Wir haben viele Identitäten im Netz

Wer einen Namen googelt, findet viele verschiedene Spuren. Aus diesen lässt sich so etwas wie eine Phantom-Persönlichkeit herauskristallisieren. „2007 wurden nach dem rätselhaften Mord an einer Polizistin die Gen-Spuren einer weiblichen Person gefunden, deren DNA in den vergangenen 15 Jahren an 26 weiteren Tatorten festgestellt worden war. Es ging um weitere Morde, aber auch um Einbrüche. Die Opfer waren alt wie jung, männlich wie weiblich. Es gab keine Strategie, kein Muster, kein Motiv, keine Kohärenz, keine inneren, keine äußeren Zusammenhänge.

Das folgende Psychogramm erschien letztendlich am wenigsten spekulativ: Eine sehr flexibel agierende Person, die in Gartenhäusern nächtigt, gerne aus zurückgelassenen Flaschen trinkt und sich gelegentlich anderen Ganoven anschließt. Sie hat Bezugspunkte in Rheinland Pfalz, Baden-Württemberg und Oberösterreich, ist möglicherweise drogenabhängig und zwischen 25 und 50 Jahre alt. Eine Frau, die kein bestimmtes Milieu bevorzugt, ein gutes Gespür für Tatorte vor allem in Vororten und Kleinstädten hat, ab und an gezielt Motorräder, Elektrowaren oder Autos stiehlt und sich unliebsamer Beobachter äußerst brutal entledigt, wenn sie bei ihren Verrichtungen überrascht wird.

Aber die Frau hatte kein Gesicht und keine Gestalt, kein Alter, keinen Namen, keine Nationalität, keine Muttersprache. 3000 Spuren wurden erfasst und 2400 bearbeitet, darunter nicht einen einziger konkreter Hinweis auf die Identität der Frau. Tausende von lauwarmen, kühlen und kalten Spuren, die sich untereinander widersprechen. Statt sich scharf zu stellen, zerfiel das Bild in tausend Pixel. Das Bild der Frau war das Bildnis einer monströsen Leere.“ (Zitat stark komprimiert)

„Ich bin in der Überzahl!“

Ich bin martinlindner auf Twitter. Ich bin Martin_Lindner14 auf Xing und MicrolearningOrg auf delicious.com. Erst seit einem Jahr bin ich Martin Lindner auf Facebook. Vorher war ich dort mit meinem Bildschirm-Pseudonym angemeldet. Den bürgerlichen Namen habe ich erst angenommen, als sich herausgestellt hatte, dass ich Facebook eher halbberuflich und kaum privat nutze.

Ich habe eine ID bei Facebook, Xing, Twitter, LinkedIn, Yahoo, Flickr, YouTube, MyBlogLog, WordPress, Wikispaces, pbworks, mixxt, Microsoft Live, Amazon und bei vielen, vielen anderen Services. Ich habe keine ID bei World of Warcraft, Second Life und StudiVZ.  Ich habe drei IDs bei Google. Ich bin identisch bin mit dem Autor des sehr lange schon vergriffenen Buchs „Leben in der Krise„. Mein Leben vor 1999 gehört nicht mehr zu meiner Identität, weil nichts davon im Web steht. Ich habe seit Ende 2003 unter wechselnden Namen in einigen Blogs geschrieben. Am meisten über mich erfährt man im Web, wenn man meine 11920 öffentlichen Bookmarks auf delicious.com genau durchsieht, aber natürlich macht das kein Mensch, nur der Google-Robot vielleicht.

Ich bin verheiratet. Ich habe keine Vorstrafen. Ich habe keine besonderen Kennzeichen. In meiner Brieftasche habe ich einen Personalausweis, einen Führerschein, eine EC-Karte von meiner Sparkasse, eine Amazon-Visa-Kreditkarte, eine IKEA family card, eine Bahncard, eine Bibliothekskarte, eine Krankenversicherungskarte der AOK, einen Impfausweis. Diese Karten verweisen auf ein Konto, auf eine Adresse, auf einen Eintrag im Melderegister… und letzten Endes auf meinen einmaligen Körper. Das letzte Mittel ist die DNA-Probe.

Ich weiß nicht, wieviele Karten, Nummern und Ausweise es im „richtigen Leben“ gab und gibt, die genau auf mich verweisen, aber es können nicht so furchtbar viele sein: vielleicht 30 in fast 50 Jahren. Und wieviele IDs habe ich im Internet-Leben angehäuft? Keine Ahnung. Mindestens 200 in 10 Jahren, sehr vorsichtig geschätzt.

All that is solid melts into the air

Die fortwährende Umwälzung, (…) die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die [Internet]-Epoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse (…)  werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles (…) Stehende verdampft (…) und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ (Zitat, geringfügig verändert)

Identitäten veränderten sich immer schon, je nachdem, in welchem Kreis man gerade verkehrte: unter den Fußballfreunden oder im Büro, im Elternhaus oder auf dem Metallica-Konzert, bei der nachmittäglichen Dessous-Einkaufsparty im Reihenhaus oder im Bordell nach der Baumaschinen-Messe. Und das gilt nicht nur in solch grob unterschiedlichen Kontexten.

Im Prinzip wird mit jedem einigermaßen stabilen Kommunikationszusammenhang auch eine eigene Identität erzeugt: ein Spiegelbild, das die Umwelt auf mich zurückprojiziert. Aus den Überlagerungen und Wechselwirkungen dieser Spiegelbilder entsteht dann so etwas wie meine Gesamt-Identität – aber die ist nicht der Ursprung von allem, sondern die unklarste Identität von allen, weil es ja gar keine konkrete Situation gibt, zu der sie gehört.

Was ist also das Neue? Was verändern die digital-vernetzten Medien?

  • Mehr ist anders: Es ist viel einfacher geworden, eine neue Identität anzulegen. Ein paar Klicks genügen, und schon steht man in einem neuen Kommunikationszusammenhang. Schon kann man anfangs neu darüber bestimmen, wie man auftreten will. Und dann bilden sich mit jeder Lebensäußerung Muster aus, bis man sich am Ende wieder eingesponnen findet und sich fragt: Bin das noch ich? Will ich so sein?

  • Räume werden durchlässig: Bisher waren Identitäten noch an Orte gebunden.  An die Nachbarschaft, die Kleinstadt, die Metropole, die Nation. Jetzt kann jede/r DorfbewohnerIn Beziehungen in anderen Erdteilen anknüpfen und sich alternative Identitätsmuster heraussuchen aus einem unendlich vielfältigen Katalog.

  • Das Handfeste wird flüchtig: Bisher musste man seinen Körper einsetzen, um eine Identität zu beglaubigen. Darum konnte man auch nur schwerfällig aus einem Zusammenhang in den nächsten wechseln. Jetzt ist die Kommunikation selbst viel abstrakter: Sie besteht nicht mehr zuerst aus mündlicher, verkörperter Sprache, sondern aus Text. Aus dunklen Zeichen auf hellem Grund. Blogposts, Kommentare, eMails, Twitter, SMS. Darin wird dann ab und zu auch die eigene Stimme, das eigene Bild eingebettet. Aber das Bindegewebe besteht aus Text. Der schwere Körper dagegen verschwindet zwischen den Zeilen.

  • Aber eben auch umgekehrt: Das Flüchtige wird greifbar. Früher gab es momentane Identitäten, die dann gleich wieder verwehten mit der mündliche Rede und dem vorübergehenden Auftritt. Aber im Web hinterlassen auch flüchtige Äußerungen mediale Spuren, die sich verselbständigen. Über unseren Köpfen schwebt gleichsam eine verselbständigte Partikelwolke aus Äußerungen und Gesten und Daten. Gelegentlich verdichten diese Partikel sich wieder zu Identitäten. Das Web ersetzt nicht das „richtige Leben“, aber es polt das Verhältnis um. Free your mind, your ass will follow. Treffen und Aktionen in der Körperwelt werden sich in Zukunft viel stärker aus scheinbar gestatlosen Netz-Verbidnungen ergeben

Bring deinen Körper auf die (Web 2.0-) Party

Die rätselhafte Polizistenmörderin gab es übrigens nicht. Ihre Phantom-Identität war ein Effekt von 2400 Spuren, die nichts miteinander zu tun hatten. Die DNA, die an den 30 Tatorten gefunden worden waren, stammte von einer Packerin aus der Wattestäbchen-Fabrik, deren Produkte die Polizei nutzte, um Spuren zu sichern. Der Mord ist noch immer unaufgeklärt (Aktualisierung vom 15.05.2015: Polizistenmord von Heilbronn).

So ähnlich ist das auch mit der Identät im Web: Wer einen Namen googelt, findet viele verschiedene Spuren, aus denen sich in der Such-Perspektive dann so etwas wie eine Phantom-Persönlichkeit herauskristallisiert. So wie wir als Romanleser sofort das Bild einer Figur entwickeln, obwohl diese Figur eigentlich nur durch wenige Adjektive und Sätze charakterisiert ist, zusammen mit ein paar eigenen Äußerungen und den Wirkungen und Reaktionen der Romanwelt um sie herum.

Das Wort „Identität“ ist ein Widerspruch in sich: Es beschwört Eindeutigkeit, aber wird nur da benötigt, wo Identität in Frage steht. Und es bezieht sich zuerst auch gar nicht auf das einmalige Wesen eines besonderen Menschen, sondern immer auf irgendein soziales System, das eine bestimmte Position für Akteure ausspart und dann feststellen will, ob ein Individuum dazu passt oder nicht.

Identitäten werden immer von anderen verliehen, aufgrund bestimmter Merkmale, die im jeweiligen Zusammenhang gerade wichtig sind. Meine Bank schreibt mir eine andere Identität zu als der Türsteher im „Berghain“. Einmal bin ich eine Konfiguration von Zahlen, das andere Mal ein Stück Fleisch. Aber keine dieser Identitäten ist deshalb echter als die andere.

Der arme, echte, plumpe, alternde Körper hat selbst keine Identität. Er braucht gar keine, er ist ja einfach da. Identitäten werden daran nur aufgehängt. Und seit einiger Zeit werden sie eben hineintätowiert, hineinoperiert und hineintrainiert, in dem verzweifelten Versuch, so einen festen Ankerpunkt herzustellen.

Das Netz kehrt die Verhältnisse um. Das selbstgewählte Bild, das für eine Web-Identität steht, heißt „Avatar“: der hinduistische Begriff für ein eigentlich formloses Gott-Wesen, das die äußere Gestalt eines Menschen oder Tieres nur annimmt. Primär geht es im Netz ja nicht um das, was man ist, sondern um das, was man äußert. Es geht zuerst um soziale Objekte in Form von Text, Ton und Bild, und erst sekundär um die sozialen Beziehungen. Mit den Worten der großartigen Kathrin Passig:

Der Mensch ist nicht das kleinste Modul. Der zuverlässige Ebayverkäufer ist vielleicht andernorts ein Gliedvorzeiger, der Forentroll ein hilfreicher Berater in Fragen der Reptilienzucht, der kluge Essayist ein randalierender Blogkommentator. Es gibt keine erwünschten oder unerwünschten Personen, es gibt nur erwünschte und weniger erwünschte Verhaltensweisen.

Wichtig ist in einem solchen Zusammenhang dann nicht mehr das „unordentliche Konglomerat der ganzen Person„, sondern nur die Frage: „Welche Lebensäußerungen eines Menschen sind für dessen Umwelt in einem spezifischen Kontext von Interesse, welche nicht?“ Woraus entsteht eine positive Reaktion, auf die andere (und man selbst) weiter aufbauen können?

Dieser Beitrag erschien erstmals für das Blog des eVideo-Projektes der HTW Berlin. eVideo beschäftigt sich in ESF-geförderten, informalisierten Weiterbildungskursen mit verschiedenen Themen, um die Durchschlagskraft des Web 2.0 für die moderne Kommunikation zu erkunden.


 Image (adapted) „the crowd near san Marco“ by mararie (CC BY-SA 2.0)


befasst sich als selbständiger Forscher und Berater mit Wissensarbeit, Informationsflüssen und Lernprozessen in der Google-Galaxis. Er erforscht und entwirft konkrete Lösungen für digitale WissensarbeiterInnen (Enterprise 2.0, e-Learning) und publiziert dazu in englischer und deutscher Sprache.


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