Interview: Was ist die transmediale.10 ?

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Am Dienstag den 02. Februar beginnt in Berlin die transmediale.10 FUTURITY NOW! im Haus der Kulturen der Welt (HKW). Die meisten Leser werden den Namen schon oft gelesen haben, den einen oder anderen Vortrag per Video im Web gesehen und gehört haben – was aber ist nun dieses Festival eigentlich?


Ein Interview mit Clemens Lerche (CL) (Marketing, der Mensch hinter der transmediale facebook Fanseite) sowie dem Programmleiter des Festivals Markus Huber (MH) gibt Aufschluß über den Rahmen und den Inhalt des Netzkultur-Festivals und der zugehörigen Vilém-Flusser-Preis-Preisverleihung sowie dem Kongress Future Observatory. Der Bogen spannt sich von Liquid Democracy, Netzideologien und der Zeitlosigkeit des Netzes bis zur ästhetischen Echtzeit-Bearbeitung der 9stündigen-Diskussion eines beeindruckenden line-ups von Gästen, die in Zweiergesprächen diverse Themen ins Visier nehmen.


Herr Lerche, viele Leser der blogpiloten kennen den Namen der transmediale aber können sich wenig darunter vorstellen. Bringen wir etwas Licht ins Dunkle. Was ist die Geschichte der transmediale, was ist ihr Ziel im Allgemeinen und welche Ziel verfolgen sie mit der aktuellen Ausgabe??

CL: Die transmediale wurde 1988 als VideoFilmFest ins Leben gerufen, einem Nebenprogramm der Sektion Internationales Forum des Jungen Films der Berlinale. Damit wollte der Mitbegründer und künstlerische Leiter Micky Kwella auch solchen Produktionen ein Forum bieten, die auf elektronischen Medien realisiert wurden und somit von reinen Filmfestivals wie der Berlinale ausgeschlossen waren. 1997/98 änderte es seinen Namen von ‚VideoFest‘ zu ‚transmediale‘. Diese Änderung reflektierte die programmatische Erweiterung des Festivals, welches inzwischen ein weites Spektrum multimedialer Kunstformen umfasste. 2006 änderte sich der Untertitel des Festivals, das nun  nicht mehr international media art festival, sondern „festival for art  and digital culture“ heißt und damit eine Abkehr von reiner Medienkunst und die Öffnung hin zum Spannungsfeld von Kunst, Technologie und unserem digitalisierten Alltag beansprucht. Mehr dazu hier.

Ziel im Allgemeinen, kurz gesagt: Die transmediale präsentiert künstlerische Positionen, die die Rolle neuer Technologien in der  heutigen Gesellschaft reflektieren. Die transmediale teilt mit anderen Veranstaltungen, wie zB der re:publica, eine kritische und zugleich begeisterte Sicht auf Medien. Was der transmediale wichtig ist: Sie  versteht Medientechnologien als Kulturtechniken, die man sich aneignen  muss, um durch sie unsere heutige Gesellschaft verstehen, kritisieren  und gestalten zu können.

Aktuelle Ausgabe und Thema „FUTURITY NOW!“: Vorab: Es wird kein  Zukunftsfestival bzw, Zukunftskongress sein! Unter dem Motto FUTURITY NOW! untersucht die transmediale.10, welche Rolle die Entwicklung des
Internets, die globale Netzwerkpraxis, Open-Source-Methoden, nachhaltige Gestaltung und mobile Technologie bei der Bildung neuer kultureller, ideologischer und politischer Modelle spielt. Nicht Zukunft, als etwas denken das kommt, sondern als etwas das wir tun. Stephen Kovats dazu im Video:


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Während der transmediale findet dieses Jahr die parallele Konferenz unter dem Motto Future Observatory statt, zu der außer den drei Keynote-Speakern auch eine ganze Reihe Face2FAce-Gespräche stattfinden werden. Am 05.02. sprechen bei der neunstündigen Futurity Long Conversation 21 Gäste über das Thema Zukunft. Obwohl mir einige Sprecher bekannt sind, ist das bei den potenziellen Besuchern wohl weniger der Fall. Kein großes Namedropping…
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MH: …genau darum geht es bei dieser Veranstaltung. Statt mit Namen aufzutrumpfen, steht hier das Gespräch und das Thema selbst im Vordergrund. Die teilnehmenden Sprecher bilden ein Gewebe aus Künstlern, Medientheoretikern, Designern und Aktivisten, die sich in ihrer Arbeit auf ganz spezifische Weise mit dem Thema FUTURITY NOW!! auseinandersetzen. Zudem tauchen viele der Teilnehmer an verschiedenen Stellen im Festival auf. Die Idee ist, in diesen 22 minütigen Gesprächen ganz unterschiedliche Ansätze und Einstiegspunkte in das Festivalthema zu bieten, um die Sprecher dann auch in anderen Kontexten, Formaten und Zusammenhängen im Festival zu erleben. So sind Ken Rinaldo, Jimmy Loizeau und Julian Oliver beispielsweise auch in der Ausstellung zu sehen. Joy Tang wird ihre Arbeit über Network Improved Communites in der Konferenz vorstellen; David Link und Warren Neidich sind zwei der vier für den Vilém Flusser Theory Award nominierte Künstler.Und Carolyn Christov-Bakargiev, die Leiterin der documenta 13 in 2012 spricht u.a. mit Susan Neiman, Leiterin des Einstein Forums in Potsdam. Alan Shapiro, vielen bekannt durch sein Buch „Star Trek: Technologies of Disappearance“ spricht über die Möglichkeiten einer neuen Computerwissenschaft, die die Star Trek Technologie möglich machen soll.



Mehr Informationen zu den einzelnen Sprechern und ihren Statements, die etwas mehr Einblick verschaffen findet Ihr hier.

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Was könnte die Besucher motivieren zu kommen und wie gewährleistet ihr, dass es nicht in einer beliebigen Kakophonie endet, bei jeder sein Thema einfach inflationiert?
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MH: Interessant, dass du das fragst, denn eine parallel stattfindende Datenvisualisierungs-Installation wird genau das „beobachten“. Das Künstlerkollektiv Sosolimited wird die Konversation mittels einer speziell entwickelten Software auf sprachliche oder inhaltliche Muster und Strukturen hin analysieren und visualisieren und so einen vollkommenen anderer Rezeptionsansatz bieten als in den Dialogen wenige Meter höher im Haus. Dazu gehört auch die Analyse, wie häufig und ‚inflationär‘ bestimmte Begriffe und Formulierungen genannt werden.


Es ist aber auch so, dass keiner der Teilnehmer einen Vortrag halten oder pps benutzen wird. Es geht ausschließlich um den Dialog zwischen zwei Experten. Die Konversation ist nicht moderiert, einziger Rahmen bilden die 22 minütigen Gesprächsfenster. Wir verstehen dieses „lange Gespräch“ nicht so sehr als eine quantitative Ansammlungen von Personen, Thesen und Theorien, sondern als eine Möglichkeit, die prozessuale, unterdefinierte und umbrüchige Struktur von Zukunft sichtbar und erfahrbar zu machen. Wenn ein Sprecher länger als 22 Minuten spricht, so nimmt er dem nächsten Redner einen Teil seiner Konversationszeit. Es handelt sich also auch um einen kollaborativen Prozess, der nur funktionieren kann, wenn jeder sich diesem Rhythmus unterordnet.


Eine letzte Sache, der erste Gesprächspartner, Drew Hemment, Leiter von Futureeverything ist auch der letzte Gesprächspartner. Und wenn diese Gesprächskette am Ende wieder bei Drew Hemment ankommt, hat sich der erste Impuls, mit dem er die Konversation angestoßen hat während der 8-stündigen wechselnden Gespräche verändert, ergänzt und wieder verworfen. Die Zukunft, die zu Beginn verhandelt wurde, ist noch immer da und zugleich völlig verändert.


Die Futurity Long Conversation ist eine Sonderzeitzone, in die jeder Besucher eintreten, verweilen und zuhören kann und nach einiger Zeit auch nochmals zurückkehren kann, um zu sehen, in welche Richtung sich „die Zukunft“ entwickelt.



Mehr dazu hier und hier.


Außer Sascha Lobo, Florian Rötzer und Merceds Bunz ist einige vielleicht noch Juliana Rotich von ushahidi und globalvoices bekannt. Das Thema selbst muss also überzeugen. Was erhofft Ihr Euch als Veranstalter von diesen Gesprächen in  Bezug auf das sehr offene Thema Zukunft?

MH: Ich bin in den 80er Jahren groß geworden und da wurde die Zukunft ständig verschoben. „No Future“ war der ununterbrochene Versuch, eine Fristverlängerung auszuhandeln, damit Zukunft nicht stattfand. Das ist für mich auch das Spannende an dem Thema, denn diese Fristverlängerungen sind abgelaufen und paradoxerweise befinden wir uns heute in eine Zukunft, die der Vergangenheit angehört – und die gleichzeitig im Widerspruch zu unserer Gegenwart steht. Und da frage ich mich: verwenden wir unser technisches, politisches und soziales Potential weiterhin dafür, Zukunft als Utopiekatapult und  Projektionsmaschine am Tropf zu halten oder nehmen wir es als Möglichkeit der Gestaltung, als kulturelle Praxis? Der Zukunftscode des 20. Jahrhunderts ist von der globalen Realität des 21. Jahrhunderts eingeholt worden. Die transmediale.10 zeigt, wie dieser Code funktioniert hat und auch, warum er heute nicht mehr  funktionieren kann.
Die Konferenz Future Observatory untersucht drei Bereiche in denen ‚Zukunft‘ als eine verlässliche, weil unerschöpfliche Ressource für die politische und alltägliche Planung und Anwendung in unserer  Gesellschaft ausgeht. Das hat mit der Weise zu tun, wie wir diesen Utopie- und Projektionsautomat benutzen. Das Konzept von Zukunft gerät angesichts technologischer, kreativer und sozialer  Entwicklungen in eine Krise. Mit der Konferenz werden drei Bruchstellen diskutiert, an denen sich diese Krise zeigt. Future Observatory widmet sich den Bruchstellen, an denen die Untüchtigkeit von Zukunft – wie sie das 20.Jahrhundert hindurch gedacht und in Design, Architektur, Politik und Kunst formuliert wurde – zum Vorschein kommt.


Wie sucht ihr die Leute aus?

MH: Das ist ein langer Weg. Mit dem Ende eines Festivals beginnt eigentlich sofort die Recherche und Themendiskussion für das nächste Festival. Im Laufe eines solchen Prozess’ laufen wir auch in viele Sackgassen, aber nach und nach kristallisieren sich dann die Themenfelder heraus und damit oft auch Teilnehmer. Eine wichtige Quelle für uns ist aber nach wie vor der Wettbewerb, den wir jährlich ausschreiben. Aus den 1500 Einreichungen aus über 70 Ländern finden wir dann viele Projekte, Künstler und Wissenschaftler, die sich in das Thema fügen. Aber auch das ist ein Prozess, der bis zum Festival anhält und sich ständig verändert oder erweitert.


Mit dem Thema FUTURITY NOW! fokussieren wir sehr stark die kollaborative Praxis der Netzwerkkultur. Etwa Adam Hyde, der in einem Book Sprint die transmediale.10 Publikation „Collaborative Futures“ innnerhalb von 5 Tagen mit 6 internationalen Open Source und Free Culture Experten geschrieben hat.


Joy Tang, die Gründerin der oneVillage Foundation, die sich um einen Technologietransfer in Entwicklungsländer bemüht, Matteo Pasquinelli, u.a. Gründer der Mailinglist „Rekombinat“ untersucht die ökonomischen und kollaborativen Bedingungen im postindustriellen, digitalen Zeitalter. Tiziana Terranova, Professorin für politische Ökonomie José Luis de Vicente, Direktor von ArtFutura in Barcelona

Mehr Infos zu den Teilnehmern sind hier zu finden.


Bildnachweis: transmediale

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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1 comment

  1. Habe ich so undeutlich geantwortet? Hm, ich bin auch der Mensch hinter dem twitter account @transmediale ;-) Danke für das Interview. Und ich hoffe, viele Leser kommen zur transmediale vorbei.

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