Gartner: Die Arbeitswelt in den nächsten 10 Jahren

Die Analysten von Gartner haben mal wieder die Kristallkugel angeschmissen. Herausgekommen sind 10 Entwicklungen, die aus ihrer Sicht die nächste Dekade der Arbeitswelt bestimmen werden:

1. De-routinization of Work
Es war abzusehen. Das ganze Prozessoptimieren seit SAP und den Business Process Management Werkzeugen basiert noch auf dem Taylorismus des 19. Jahrhunderts. Den Untergang dieser Organisationsform vorherzusagen, ist also keine Raketenforschung. Trotzdem ist es für jemanden wie Gartner schon revolutionär, zu erklären, dass Routinen immer unwichtiger werden. Ob die digitale Schadenssachbearbeitung per automatischer Klassifikation oder die halbautomatische Kreditvergabe nach Algorithmen damit vom Tisch ist? Gartner jedenfalls fokussiert Themen wie Innovation, Teaming, Führung, Verkauf und Personalentwicklung. Und schon ist dieser revolutionäre Schritt zu humanen, nicht automatisierbaren Fähigkeiten genau dasselbe, was schon 1985 im Manager Magazin stand.

2. Work Swarms
Ja, der gute alte Schwarm. Würde man den Analysten bei Gartner erklären, dass nur Lebewesen denen wir simple Intelligenz zuschreiben, Schwarmbildung zeigen, würde dieses Trendwort wohl bald verschwinden. Aber Gartner sieht darin eher zufälliges kollektive Zusammenarbeiten als Counterpart zur Solo-Performance (die es in großen Firmen noch wo gibt? Richtig: R&D und Sales!)
Swarming ist also eine neue Form des Teaming, das einfach so aus dem Nichts „emergiert“… Aha. Schwärme sind aber eine kollektive Strategie angesichts bestimmter Umweltbedingungen, die instinktgesteuert ablaufen und NICHT zufällig entstehen.
Dann fällt auch noch das Wort ad hoc, das mich an die ad hoc-Workflows Ende der Neunziger erinnert. Aber weiter im Takt…

3. Weak Links
Ach ja der gute Granovetter. Weak ties sind also das neue Neu. Ja, die Theorie der Freundesfreunde mag in der Freizeit stimmen aber ist auf den Büroalltag nicht wirklich übertragbar ohne ein sehr vertrauensvolle und angstfreie Unternehmenskultur, was in Deutschland in geschätzt 11 Unternehmen der Fall sein dürfte.

4. Working With the Collective
Wer das inflationäre Mantra des Kollektiven in der modernen Arbeitswelt genauso oft ertragen muss wie ich, der wird sicher auch immer mehr an Mao und andere Freunde der Massenbewegungen erinnert sein. Hier aber geht es um informelle Gruppen außerhalb von Firmen, die einen großen Einfluss haben können. Die Gartners wollen über dieses Vehikel den Markt segmentieren und analysieren. Viel Spaß dabei.

5. Work Sketch-Ups
Alles was nicht-routiniert abläuft, ist bei Gartner praktisch informell. Das erscheint mir etwas überzogen. Allein das Tagesablauf eines Notarztes ist wenig routiniert, da immer andere Krankheiten und Menschen eintrudeln, aber er ist sicher nicht informell. Gartner glaubt aber, dass über die Zeit Arbeitsabläufe in Work Patterns codifiziert werden können. Bis dahin sind die Prozessmodell für nicht-routinierte Abläufe eher als Skizzen verstehbar und in Information übersetzbar.

6. Spontaneous Work
Nahe an der Idee der Work Swarms impliziert dies spontane Aktion gegenüber reaktiver Aktivität. Ob diese Form der postmodernen Eigeninitiative auf den hehren Glaubenssätzen der obwaltenden Hierarchie aufbauen kann, bleibt fraglich.

7. Simulation and Experimentation
Hier bezieht man sich auf den Film Minority Report und die dort gezeigten simulierten Arbeitsumgebungen mit n-dimensionalen Darstellungen. Ob diese visuellen Spielereien tatsächlich die Übersicht über multivariate Entscheidungswege erleichtern? Gartner glaubt, dass Daten und Menschen so besser interagieren können – unter anderem über Agenten-Technologien. (klingt immer noch wie 1994)

8. Pattern Sensitivity
Pattern-Based Strategy ist ja ein Steckenpferd von Gartner. Warum? Offenbar kann man den Menschen heute die jahrhundertealte Einsicht, dass die Welt sich ständig ändert so gut als Neuigkeit verkaufen, dass neuartige Strategiekonzepte jetzt mit diesem volatilen Faktor besser verkauft werden können. So verwundert es nicht, dass Gartner das evolutive Strategiemodell aus der Mottenkiste holt und das ganze als unabhängig Arbeitsgruppen mit eigenen patterns in diversen Szenarien rumexperimentieren sieht.

9. Hyperconnected
Hyperconnectedness ist sozusagen das Erdöl des Webzeitalters. Netzwerke sind dabei die Rennstrecken durch die das Blut der Information sprudelt, bis es die Menschen und Firmen aufgesogen haben und daraus im Handumdrehen Gewinn generieren. Und so verwundert es nicht, wenn man diesem Wunderdingsbums auch noch einen Push in alle Richtungen zuschreibt – seien es formelle oder informelle Tätigkeiten.

10. My Place
Der Arbeitsplatz wird also immer mehr virtuell. Damit meint Gartner Videokenferenzen über Zeitzonen hinweg und Menschen, die sich zwar kaum kennen aber trotzdem zusammenarbeiten (weak links! ähm ties) , aber wenn man im Schwarm arbeitet ist das Individuum eher Störfaktor. Und so verwundert es nicht, wenn Gartner weissagt, dass die Grenzen zwischen Zuhause, Familie, Firma, Arbeitsgruppe und Firmenorganisation immer mehr mäandern und ineinanderfließen. Ich kann mir auch schon gut vorstellen, welcher Bereich von beiden zukünftig einen Vorteil aus dieser Überschreitung ziehen wird. Und wer mit dem permanenten Informationsüberfluß nur ein Stören der Privatsphäre verbindet, der wird eben einfach ein Performancedefizit erleben. Und was das für Folgen hat, ist offensichtlich.

Frohlocket und rufet Hosianna, denn es wurde Licht in der dunklen Arbeitswelt

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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7 comments

  1. Ach, im Vergleich zu einigen Märchenstunden bei McKinsey ist bei Gartner ja außer den Magic Quadranten und den Lifecycles auch sonst immer mal einiges Gutes zu lesen. Diese Liste war aber wirklich extrem schwach und ewiggestrig…

    Beratung für Strategisches Management kauft man besser eben woanders ein- jeder sollte bei seinen Leisten bleiben.

  2. Schöne Polemik! Interessant, wie aus der Motten- eine Schatzkiste voller Beratergold wird. Die Strategie dampft aus allen Fugen. Und das riecht auf jeden Fall, wie üblich, nach Zwangsflexiblisierung der Arbeitswelt.

  3. Punkt 10 darf man dann in seiner Operationalisierung (zB bei der Telekom) positiv oder negativ deuten:)
    > „Sattelberger teilte nun seinen Topmanagerinnen mit, sie behielten auch während des Mutterschutzes und in der Elternzeit den Zugriff auf Emails und Intranet. „Wir schaffen Angebote, um den Kontakt zu den Mitarbeitern in der Elternzeit aufrechtzuerhalten und zeigen Perspektiven für die Zeit nach der Rückkehr auf,“ schrieb Sattelberger an seine Topmanager im Konzern. Es gehe ihm um „ein von Verantwortung und Respekt geprägtes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben,“ so der Personalvorstand.“
    http://www.wir-in-nrw-blog.de/2010/08/telekom-konzern-fordert-frauen-im-job-nach-nrw-vorbild-%E2%80%93-wo-ist-guntram-schneider/

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