a2n-Interview S. Lobo: „Ich bin verhalten optimistisch“

Interview mit Sascha Lobo zum Thema Filesharing auf der Konferenz all2gethernow 2010

Zum zweiten Mal findet derzeit die Fachmesse Alltogehternow im Rahmen der Berlin Music Week statt. Seit Montag stellen mehr als 250 Redner aus der Musik- und Kreativbranche neue Ideen und Strategien in über 100 Workshops, Sessions, Barcamps, Panels und Lectures vor. Schwerpunktmäßig wurde die Konferenz in drei Module Camp, Kongress und Forum unterteilt, die je an zwei Tagen vom 6. bis zum 11. September in der Kulturbrauerei und auf dem Flughafengelände Tempelhof stattfinden. Besonders das Camp, welches den Auftakt der Alltogethernow machte, verstand sich dabei als eine Plattform, auf der „auf Augenhöhe“ diskutiert werden sollte. Das hierbei auch mal die Fetzen fliegen können, zeigten Deutschlands bekanntester Blogger Sascha Lobo und Blogger Marcel Weiß von „neunetz.com“ am Montag in ihrer Diskussion zum Thema Filesharing. Das Gespräch knüpfte an eine vorab im Internet geführte Diskussion der beiden an, ob Filesharer als „schmierige Egoisten oder Wegbereiter der Kreativbranche“ zu verstehen sind. Das Interview wurde mit Sascha Lobo kurz nach dem Schlagabtausch geführt.

Sascha Lobo, die Diskussion um Filesharing wird von zwei Positionen polarisiert, die auch von Euch beiden vertreten werden: die einen sehen Musikstücke als Kulturgüter an, die es zu entlohnen gilt. Die anderen wollen nicht bezahlen, weil sie damit argumentieren, dass die heutigen Technologien die digitalen Güter inflationär im Netz verteilen und damit den Mehrwert von Musikproduktionen zunichte machen…

Im Prinzip ist das eine kulturkonservative Argumentation, aber dann im Detail doch nicht. Nicht alles, was im Detail machbar ist, muss auch erledigt werden. Diesen Begriff, dass es quasi ein Diktat des Moralisch-Politischen gibt, also das nicht immer die technische Machbarkeit an vorderster Front sein muss, die haben wir im 20. Jahrhundert eigentlich zur Genüge geführt! Nur weil ich ein Auto habe, muss ich damit nicht an jeden Ort der Welt hinfahren. So. Das allein sollte eigentlich schon jedem sagen, dass Technologie durchaus eine gesellschaftliche Limitation haben sollte, nämlich durchaus da, wo es sinnvoll ist. Und ich bin normalerweise der Allererste, der bei Technologie nach vorne geht und schreit: Hurra! Aber: nur, was technisch machbar ist, heißt nicht, das es auch richtig ist und deswegen gemacht werden sollte. Und nicht, was technisch machbar ist und gemacht wird, ist deswegen technisch automatisch richtig und muss dann rückwirkend moralisch toll gefunden werden. Das halte ich für eine fatale Kurzschlussargumentation und auf der hat sich leider Marcel Weiß zu bewegen versucht, indem er da von irgendwelchen Realitäten gesprochen hat, wo noch nicht mal klar ist, wie viele Leute tatsächlich downloaden und filesharen. Was mir auch völlig Wurst ist, ehrlich gesagt. Ich weiß, dass dadurch ein Schaden entsteht, und ich weiß, dass dieser Schaden, wenn mehr Leute einsehen würden, das ist doof, minimiert würde. Und im gleichen Atemzug die Musikindustrie nicht mehr so grauenhafte Dinge versuchen würde gesetzlich durchzusetzen, denn das tut sie leider im Moment.

Wieso bezeichnest du Filesharer als „schmierige Egoisten“?

Schmierig sei jetzt mal so dahingestellt, ich wollte das ein bischen aufspicen. Als Egoisten bezeichne ich sie definitiv, weil sie ein Kulturgut, dessen Schöpfer der Meinung war, dafür Geld zu bekommen, ohne Geld illegal runterladen wollen. Und es auch tun. Das heißt, sie halten ihren eigenen Nutzen, dieses Kulturgut zu nutzen, für wichtiger als den Anspruch des Urhebers. Und immer wenn man etwas zum eigenen Wohlergehen für wichtiger hält als das Wohlergehen des Anderen, dann halte ich das für egoistisch. Und schmierig egoistisch ist es, wenn es dann auch noch zufällig so ist, dass der Andere davon leben möchte. Das bedeutet, dass man tatsächlich dem Anderen seine Lebensgrundlage entweder entzieht oder schwieriger macht. Das nenne ich mit vollem Recht „schmierige Egoisten“.

Aber kann man die kostenlose Verbreitung des Tonträgers nicht als Werbung für den Künstler betrachten?

Nein! Diese Argumentation halte ich ehrlich gesagt für hanebüchen! Wenn alle filesharen und am Ende niemand mehr dafür bezahlt: wofür nutzt einem dann noch diese Bekanntheit? Irgendwann wird dann jemand davon hören und dafür bezahlen, aber ich nicht – das ist eine Frage, die seit Kant als lächerlich und unaufgeklärt gilt.

Und der T-Shirt-Verkauf?

Der T-Shirt-Verkauf ist total gut für alle, die gut T-Shirts machen können, aber ich bezeichne es als Errungenschaft dieser Zivilisation, dass mit Kulturgütern Geld verdient werden kann! Das finde ich gut und das finde ich richtig, und ich weiß, das 99% der Leute mir ja eigentlich zustimmen würden, theoretisch. Praktisch ist es aber so, dass sich ein Teil dieser Leute offenbar diese moralische Frage gar nicht stellt und deswegen nicht zustimmt. Aber wollen sie, dass ein Musiker ein Stück herstellt, was Leute gut finden können? Wollen sie, dass der davon leben kann oder nicht? Das ist eigentlich eine Frage, wo man nicht ernsthaft dagegen sein kann.

Aber interessanterweise stellen ja auch Musiker ihre Musik für umsonst ins Netz, gerade damit man ihre Musik verbreitet.

Ja Moment, aber ich habe ja nie gesagt, dass es schlecht ist, seine Sachen umsonst wegzugeben. Ich habe nur gesagt, dass es die Wahl des Künstlers sein sollte. Wenn ein Künstler der Meinung ist, ich gebe meine Musik umsonst weg um bekannt zu werden: wow, herzlichen Glückwunsch, vielen Dank! Mach es, gar kein Problem! Wenn ein Künstler aber sagt: nein, dieses Stück möchte ich verkaufen, und ich würde sogar sagen, dass das bei jedem einzelnen Stück entscheidend ist, also dieses Stück möchte ich verkaufen und dieses möchte ich umsonst ins Netz stellen, dann muss er die Möglichkeit dazu haben. Aber der filesharer sharet einfach alles und sagt: mir ist scheißegal was du sagst lieber Musiker: ich share file! Das Stück, was du produziert hast, da hast du kein Recht mehr dran, du bist ein Arsch ich hasse dich, aber du machst ganz gute Musik und deswegen loade ich dich jetzt mal down!

Du hast vorhin von einer Lösung gesprochen …

Nein ich habe von einem Lösungsansatz gesprochen, ein ganz wichtiger Unterschied. Ein Lösungsansatz könnte sein, dass es eine Plattform gibt, die eben nicht diesen grotesken Regeln von Apple folgt, die quasi nah an einer Zensur vorbeilaufen oder sogar Zensur sind, was die Apps betrifft, da hier ja jemand Inhalte kontrollieren möchte. Dass eine solche Instanz nicht die relevanteste Instanz sein sollte, über die Musik vertrieben werden kann, ist jedem klar, der weiß, das Musik durchaus eine politische Komponente haben kann und auch sollte. Der für mich interessante Punkt ist, wenn es eine Plattform gäbe – das ist dieser Lösungsansatz – wo jeder seine Musik hochstellen kann und die über eine ausreichend große Marktmacht verfügt – aus welchen Gründen auch immer – damit dort ein Markt zusammenkommt, der für Musiker interessant sein kann! Und das muss nicht in Staatshänden sein, das würde ich für albern halten, aber ich kann mir gut eine Stiftung vorstellen, ich kann mir gut ein Äquivalent vorstellen oder eine Weiterentwicklung von dem, was GEMA sein sollte – denn die GEMA des 20. Jahrhunderts hat das Internet nicht wirklich verstanden – eine Art neu organisierte GEMA also in Form einer Non-Profit-Veranstaltung, die dazu dient, das Menschen von Kulturgütern leben können, und genau diese Mechanik würde ich auch bei so einer Plattform sehen. So schlimm oder so schwierig ich finde, was bisher von staatlicher oder halbstaatlicher oder institutioneller Seite aus ins Netz gestellt worden ist, so sehr würde ich gut finden, wenn es eine solche Plattform gäbe.

Wie könnte man den unübersichtlichen Markt der illegalen Downloads hierfür in den Griff bekommen? Die jeweiligen Foren oder Programme zu schließen, wäre ja wahrscheinlich viel zu schwierig.

Das soll man ja auch nicht. Ich hab darauf keine eindeutige Antwort. Ich weiß, dass die einzige Möglichkeit, etwas sinnvoll und langfristig zu unterbinden, die ist, die Köpfe der Leute zu erreichen und sie zum Einsehen zu bewegen, dass ihr Verhalten nicht richtig ist. Technische Möglichkeiten funktionieren nicht, da bin ich fest davon überzeugt, das ist Quatsch. Dazu ist das Internet zum Glück viel zu lebendig und divers. Ich glaube auch nicht, dass es Lösungen gibt, die ´Kulturflatrates´ bedeuten, aber das ist eine persönliche Überzeugung. Ich wäre ja schon froh, wenn die Diskussion da wäre, dass die Leute sagen: Ok, Musik als Produkt ist etwas, wofür man Geld bezahlen kann! Und wie man das tut, ob über eine Flatrate oder eine Nutzungsgebühr – keine Ahnung. Da kann man gerne drüber reden, da bin ich auch nicht Spezialist, kann ich also nicht genau sagen. Aber was ich möchte, ist: dass anerkannt wird, das Musik ein Produkt ist, was man verkaufen kann, damit Menschen davon leben können. Ich würde für die beste Lösung halten, eben so eine Art iTunes zu machen, das unabhängig und offen ist.

Letzte Frage: wie siehst du die Musikindustrie, also die Labels in den nächsten Jahren in diesem Zusammenhang?

Schwierig, ich kenne mich mit der Musikindustrie nicht besonders gut aus. Ich habe versucht, aus einer Netzöffentlichkeit heraus zu argumentieren und den moralischen Kriterien des Kulturguts insgesamt, dem ich mich verpflichtet fühle. Da spielen so viele Faktoren mit rein, dass ich mir nicht zutrauen kann zu sagen, was da wie im Einzelnen passiert. Interessant ist aber schon, dass die Musikindustrie vom Regen in die Traufe gekommen ist: von den Leuten, die illegal downgeloadet haben – das geht ja inzwischen auch zurück, wie ich das verstanden habe – hin auf einmal zu der vollständigen Abhängigkeit zu jemandem wie iTunes, der einem diktiert, was man tun soll.

Ich bin überrascht, dass dem so viele folgen!

Ja, wahrscheinlich aus Alternativlosigkeit. Und da würde ich mir natürlich wünschen, dass es mehr unabhängige Plattformen gibt, die trotzdem eine Marktmacht darstellen. Was da jedoch für Grundvoraussetzungen sein müssen: Huh! Das ist nochmal ganz schwierig, aber ich kann mir vorstellen, dass es … Ach, ich weiß nicht. Ich bin verhalten optimistisch.

Bildnachweis: re:publica2010

Beate Stender

ist als Musikredakteurin beim Radio und als Freie Autorin in Berlin unterwegs. Sie interessiert sich für alles, was klingt und experimentierfreudig ist. Neben den netzpiloten schreibt sie auch für kulturprozess.com. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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3 comments

    1. Hi Marcel, ja, habe ich gefixed. Danke für den Hinweis. Hatte ich überlesen bzw. beim Redigieren noch immer beides assoziiert.

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