auf herkömmlichen kollaborativen Bewertungs-Plattformen muss man sich in der Regel die Informationen selbst abholen, indem man Ciao.de etc. besucht und dort den Namen der Seite eingibt. Anders macht es Web of Trust, dass sich zum permanenten Begleiter bei Internet-Touren machen lässt. Ein Browser-Addon zeigt in der Adresszeile für jede besuchte Seite über eine der drei Ampelfarben eine grobe Bewertung an.

Zudem lässt sich WOT als Schicht über die Google-Suche legen, die die maschinell generierten Suchergebnisse von Google und Co. mit tatsächlichen Erfahrungen menschlichen Nutzer anreichert.

2 Wie funktioniert es?
Das wichtigste Instrument ist ein stufenloser Regler in vier Kategorien: Vertrauenswürdigkeit, Verkäufer-Zuverlässigkeit, Datenschutz und Kinderfreundlichkeit.

Aus den Meinungen aller Nutzer ergibt sich für jede Kategorie ein Wert zwischen 0 und 100. Am Ende wird ein Gesamtwert für die Seite ermittelt, der einer der drei Ampelfarben entspricht. Über das Browser-Addon oder den Suchmaschinen-Layer wird diese Ampelfarbe angezeigt und gibt entweder grünes Licht oder spricht eine Warnung aus. Das Farbspiel wiederholt sich auch, wenn man die Unterseiten zu den jeweiligen bewerteten Portalen besucht.

Im Detail aufschlussreicher ist die Kommentarfunktion. Bevor man einen Kommentar abgibt, ordnet man ihn einer positiven (grünen) oder negativen (roten) Kategorie zu: „Useful“, „entertaining“, „Anoying ads“, „Phishing or other Scams“ etc. auf der anderen Seite. Die Kommentare selbst können wiederum bewertet werden, das ist mittlerweile fast schon Web2.0-Standard, man kann sich ihnen anschließen oder anderer Meinung sein. Eine Statistik zeigt, welchen positiven oder negativen Kategorien die verschiedenen Kommentare zugeordnet wurden. Das ist ein Ausschnitt der Statistik für Bild.de.

3 Hintergrund
Betreiberin des Dienstes ist die finnische WOT Services Ltd. mit Sitz in Helsinki. Web of Trust ist also wie der Mikro-Bezahldienst Flattr eines der vielen innovativen skandinavischen Startups. Die Seite finanziert sich über ein Freemium-Modell: die Kernfunktion ist kostenlos, nämlich das Abrufen von Nutzerbewertungen zu Webseiten. Geld wird verlangt, wenn man das WOT-Banner auf seiner Seite anzeigen will, um sich gleich einem Gütesiegel mit der Bewertung zu schmücken. Es gibt drei Premium-Stufen, sie gehen von 29,95€ bis zu 49,90€ pro Jahr.

Der Mechanismus des Bewertung wird im Detail nicht ganz klar. Die Macher geben an, dass sie die Nutzer-Bewertungen mit Daten anderer Quellen kombinieren. Wie genau und mit welchen Quellen sagen sie aber nicht. Ähnlich ist es mit dem Reputations-System, das besonders aktive Nutzern „wichtiger“ als Gelegenheits-Besucher macht. Neben der reinen Nutzungs-Frequenz spielt ein „Reliability Factor“ eine Rolle, der angibt, wie sehr die Meinung eines einzelnen mit denen der anderen übereinstimmt. Dieses meritokratische System soll, wie auch bei Wikipedia, den möglichen Schaden von Störaktionen und gezielten Manipulationen minimieren.


4 Risiken und Nebenwirkungen

Im Mittelpunkt des WOT-Konzepts stehen die vier Bewertungs-Kategorien. Sie definieren die „Ampelfarbe“ einer Seite, und damit das auch extern sichtbare Gesamt-Ergebnis. Die Kategorien machen aber nicht immer Sinn. So trifft „Händler-Zuverlässigkeit“ auf viele Seiten nicht zu, da sie schlicht nichts verkaufen. Und auch zum Thema Datenschutz kann man bei den meisten Websites nicht viel sagen, wenn diese sich nicht gerade grob daneben benehmen. In diesen Fällen wird der Regler eher entsprechend der Gesamt-Tendenz „mitbetätigt“. Ein Gegenbeispiel stellt allerdings das Rating von Xtube dar: die Seite schneidet in 3 Kategorien gut ab, nur die „Kinderfreundlichkeit“ ist verständlichweise klar im roten Bereich (allerdings ist das statistische Gesamtbild dann wieder grün).

Gravierender ist die Kluft zwischen der Gesamtbewertung und der Tendenz in den Kommentaren. Der „grüne“ oder „rote“ Gesamtwert kann sich stark von dem Bild unterscheiden, das die Kommentarspalte zeigt – teilweise so stark, dass es ignorant anmutet, die Kommentar-Verteilung nicht in den Gesamtwert einfließen zu lassen. Beispielsweise ist die Farbe von Bild.de „grün“, ein Button gratuliert der Seite gar zu ihrer guten Reputation. Allerdings stehen ansonten 9 positiven Kommentaren mehr als 2.000 negative gegenüber (s.o.). Die Seite wird harsch kritiert, allen voran mehr als eintausend Mal in der Rubrik „Hateful or questionable content“. Deswegen fragt ein Nutzer: „Wie halten solche Seiten eigentlich eine grüne Markierung?“

5 Fazit
Dieser Widerspruch findet sich bei vielen Seiten. Um das zu lösen, müssten die Macher nicht nur leicht nachbessern, sondern den Algorithmus für die Gesamtbewertung in Gänze überdenken. Davon abgesehen ist Web of Trust sehr stimmig: das Ampelsystem ist intuitiv bis genial, und das gute Design der Seite reduziert Barrieren, sich zu beteiligen. Zum Mainstream der Internet-Nutzer konnte Web of Trust nicht durchdringen. Ich gehe aber davon aus, dass das bald geschehen wird.

Stefan Mey

hat Publizistik und Soziologie studiert und lebt als freier Journalist in Berlin.


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