Der Gralshüter-Kongress und warum er so wichtig ist

28. Chaos Communication CongressDerzeit läuft der 28. Chaos Communication Congress in Berlin. Der Hackerkongress, des Chaos Computer Clubs, der sich in gewohnter Tradition mit gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen rundum die Hackerszene auseinandersetzt. Das diesjährige Motto „Behind Enemy Lines“ klingt martialisch und ist ein Stück weit sicher auch so gemeint. Denn, die Anspielung ist, laut der Pressesprecherin Constanze Kurz, angelehnt an das Thema Cyberwar. Das Thema, welches wir vermehrt im Jahr 2011 gelesen, gehört und manch einer vielleicht sogar gespürt hat. Ebenso notwendig schien in diesem Jahr der Umgang mit Sicherheits- und Überwachungstechnik zu sein, nicht zuletzt auch durch die hitzige Debatte um den Staatstrojaner, der uns dieses Jahr begleitet hat. Gleich mehrere Redner haben sich mit thematischen Präsentationen in den Kongress eingebracht, wie z.B. Anne Roth mit Ihrem Vortrag: „Sachsen dreht frei: On-und Offlineüberwachung: Weil sie es können“ und Evgeny Morozov mit dem passenden Titel: „Marriage from Hell: On the Secret Love Affair Between Dictators and Western Technology Companies“.

Die Wichtigkeit dieses Kongresses und der Handlungsfähigkeit seiner Teilnehmer scheint inzwischen unbestritten. So hat auch der ZEIT-Redakteur Kai Biermann in seinem Artikel „Das neue Selbstbewusstsein der Hackerszene“, deutlich gemacht, dass es ohne sie eigentlich gar nicht mehr geht und dass sie wortwörtlich „wichtig für unsere Gesellschaft sind“. Das war allerdings nicht immer so. Schaut man sich die Berichterstattungen in den vergangenen Jahren an, so hat der Kongress richtig erst 2009 seinen Weg in die Qualitätsmedien gefunden, als der Kryptographie-Experte Karsten Nohl auf den mangelhaften Abhörschutz, des bis dahin standardisierten GSM-Telefonsystems, auf den Kongress hingewiesen hat. Geändert hat sich seitdem so einiges. Ganz klar. Denn der Fortschritt hat in den vergangenen Jahren einen immensen Schub in unserer Gesellschaft bekommen. So zitierte Biermann in seinem Artikel den kanadischen Autor Cory Doctrow mit den Worten: „Es gibt keine Flugzeuge, nur Computer, die fliegen. Es gibt keine Autos, es gibt nur rollende Computer. Es gibt keine Hörgeräte, keine Radios, keine Telefone mehr“. Wahre Worte, die inzwischen soweit jeder kapiert haben sollte. Selbst die, die sich nicht in den Tiefen der Codezeilen von Computerprogrammen bewegen.

Dass all diese alltäglichen Gegenstände und Objekte gehacked werden können, wurde auch in diesem Jahr oft genug unter Beweis gestellt. Viele dieser Hacks, wie zum Beispiel der Datendiebstahl von Sony dienten nur der Aufmerksamkeitsschaffung oder der Profilierungssucht einiger Hacker, doch gibt es auch Beispiele, die tieferen Beweggründen zugrunde liegen. Kreditkartenbetrug ist nur eines der Vergehen, mit dem Spezialisten oft hausieren gehen. Repressionen und der Handel mit Software, der autoritären Staaten zuspielt, ist ferner das Leib- und Herzthema des bereits oben erwähnten Sprechers Evgeny Morozov. Laut der Süddeutschen Zeitung vergleicht er Programme gerne mit Waffen und ist bekannt dafür, dass er das Potenzial des Internets für die Demokratie skeptisch sieht. Seine Keynote gibt einen Überblick über Firmen, die sich diesem Geschäft hingeben und Technologien, die heutzutage besonders im Nahen Osten und der ehemaligen Sowjetunion eingesetzt werden. Doch auch in Deutschland haben wir diese Probleme. Der Verdeutlichung des Einsatzes verschiedenster Schnüffelsoftware in Deutschland und die Aufdeckung dieser Skandale durch den Chaos Computer Club, ist einer der größten Erfolge, die der Verein zu verzeichnen hat. Die Offenlegung möglicher Sicherheitslücken in Programmen, aber auch die Aufdeckung von Skandalen durch den Missbrauch verschiedenster repressiver Programme ist eines der erklärten Hauptziele der Mitglieder des Chaos Computer Clubs, die einen wohlwollenden Ethos praktizieren.

Morgen ist der letzte Tag des Kongresses und der Erfolg gibt der Sache recht. Wir brauchen den Chaos Computer Club, den Ethos und den Kongress. Nie zuvor gab es einen so starken und mächtigen, verlängerten Arm der Demokratie in Deutschland. Während man damals mit Skepsis auf die Nerds und Geeks geschaut hat, gelten Sie heute als die Gralshüter der Internetbewegung. Chapeau!

Im Folgenden findet Ihr nun noch eine Liste einiger veröffentlichter Vorträge und Keynotes der bisherigen Sprecher des Chaos Communication Congresses, die Ihr auf keinen Fall verpassen solltet. Wenn euch ein weiterer Vortrag gefällt und ich diesen nicht aufgeführt habe, dann gebt mir bescheid. Alle konnte ich leider nicht sehen.

  • Anne Roth: Sachsen dreht frei: On- und Offline-Überwachung: Weil sie es können
  • Evgeny Morozov: Marriage from Hell: On the Secret Love Affair Between Dictators and Western Technology Companies
  • Andy Müller-Maguhn: BuggedPlanet: Surveillance Industry & Country’s Actings
  • Stefan Katzenbeisser: Can trains be hacked?: Die Technik der Eisenbahnsicherungsanlagen
  • Lisa Thalheim, Uta Wagenmann: Almighty DNA?: Was die Tatort-Wahrheitsmaschine mit Überwachung zu tun hat
  • Kai Denker: Does Hacktivism Matter?: How the Btx hack changed computer law-making in Germany
  • Alexander Müller, Montserrat Graupenschläger: Politik hacken – Kleine Anleitung zur Nutzung von Sicherheitslücken gesellschaftlicher und politischer Kommunikation
  • Cory Doctorow: The coming war on general computation – The copyright war was just the beginning
  • Falk Lüke, Markus Beckedahl: Echtes Netz
  • Roger Dingledine, Jacob Applebaum: How governments have tried to block Tor
  • Martin Haase: Die Koalition setzt sich aber aktiv und ernsthaft dafür ein
  • Andreas Weck

    schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.


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