Filmkritik: Drei

Vor fast zehn Jahren erschien Elementarteilchen des französischen Autors Michel Houellebecq. Mich hat das Buch und noch mehr der Film gelangweilt. Eine Dokumentation der Auswirkungen des Zwangs zur Selbstverwirklichung ist selten spannend, weil Menschen in dieser zwanghaften Situation uns täglich umzingeln. Drei von Tykwer hat eine ähnliche Ausrichtung. Offenbar ist in den mittlerweile 12 Jahren seit Erscheinen des Buchs nicht viel passiert in der Welt des Drehbuchautors. Ein Pärchen, das sein Auskommen in der Berliner Kulturszene findet, soll emotional erschöpft wirken. Auch hier hat man eine halbwegs spinnerte Mutter konstruiert und einen Sohn, der mit ihrer Weltsicht hadert. So weit so unspektakulär.
Erweckt Tykwer die Personen des Drehbuchs zum Leben? Nein, erscheint seine Figuren zu hassen. Leider stellen die Schauspieler nur eine autistisch-narzistische Schwäche dar, an die eigenen Gefühle zu gelangen. Der gestaltete und verkopfte Tanz (Pas de trois) zu Beginn des Films steht Pate für eine choreographierte Initimität ohne Lebendigkeit. Mit ein bißchen zynischer Situationskomik, soll das Publikum offenbar eine Nähe zur spröden Personage aufbauen. Krebs und Tod kommen in einer verquasten, pseudolyrischen Manier daher. Sprechrollen als supporting acts werden lieblos an die Hauptpersonen gepappt und verschwinden genauso sang- und klanglos wie sie auftreten. Der Molekularbiologe in dieser Aufführung der Elementarteilchen kommt aus dem Osten und hat klischeegemäß kein Problem mit beiderlei Geschlechts eine Liaison einzugehen. Schade. An dieser Stelle oder beim ehemals rein heterosexuellen Simon wäre eine aufregende und spannende Zeichnung einer Person im Umbruch passend gewesen. Identitäten und Selbstmodelle. Aber die Personen fahren wie auf Schienen durch den Plot. Das passende Bild dazu ist der ewig autarke Simon auf seiner MZ mit Halbschalenhelm. Am Ende bekommt Sophie Rois auch noch ein Gefühl mit auf den Weg. Und wie stellt Tykwer ihre Überwältigung angesichts der Schwangerschaft nach 20 Jahren wilder Ehe dar? Ihr kullern drei Tränchen über die Wange, während sie ihre Kultursendung moderiert. Vor laufender Kamera. Ach ja, die dokumentarische Fiktion (fiktionale Doku?) kommt schon bei der Hodenkrebsoperation des Simon voll zur Geltung und will wohl eine kritische oder zynische oder humoristische Auseinandersetzung mit den Dokusoaps im bildungsfernen Fernsehen sein.

Also: Der Plot gefällt. Das Drehbuch ist ein Witz. Die Regie stellenweise atemberaubend banal bis platt. Vielleicht ist das seine Kritik an der Intelligenzija in Berlin? Der Schnitt hat einige Fehler, auch einige Dialoge haben Anschlußfehler, der Ton ist stellenweise so schlecht, dass man das ständige Genuschele der Schauspieler wirklich nicht mehr als Ausdruck des savoir vivre der zugezogenen Berliner identifizieren kann. Selten einen so schlecht geangelten Ton erlebt. Die Kamera hält sich zurück. Fahrten erscheinen selten ambitioniert oder gestaltet und von einem guten Licht kann man im Orchester des mediokren mise en scene selten sprechen.

Angesichts des völlig bindungsunfähigen Personals wirkt der Film eher wie gestrandete Wale. Irgendwer hat das Orientierungsorgan der drei Schauspieler so nachhaltig zerstört, dass ihnen nur noch die Illusion von Bindung bleibt. Dass diese Illusion nun ausgerechnet mit Sex aufrechterhalten werden soll, ist keineswegs neu. Erst recht nicht, wenn es eine Dreiecksbeziehung wird. Ein schönes Ende wäre 10 Minuten vor Schluß gewesen, als Hanna (Sophie Rois) ihren Mann und ihren Liebhaber in flagranti erwischt und in den Regen flüchtet. All diejenigen, die sich mit Selbstverwirklichungsarien gestalten und ausleben bis zur Unkenntlichkeit, die werden sich im Spiegel betrachten können. Ob das reicht? Tykwer findet das bestimmt reif und erwachsen.

Ich empfehle Tykwer dringend das Gespräch zwischen Woody Allen und Jean-Luc Godard, das ab und zu im TV läuft. Dort kann er sicher eine Menge lernen…

Übrigens, wer einen berührenden Film über homosexuelle Liebe unter Männern sehen will, sollte Brokeback Mountain sehen. Dort leben die Figuren. Und wer den Wahn der Kulturschaffenden zum 12635. Mal präzise vorgeführt haben will, der möge Nachtblende mit Klaus Kinski und Romy Schneider nochmal ansehen. Ansonsten ist das Beste, was ich über Drei sagen kann ist, dass er ein Ästhetik des Fernsehens transportiert. Vielleicht sollte ihn nicht im Kino sehen, sondern im TV. Er hat etwas von einem engagierten Kultur-Film für den Sonntagabend bei einem Glas Wein und einem gepflegten Schock für den verunsicherten Mann Endes des 2. Jahrtausends. Jetzt, wo die professionelle Emma als Kriegsberichterstatterin für die BILD unterwegs ist, Esther Vilar den heute 30jährigen unbekannt ist, wirkt das Ganze hilflos. Insofern ist der Film grandios, weil er daran scheitert, das Scheitern zu zeigen.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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