Miriam Meckel: “Das Netz ist auch die Welt”. Aha.

Miriam Meckel gehört zu meinen Lieblingsexperten, wenn es um „das Web“ geht. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, all den Leuten, die seit Jahren Google, E-Mail und Excel nutzen, die ganz neue Welt von twitter, blogs, wikis und sozialen Netzwerken zu erklären. Aktuell im Focus als Auftakt für die DLD. Ersteres ist nicht SMS an und für viele, Blogs sind nicht digitale Tagebücher und Wikis sind nicht gemeinsame Seminarhefte und soziale Netzwerke sind nicht offene Poesialben mit Adressliste. Nein. Es sind Teile der Welt. Das ist seltsam, da sie doch alle von Menschen erschaffen wurden. Und da der Mensch den Begriff Welt erschuf, wird immer alles, was er sagen wird, Teil der Welt sein. Bei Frau Meckel ist das einen ganzen Artikel wert. Was ist neu an dem Gemeinplatz, dass die Werkzeuge der Menschen teil der Welt sein sollen? Neu wäre es, wenn das Netz Teil der Heringwelt wäre oder Teil der Welt der Polarfüchse.

Ich habe den Eindruck, dass eines Tages so viele Loblieder auf das gemeinsame Lesen und Schreiben im Web gesungen werden, dass keiner mehr Lust hat, es wirklich zu nutzen. Aber der Reihe nach: Die Frau ging zu David Weinberger an das Berkman Center an der Harvard Uni, um dort über das Web zu forschen. Sie kommt wieder mit einem Text über crowdsourcing und Journalismus. Das erinnert mich an die Tage, als noch über die HuffPost oder spot.us diskustiert wurde – das war 2009. Worum geht es Ihr?

Journalistische Medien sind per se sozial, weil sie zur Verständigung der Menschen in einer Gesellschaft beitragen, indem sie etwas leisten, was auch in einer vernetzten und globalisierten Gesellschaft unerlässlich ist: die sachliche, zeitliche und soziale Synchronisation.

Dieser Satz ist falsch, wenn man damit Massenmedien einschließt, denn der Begriff „Sozial“ beschreibt eine wechselseitige Beziehung. Das ist weder bei TV noch im Radio und schon gar nicht bei Zeitungen der Fall. Sehr oft wird der Begriff auch mit zugewandt oder fürsorglich assoziiert, auch das kann man keinem Medium unterstellen, das journalistisch aufbereitet wird. Außerdem werden nur die Informationen verteilt (synchronisiert), die bestimmten Kreisen sinnvoll erscheinen. Wer in einer Redaktion gesessen hat, weiß, dass bestimmte Infos über die Golffreunde des Verlegers nie in den Lokalteil kommen werden. Aber es kommt noch deutlich flacher:

Zum anderen ist „Social Media“ ein Übergangsbegriff. Er wird sterben, weil er zum Normalfall wird. Es gibt bald keine sozialen und nicht sozialen Medien im Netz. Es gibt nur noch das Netz.

Dazu gibt es Folgendes zu anzumerken:

Es wird normal, dass wir alle soviel Zeit haben, wie die wenigen Blogger und Berater, die die Zeit haben twitter und Blogs mit Perlen zu befüllen – für umme? Wer soll das bezahlen, wenn das alle täten. Wer sollte das lesen? Aussagenlogisch würde laut dem letzten Satz das Netz dann ohne soziale und nicht-soziale Medien auskommen. Gemeint ist wohl, dass die Heterogenität (Homogenität?) des Netzes alles andere absorbiert? Liebe Frau Meckel, es freut mich ja, zu sehen, dass Sie als Einzige im Wissenschaftsbetrieb dieser Welt statt Differenz Indifferenz schaffen wollen mit Ihrer Arbeit, aber das steigert nicht die Transparenz und Verständlichkeit ihrer Ideen.

Mit ihm [dem Netz] wird alles verbunden sein, eingebettet in die vernetzen und interaktiven Kommunikationsplattformen, die wir derzeit noch als „Social Media“ unterscheiden.

Aha, die Kindertagesstätte, der Bildhauer, der Koch, die Gerüstbauer, der Arzt, der Bestatter, der Anstreicher, der Schweinmäster, die Kläranlage – sie alle werden den ganzen Tag über mit und um das Netz verbunden sein – über twitter, Blogs und facebook? Aha. Das Dings mit der Induktion von der buchbesitzenden Bildungsbürgerreligion auf die ganze Menschheit ist schon immer ein schwieriges Unterfangen gewesen und wird auch als Behauptung nicht substanzieller. Auch die These, dass nun alle zum Journalisten zweiter Ordnung qua citizenship werden, ist aktuell eher weniger belegt als befürchtet:

Plötzlich hat das Netz die Verkehrsregeln geändert. Bürger mischen sich als „Citizen Journalists“ über die Kommunikationsplattformen des Web 2.0 ins Agenda Setting ein, liefern Informationen in Text und Bild zu aktuellen Ereignissen aus der lokalen Nachbarschaft und der Welt drumherum. Journalisten müssen sich plötzlich geballt mit den Reaktionen ihrer Leser auseinandersetzen, ihre Produkte werden ungefragt weiterverarbeitet, getagged, verlinkt, gemashed

Agenda Setting betreiben viele PR-Agenturen via social media. Bürger arbeiten im Büro und an der Werkbank oder dem Band. Abends kommen sie kaputt nach hause und schauen TV, gehen zum Fitness oder waschen die Wäsche, meist alles nacheinander. Da ist wenig Platz für citizen Dingsbums. So etwas könnte super bei Fachverlage funktionieren mit definierten Themen- und Fachcommunities, aber die schlafen den Schlaf der Gerechten, die seit Jahrzehnten weit über 15% Reingewinn erwirtschaften. Aber wie kommen die ciziens eigentlich zu ihren Themen? Die haben ja keine Redaktionskonferenz, wo der Redaktionsleiter die Themen auf die Journalisten verteilt. Da weiß Meckel Antwort:

Rechercheprozesse finden nach einem beliebig gesetzten Initialreiz in Communities statt und fördern Ergebnisse zutage, für die traditionelle Redaktionen lange recherchieren müssen

Die kostenfreie Recherche, die ja total einfach für jeden Bürger ist, findet nach dem Reiz-Reaktionsschema statt und zwar per Willkür, scusi Beliebigkeit. Und, anders als der teure investigative Journalismus, können die einfachen Bürger viel schneller, billiger und besser recherchieren – wenn sie Julian Assange heißen beispielsweise und all die geheimen Dokumente in Kilogebinden bekommen wie alle Bürgerjournalisten. Das Netz ist ja die Welt, also ist auch alles mit allem verbunden, nicht wahr Frau Meckel?

Nein, denn für solche Mengen reichen die Bürgerjournalisten nicht. Da müssen NEUE wissenschaftliche Journalisten her, wie es sie nur beim Guardian, dem Spiegel oder El Pais gibt:

Und Datenmengen, wie sie durch Wikileaks zur Verfügung gestellt werden, verlangen eine ganz neue, wissenschaftlich orientierte journalistische Arbeit, die viel Zeit und Sorgfalt auf die Analyse und Aufbereitung von Daten verwenden muss, um so Neuigkeiten und Zusammenhänge ans Licht zu befördern.

Und dann kommt das Unvermeidliche aus der Ecke der preisgekrönten Medienexpertin: Die Liste der Neuerungen nochmal in bullets, sozusagen als executive summary für die Verleger:

Dadurch verändert sich der Journalismus in neun Dimensionen paradigmatisch:

* Journalisten verlieren einen großen Teil ihrer Interpretationshoheit. [durch die Wünsche der Verleger, die Vorgaben der Anzeigenkunden oder die Lobbyisten?]
* Es entstehen neue journalistische Rollenbilder, z. B. als Aggregatoren oder Broker, die für die Sammlung relevanter Informationen im Netz oder als Schnittstelle zur Verbindung unterschiedlicher Communities zuständig sind. [Aggregatoren für Agenturmeldungen oder Broker die alle Texte eines Newsdesks auf die einzelnen Blätter eines Verlags verteilen?]
* Es gibt kein Publikum mehr, sondern mehr oder minder aktive Communities.[ Ach, die Reichweite heißt jetzt community, toll]
* Medienmarken werden durch individuelle Brands journalistischer Persönlichkeiten ergänzt oder ersetzt. [Wenn ich im Zusammenhang mit Menschen noch einmal den Begriff „brand“ lese, bekomme ich Plaque. Übrigens, ist Sarrazin auch ein brand?]
* Es gibt keine fertigen „Stücke“ mehr. Journalistische Produkte werden zu „permanent content beta“. [genauso wie Medienexperten]
* Es gibt keine „write-read“-Hierarchie mehr, sondern nur einen endlosen Wechselwirkungsprozess zwischen „write“ und „read“ einer unbegrenzten Zahl von Beteiligten. [ Frau Meckel hat das Wesen von Iteration erfasst Applaus.]
* Wer sich als Journalist nicht auf das Netz als Recherche-, Kollaborations- und Kommunikationsplattform einlässt, ignoriert seine publizistische Verantwortung.[Stimmt, das merkt man bei lettre deutlich. Ähem]
* Es gibt keine netzunabhängige journalistische Weltsicht. Das Netz ist auch die Welt. Es gibt nur eine arrogante Verweigerungshaltung derer, die glauben, schlauer zu sein als ihre Leser. [Nein, sie sind reicher und deswegen arroganter. Ausnahme: Aenne Burda.]
* Das Netz entlarvt jede noch so kleine journalistische Fehlleistung. Es dekonstruiert auch den Verweigerungsjournalismus. [Das Netz perpetuiert jede noch so kleine journalistische Leistung bis zum jüngsten Gericht. Was bitte ist Verweigerungsjournalismus: Das Beharren auf Gemeinplätzen aus dem Jahr 2009?]

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter: , , ,

2 comments

  1. Wundere mich, daß Du Deinen Intellekt an solchen Querschlägerinnenenen verschwendest. Die Lebensberechtigung solcher Experten ist doch die konstante Fehlinterpretation ihres Spezialgebiets.

    Der DLD ist nach wie vor eine schmerzbefreit Burda-Kuschelveranstaltung. Anscheinend ist immer noch genügend Geld im Hause brauchbares und unbrauchbares Menschenmaterial zum Blabla einzuladen?

    1. Ich wundere mich noch immer darüber, dass eine Dokumentation der Phrasen und Gemeinplätze ein Synonym für Forschung ist – auch und gerade bei Medien. Aber wie in vielen Fächern ist wahrschneinlich auch dort der Gehorsam gegenüber dem Doktorvater erste Bürgerpflicht und fordert dieser keinen Gehorsam, driftet bei nicht wenigen Post-Docs alles ins Beliebige…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.