ikono.tv: „Was MTV für Musikvideos war, sind wir jetzt für die Kunst!“

Leonard da Vinci„Art is coming home“. Dieser Claim beschreibt in wenigen Worten den Kultursender ikono.tv, der vor 3 Jahren von Unternehmerin und Kunstexpertin Elizabeth Markevitch in Berlin gegründet wurde:
In einem unscheinbaren Gebäude eines Werkhofes im Prenzlauer Berg produziert das 24-köpfige, multinationale Team von ikono.tv zusammen mit vielen freischaffenden Kreativen, vom Kameramann bis zur Kunsthistorikerin, in aller Stille Filme und Beiträge über zeitgenössische wie klassische Kunst, Kunstwerke, Werkschauen oder Ausstellungen einzelner Künstler. Zum Portfolio gehören auch neue Kurationen oder Retrospektiven wie aktuell mit Gerhard Richter in der neuen Nationalgalerie zu Berlin, oder die kürzlich eröffnete Biennale in Marrakesch.

So nah an Leonardo wie in keinem Museum

Stille ist neben den ausschließlich im hochwertigen HD – Format gedrehten Beiträgen das Markenzeichen des Senders, denn nur die Kamera führt den Zuschauer zu den Kunstwerken, ja, in sie hinein, beschreibt wie das Auge des Betrachters im Museum das Gemälde im Detail, größeren Ausschnitten, bis zum Ganzen und vielleicht wieder ins Detail. So sehen wir beispielsweise Leonardo da Vincis Gemälde „Dame mit dem Hermelin“: Wir blicken zunächst auf die Hand der Porträtierten, langsam kommen wir näher, dann folgen wir der Bildführung zum Hermelin auf ihrem Arm, hin zum Gesicht der jungen Dame (wahrscheinlich Cecilia Gallerani, 1473 – 1536). Gestochen scharf zeigt uns die Kamera gar Pinselstriche und Altersspuren der Ölmalerei. Schließlich, langsam und leise, fast ins Bild eingetaucht, vergrößert sich der Ausschnitt, zeigt schließlich das ganze Werk des Meisters…

Etwa drei Minuten dauert die Videoreise in eines der wundervollsten Zeugnisse der italienischen Renaissance. Die Betrachtung dieses Kunstwerks erfolgt ohne Ton und Kommentar. Lediglich Name und Titel werden eingeblendet. „Wie in einem Musikvideo“, erklärt Elizabeth Markevitch. In aller Stille und frei jeder Moderation oder Soundkulisse, beschreibt der Begriff des „Fern Sehens“ im wahrsten Sinne die wechselnden Sequenzen von Werken klassischer wie zeitgenössischer Kunst, die wir als Betrachter in dieser Nähe und Qualität kaum im Museum erfahren können.

Stille und Kontemplation – „Fern Sehen“ pur

Der konsequente Verzicht auf musikalischen Hintergrund, erklärende Sprecher oder Soundjingles scheint zunächst streng – tatsächlich ist die Rückbesinnung auf den visuellen Wert des Fernsehens eine Herausforderung an die Zuschauer, welche von einem TV – Sender Moderation, Nachrichten, Reportagen und akustische Rahmen erwarten. Doch wenn wir uns an die spannende wie erfolgreiche Anfangszeit von MTV erinnern, das Musikvideos in ihrer reinsten Form ebenfalls ohne Nachrichten, Moderation und Erklärung zeigte, spüren wir, wie wohltuend der kommentarlose Ablauf von Bildsequenzen wirkt, den Alltag entschleunigt und uns in seinen Bann zieht. Weniger ist mehr. Und das Wenige ist hochwertig aufgenommen, geschnitten und transportiert.
„Fernsehen“, so Elizabeth Markevitch, „wird mit ikono.tv also wieder zum Sehgenuß im ursprünglichsten Erlebnis.“ Die engagierte Gründerin des Senders stammt selber aus einer Familie mit reicher kultureller Tradition: Elizabeth Markevitch wurde in Frankreich als Tochter eines ukrainischen Cellisten geboren. Ihr Onkel war der gefeierte Dirigent und Komponist Igor Markevitch. Und schon ihr Großvater Boris Markevitch war Pianist. Sie selber wuchs also in einem künstlerischen Umfeld auf, was ihr den kulturellen Sachverstand und die nötige kreative Strenge gab, die bei jeder Form von Kunst immanent ist: „Die Kunst des Weglassens ermöglicht erst die Kunst,“ schrieb Karl Kraus einmal in einem Aufsatz über das kreative Schreiben.

„Die Kunst des Weglassens ermöglicht erst die Kunst“, (Karl Kraus.)

Nachdem Elizabeth Markevitch mit ihrer Familie von Frankreich aus bereits als Kind in die USA zog, kehrte sie als Erwachsene nach langen Lehrjahren in Kunstsammlungen, Galerien aber auch als Bankberaterin wieder zurück nach Europa: Erst nach Luxemburg, wo sie den Artemis – Kunstfonds der Banque Lambert leitete. Dann wechselte sie als Kunstberaterin zur J. Henry Schröder Bank nach London. In den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts zog sie weiter nach Genf, als Senior Manager für die Gemäldeabteilung der Impressionisten und der Moderne bei der dortigen Niederlassung von Sotheby’s.

Gründerin Elizabeth Markevitch: Künstlerisches Umfeld und geschäftige Lehrjahre

Auf all diesen Stationen lernte sie nicht nur Handwerk und Geschäft des internationalen Kunstbetriebes, sondern auch das Netzwerk aus Kunstsammlern, Mäzenen und Machern kennen. „Irgendwann war es genug mit der Arbeit für Sotheby’s und ich hatte den Wunsch, Kunst nicht nur für die Eliten, sondern für alle Menschen erfahrbar zu machen. Warum erreicht Musik Millionen von Menschen weltweit, während Kunst nur wenigen Sammlern und Experten vorbehalten bleibt?“, fragte sich Markevitch eines Tages. Bei Ausstellungseröffnungen und während ihrer Tätigkeit als Kuratorin spürte sie, dass Kunst eine Menge Interesse beim Publikum weckt – aber eben nur für das Publikum, was den Weg in Museen und Galerien findet. Markevitch fand heraus, dass das Ungleichgewicht zwischen Resonanz und tatsächlichen Zuschauerzahlen nicht auf mangelndes Interesse seitens der Betrachter herrührt, sondern vielmehr im Transport der Bilder zum Betrachter: „Wenn wir Musik hören möchten, drehen wir als Zuhörer einfach nur das Radio auf und können zwischen diversen Musikstilen wählen. Jetzt und Zuhause! Es ist ein Unding, dachte ich, dass das im Zeitalter der Digitalität, des Fernsehens und des Videos nicht auch für Bilder gilt.“, erklärt Markevitch. Und so sah sie das Problem nicht im Genre Kunst, sondern in einem dafür geeigneten Medium.

Ich hatte den Wunsch, Kunst nicht nur für die Eliten, sondern für alle Menschen erfahrbar zu machen!“ (Elizabeth Markevitch)

Schon 1999, als sie eine der ersten Online – Galerien in London mitbegründete, bewies Markevitch ihren Blick für die Entwicklung des Internets, doch sah sie die digitale Zukunft des Kunstwerks hier noch nicht richtig aufgehoben: Zwar schien ihr das Internet als Multiplikator und interaktives Medium zum Austausch ÜBER Kunst geeignet, nicht aber im ERFAHREN und ERLEBEN von Kunst.

Als HDTV in den letzten Jahren die visuelle Qualität des Fernsehens revolutionierte, fand Elizabeth Markevitch ihr geeignetes Medium zum Transport des Kunstwerks ins heimische Wohnzimmer. „Kunst bleibt nicht an bestimmten Orten und zu bestimmten Öffnungszeiten im Museum verborgen, sondern ist jederzeit von jedem Ort an jedem Ort über den HD – Fernseher abrufbar. 24h täglich. Das bedeutet, art is coming home!“, schließt Markevitch. Der HD-Fernseher ersetzt damit das Bild über dem Kamin oder über der Anrichte, stellt damit einen virtuellen Rahmen für viele Kunstwerke aus vielen Museen oder Sammlungen dieser Welt dar.

Der HD-Fernseher ersetzt das Bild über dem Kamin

Um Interessierten eine Idee vom idealen Genuss von ikono.tv zu liefern, richtete Elizabeth Markevitch extra einen Raum ihrer Produktionsstätte im Prenzlauer Berg als Wohnzimmer ein: Mit bequemem Sofa, Tisch davor, Pflanzen und Anrichte sowie einem großen HDTV – Fernseher an der Wand. Per Fernbedienung verwandelt sich der Salon in eine Galerie, die Aufnahmen von Kunstwerken im Takt von 3 bis 10 Minuten Länge ins Wohnzimmer transportiert. Wohltuende Stille und Sehgenuss im Einklang.

Spätestens jetzt ist klar, warum die Idee nicht per Internet und Monitor am Schreibtisch, sondern nur per HDTV und Wohnzimmer funktioniert: „Schließlich malten die Künstler ihre Werke auch nicht, um sie auf Schreibtischen aufzubauen oder in Sammlungen wegzuschließen. Die Künstler malten Bilder für die Menschen, zum Genuss, zur Kontemplation!“, ergänzt Markevitch. Selbstverständlich kann und will ikono.tv das Erlebnis des künstlerischen Originals nicht ersetzen. Aber ikono.tv trägt schon jetzt dazu bei, dass sich die Menschen für Kunst öffnen, ihre Scheu vorm Museum oder vor Galerien verlieren. Elizabeth Markevitch ist sich sicher: „Wenn ein Gemälde von Rembrandt oder von Picasso erst einmal im eigenen Wohnzimmer flimmerte, so wächst die Lust, es im Original anzuschauen. Das Bild ist nicht länger unbekannt. Es wird zum Teil des visuellen Alltages und damit Teil des täglichen Diskurses.“

„Die Künstler malten ihre Bilder für die Menschen, nicht für die Museen.“
Innerhalb weniger Jahre einen solch anspruchsvollen Betrieb aus den Angeln zu heben, ist alleine schon Aufgabe genug. Neben aller Expertise erforderten Gründung, Produktion und Sendestart von ikono.tv eine Menge Kapital. Zudem positioniert sich ikono.tv, in einer feinen, aber kleinen Nische. MTV amortisierte sich bald durch Werbung und durch Kooperationen mit der Musikindustrie. Wie finanziert sich also ikono.tv?

Bei dieser Frage lässt die Unternehmerin durchblicken, dass es ohne eigene, private Mittel gar nicht funktioniert hätte. „Wir sind immer noch auf Sponsoren angewiesen. Dazu produzieren wir Trailer für Ausstellungen: Diese laufen in Intervallen, zusammen mit Teasern zu unserem eigenen Programm, zwischen den Bildbetrachtungen.“ Darüber hinaus setzt ikono.tv auf die Vermarktung von Kunstwerken, Design und den abrufbaren Download von Bildfilmen auf ipad oder iphone gegen eine Gebühr von derzeit zwei Euro.

Und ikono.tv expandiert: Zum Sendestart im Juli 2006 gelang der Sender nur im Nachtbetrieb auf wenige Frequenzen. Seit Ende 2011 speist sich ikono.tv ins Internet-TV der Telekom und hat fortan die Chance, weit mehr Zuschauer zu erreichen. Zwei Millionen Anschlüsse sind bereits verkauft „und das Fernsehen per Übertragungsbox“, so Markevitch, stellt die digitale Zukunft dar. „In Frankreich“, so ergänzt sie, „ist das bereits der Fall“. Als nächsten Partner sieht sie Kabel Deutschland: „Wenn der TV – Marktführer ab Frühjahr 2012 ganz auf digitale Transmission umstellt, möchten wir mit ikono.tv dabei sein.“

Expansion mittels Mischfinanzierung und digitaler Übertragung.

Für den internationalen Zuschauermarkt sieht Elizabeth Markevitch die Zukunft in Asien und in der arabischen Welt. In der 24h – Rotation war ikono.tv bis Dezember 2012 schon länger per Arabsat zu empfangen. Arabsat erreicht täglich 16,5 Millionen Haushalte zwischen Lissabon und Mekka: Davon schalten täglich 150.000 bis 300.000 Haushalte ikono.tv ein! Über das Studio im Prenzlauer Berg routen Relaisstationen die Inhalte über Paris und Madrid in den Mittelmeerraum. Dagegen konnten Berliner ikono.tv bisher nur über Satellitenschüsseln von mindestens 2 Metern Durchmesser empfangen! Das scheint kurios, weist aber den Weg in unsere sich immer mehr nach Osten öffnende Welt – die sich ebenfalls immer mehr zum Abendland öffnet: „Eine der schönsten Nachrichten, die mich per E-Mail in jüngster Zeit erreichte, kam aus Saudi-Arabien,“ freut sich Elizabeth Markevitch: „Endlich, endlich habe ich Kunst in meinem Land, zuhause und ohne Umwege!“, bedankt sich ein Zuschauer von der arabischen Halbinsel beim Team von ikono.tv. Markevitch strahlt: „Das ist es, wofür sich die Arbeit lohnt und was uns bestätigt: Die Kunst zu den Menschen zu bringen.“

Hohe Nachfrage in Asien und der arabischen Welt: „Die wollen mehr!“
Natürlich müssen die Programme, die über die arabische Version „ikono Menasa“ in den Orient ausgestrahlt werden, mit Respekt für das islamische Publikum visuell ab und zu beschränkt werden, erklärt Markevitch: „So sind explizit sexuelle Darstellungen noch tabu; ebenfalls religiöse oder politische Provokationen.“ Doch wer weiß, wie sich das Sehverhalten, gerade nach den revolutionären gesellschaftlichen wie politischen Umbrüchen des letzten Jahre auch hier in Zukunft entwickelt.

„Die Menschen hungern nach Informationen, nach Partizipation in Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft.“, meint Elizabeth Markevitch. Und der Hunger nach Kunst und Kultur, gerade aus den bis dato abgeschirmten und von der Kunstwelt ausgeklammerten Ländern Arabiens und Asiens ist immens, weiß Elizabeth Markevitch: „Die wollen mehr!“.

Bild: Leonardo da Vinci: Dame im Hermelin, Sammlung Czatoryski Museum Krakau


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