Die 4. Woche im Web

WochenrückblickKaum ist SOPA/PIPA auf Eis gelegt, um später, wenn alle etwas Anderes fokussieren, wieder aus dem Hut gezaubert zu werden, da kommt die nächste Hiobsbotschaft aus den Staaten: Google zentralisiert alle seine Nutzerdaten. Zumindest hatte man bis dato den Anschein, als wären die Informationen über die Nutzer noch nicht zusammen geführt. Künftig wird jeder Dienst aus Mountain View an das Google Konto fest verdrahtet. Wer glaubt, dass es vorher keine aggregierten Übersichten gab, der wird sich wundern. Denn mithilfe von Cookies und anderen lustigen Trackingvarianten waren und sind die Webservices schon lange in der Lage, Daten zusammenzuführen. Aber im Zeitalter der Personalisierung aller Dienste wird es nun neben den Datenclustern in denen wir als Werbeziele unser digitales Leben verbringen, auch ein nicht-anonymisiertes Leben geben. Der Avatar kriegt Beine, mit denen er aber nicht laufen kann…

Denn wer nun an die EU als Rettungsanker denkt, der anders als die piespigen Stimmen Datenschützer, den multinationalen Konzernen Einhalt gebietet, der denke an ACTA, die europäische Version von SOPA/PIPA. Und seit Mittwoch muss man nun auch die Hoffnung begraben, dass die europäische Datenschutzverordnung wirklich sinnvolle Pflöcke in den Boden des digitalen Sumpfes rammt. Viviane Reding hatt sich offenbar der einen oder anderen Lobby gebeugt. Es ist ja kein Geheimnis, dass die vierte Macht im Staat, die Lobby, ausgerechnet in Brüssel einen extremen Einfluß auf die Politik hat. Und so ist der im Vorfeld geleakte Entwurf der Verordnung im Sinne einiger Firmen stromlinienförmiger geworden.

In der Ende letzten Jahres „zufällig“ öffentlich gewordenen Version hieß es in Sachen Informationshoheit der Bürger über Inhalte aus Sozailen Netzwerken noch, die Unternehmen müssten auf Wunsch der Nutzer sicherstellen, dass alle (sic!) Links auf die zu löschenden Inhalte entfernt werden und auch jede Kopie in jedem öffentlich zugänglichen Kommunikationsdienst. Im offiziellen Entwurf steht nun nur noch, ein Unternehmen sollte „alle vernünftigen Maßnahmen ergreifen“, um Dritte, die diese Daten verarbeiten, von der Löschabsicht des Nutzer zu informieren. War der erste Entwurf kaum praktikabel in seinem Umfang, merkte man dem zweiten Entwurf eine extreme Dienstbarkeit gegenüber den Anbietern an – aus nassforschen Forderungen wurden Hinweise zur freundlichen Beachtung . Das Recht auf Vergessen alias der Internet-Radiergummi wäre eine nette Sache, aber jeder halbwegs begabte PC-Frickler könnte den Politikern erklären, das im Zeitalter des Web solche einfachen Lösungen einfach nicht durchführbar sind. Die drastischen Bußgelder können kaum verhängt werden, weil Firmen ja nun einfach vernünftige Maßnahmen der Informationspflicht Dritter nachweisen müssen. Eine E-Mail genügt also.

Und dann war da noch die Sache mit Kim Schmitz und seinen Diensten Megaupload und Megavideo. Letzteres war ja eindeutig eine öffentliche Plattform, die zum Verstoß gegen die Verwerter und Verleiher von Filmrechten einlud. Man kann sicher geteilter Meinung sein über den wahren Schaden, der angerichtet wurde. Aber der Hinweis, dass in einem derart niedrigschwelligen Angebot auch ein große Chance der großen Studios und Musikverlage liegen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Zumal Apple sie aktuell alle am Nasenring durch die Manege führt mit iTunes. Dass die CDU die Causa Megaupload zum Anlass nimmt, um ihr Bedauern darüber Ausdruck zu verleihen, dass noch nicht über SOPA und PIPA abgestimmt wurde, erklärt einiges und lässt tief blicken. Das übliche sicherheitspolitische Gefasel der CDU greift an dieser Stelle nämlich nicht. SOPA und PIPA sowie die europäische Schwester ACTA kann die Union gar nicht aussschlachten für ihr ewiges Monothema bei den Wahlen der letzten 30 Jahre: Sicherheit. Die beiden CDU-Politiker Krings und Heveling als Autoren der CDU-Stellungnahme sind der Meinung, dass es bei den amerikanischen Gesetzen um den Schutz der Kreativen geht. Wahrscheinlich haben sie den 1998 in Kraft getretenen Digital Millenium Act nie gelesen. Denn SOPA und PIPA bringen den Kreativen zusätzlich zum DMA keinen erkennbaren Vorteil…

Und dann war da noch McDonalds mit seinen #McDStories. Auf Twitter sollte eine Art StoryTelling mit diesem Hashtag gebrandet werden. Die ganze Sache wurde von Hunderten unzufriedenen Kunden gekapert. Statt lustiger und schöner Geschichten rund um die Produkte und Rohstoffe der Fastfoodkette, kam es zu einem Dislike-Storm. Kampagnen auf der Basis von Social Media sollten Bewegungen und Trends aufgreifen und nicht versuchen welche zu setzen. Es sei denn man kann das auch und kümmert sich um Dinge und Events, die die Konsumenten lieben – und das sind in nur in seltenen Fällen die Produkte…

Auf der DLD Konferenz von Burda gaben sich Firmenlenker, Startup-Gründer und staatstreue Internetberater die Klinke in die Hand. Leider wurde die Perspektive der Nutzer zumeist außer acht gelassen. Sie nähert sich immer mehr einer Hausmesse an. Das ist schade. Es hätte eine veritable TED-Konkurrentin werden müssen können. Doch dazu bräuchte man Redner und Themen, die neue Perspektiven aufzeigen…

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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