Feudalherren, Irokesen und kein Gespräch

Körpersprache, die Bände spricht: Sascha Lobo (v.l.n.r.) verkrampft, Tiziana Terranova im verzweifelten Versuch, Dialog herzustellen, Steve Lambert beleidigt und Matteo Pasquinelli unterfordert bis genervt. (Foto: Anja Krieger)


Drei Männer, drei Themen und keines davon war tatsächlich Liquid Democracies – auch wenn das ursprünglich im Programm gestanden hatte. So diskutierten am Sonntag abend Matteo Pasquinelli, Steve Lambert und Sascha Lobo an einander vorbei.



Steve Lambert präsentierte, dass jeder deutsche Powerpointuser blass vor Neid werden muss: Kurzweilig, bilderstark und witzig stellt der Amerikaner sein Konzept von „utopian fiction“ vor: Statt herumzuunken, wie die Zukunft aussehen könnte, kann man sich einfach eine Zukunft ausdenken und sie öffentlich machen, dann kommt die öffentliche Debatte darüber von ganz allein, meint Lambert. Und er weiss, wovon er spricht – immerhin war er unter den Menschen, die in einer gefakteten New York Times-Ausgabe aus der Zukunft das Ende des Irakkriegs verkündeten. „Wir haben das gemacht, weil wir es wollten“, sagt er. Es geht Lambert darum, die Gesellschaft wiederzubeleben, um Demokratie zu stärken. Demonstrationen funktionierten heute nicht mehr, statt dessen müsse man versuchen, die Leute mit fiktionalen Utopien zum Lachen und Nachdenken zu bringen. Statt Kunst zu machen, solle man die Leute dort abholen, wo sie sind, in einer Sprache, die sie verstehen: Wie würden sie den US-Haushalt gestalten? Wie fänden sie Bars in der U-Bahn? Was halten sie vom Irakkrieg? „Wir brauchen keine neuen Ideen, sondern die Visionen und Motivation dafür, die guten Ideen da draußen umzusetzen“, sagt er. Und endet mit einem dicken „Do something!!


Auf eine derart schmissige Darbietung will sich sein Nachredner Matteo Pasquinelli nicht einlassen. Er nimmt in seiner ökonomiehistorischen Rede dafür auf eine interessante Art und Weise die digitale Kreativindustrie unter Beschuss. Anders als vor zehn Jahren, als man mit dem Auftauchen von Indymedia glaubte, das Internet würde partizipativer, diversifizierter, freier werden, sieht man heute, dass es vor allem der Monopolbildung Vorschub leistet. „Statt über liquid democracies sollten wir über digitalen Neo-Feudalismus im Netz sprechen“, sagt Pasquinelli. Wenige Großfirmen etablierten sich immer weiter, der Mittelstand bröckelt weg, und diejenigen, die das Netz als Tempel der kognitiven Intelligenz feiern, vermeiden in Wahrheit nur die Frage, wie sie sich in den ökonomischen Prozess mit einbringen wollen. Zahlen also eine Art Rente an die großen ökonomischen Feudalherren des digitalen Zeitalters. Pasquinelli kritisiert die free culture-Bewegung dafür, sich parallel zur Wirtschaft vor sich hin zu existieren, Interaktionen mit der Wirtschaft zu vermeiden und sich so von den großen Firmen ausbeuten zu lassen. Er zeigt sich von Lamberts Vortrag wenig beeindruckt: Aktivismus sei für ihn, den Wissenschaftler mit der Linksaktivisten-Vergangenheit, eine alte Geschichte. Aktivismus wie Lambert ihn vertrete, habe in den vergangenen zehn Jahren nichts bewirkt. „Ich würde jetzt einfach gerne mal Politik machen. Taktiken entwerfen. Da passiert heute nicht genug“, mahnt er.


Und dann ist da noch Sascha Lobo auf dem Podium. Sein Auftritt ist von einigen Konferenzteilnehmern mit Spannung erwartet worden. Mal sehen, wie er sich gegenüber dem italienischen Linken schlägt, hat einer gesagt. Ich persönlich habe gehofft, dass er vielleicht auf seine speziellen Freunde von der Piratenpartei eingehen wird. Doch nichts davon: Noch kurz vor Start der Veranstaltung bastelt Lobo an seiner Slideshow, begründet auf der Bühne wortreich, warum er auf Deutsch vortragen wird (höhö, will ja nicht den Oettinger machen – ich wäre interessiert an der Übersetzung dieses Gags gewesen) – und hält dann einen typisch-generischen Sascha Lobo-Vortrag über das Spannungsfeld zwischen sozialen und klassischen Medien. Kurz: Er macht im Vergleich zu den anderen beiden Panel-Teilnehmern keine besonders gute Figur.


Schrecklich wird es allerdings erst, als alle drei mit ihrer Moderatorin Tiziana Terranova auf Sofas sitzen, möglichst weit von einander entfernt, und jeder in seinem ganz eigenen Film monologisiert. Lobo hat sich an der Idee festgebissen, dass sein Englisch zu schlecht sei für diese Veranstaltung und krampft sich daraufhin von Statement zu Statement – völlig ohne das Selbstbewusstsein, mit dem er sonst so häufig auftritt. Pasquinellis Körper- und Mundsprache lassen wenig Zweifel daran, wie intellektuell unterkomplex ihm diese Diskussion vorkommt und wiederholt seine Thesen wieder und wieder – allerdings ohne eine interessante Debatte provozieren zu können. Denn auch der eben noch so lockere Lambert macht einen ziemlich verkrampften Eindruck, nachdem Pasquinelli seine utopischen Aktivismus-Ideen so böse hat auflaufen lassen.


So wurde es doch ein ziemlich anderer Nachmittag, als ich es mir im Vorfeld gedacht hatte. Eigentlich hatte ich erwartet, endlich einmal eine interessante, nicht nur im deutschen Saft schmorende Debatte über liquid democracies zu hören – und diese Ideen einmal mit der gelebten politischen Wirklichkeit innerhalb der deutschen Piratenpartei abzugleichen. Was aber nicht weiter schlimm ist: Zumindest die geschichtsökonomischen Betrachtungen von Matteo Pasquinelli haben für diesen Mangel klar entschädigt.

Hoffentlich erscheint das Video heute hier im Medienarchive der transmediale.

Bildnachweis: Anja Krieger

Meike Laaff

(www.laaff.net) lebt und arbeitet als Journalistin in Berlin. Sie ist stellvertretende Ressortleiterin bei taz.de, schreibt für überregionale Zeitungen, Onlinemagazine und produziert Radiobeiträge. Sie betreut zudem das taz-Datenschutzblog CTRL.


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3 comments

  1. Dass es gar nicht um das ging, was im Bereich Liquid Democracy gerade zum Beispiel in Deutschland passiert, hat mich auch enttäuscht.

    Die Unvereinbarkeit der Teilnehmer fand ich auf der anderen Seite interessant. Sascha Lobo als Social-Media-Optimist aus dem Marketingland, Matteo Pasquinelli als mahnender Intellektueller mit zugespitzer „Digital Feudalism“-Dystopie und Steve Lambert als ulkiger Interventionist mit Zen-Einschlag – das war insofern eine spannende Kombination, als dass man als Zuschauer zu spüren bekam, wie sehr sich die „Netzmenschen“ in Typen und Lager aufgespalten haben, in selbstbezügliche Welten, die Probleme haben, noch miteinander zu kommunizieren.

    Den „Digital Feudalism“ hab ich etwas anders verstanden (kein Wunder bei Matteos doch sehr abstraktem Vortrag): Kapital konzentriert sich im Netz bei „Feudalherren“ wie Google, Facebook, Twitter et cetera. Diese Firmen stellen die Orte her, auf denen kreative, vermeintlich freie Dinge passieren. In Wirklichkeit zahlen aber alle „Miete“ an diese Services, da sie ja z.B. akzeptieren, dass hier Werbung stattfindet.

  2. Ich möchte zugeben, dass mein Auftritt zu den, nun, weniger guten in meinem Bühnengesamtwerk gehört, wenn man versteht, was ich meine (ich habe mich deshalb auch entschlossen, das Honorar wikileaks.org zu spenden). Ich möchte das nicht groß mit Ausreden verschleiern, kann es aber, wenn von Interesse, erklären.

    Es lag an einer Mischung aus zu wenig Beschäftigung mit dem Vortrag / der Situation einerseits und der mit mir nur begrenz kompatiblen Art der Veranstaltung andererseits, bzw. der Vorbereitung seitens der Veranstalter. Ich habe kurz vor der Veranstaltung (nämlich bei der Ankunft) festgestellt, dass das Briefing nur ganz bedingt mit dem Titel und damit der Erwartungshaltung des Publikums zu tun hatte. Das erste Briefing aus dem Herbst lautete nämlich: „Das Panel, für das wir Sie einladen möchten, trägt den Titel „Die Zukunft des Internets“. In dieser Session geht es um die sozialen und kulturellen Auswirkungen des Internets.“

    Das wurde dann nocheinmal verfeinert wie folgt:
    „Wir sind an einem Moment, an dem wir einige Überlegungen über die soziale Medien in Zeiten der Krise anstellen sollten. Angesichts der Auswirkungen der jüngsten Ereignisse, in denen Social-Networking die traditionelle Berichterstattung verdrängt hat, lohnt es sich, die „radikale“ Rolle von Werkzeugen wie Twitter als „revolutionäres“ Medium näher zu betrachten. […] Haben wir es mit einer neuen Kraft, einen neuen sozialen Mechanismus für den Informationsaustausch, mit einer neuen Wahrheit zu tun? Oder lauschen wir einem neuen Sirenengesang, einer vagen, kontingenten Realität, die mehr auf Vermutung gestützt ist denn auf harte Fakten?“

    Und jetzt meine erste Dummheit: die über fünfzig Mails des Vorbereitungsteams habe ich irgendwann nicht mehr verfolgt. Und deshalb nicht mitbekommen, dass die Session sich zwischendurch gewandelt hat und den Titel Liquid Democracy bekommen hat. Meine zweite Dummheit war, unsouverän auf diese Information, die ich gestern eine Stunde vor Start bekommen habe, zu reagieren – nämlich durch hektischen Aktionismus. Die vorher einigermaßen passende und funktionierende Präsentation habe ich versucht, irgendwie in eine sinnvolle Richtung zu biegen.

    Die bessere Reaktion wäre wahrscheinlich gewesen, die Präsentation einfach so zu halten, wie ich sie geplant hätte, um anschließend ein Gefühl von „Thema verfehlt, aber netter Vortrag“ beim Publikum zu erzeugen. Stattdessen habe ich mich für die Variante „Worst of both worlds“ entschieden.

    Ups, jetzt habe ich diesen langen Sermon geschrieben, der ja doch eher wie eine Entschuldigung als eine Erklärung daher kommt – egal, vielleicht hilft es jemandem, meinen gestrigen Auftritt nicht als Mißachtung betrachten, sondern als Fehlleistung meinerseits. Sorry dafür gegenüber Publikum, Veranstaltern und Mitvortragenden.

    Angemerkt sei noch: Hätte ich bei der Anfrage im Oktober gewusst, dass es um Liquid Democracy geht, hätte ich nicht zugesagt; ich habe davon (noch) zu wenig Ahnung, um zu einer Diskussion substanziell beitragen zu können.

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