Anfeindung im Netz: Der Troll im Schafspelz

Wie gerne maulen Social-Web-Profis über die schlechte Kommunikationskultur auf Facebook. Bisweilen auch ziemlich scheinheilig.

Ich kommentiere und like eigentlich gar nichts mehr auf Facebook. Der Grund? Alles und jenes wird vom Otto-Normalo-Facebooker auf die Goldwaage gelegt und bedeutet nicht zuletzt Anfeindung. Dass eine adäquate Kommentarkultur auf Facebook beinahe so selten zu finden ist, wie ein Nugget in der Alster, weiß eigentlich jeder. Und doch: man versucht es gelegentlich mal. Beispielsweise auf der Pinnwand von Personen, auf der man nicht so viele Trash-Kommentare vermutet. Oder in Threats auf denen man mit vermeintlichen Professionals diskutiert.

Was aber wenn selbst die Professionals nicht mehr vom Troll zu unterscheiden sind? Dann bin ich geschockt und kann nicht anders, als mal Klartext zu schreiben. Gestern habe ich auf der Pinnwand eines Facebook-Freundes, ein gepostetes Video kommentiert. Es ging um einen Beitrag aus der TV-Sendung „Zirkus Halligalli“. In dem der betrunkene Olli Schulzkowski die Berlinale gecrashed hat, um Teilnehmer mehr oder weniger zu belästigen. Klar. Passt ins Format. Ist wahrscheinlich auch lustig für die Zielgruppe. Und ich will den Humor auch gar nicht bewerten: es geht ja immerhin um „Halligalli“.

 

Was mir nur auffiel, die gleiche Geschichte wurde auch schon vorheriges Jahr vom gleichen Schulzkowski unter der NeoParadies-Flagge abgedreht. Daraufhin erlaubte ich mir die Followerschaft darauf hinzuweisen, das letztjährige Video zu posten und die meines Erachtens auffällige Kopie als „einfallslos“ zu kommentieren. GROBER PATZER!

Es dauerte nicht lange, bis ich mit sarkastischer Wortwahl und einer kleinen aber feinen Anfeindung konfrontiert wurde. Die Instanz Olli Schulz im Social Web zu kritisieren fand ein Fan gar nicht witzig. Wie konnte ich das nur wagen:

Meinen Kommentar fand ich nicht fehl am Platz, geschweige denn dumm. Weil die Grundaussage, dass dieser Beitrag quasi eine Eins-zu-Eins-Kopie ist und man in Folge dessen sicherlich nicht von individueller Kreativität schwärmen kann, ganz richtig war. Nicht einmal bei der Art der Veranstaltung selbst, suchte man sich ein neues Alleinstellungsmerkmal. Insofern versuchte ich mich kurz zu erklären, um dann lieber das Weite zu suchen (Bearbeitet = fand einen irreführenden Rechtschreibfehler darin):

Eine kleine Warnung bekam ich aber noch hinterher geschoben:

Umpff.

Der Troll im Schafspelz…

Nun könnte man sagen. Lass gut sein. Ist halt so. Im wahren Leben unterhältst du dich ja auch nicht mit streitlustigen Menschen und gehst deines Weges. Außerdem gibt es sicherlich heftigere Wortgefechte in den Facebook-Kommentarzeilen. Das ist ganz richtig. Aber es kommt auch immer darauf an, wer der streitlustige Gesprächspartner ist. Einem aufgebrachten 20-jährigen würdige ich keines Blickes. Einem Kollegen, den ich eigentlich für intelligent halte, aber schon.

Es interessierte mich dann also mit wem ich hier schrieb und schaute mir das Profil des Gegenübers genauer an. Das klappt auf Facebook ja wunderbar. Meine große Überraschung: Ich sprach mit einem Social-Media-Manager. Sogar einem der hinter sich mehrere Tausend Follower scharrt und für ein global-agierendes Unternehmen „social‘d“. Wer genau das war, möchte ich aber nicht thematisieren. Zum einen kann solch ein Posting der Karriere eines Social-Media-Managers durchaus schaden (und davon habe ich nichts). Zum anderen geht es auch gar nicht darum hier ein Exempel zu statuieren, sondern vielmehr mal für ein wenig gesunden Menschenverstand zu sorgen.

Wenn Profis die Netiquette vergessen…

Meine Frage: Wie weit ist es denn mit der Netiquette auf Facebook, die die professionellen Digitalos sich so oft wünschen, wenn sich nicht mal die Jungs und Mädels daran halten, die extra dafür bezahlt werden moderierend und ausgeglichen zu kommunizieren? Warum soll sich denn Klein-Frederic gewählt ausdrücken im Social-Web-Kosmos, wenn es nicht mal die Lordsiegelbewahrer der Social-Web-Kommunikation hinbekommen sich diplomatisch zu behaupten? Ist denn jetzt schon der letzte Tropfen Contenance aus Facebook raus?

Jürgen Vielmeier schrieb einmal in seinem Opus „Dieser Hass“, der sich auf die Kommentarkultur der Leser/Autoren-Beziehung berief: „Viele Menschen, die man aufs Web loslässt, haben nie gelernt, sachlich zu diskutieren. Sie finden einen kleinen Fehler im Text oder eine Meinung, die sie stört, denken in dem Moment nicht daran, dass sich hinter dem Text kein gesichtsloses Unternehmen, sondern ein Mensch verbirgt und schreiben dann (entschärfte Fassung): Selten so einen haltlosen Quatsch gelesen.[…]“. Dass diese Erkenntnis im Umgang mit Lesern teilweise einfach auszuhalten sein muss, weiß jeder, der öffentlich schreibt. Muss man dies aber aushalten, wenn man mit vermeintlichen Kollegen anderer Häuser spricht bzw. schreibt? Wo ist denn da das Berufsethos geblieben?

Jeder hat sicherlich mal einen schlechten Tag. Auch ich kenne das und habe wahrscheinlich ebenfalls mal eins, zwei Worte auf Facebook an jemanden gerichtet, der sich danach angegriffen gefühlt hat. Aber es ist schon zweifelhaft, wenn Kommunikations-Profis mit Worten wie „dumm“ in Diskussionen treten. Kleiner Tipp: besser wäre, „zu kurz gedacht“.

Vor ein paar Tagen saß ich in einem Vortrag, der unter anderem die Vorteile von Google+ gegenüber Facebook beschrieb. Darin wurde mehr als einmal gesagt, dass die Kommentarkultur dort viel besser sei als beim blauen Riesen, weil die Dichte an Professionals gegenüber dem Mob (meine Wortwahl) viel höher ist. Dass der eine sich nicht unbedingt vom anderen unterscheidet, ist mir nicht zuletzt auch durch das obere Beispiel bewusst geworden. Ehrlich gesagt, habe ich ähnliche Fälle nun schon öfter bemerkt. Und doch: Bitte, bitte, bitte… macht, dass das nur Ausnahmen bleiben, ansonsten sehe ich trüben Zeiten entgegen in Sachen Online-Kommunikation. Nicht nur auf Facebook, sondern auch auf anderen Plattformen des Inter-Netz.


 


Andreas Weck

schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.


Artikel per E-Mail verschicken

4 comments

  1. Als Außenstehende kann ich nur sagen: da unterhalten sich zwei überempfindliche Onliner. Seine Antwort auf deine diskussionswürdige Bewertung ist zu krass, ja. Deine Antwort aber auch viel zu zickig. Da deesakliert der Andere widerrum klug mit Smiley. Schönes Beispiel für das sinnlose Aufschaukeln einer Diskussion.

  2. Ja da könntest du Recht haben. Ich habe auch echt lange überlegt, ob ich den Post überhaupt rausgebe. Der liegt nämlich schon seit gestern Nachmittag im Editor. Aber irgendwie ist mir das jetzt einmal zu oft aufgestoßen. Danke dennoch für dein Feedback.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.