Netz-Helfer: Piraten-Pad

Piratenpad ist der größte deutsche Hoster von Etherpad, einem Tool zur kollaborativen Erstellung von Dokumenten. In puncto Schnelligkeit, Eleganz und Usability lassen Piratenpads viele kommerzielle Anbieter alt aussehen…

1 Was leistet ein Piratenpad?

Man kann gemeinschaftlich an einem Text-Dokument arbeiten, ohne dass sich die Autoren vorher anmelden oder registrieren müssen. Die Änderungen sind ohne Verzögerung sichtbar. Da jedem Nutzer eine neue Farbe zugeordnet wird, wird der Text als buntes Mosaik der verschiedenen Beiträge dargestellt (wenn das nervt, lassen sich die Farben allerdings ausblenden). Eine „Time Slider“-Funktion erlaubt es, mit einem Regler an jeden Punkt seit Entstehung des Pads zurück zu kehren, denn jede Mini-Änderung ist gespeichert.

2 Wie funktioniert es?

Das Piratenpad setzt die Open-Source-Software Etherpad um, die eine bewegte Geschichte hinter sich hat (s.u.).


Wenn man auf „neues Pad“ klickt, wird ein offenes Pad erstellt, entweder mit einer automatisch erstellen kryptischen URL (wie: K9gPaLuPX0) oder mit einer selbst gewählten Endung. Das offene Pad ist die Kernfunktion. Hier kann jeder, der den Link zum Pad kennt, schreiben, bearbeiten und löschen. Da es aber keine öffentliche Liste von Pads gibt und Google die Inhalte nur eingeschränkt berücksichtigt, hat man auch im offenen Modus eine gewisse Anonymität.

Bei einem Team-Pad wird eine (selbstgewählte) Subdomain angelegt, auf der man beliebig viele Pads erstellen kann. Es gibt einen Administrator, der zwischen zwei Zugangsmodi wählen kann: einem geschlossenen Club, in dem man sich mit Administrator-Email und –Passwort anmelden muss („Private“) und eine „Public“-Einstellung, bei der sich Gäste mit einem Passwort anmelden. Zudem gibt es die Möglichkeit, Gästen nur eine „Readonly“-Version des Dokuments zugänglich zu machen.

3 Hintergrund

Das Piratenpad basiert auf der Etherpad-Software. Die Piratenpartei tritt somit als Pad-Hoster auf. Die Software wurde im Jahr 2008 veröffentlicht, an der Entwicklung waren u.a. zwei Google-Mitarbeiter beteiligt. Ein Jahr später wurde das Projekt von Google aufgekauft, um es in das glücklose Google Wave zu integrieren. Das öffentliche Etherpad-Angebot sollte daraufhin im März 2010 eingestellt werden, doch es gab große Proteste dagegen, denen sich Google gebeugt hat. Die Software wurde im Dezember 2009 unter einer Open-Source-Lizenz freigegeben, und es hat sich eine Stiftung gegründet, die an der Weiterentwicklung der Software arbeitet.

Vor allem im Umfeld der verschiedenen nationalen Piratenparteien wird die Software intensiv genutzt. Die schwedische und die deutsche Piratenpartei haben sie in einem eigenen Angebot umgesetzt. Die deutsche Umsetzung war der Grund für eine umstrittene Razzia bei der deutschen Piratenpartei im Mai 2011. Die französische Polizei hatte sich erhofft, in den (nicht gespeicherten) Log-Daten Informationen über einen vermuteten Angriff der Anonymous-Gruppe zu bekommen.

Auf einer Liste der Etherpad Foundation werden drei andere deutsche Pad-Hoster genannt, die teilweise andere Funktionen implementiert haben und als Alternativen zum Piratenpad infrage kommen:

Pad.spline.de: ein Projekt der Linux AG am Informatik-Institut der FU Berlin. Hier lassen sich sechs verschiedene Überschriften verwenden

Etherpad.netluchs.de: ein Projekt des Anbieters einer kleinen Suchmaschine

Edupad.ch: ein kommerzieller Schweizer Anbieter, der aus den verschiedenen Pad-Funktionen ein Freemium-Modell gebastelt hat und für das Einrichten einer Team-Seite 480 Schweizer Franken pro Jahr verlangt. Eine Überschrift-Formatierung ist möglich. Zudem gibt es eine Social-Media-Anbindung, um die URL des Pads zu teilen.

4 Risiken und Nachteile

Funktionsumfang: Die Editier-Funktionen sind minimalistisch, und das ist noch sehr vorsichtig ausgedrückt. Es ist nur möglich, den Text fett, unterstrichen, kursiv und durchgestrichen zu formatieren und Aufzählungen einzufügen. Zumindest das Einfügen von Hyperlinks sowie von Überschriften zur Strukturierung sollte möglich sein. Überschriften zumindest werden im Moment diskutiert, wie ein Blick in die Ideenwerkstatt verrät.

Ein Pad vergisst nie: Öffentliche Pads lassen sich nicht löschen, weder die gesamten Dokumente noch vorherige Versionen, die über die Time Slider-Funktion konserviert werden. Das kann man positiv oder negativ finden. Der Administrator des Piratenpads will an der momentan Situation nichts ändern: „Wenn du Daten ins Internet schreibst, bleiben sie meistens öffentlich für alle lesbar. Man sollte sich deshalb vorher Gedanken machen was man dem Internet zur Verfügung stellt und was nicht.“

Trolle? Die Tatsache, dass bei öffentlichen Pads jeder ohne Registrierung alles machen kann, müsste Trolle magisch anziehen. Eine eigene Erfahrung mit einem Pad als Feedback-Tool widerlegt das aber. Anscheinend mögen Trolle es nicht, wenn es ihnen zu einfach gemacht wird.

5 Fazit

Mit dem Piratenpad rücken private und öffentliche Kommunikation mal wieder enger zusammen. Allerdings steht der Niedrigschwelligkeit in der Nutzung und der maximalen Offenheit das extrem schliche Text-Layout eines Pads gegenüber, das es als wirklich öffentliches Medium nur wenig interessant macht. Anders als es bei Blogs der Fall ist, sind die meisten Pads zudem schlicht nicht auffindbar und nicht vernetzt. Eine öffentliche Pad-Liste scheint aber im Moment von den Machern nicht gewollt. Etwas mehr Struktur und Orientierung würde die Bedeutung von Pads vergrößern. Analog zur eng untereinander verknüpften Blogosphäre und zur eher lose verbundenen Welt der Wikis könnte dann eine Pad-Sphäre entstehen und das Web 2.0 um ein großes Genre der öffentlichen Kommunikation reicher machen.

Stefan Mey

hat Publizistik und Soziologie studiert und lebt als freier Journalist in Berlin.


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