Klassiker: Sherry Turkle

Sherry Turkle (Wikipedia)Im Rausch der zumeist halbgebildeten Web-Experten dieser Tage, die von einem Kongress zum anderen gereicht und bewundert werden, ist leider eine „frühe“ Denkerin rund um das Verhältnis Computer/Mensch in Vergessenheit geraten: die Soziologin Sherry Turkle. Dabei hat sie schon in dem im Jahr 1995 in Deutschland erschienenen Werk „Leben im Netz“ sehr viel von dem vorweggenommen, was heute in Trivialform immer wieder diskutiert wird:

Aber ist es wirklich vernünftig anzunehmen, wir könnten den Gemeinschaftsgedanken dadurch neues Leben einhauchen, dass wir allein in unseren Zimmern sitzen, Botschaften in unsere vernetzten Computer eingeben und unser Leben mit virtuellen Freunden füllen?



Das Internet ist zu einem wichtigen Soziallabor für Experimente mit jenen Ich-Konstruktionen und -Rekonstruktionen geworden, die für das postmoderne Leben charakteristisch sind.


Von Anfang an war der Begriff der wissenschaftlichen Objektivität nicht zu trennen von der Vorstellung einer aggressiven Beziehung des Forschers zur Natur. Und von Anfang an war das Streben nach wissenschaftlicher Objektivität mit der Metaphorik männlicher Herrschaft und weiblicher Unterwerfung verknüpft. Francis Bacon benutzte das Bild vom männlichen Wissenschaftler, der die weibliche Natur auf die Folter spannt.

Turkle hatte schon früh die Psychoanalyse mit der Computerwelt verglichen, da beide einen eigenen Jargon der Mensch-Beschreibung mitbrachten, die es den Anhängern der jeweiligen Lehre erlaubten, eine besondere Form der Erklärung und der Metaphern zu finden, die den Menschen sich selbst erklären sollten. Auf der einen Seite war da das Vokabular der Tiefenpsychologie und auf der anderen die formale Welt der künstlichen Intelligenz, da sich bereits in den 70er Jahren das Primat des Gehirns abzeichnete. Eine anthropologische Konstante, die bis heute als letztgültiges Erklärmodell der besonderen Stellung des Menschen gültig ist.

Besonders berühmt ist Turkle für ihre Untersuchungen über das, was man uns derzeit abgewöhnen will. Die Anonymität im Netz. Webexperten aus der dritten und vierten Reihe bezeichnen ja die Offenheit einer jeden Person im Netz via Soziale Netzwerke als das selbstgewählte Ende der Privatsphäre. Turkle beschreibt u.a. einen Fall, in dem ein 43jähriger, verheirateter Mann online einer Nutzerin namens Fabulous Hot Babe flirtete und sich wohl zumindest zeitweise in diese Online-Bekanntschaft verliebt. Dann stellt sich jedoch heraus, dass auf der anderen Seite ein 80jähriger Mann in einem Altersheim saß. Turkle sieht in diesem Fall die ganze Spannweite zwischen der Freiheit der Erwachsenen mit den Möglichkeiten im Netz zu spielen (eher aus der Sicht des alten Mannes) und der Tatsache, dass auf der anderen Seite ja auch ein sehr junges Mädchen hätte sitzen können. Dann wäre die Reaktion kaum eine lachende gewesen. Aus ihrer Sicht ist die Potenz der Textbotschaften enorm. Denn es hängt sehr von den Erwartungen des Lesenden ab, wie die zum Teil belanglosen Sätze aufgefasst und emotional aufgeladen werden. In dieser Hinsicht ist es aus ihrer Sicht schon sehr sinnvoll, Kindern den Zugang zu bestimmten Kanälen zu verwehren, bzw. sie nicht damit allein zu lassen. Viele Inhalte können sie zwar lesen aber nicht angemessen einordnen. Auf der anderen Seite hatte der alte Mann über das Netz echte Beziehungen zu echten Menschen und konnte so aus seiner Einsamkeit entkommen, was ihm ein enormen Zugewinn an Lebensqualität bedeutete.

Turkle war auch die erste, die uns zeigte, dass es keinen Sinn macht, einfach nur verächtlich auf den Computer zu deuten und ihn als ein Werkzeug unter vielen zu entwerten. Denn der vernetzte Computer ist ein Mittel zur Kommunikation. Aus ihrer Perspektive macht er vor allem darin Sinn, weil man auf diese Weise vieles erfahren kann, was sonst unter der Decke der Konventionen bliebe. Denn die Menschen fühlen sich in der geborgenen Situation zuhause oder im Büro sicher und können so offener kommunizieren. Das hat natürlich nicht nur positive Aspekte. Denn das Aufteilen des eigenen Selbst in viele verschiedene Rollen, die durch das Netz noch weiter ausgefächert werden, erfordert natürlich ein festes Selbstbild. In den letzten Dekaden wurde ja vermittelt, man müsse sich einen stabilen Selbstkern erarbeiten, der in vielen Psychotechniken unter dem Stichwort Selbsterkenntnis, Selbstverwirklichung und vieles mehr erreicht werden konnte. Turkle vertritt ein postmodernes Bild des Menschen indem sie ein variables und fluides Bild des Selbst erlaubt bei dem diese vielen Rollen einfach nur Fragmente sind, in denen zum Teil widerstrebende Anteile der Person zur Geltung kommen können. Sie bildet damit inhaltlich den Gegenpol zur Zerstreungs- und Vermanschungstheorie eines Schirrmacher.

Das Leben mit und im Internet kann es uns erlauben, über die vielen, unterschiedlichen Rollen nachzudenken, die wir im alltäglichen Leben spielen. Denn viele von uns leben im Alltag in diversen unterschiedlichsten sozialen Rollen und verstecken viele ihrer persönlichen Wünsche unter verschiedenen Masken, deren Summe die Persönlichkeit bestimmt: „... a person for example, .. wakes up as a lover, makes breakfast as a mother, and drives to work as a lawyer.“ Das Leben im Internet erweitert und realisiert diese Verhältnisse auf eine andere Weise. So kann man einem Avatar der Schüchterne sein, während man in einem anderen Netzwerk
heftig flirtet, und im dritten Online-Bereich oder Blog fachsimpelt über aktuelle politischen Ereignisse.

Bildnachweis: Wikipedia

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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