Druck‘ mir ein grün-weiß-gestreiftes Handy

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Jeder hat einen Drucker neben dem PC, mit manchen kann man sogar kopieren und – ja, das gibt es tatsächlich noch – faxen. Das ist wenig revolutionär und zugegebenermaßen etwas platt. Aber damit ist jetzt Schluss. Mit einem 3D-Drucker kann man sich Dosen, Behälter und allerlei Krimskrams sowie echte Prototypen aus Kunststoff drucken. Firmen nutzen das, um Formen und Farben auszuprobieren und in Zukunft wird es immer mehr Ein-Mann-Produktionen geben, die mit diesen Druckern Kunst und Krempel in Kleinserie produzieren
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Die großen teuren Maschinen können mit Laserstrahlen aus Rohlingen ganze Werkstücke ausschneiden, manche verdichten aus Pulver ihre Endprodukte. Aber die gebräuchlichste Art ist es, Schicht für Schicht anhand einer 3D-Datei aus einem CAD-Programm das gewünschte Teil zu spritzen. Manche Geräte können sogar mehrere Erstellungsarten und Werkstoffe verbinden – sogar Farben sind kein Problem, wenn der Geldbeutel dies hergibt. Aber circa 2000 € bis zu einer Million sind nötig, um so ein Gerät zu erstehen. Wer sich die lustigen Pokens ansieht, dem wird schnell klar, wozu man solche Geräte verwenden kann. Man bietet einfach einen Online-Dienst an, wo die Kunden ihr eigenes Wunschdesign für so ein Gerät bestimmen könnten. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die Personalisierung der uns umgebenden Produkte bald sehr viel weiter geht als das, was wir bisher bei den teuren Spezialversionen der Sneaker erlebt hatten. Es wird Künstler geben, die so etwas nutzen, um Kleinserien ihrer Skulpturen über das Netz verkaufen. Und eine Armada an Ein-Mann-Produktionen wird uns mit schnuckeligen, süßen, hilfreichen oder einfach individuellen Teilen überhäufen – vorausgesetzt, man befasst sich mit 3D-Software und erlernt die nötigen Konstruktionsgrundlagen.
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Angefangen hat das alles 1986 bei der Firma 3D Systems in South Carolina, USA, mit dem Stereolithographen. Mit Gießharz und einem ultravioletten Laser wurden die Werkstücke Schicht für Schicht geformt und alles was überstand, wurde in einem chemischen Bad entfernt. Aus dieser Zeit stammt auch das Verfahren, aus Keramikstaub mithilfe von Laserstrahlen die Teile unter großer Hitze regelrecht zusammen zu backen. Die Z Corporation nutzt eine erweiterte Form des Tintenstrahldrucks und spritzt einfach schichtweise flüssigen Kleber auf ein Pulverbett, was natürlich auch die verschiedensten Farben erlaubt. Dann wird die verklebte Schicht abgesenkt und der „Druckkopf“ verklebt die nächste Schicht des Puders mit dem Flüssigkleber. Mit der Art des Pulver bestimmt man, ob es später ein hartes oder flexibles, gummiartiges Stück werden soll. Die Firma Objet hat diese Verfahren noch weiter verfeinert und kann Lufteinschlüsse und unterschiedliche Polymere gleichzeitig einbinden. Es gibt auch ein Verfahren, das aus harten Rohlingen wie Metall, Glass oder eben Kunststoff die einzelnen Produkte ausfräst. Das ginge dann eben auch mit Schokolade.
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Open Source ist auch dabei
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Wer will, der kann sich so ein Gerät auch selber bauen. Unter fab@home gibt es ein Bastlerprojekt, das sehr ansehnliche Ergebnisse hervorgebracht hat und mit unter 500 € und viel Geduld und Spucke auch die Do-It-Yourself-Freunde anspricht. Die Idee dahinter geht aber viel weiter als einfach nur zu basteln. Es geht den Projektgründern darum, eine demokratische Form der Fabrikation zu ermöglichen, sodass sich viele Menschen eigene Produkte und eigene Designs ausdenken. Denn auf diese Weise könnte man sich ein ganz eigenes Gehäuse für sein Handy, für seinen MP3-Player oder eben sein Poken ausdenken bzw. eigene Kreationen unter die Leute bringen.
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Rapid Prototyping
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Dahinter steht eine Entwicklung, die in der Ingenieurswelt als Rapid Prototyping bezeichnet wird. Musterbauteile können so direkt beim Entwickler ausgedruckt und getestet werden. Das kann ein Gehäuse eines Beamers sein, der Griff eines Schraubenziehers oder eben der Schaltknauf eines Autos. Da man genau dieses Verfahren aus den Achtzigern mittlerweile zu vertretbaren Kosten mit eben diesen 3D-Druckern überall betreiben kann, werden damit bereits Werkzeuge (Rapid Tooling) oder eben Produkte in Kleinserie (Rapid Manufacturing) erstellt.
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Wer sich die Entwicklungen rund um die Distribution von Musik und Nachrichten im Web angesehen hat, wird erkennen, dass der nächste Schritt der Demokratisierung von Wirtschaftsprozessen von den sogenannten immateriellen Produkten (Texte und Musik) auf die materiellen Dinge weist. Wer also heutzutage künstlerisch oder technologisch bewandert ist, kann jetzt eine ökonomische Nische besetzen, die noch ganz am Anfang steht: Die Produktion hochindividueller oder gar künstlerischer Dinge des Alltags oder von selbst gestalteten Gehäusen für Industriewaren.

Design von Individuen für Individuen.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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