Ich war Zeuge

Ich war dabei, als Thilo Sarrazin ein ewiggestrige Debatte mit archaischen Ängsten aufgeladen hat.Währenddessen wurde entschieden, dass Atomkraftwerke, die extrem hohe Frequenzen an Störfällen aufweisen nun noch ein paar Jahre länger stören dürfen.
Ich war auch dabei als die Prusseliese von der CDU öffentlich über den polnischen Deutschland-Beauftragten herzog, ohne ihn je persönlich gesprochen zu haben. Währenddessen wurde beschlossen, dass die Hartz4-Leute und Familien weniger Geld vom Staat bekommen.

Ich war auch dabei, als die Medien ganz reflexartig an diesen beiden Halsbändern durch die Wochen gezogen wurden und die eigentlichen Themen mit großer Auswirkung auf ganze Landstriche und Bevölkerungsschichten einfach in die Rubriken „Ferner liefen“ und „Sonstiges“ verschoben wurden.

Ich werde nicht mehr dabei sein, wenn diese Medien mir erklären wollen, sie hätten eine demokratische Aufgabe zu erfüllen. Ich mache da keinen Unterschied mehr zwischen den vermeintlichen Qualitätsmedien und den vermeintlichen Revolverblättern. Es ist erkennbar, was da passiert. Auflagenzahlen und Einschaltquoten entscheiden über die demokratische Relevanz der Medieninhalte. Das ist genau das, was Franz-Josef Strauß mit der „Lufthoheit über den Stammtsischen“ gemeint hat. Es ist dasselbe Prinzip, das mich schon in der Schule zur Weißglut gebracht hat: Wir orientieren die Geschwindigkeit des Verstehens immer an denen, die den geringsten Durchdringungsgrad mitbringen. Kurz gefasst: Wer am lautesten schreit, wird auch von denen verstanden, die nur so nebenbei hinhören. Also sind das die Themen, die die Mehrheit interessieren.

Kein Wunder: Massenmedien. Massendemokratie. Massenprodukte. Fällt sonst noch jemandem ein Wort mit Masse ein? Exakt. Genau das meinte ich, aber ich schreibe das hier nicht hin, damit auch mal diejenigen was zum Verstehen haben, die nicht auf die lautesten Stimmen angewiesen sind.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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2 comments

  1. Es ist ein Trauerspiel. Die Massenmedien verkommen sich selbst zur PR-Agentur. Eines von beiden wird nun überflüssig, entweder die PR-Agenture oder die Verlage. Halt, das hatte ich zu kurz gedacht: Nur weil es Agenturen gibt, die die Autoren bezahlen, können die Verlage die Redaktionen reihenweise ausdünnen. Es lebe die Synergie! #ähem

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