Digitales Sein und Echtzeit

Kann die Kommunikation in Echtzeit unsere Vorstellungen von Information und Wissen wirklich sprengen? Der Philosoph Martin Heidegger würde auf unseren kulturellen Überlieferungen zurückschauen.

Subjekte – also die Träger von Bewusstsein – sind gerichtet auf Gegenstände wie Kaffeetassen, Freudenhäuser oder sündhaft teure Schuhe von Manolo Blahnik. Bewusstsein wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden als Ort der eigenen Absichten eines Menschen. Diese intentionale Bestimmung ist geschuldet der Distanz zwischen Subjekt und Objekt. Hier der Wunsch und dort das Chalet in der Schweiz oder der Porsche. Seit Descartes war dieses Verhältnis hauptsächlich ein Problem zwischen Ich und der räumlichen Umwelt. Erst im letzten Jahrhundert begann ein Deutscher die Zeit und ihre Auswirkungen grundlegend in den Blick zu nehmen…

Denn erst der Philosoph Martin Heidegger hat den Zusammenhang dieser Erkenntnislehre um persönliche Absichten zur Lebensweise begründet. Er erweitert unsere Begrifflichkeit für die Dinge um eine historische Perspektive. Das Besondere daran ist sein Fokus auf den aktuellen, einzigartigen Moment. Das Absolute, das für Heidegger in Gott bestand, ist nur für das Individuum im Gegenwärtigen erkennbar. Wer die vielgestaltige und indifferente Gegenwart zum Untersuchungsgegenstand machen will, der muss sich gewahr sein, das sie geprägt ist durch eine Überlieferung. Denn alles das, was sich jetzt mitteilt, tut dies in Gestalt erlernter, traditioneller Mitteilungsformen. Heideggers Form der Dekonstruktion kritisiert damit weniger die Tradition als viel mehr die Rolle, die Überlieferungen gegenwärtig für jeden Einzelnen spielen. Dieser Fokus auf das Wie muss nun bei der Betrachtung des Internet zuallererst kritisiert werden.

Denn wir betrachten auch im digitalen Zeitalter noch immer alle Ansammlungen von Buch- und digitalen Staben als ein mehr oder weniger kompaktes Abbild einer Wissenssammlung, die wir als Bibliothek oder Enzyklopädie im Alltag kennen und nutzen.

Nur am Beginn dieser Tradition der Wissenssammlungen ist eine kritische Betrachtung möglich. Nur so wird der Maßstab sichtbar, der uns die Ängste, Probleme und Bewertungen zum Komplex Internet einflüstert: Laufende Meter an Regalen, die zu ganzen Rechenzentren mutierten.

Am Anfang war: der Himmel

Die Schrift entstand historisch aus dem Motiv, die sprachliche Übermittlung von Inhalten von der Person des wandernden Erzählers zu lösen. Denn viele erzählte Mythen und Geschichten enthielten sowohl kulturelle als auch persönliche Anteile der Erzählperson die der Übermittlung eines Aussagekerns nicht dienlich erschienen.

Die Anfänge der Schrift gehen weit zurück. Bestimmte Schnitzereien auf Knochen oder Holz dokumentierten die Beobachtung der Gestirne über lange Zeiträume, sodass beobachtbare Phänomene in abstrakte Symbole überführt wurden. Einige aufmerksame Beobachter lernten so den Stand der Gestirne zu bestimmten Zeiten vorherzusagen, in dem sie Gesetzmäßigkeiten in ihren Aufzeichnungen erkannten. Damit begann auch die Geschichte der Mustererkennung ihre ruhmreiche Entwicklung. Später im antiken Ägypten konnten die Pharaonen mit diesem Verfahren ihre Gottesnähe dokumentieren. Da sie offenbar mit den Gestirnen “kommunizierten“, konnten sie die Vorhersagen über die Nilfluten anhand der Mondstellung dem gemeinen Volk als göttliche Botschaften glaubhaft machen. Die Naturgesetze waren Treibstoff des Pharaonenkults geworden. Die Ägypter konnten weder vor den Fluten noch den Vorhersagen der Himmelsbeobachter (Priester) weglaufen.

Genauso entkommen wir auch nicht der besonderen Situation, in die wir geworfen sind. Unser jeweils besonderes Leben, das wir als das unsere wählen, bei Heidegger heißt es dann Dasein, ist Schicksal und Aufgabe zugleich – wir halten Stand in der jeweiligen Situation, in der wir sind. Wer angesichts der Millionen von Informationen, die auf uns einprasseln, vergisst, dass sie alle “die Gestirne vorhersagen wollen“, der gibt seine Macht über die Staben dieser Welt an der Garderobe des eigenen Lebens ab. Man verfällt dann den Symbolen und Chiffren, die andere wie einen Mantel über uns werfen oder wie die sprichwörtlichen Schuhe, die man sich eben (nicht) anzieht.
Wenn wir das Phänomen der Information und der Wissenssammlungen in digitalen Kanälen betrachten, dann finden wir zunächst die alte Form des Papiers, dass nachgebildet wird als Dokument oder Tabelle. Im digitalen Feld wird es getrennt in Daten, also semantisch codierten Text in natürlichen Sprachen, die wir schreiben und lesen können und Maschinencode, der das Layout und zusätzliche Operationen mit diesen Textschnipseln ermöglicht. Uns gegenüber zeigt sich etwas ganz Anderes als einem Kalkulationsapparat wie dem Prozessor des Computers.

Sinn-Produktion

Das Neue am Internet und in der Folge dem WWW ist daher, dass die Staben für uns eine Existenzform der Sammlung von Wissensbeständen darstellen und für die Maschinen, die unser Kalkulationsvermögen simulieren, sind die enthaltenen Texte Halbfabrikate. Sinn und Grund all der Informationen, die wir gern als Wissenselemente speichern, liegen in dieser zweifachen Existenzform vor. Die zweite, verschleierte Form des Vorprodukts zeigt auf den Warencharakter der Texte, den Verlage, Buchautoren, Lehrer und Werbenetzwerke in klingende Münze und damit in den Broterwerb umsetzen. Der eigentliche und menschliche Sinn und Grund der Sprache liegt jedoch in der Herrschaft über das Beobachtbare zum Zweck der Beherrschung der Welt. Die Königsdisziplin der Vorhersage treffen wir in jedem naturwissenschaftlich-positiven Experiment an. Denn nur, wer Vorhersagen über seinen Untersuchungsgegenstand machen kann – die dann auch eintreffen – der hat Macht bewiesen über das verborgene Wesen der Welt. Er hat hinter die Himmelsscheibe geguckt und die Mechanik der Gestirne entschlüsselt. Hier treffen sich die praktische Klugheit (phrónesis) und die Weisheit (sophía). Denn nur das täglich Handeln im Schnitzen der Beobachtungen in den Mondkalender der frühen Kulturen kann dann die Weisheit erweisen, die im Erkennen der Gesetzmäßigkeit liegt.

Im Internet können sich die Menschen gegenseitig ihrer Sicht auf die Welt bestätigen oder widerlegen. Das Verunsichern oder Bestätigen der Sicht auf die Welt kann zu einer Manie werden. Der Blick auf die Gegenwärtigkeit ist Zentrum des digitalen Kanals. Nur im weltweiten Netz begegnet man sich quasi synchron und symmetrisch. Es gibt keine Torwächter, die bestimmten Staben den Eintritt verwehren. Das hat Folgen für unser Verständnis der Schrift.

Denn traditionell war Schrift ein Mittel, um persönliche und kulturelle Eigenarten der Erzähler zu objektivieren. Jetzt ist Schrift jedoch ein Mittel des Gegenwärtigen. Die alte Tradition der Sammlung wertvoller Gedanken und Lehrmeinungen in Inkunabeln (mittelalterliche Handschriften) ist in zwei Richtungen überholt: Texte sind persönliche Wissensbekundungen als Annahme oder Meinung und im Speicher der Computer sind sie Vorprodukte von immateriellen Gütern. Damit hat sich sowohl der Markt als auch das Individuum der Schrift bemächtigt.

Die Echtzeitphänomene sind seither nur die eine Seite der Medaille, denn aus jedem ad-hoc geäußerten Wortbeitrag im Netz kann im Handumdrehen ein wichtiger Artikel entstehen, der Firmen, Staaten oder Persönlichkeiten in Erklärungsnot bringt, Aktienpakte wertlos macht oder gar Kriege auslöst. Und hier löst sich Heidegger von Aristoteles und das Netz von unseren tradierten Überlieferungen. Denn Sein ist nicht im Fertigen und final Geformten sondern eben genau davor, in der Bewegung, im Entstehen, sozusagen in statue nascendi. Heidegger ging es genau nicht um das tote Wesen eines Dings an sich sondern um das lebende Wesen in seinem historischen Werden. Genau das erleben wir im Netz: Es ist kein information overload, denn man in Gänze begreifen könnte. Das Internet ist die Möglichkeit, dem humanen Gras beim Wachsen zuzuhören.

Das Internet lässt sich folglich nicht absperren und es unterhält auch keine genuine Schnittstelle zum Bewusstsein. Es ist eine Frage des Einzelnen an sich selbst und alle Mitleser, ob das was man formuliert, auch ein Teil des (All)Gemeinen sein kann. Dabei ist das Gemeine, das, was uns alle verbindet.

Wir alle teilen bisher nur – schamhaft verhüllt – die Eigenschaft, das andere Geschlecht zu beabsichtigen. Der Gottesersatz namens Individuum legt daher das Feigenblatt über diese gemeinsame Eigenschaft. Jetzt lernen wir eine neue Gemeinsamkeit kennen: Jeder Mensch erlebt jeweils eine eigene Sicht auf die Welt. Und im Netz merkt man gerade im Banalen wie ähnlich die vielen Welten der vielen Individuen sind. Wir begegnen uns selbst im Leben der Anderen. Diese gemeine Erkenntnis möchten viele schnell hinter einem Pseudonym verstecken. Aber diese moderne Form des Feigenblatts ist eigentlich überflüssig.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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