Digitale Wirkungslosigkeit?

Nico Lumma ist Director Social Media bei der Werbeagentur Scholz & Friends. Er hatte damals die Sache mit vodafone geplant (die Social Media Pressekonferenz und die Werbewelle mit Sascha L. im Bus) bei der die eine oder andere Bloggerin vor die Hunde ging. Nun ist offenbar Gras über die Sache gewachsen und er versucht seine Erfolge mit beratungsresistenten Kunden zu erklären. In seinem Artikel Auch in 2011: Digitale Hilflosigkeit erklärt er uns, dass das Web eine disruptive Entwicklung in der zivilisierten Welt ausgelöst hat und das kein Stein mehr auf dem anderen bleibe. Er repetiert öfter das Wort neu.
Wer dabei an den OPEL-Begriff frisches Denken erinnert wird, liegt gar nicht so falsch. Alles muss neu, alles muss anders. Er erkennt, dass operative Hektik nur Symbolpolitik ist. In vielen Firmen werden Webprojekte mit voller Absicht mit lächerlicher konzeptionelle und finanzieller Ausstattung an die Wand gefahren, damit die alten Gleise nicht durch neue Züge und andere Schaffner verdrängt werden. Wer mal einen Verlag in Sachen Web beraten hat, weiß, was ich meine. Dort wird vornehmlich das Geld mit Anzeigen im Print verdient und auf Google geschimpft. Eigenen Projekte sind bestenfalls metoo-Geschäftsmodelle oder Feigenblätter nach dem Motto „Papier hinter Glas“.

Aber das ist ja alles seit mindestens 3 Jahren ein alter Hut. Und dass nur Apple am iPhone- und iPad-Boom verdient, ist jetzt sogar dem heiligen Döpfner klar geworden. Spitzenmanager brauchen eben auch spitzenlange um Spitzenideen zu verstehen. Und durch Lummas rant wird klar, warum auch Agenturen wie Scholz & Friends im Web einige Millionen Euro ihrer Kunden in den Sand setzen…

Das Internet ist anders. Digital ist anders.

Ich dachte, dass ich diesen Satz nach dem Jahr 2001 nicht mehr lesen muss (das war das Schaltjahr der Internetblase). Aber es kommt noch deutlich einfallsloser:

Geht endlich neue Wege, bevor wir in Deutschland komplett den Anschluß verlieren und zum Entwicklungsland der Zukunft werden, nachfolgende Generationen werden es Euch danken.

Sollte der Begriff Director Social Media tatsächlich mit einer Leitungs- oder Führungsposition einher gehen, wünscht man den Scholz & Friends Kunden doch jemanden, der überzeugen kann. Vielleicht sind aber auch diese Kunden nur an den Feigenblättern interessiert und Lumma muss für den einen oder anderen Regionalfürst oder Abteilungsdirektor nur den Nachweis erbringen, dass Web Mist ist und erhält deswegen kaum Gestaltungsspielraum. Aber genauer Betrachtung, wäre die zweite Alternative eine besonders bemitleidenswerte Ursache für eine derartige Entgleisung wie den o.a. Jammertext.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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8 comments

  1. Wow, da kann aber jemand den Lumma nicht leiden.

    Was ist an seinem Artikel denn falsch? Es mögen keine neuen Einsichten sein, das ist korrekt. Das Schlimme ist aber, daß wir diese alten Einsichten noch immer als Neuigkeiten predigen müssen. Deshalb ist der Text schön als Verweis. Man kann ihn einem Kunden schicken – oder besser: ausdrucken.

    Mir geht es im Bereich Webdesign ähnlich wie Lumma. Mit den Webkrauts predige ich seit über fünf Jahren immer die gleichen Erkenntnisse. Und trotzdem denken die meisten Kunden, die Webseiten müßten in richtigen Browsern und im IE immer gleich aussehen. Obwohl der IE einfach nichts kann, auch in der aktuellen Version.

    Ich erzähle vielen Entwicklern jahrealte Erkenntnisse und sie schauen mich mit großen Augen an, weil sie das alles noch nicht wußten.

    Zurück zu Lumma: sein Rant enthält nix Neues. Richtig. Aber wenn wir uns alle Debatten um das böse Internet so anschauen, stellen wir fest, daß noch immer weder die politische noch die publizistische Elite begriffen hat, was das Internet ist und wie man damit umgeht. Weil sie selber damit nicht umgehen.

    Und wenn diese Erkenntnis auch in einer dieser vom Aussterben bedrohten klassischen Agenturen Kreise zieht, dann ist das schonmal gut.

    Doch leider haben wir nach über einem Jahrzehnt Internet noch immer eine große Ignoranz gegenüber diesem alles verändernden Medium.

    Und wenn sich der Blutdruck des Autoren beim Gedanken an Lumma wieder gesetzt hat, wüßte ich gerne, welche Alternative bzw. Sichtweise er anzubieten hat. Der obige Artikel besitzt leider keine Aussage ausser „Lumma ist doof“. Und das interessiert mich echt nicht. Kinderkram.

  2. Genau das ist die Aussage des Artikels: Lumma sagt, die Kunden sind doof und altmodisch. Und das ist wirklich weder interessant noch neu – genauso wie die Hinweise auf IE und Webkit oder Gekko. Also ist das Brandmarken dieser wenig innovativen Rants auch nicht so prickelnd. Und wenn ein Direktor bei Scholz & Friends oder bei Webkrauts Probleme mit den Kunden hat, dann ist das in einer Demokratie OK. Jeder darf Zweifel an seinem Job oder seinen Fähigkeiten haben. Aber einfach die Verantwortung an den Nächsten geben, ist etwas platt. Das ist in der Tat „Kinderkram“. Es ist möglich, dass der Durchbruch des Web bei den arrivierten Herren an genau dieser Unreife liegt.

  3. Die Verantwortung liegt beim „Nächsten“. Wenn Kunden und Politiker und Journalisten noch nicht die Funktionsweisen und Eigenheiten des Netzes begriffen haben, obwohl sie schon so oft darüber aufgeklärt wurden, dann ist das schlecht. Dann ist das schwach. Dann kann man vermuten, daß da eher Unwillen, als Dummheit vorliegt. Darüber kann und muss man sich immer wieder aufregen. Warum man dann allerdings Lumma verprügeln muss, anstatt einfach die einem selbst bekannte Erkenntnis einfach zu ignorieren, wird mir nicht klar. Ausser aus Animosität. Das ist okay, muss aber nicht publiziert werden.

  4. Mal ganz unabhängig vom Inhalt des Textes: Redaktionsleitung? Wirklich? Vodafone schreibt man groß, „eigene Projekte“ statt „eigenen Projekte“, Anschluss statt Anschluß, einhergehen zusammen und im Apple-Satz fehlt ein Komma. Da üben wir noch ein bisschen, oder?

  5. Anders als Eure Kunden haben Du und Lumma die Funktionsweisen des Netzes begriffen. Leider kommt Euer Wissen bei den Kunden und Entwicklern nicht an, weil diese verbohrt sind. Hier könnte der gemeine Berater sich neuen Kunden zuwenden.
    P.S. Ich kenne Lumma nicht, daher sind unterstellte persönliche Animositäten zwar kreativ gedacht aber haltlos.

  6. die Aussage meines Artikels ist nicht ansatzweise „die Kunden sind doof und altmodisch“.

    Die Aussage meines Artikels ist, daß immer noch zu viele Entscheider in Politik und Wirtschaft die Besitzstandswahrung in den Vordergrund ihrer Bemühung stellen und damit die Zukunft von Deutschland verbaut wird.

    Meine Kunden sind nämlich super. :)

  7. @nico

    Ich habe den Eindruck, dass „Besitzstandswahrung“ als antipatriotisches Moment zu deklarieren ein Bloßstellen der Kunden und ihrer Mitarbeiter bzw. des Bewerters ist. Ob mit oder ohne Absicht. Ich kenne das Problem der Regionalfürsten und Abteilungskönige aus eigener Beratertätigkeit. Jeder Berater wird sie kennen. Aber ob Transformation oder neudeutsch change management mit einem rant einfacher wird, wage ich zu bezweifeln.

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