Keine perfekte Welle

Seit einiger Zeit ist es still um die vernünftigen und gefühligen Revolutionäre vom Schlage Wir sind Helden oder Juli. Es hat den Anschein, als ob es sich etwas in sich selbst verrannt hat. Diese stetige Nabelschau in Tateinheit mit Weltschmerz und kritischem Beäugen der Warenwelt hat sich leer gelaufen. Als man die Kreide in Form von Social Media ein zweites Mal erfand, schrieb man auf die Straßen, Häuserwände und Klotüren des Web allerlei idiosynkratische Tagebuchnotizen. Das Persönliche verkam immer mehr zu einer Inflation des Ich. Es könnte sein, dass beides nun in großen Familienpacks verhökert wird. Nimm sechs zum Preis von zwei…

Da wir alle dieses Ich teilen und uns mittlerweile nur noch durch unsere Leidenschaften und Willenseruptionen unterscheiden, hat sich der Gott der Aufklärung etwas abgeschliffen. War in der Psychoanalyse noch die Historie des Ich eine jahrelange Beschäftigungssgarantie, kam schon in der Verhaltentherapie der Fokus auf das Hier und Jetzt. Das war schnell konsumiert. Die zweite Neue Deutsche Welle hat all dies in einer Breite und Seichtheit verallgemeinert, und auch die Lehre vom Erleben und Verhalten ist nun in Abertausenden Facebook-Statusmeldungen zu finden. Wer heute noch originelle deutsche Texte machen will, der muss schon auf stofflosen Drogen wie inflationären Geliebtenverbrauch, sechs Umzüge pro Jahr oder gar Augmented Reality ausweichen, um das ewig wiederkehrende Thema rund um Fremdbild und Selbstbild noch angemessen spannend zu beschreiben. Oder man faselt von abstrakten Vorstellungen wie Volksgruppen, Antimaterie oder Intuition.

Social Media verkommt in derselben Weise entweder zu einem Geschwür aus Meinungen rund um die Warenwelt oder zu einem ewigen Kommentar des Kommentars. Wer sein Ich zu einer veritablen Wachsfigur ausstaffiert hat, kommt in die Ausstellung. Das Ich liefert keine transzendenten Gedanken. Es ist das Zwischen, der Bereich der sich auftut, wenn Menschen sich offen begegnen, wo noch Hoffnung liegt. Es ist daher weniger die Schirrmachersche Gehirnvermanschung, die den Menschen Probleme bereiten wird. Es ist das mentale Sättigungsgefühl, dass den Auguren des Web 2.0 Probleme bereiten wird. Wenn Meinungen und Bürgerjournalismus auf derselben Welle reiten wie Publizisten, Qualitätsjournalisten und Denker, dann hat sich die Intelligenzija selbst abgeschafft. Daran ist kein Ingenieur und Elektrotechniker schuld sondern die Unlust unbequeme Gedanken aufzuschreiben, von denen man keinen Applaus oder gar eine Interessensvertretung von Kräften im Hintergrund erwarten kann. Am Ende des Websurfens könnte es zu einem diskontinuierlichen Spalt kommen. Dort herrscht dann einfach Nichts mehr: Dann ist das Web einfach der Ersatz für Telefonkabel und Sende- und Empfangsantennen geworden. Aber wie Heidegger es so treffend formulierte: Das Nichts ist der Bereich aus dem die Fragen kommen.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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5 comments

  1. was für ein sinnloses Geschwurbel… das führt ja fast dazu, dass man euren Feed abbestellt. Selbst die Einleitung ist Unfug, die Helden standen mit dem neuen Album wieder auf 1, wie man es von ihnen gewohnt ist.

  2. Willst du die Netzpiloten mit ihrer idealistischen Suche nach „dem Besten“ mit deiner Anrufung des Nihilismus einfach abschaffen?
    :)

    1. Oh, ich rufe nicht den Nihilismus an. Ich stelle nur fest, dass die Jemeinigkeit in ihrer trivialen Form nur dann spannend ist, wenn es literarisch oder vom Plot her etwas aufwändiger daherkommt als einfach nur das Ausdrücken der Senftube. Beispiel dafür gibt es zuhauf, sogar auf dieser Website. Wer ist schon perfekt?

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