High Energy Shit – Die Antwoord klettern aus dem Netz

Sie klingen wie eine Autoscooterfahrt auf Speed und zelebrieren in ihrer Musik “the next level shit“: seit Beginn des Jahres irritieren ´Die Antwoord´ das internationale Pop-Publikum und scharren gleichzeitig eine wachsende Jägermeister-begeisterte Fangemeinde um sich. Dabei weiß bis heute immer noch niemand so richtig, was das Trio aus Kapstadt wirklich im Schilde führt: ist ihr hochproduzierter Ghettotechrave ernst gemeint oder reine Show? Wer zieht die Fäden im Hintergrund? Und leben Sänger Ninja und seine Freundin Yo-Landi mit der gemeinsamen Tochter womöglich gar nicht in den Townships von Kapstadt, wie sie uns weismachen wollen?

“the next level shit“
Wie Phoenix aus der Asche tauchten Vanilla-Ice-Mähne Ninja, “fresh futuristik rich bitch“ Yo-Landi Vi$$er und der entrückte Beatmaster DJ Hi-Tek Anfang 2010 zum ersten Mal im Internet auf. Mit einem Debutalbum zum kostenlosen Download, das sich im weitesten Sinne als Antwort auf Eurodance und Kwaito versteht, demonstrierten ´Die Antwoord´ selbstbewusst, wie white-trash aus Südafrika klingen soll: pumpende Basslinien, trillernde Synthesizer und ein hochgepitchter weiblicher Gesang über aggressivem Rap von Ninja, gesungen auf Afrikaans und Englisch. Die Band selber bezeichnet ihre Musik als Zef, was im Englischen mit “redneck“ und im Deutschen schlicht mit „Prolet“ übersetzt werden kann. “Everybody has like an inner zef,“ erklärt Ninja in einem Interview auf Youtube, “and we found the fucking ´Antwoord´ according to my inner zef. It´s not something you can really explain, it´s something that you kinda experience! It´s like in a video game when you reach the next level: basically zef is the next level shit!“ Mit pointierter Ungenauigkeit lassen ´Die Antwoord´ Ninja´s innerem Proll seinen freien Lauf und orientieren sich dabei an allem, was einen südafrikanischen white trash boy in seiner Identität geprägt haben mag: “Check it, a ready present South African culture, in this place you hear a lot of different things, blacks, whites, coloreds, english, records, coza, zulu, vudokka, I’m rom. All these different things, all these different people, packed into one bus.“ Oder, wie Ninja dann weiter in “Enter the Ninja“ singt: „My style is UFO, totally unknown!“

MaxNormal
Dabei ist Ninja gar nicht so ein Unbekannter, wie er glauben machen will. Hinter dem aggressiv-angestrengten Proletengesicht verbirgt sich Watkin Tudor Jones, ein bekannter Künstler aus der südafrikanischen Musikszene, der schon seit längerem vergnügt zwischen verschiedenen musikalischen Alter Egos hin- und herspringt. 2002 gründete er als Max Normal das hörenswerte multimediale HipHop-Projekt ´MaxNormal.tv´, in der er in selbstproduzierten Videos nicht nur Beats, sondern auch niedliche Stofftiere selber zusammenbastelte und mit Karaoke-Texten den Zuschauer zum Mitsingen animierte. Schon damals mit an seiner Seite: die blutjunge Sängerin Yolandi Visser unter dem Pseudonym “Anica The Snuffling“…

MaxNormal.tv, ´Dassie´

Nach einem abruptem Ende von MaxNormal.tv 2003 erfand er zusammen mit Yolandi und seinem langjährigen DJ-Partner Simon „Sibot“ Ringrose die elektronisch-versponnene HipHop-Band ´The Constructus Corporation´. Ihr einzig veröffentlichtes Album The Ziggurat stellt ein Konzept-Album dar, welches in ein 88 Seiten umfassendes, pinkfarbenes Buch eingebunden ist. „Waddy“ Jones, als welcher er hier auftritt, erzählt in dem Buch die abenteuerliche Geschichte von zwei Kindern in einer futuristischen Shoppingmall namens The Ziggurat und komponierte mit gleich mehreren musikalischen Alter Egos die Musik als Soundtrack dazu.

The Constructus Corpration, ´Wakey Wakey´

Und nun also Ninja: ein südafrikanischer white trash Proll, der seine Vorliebe für Goldkettchen, Beats&Bitches sowie 90er SynthiePop stolz zur Schau trägt und trotzdem von allem immer nur die Hälfte abbekommt. Wieviel Satire und wieviel Ernst dahinter stecken, wissen Ninja, Yo-Landi und DJ Hi-Tek geschickt zu verbergen: erschreckend echt pflegt und verteidigt Ninja sein Bühnenego, Augenzeugen berichten von aggressiven Reaktionen, wenn man ihn auf einem `Die Antwoord´-Konzert mit Max anspricht. Und so beschleicht einen hin und wieder die Frage, ob die Band tatsächlich nur die reine Lust an der Satire pflegt oder Watkin Tudor Jones in den letzten Jahren einfach durchgeknallt ist. Egal – wer Lust an der absurd-schrägen Exzentrik im Bimmelhouse-Gewand von ´Die Antwoord´ hat, der hole sich das Album: seit kurzem gibt’s die erste EP “5“ in den Läden zu kaufen, im Herbst folgt ganz offiziell ihr erstes Album “$O$“. Und behalte dann beim Hören folgende Erklärung von Ninja im Kopf: “My main inspiration is the taxis. The whole album is based on the sound it’s gonna make when it’s pumping through a taxi — It’s that high energy shit you can’t compare!“

Beate Stender

ist als Musikredakteurin beim Radio und als Freie Autorin in Berlin unterwegs. Sie interessiert sich für alles, was klingt und experimentierfreudig ist. Neben den netzpiloten schreibt sie auch für kulturprozess.com. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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